Eine Maske der Leele (Lele, Bashilele) am Kasai Objektbetrachtungen
Den Beitrag vom 10. August 2026 habe ich durch einen weiteren ergänzt (LINK), der die Frage nach dem Kontext der Maske in dieser unübersichtlichen Umgebung stellt.
Erwerb am 11. April 2026:
Ich nahm die Maske ohne Zögern vom Markttisch. Und daran gab es lange nichts zu (be)schreiben, Sie auf einen kleinen Ständer zu setzen, mehr war nicht nötig. Die dürre Stammesbezeichnung (welche?) bot nur einen Ausgangspunkt. Und jetzt? Irgendwo im ‚Reich‘ der Kuba, egal wo beginnen, die Pende am Kasai eingeschlossen. Jedenfalls passen plötzlich Ausstrahlung und Lektüre zusammen : Francois Neyt: Arts Traditionels et Histoire au Zaire“ Université Catholique de Louvain 1981.
Neyt’s charmantes Buch fordert von mir eine Abbitte (Blog Petit LINK): Die beseelten Beschreibungen! Ästhetischer Sinn, ja Bewunderung ist nicht böse oder dumm. Der entspannte Kenntnisreichtum, die Vertrautheit Neyts mit dem Milieu, seine erzählende Sprache sind fern jeder sterilen Abstraktion. Gelegentlich die direkte Anrede der Leser! Neyts differenzierende Schilderung der Beziehungen verwandter Völker – Beispiele wie der Leele – wecken meine Aufmerksamkeit für Jan Vansinas Regionalkarte zwischen dem Sankurufluss im Norden und dem Kasai im Westen (Leele, Pende).
Zoé´ 24.4.26 :
„Dear Detlev, I love the mask that you’re wearing in the red coat. Quite handsome! It’s never ending the delights that you find in the flea market.“ Gutaussehend!
Beschreibung
„Kopf“ – eine kraftvolle kleine Vollplastik mit einer intakten Haube. Eine massive Zopffrisur aus Holz umrahmt das ausdrucksvolle fast schon kindliche Gesicht.
Neyt schrieb: Die Leele lieben Gesichter. Das fällt mir wieder ein. Und wie stark muss ich mich verlassen auf die kenntnisreiche Kommentierungen des erfahrenen Gelehrten?
Idealisierter Realismus in Reinform, aber Porträtähnlichkeit intendiert sein, nicht Karikatur, trotz der massiven Nase.
Der breite Bogen der Augenbrauen erinnert vor allem an Maskentypen der Pende an Kwilu und Kasai! Die breite Nase, ein Tubus ohne herausgearbeitete Nasenflügel, sitzt hoch im vollplastischen Gesicht und suggeriert die kindliche Rundung der Wangen- und Kinnpartie. Auch das geschürzte Mündchen und die eher kecke Stirn – über den tief sitzenden Bohnenaugen mit den wunderschön gebogenen langen Augenbrauen – sehen nicht ‚erwachsen‘ aus und erst recht nicht ernst oder Ehrfurcht gebietend.
Zustand und Eigenheiten meiner Maske
Die Maske ist solide (nur ein kleiner Riss), aber dünn geschnitzt, hat sogar ein Loch an der rechten und eins an der linken Schläfe, bei der Anpassung an die breiteren Wangenknochen des Tänzers vielleicht?
Bohrungen existieren in zwei Größen. Die Oberflächen sind geglättet, aber nicht poliert, Hiebspuren erkennbar, kleine Fehler und Arbeitsspuren wurden toleriert, die Aufmerksamkeit auf die Rundungen und Flächen gerichtet.
Außen wie innen zeigt sich: Die Maske wurde gebraucht und gepflegt, angefasst an den Zöpfen.
Farbfassung
Die durchgehende Färbung des Holzes ist dunkelbraun. Durch überstrichene dicke Abplatzungen mehrerer Schichten auf dem leicht glänzenden Gesicht wirkt es aus der Nähe fleckig, doch die Gesamtwirkung, Fernwirkung der Plastizität ist davon überhaupt nicht tangiert.
Ein leichter Harzgeruch im Inneren wird mit der Zeit schwächer (Okt.26)
Spuren von ROT und WEISS:
Rot im Inneren vor allem an der Stirn und in den Kanten, außen in den Rinnen der „Frisur“, auf den Wangen schwach und in den Rinnen an der linken Nasenwurze – aber hat dort die Bemalung gewechselt? – und an beiden Bohnenaugen unterschiedlich schwach auch Weiss!
Frisur und Kappe
Die Löcher sind für Federkiele? Verdeckt sind auffällig abgeschrägte Bohrungen nach hinten zu erkennen, von vorn zeigen sechs Bohrungen kleine Löcher, nur das mittlere siebte ist auch vorn abgeschrägt .
Das vordere hölzerne Feld der Frisur ist in der Mitte 10cm tief. Es ist mehr als einen Zentimeter breit umrandet. Daran schließen sich die spitz zulaufenden Enden der Zöpfe an, mittig akzentuiert von angedeuteten breiten Knoten. Auf dem hinteren Rand ist mit einem Raffia-Zopf die stabile textile Raffia-Kappe angebunden. Ebenso kleine Bohrungen setzen sich bis in die Zopfenden fort, finden sich auch entlang des Kinns, wohl um die Vorderseite des Maskenkleids (?) zu befestigen.
