{"id":995,"date":"2011-03-07T18:18:17","date_gmt":"2011-03-07T17:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=995"},"modified":"2013-12-04T01:10:34","modified_gmt":"2013-12-04T00:10:34","slug":"kleinbild-oder-eingetruebter-blick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=995","title":{"rendered":"Abisag T\u00fcllmann &#8211; Kleinbild oder eingetr\u00fcbter Blick ?"},"content":{"rendered":"<p>\u201eAbisag T\u00fcllmann : 1935 \u2013 1996\u201c auf dem Gabentisch. Mutig.<\/p>\n<p>Der Fotoband ist ein erster \u00dcberblick \u00fcber ihre f\u00fcnfhunderttausend Bilder, also ein winziger Ausschnitt. Er riecht \u00fcbrigens scheu\u00dflich nach L\u00f6sungsmitteln. Druckerschw\u00e4rze ist auch satt aufgetragen.\u00a0Das Buch kommt zur rechten Zeit. Ich kann endlich meine Negative und Dias digital erschlie\u00dfen und bin neugierig auf Entdeckungen. \u00a0\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Der erste Blick geht an der Fotografin vorbei und durch die Fotos hindurch,\u00a0landet, ohne dass das Bewusstsein steuern w\u00fcrde,\u00a0auf versch\u00fctteten Erinnerungspartikeln. Das Hirn saugt auf und verarbeitet, das Bewusstsein schaut zu.\u00a0Die ersten Kontakte geben mir also ein paar <i>flashs<\/i> &#8211; das <i>punctum<\/i> Roland Barthes\u2019. Ich h\u00e4tte Lust, mit Michael Erinnerungen \u00fcber unsere Stadt auszutauschen, eine h\u00e4ssliche Stadt in ver\u00f6deter Zeit, die meiner Pubert\u00e4t und Studentenzeit.<\/p>\n<p>Der zweite Eindruck wendet sich erst gegen die Fotografin, dann gegen die Bilder. Ich bin schockiert. Ist das die \u00e4sthetische Qualit\u00e4t der legend\u00e4ren Schwarzwei\u00dffotografie? Oder pr\u00e4ziser: \u00a0im Kleinbildformat?\u00a0 Unscharf die Konturen, abgesoffen die Schw\u00e4rzen &#8211; Da sage noch einer etwas gegen die technischen Schw\u00e4chen der digitalen! Dazu Verwacklung, mangelnde Fokussierung und eine allgegenw\u00e4rtige Unterbelichtung.\u00a0Was ich mir j\u00fcngst beim Umkopieren eigener Negative eingestehen musste, stellt sich in solchen Fotob\u00e4nden als endemischer Mangel dar, als \u00e4sthetische Verelendung. Ist das etwa tr\u00f6stlich?<\/p>\n<p>Darf ich alte und neue Fotos nicht mit demselben Blick betrachten? Manches ist<i>\u00a0<\/i>auf keinen Fall mehr hinnehmbar in einem modernen Bildband, etwa weil Cohn-Bendit\u00a0zu sehen ist. Joschka Fischer als lustvoller Chaot 1971 (?) macht vielleicht eine Ausnahme, die dann ja nach drei Jahrzehnten auch Skandal erregt hat.\u00a0Liegt hierin der Grund f\u00fcr das allgemeine Desinteresse an antiquarischen Fotob\u00fcchern, das ich beobachte, und zwar in\u00a0 einer Situation, wo Menschen ungest\u00f6rt, unbeeinflusst st\u00f6bern?<\/p>\n<p>Ich notiere: \u201aErtragen wir noch die Spuren der Authentizit\u00e4t, des Schnappschusses? Alles ist so viel komplizierter geworden, auch die Wahrnehmung.