Abschied von Vilém Flusser 1999

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Der alte Herr will nicht freudlos dahinscheiden,  er hütet seinen Optimismus wie eine  Kerze im Wind, und mehr ist es auch nicht. Er hat  nicht nur eine Heimat verloren und  entrückt sie konsequent in die Sphäre der Grammatik, wo sie sich  in den Plural setzen lässt. Er weiß sich auch gnadenlos umzingelt vom APPARAT und einem Heer von Funktionären. Wenn er den Kopf ganz nach oben dreht –  ich möchte hier nicht ‘Himmel‘ sagen –  fällt ihm vom dort die ‚objektive‘ Notwendigkeit ein, leuchtet sie ihm ein, den diversen Apparaturen  Werte vorzugeben, zu setzen. Ersieht sich in einer Position nahe den Eingabe-Öffnungen der Maschinen und träumt sich eine tolle Gemeinschaft mit anderen kompetenten Menschen, die mit ihm über die ausgemusterte  primitive Entscheidungsfreiheit hinausgekrochen sind und damit erhaben über dumme Zweifel und Schmerzen. Der neue Mensch! Der Übermensch?

Zu Lebzeiten ließ man ihn bloß dozieren und schreiben; ich zweifle, dass er die ertäumte Position überhaupt als Vilém Flusser hätte erreichen können. Er ist mit der Zeit gegangen, wie man sagt, den Weg der Empfindungslosigkeit, der Amnesie, die nicht nur sprachgeschichtlich  eng mit der Dummheit verwandt ist, die früher einmal Tumbheit, Taubheit hieß.

Die mechanisierte Entscheidung – sagt er ganz richtig – tut den Maschinen nicht weh – und  nicht den Werte setzenden Menschen. Denn unbeachtet bleiben die  schmerzlichsten Folgen : die ereignen sich weit entfernt am „Golf“, in Serbien und Kosovo, in Tschetschenien…. unter den  errechneten und durchgerechneten Bombenteppichen. Denn „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ (Volksmund). Welch eine Kälte in all diesen  strategisch durchkalkulierten Schachzügen! Und wo müssen wir das steuernde Wertezentrum  suchen?  In  Konferenzgebäuden,  Wahlkampfzentralen , Labors, Banken, Meinungsforschungs- und anderen Instituten, in Bunkern und Bordellen, und  über unendlich viele Terminals des APPARATS vernetzt.

Wie der legendäre Moses zeigt auch Flusser den Weg hinaus, man darf nur seine Gebote nicht befolgen und  nicht  an die Unvermeidlichkeit der Strafe glauben! Die Aufforderung zur Unzulänglichkeit hat er immerhin erwähnt, freilich als  Holzweg. Doch die Entscheidung darüber ist eine Frage der Wertsetzung! Dass er selbst Widerstand gegen den APPARAT  unter die verschiedenen Weisen zu funktionieren rechnet (S.29), ist seine Wertung!  Dass alle Individuen insofern scheitern, als kein Problem – als Widerstand – Schutz gegen den  persönlichen Tod bietet, hat er uns bereits zu Beginn des Essays* gesagt.

*Text: Jenseits der Maschinen in: Gesten – Versuch einer Phänomenologie, 1991, 1995 Fischer Wissenschaft 12241

 

 

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