Die Kappe ist viermal mit zu Kreuzen verknüpften sehr großen Kauris geschmückt, diese sind stark verschmutzt durch die Lagerung. Die schädelnahe, aber lockere Kappenform wird hinten durch gut sichtbare Nähte aus Raffiakordeln erreicht, das auch die Ränder wie ein Kopftuch aussehen lässt.
Ich konsultiere „Hair in African Art and Culture“ (Roy Sieber & Herreman, Prestel 2000) wegen der dicken seitlichen Zöpfe. Aber Achtung: Es sind Beispiele quer durch einen ganzen Kontinent und um ephemere Mode und individuelle Schöpfungen.
Zöpfe – männlich oder weiblich? Oder beides?
Ich schwanke zwischen männlicher und weiblicher Rolle der Maske, zumal über die Funktion der Masken „wenig bekannt“ zu sein scheint.
Eine Webseite namens „101Last tribes.com“ nennt ihre Quellen nicht, aber macht auch einen wenig überraschenden Vorschlag: „Lele-Masken kamen bei Tänzen im Rahmen der Bestattungsriten von Häuptlingen sowei bei jährlichen Gründungs- oder Schöpfungszeremonien zum Einsatz. Obwohl die Kunst der Lele viele Elemente besonders von den Kuba und Dengese übernimmt, unterscheiden sich ihre Statuetten durch ihre spezifische Frisur und langen Zöpfen von allen anderen. Figuren auf Prestigeobjekten dargestellte Figuren tragen bisweilen eine Frisur mit zwei langen, den Rücken hinabfallenden Zöpfen.“ (übersetzt). Die kurzen aber kräftigen Zöpfe der Maske, die nur über die Schultern reichen würden, könnten sie vertreten, zumal sie geringere Anforderungen an das Geschick des Schnitzers stellen und die Festigkeit der Maske verbessern. Die großen Löcher auf dem Stirnreif bieten auch die Möglichkeit, Zöpfe anzuknüpfen.
Ein farbiges Aquarell in den 1910 publizierten „ethnographische Notizen über die gewöhnlich Bakuba genannten Völker wie auch über verwandte Völker“ von E.Torday gibt mir ebenso zu denken.
Das Bild wird im ganzen Text meines Wissens nicht erwähnt und ist lakonisch mit „Masolo, Jeune Bancongo“ untertitelt. Der Zeichner war „Norman H. Hardy“ (1864 – 1914, professioneller Zeichner und Weltreisender – LINK zum British Museum). Er begleitete E.Torday 1907-8 nach Zentralafrika.
Der porträtierte anmutige junge Mann trägt einen reich geschmückten Tanzrock und eine dekorative Fellmütze, deren vordere Zipfel das Gesicht umrahmen, während andere über den Rücken fallen. An der Stirn ist ein große Feder befestigt, wie sie auch in die Lele-Maske gesteckt worden sein könnte. Nehmen wir das von Mary Douglas beobachtete – im zweiten Blog (LINK) – traditionell geförderte Lotterleben junge Leute unter den Lele (Stichwort „Polyandrie“), dann passen die Indizien gut zusammen.
(Bildquelle: E.Torday et T.A.Joyce. M.A. :Notes Ethnographiques sur les peuples communement appelés Bakuba. Ainsi que les peuplades apparentées. Le Bushongo. Bruxelles 1910; Frobenius Bibliothek, Frankfurt/M: AF III 231-rara)
Heute nennt sich „Amasolo“ ein kongolesisches Popduo und bietet auf youtube als Track 5 „Lele“.
Suche nach Gemeinsamkeiten mit weiteren Leele-Masken
Die Leele sind auch bekannt für ihre Palmwein-Tassen, manchmal in der Form von Köpfen. An diesem Exemplar in Cornet: „A Survey of Zairien Art – the Bronson Collection“, North Carolina 1978, p.236 no.130 fallen mir verwandte Gesichtszüge auf.
Zuerst fallen mir die die plastisch geschnitzten ausdrucksvollen Bohnenaugen auf, eingebettet zwischen dem Bogen der Augenbrauen und dem zarten Wangenbein. Die Nase ist bei aller Eleganz groß zu nennen. Der Mund wirkt mit seinen schmalen Lippen lebendig. Die klare eiförmige Umrandung des Gesichts mit hohem Haaransatz und einem Kinn, das sich in die Harmonie fügt, vollendet eine erwachsene weibliche (?) Schönheit.
Maske der Leele in Neyt: Arts Traditionnels et Histoire au Zaîre 1981 Fig. VIII. 24 p.181: Masque leele de Shongambien, secteur de Mapangu, (im Norden am Ufer des Kasai) 28cm
Das sensible Gesicht trägt eine elegante rote regelmäßig mit Kauris verzierte Mütze. Die Bohnenaugen liegen im Hellen, sind aber so kunstfertig umrandet, wie ich es noch nicht gesehen habe. Diese Umgebung zieht den Blick durch ihre feine Gliederung auf sich. Wangen und Kinn enden in einem kragenartigen Rand, woran das Maskenkleid befestigt ist. Der Mimik ist sehr lebendig.
Der gesellschaftliche Kontext und die Entstehungszeit der Masken bleiben bei Neyt systematisch ausgeblendet. Die Kehrseite!
Google maps zeigt zufällig den schönen Kopf eines Pfarrers aus Mapangu am Ufer des Kasai, wo die Maske entstanden sein soll.