\u2019 \u2013 Das zweite mag zutreffen: Der Blick ist an Millionen Fotos geschult und reagiert mit einer Sensibilit\u00e4t, die sich nicht nach Anlass und Konventionen &#8211; piet\u00e4tvoll oder historisierend &#8211; an- und abschalten lie\u00dfe, und die vor kanonisierten <i>Ikonen<\/i> die Augen schlie\u00dfen w\u00fcrde. Das unbestechliche Auge kann f\u00fcr den Moment schweigen, aber vergisst das Gesehene nicht. Ich vermute: das ist eine Minderheitenposition.<\/p>\n<p>Jetzt sto\u00dfe ich mich an dem Ausdruck \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c, zu dem mich die automatische Abgleichung der Fotos in meinem Bildged\u00e4chtnis mit erinnerten Stimmungen verleitet hat.\u00a0Ja, so h\u00e4sslich habe ich diese Stadt empfunden. Sie tr\u00e4gt ja auch auf Dauer zahlreiche Spuren dieser H\u00e4sslichkeit. Ich sage nur: Berliner Stra\u00dfe, Konstablerwache, ja, auch der R\u00f6mer. \u00a0Abisag T\u00fcllmann registrierte korrekt. Den Texthinweis auf ihren \u201eRespekt\u201c vor Menschen verstehe ich auch als dokumentarische Distanz \u2013 Kinder\u00a0ausgenommen.<\/p>\n<p>Der Begleittext (S.13: \u201eHandschrift\u201c) zeigt mir zweierlei: Im einsamen verbissenen Werkeln in der Dunkelkammer machte Abisag T\u00fcllmann mit den Jahren aus der Not eine Tugend, einen pers\u00f6nlichen Stil. Von \u201aakrobatischem Abwedeln\u2019 kann ich dabei nichts feststellen. Das also ist das \u00e4sthetische Wollen dieser sehr ernsten Frau, die in Kindheit und Jugend schlimme Jahre erlebte. Und dieses Wollen verband sich mit ihrem politischen Engagement. Sie w\u00e4hlte das \u201eUnbehaustsein\u201c (Mitscherlich) der boomenden Nachkriegsmetropole Frankfurt, die weder durch gewachsene Stadtkultur, noch eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Umgebung oder mediterranes Licht gesegnet ist. Fast alle aus Frankfurt gezeigten Fotos sind bei bedecktem Himmel entstanden. Die Protagonisten ihrer Bilder jener Jahre wussten sich nicht zu kleiden, wirken ungelenk inmitten ihrer aus heutiger Sicht sch\u00e4bigen Konsumg\u00fcter. Der hiesige Menschenschlag ist ja erst durch Zuwanderung aus vier Kontinenten ansehnlicher geworden.<\/p>\n<p>Der eingetr\u00fcbte Blick.\u00a0NN schreibt dazu, Abisag T\u00fcllmann habe sp\u00e4ter anl\u00e4sslich von Retrospektiven oft statt des gewohnten Schwarzwei\u00df feine Graut\u00f6ne gezaubert und in ihrem letzten Jahrzehnt auch sensible Farbdias gemacht. Sie muss also etwas gesp\u00fcrt haben. Und das Gewicht ihrer Theater-Fotografie im Buch bietet einen Hinweis darauf, dass sie die B\u00fchnenbeleuchtung, das Hell-Dunkel der B\u00fchne, die Konzentration auf die innere wie \u00e4u\u00dfere Aktion, Dramatik, auf den Gestus \u2013 generell den Ausdruck von <i>Bedeutung <\/i>&#8211; liebte.<\/p>\n<p>Unscheinbare Realit\u00e4t zu transportieren, kann man als Bem\u00fchung um Authentizit\u00e4t verstehen. Die Schwarzwei\u00df\u00e4sthetik setzt aber noch eins drauf.\u00a0Unter ihren Vorbildern wird Dubuffet genannt. Eine Fotografin!\u00a0Zu oft scheinen die Menschen in unf\u00f6rmigen schwarzen Talaren zu stecken.\u00a0Die lichtlose Radikalit\u00e4t empfinde ich heute als ideologisch. Ich schaue auf triste Schattenpartien und imaginiere f\u00fcr einen Moment deren\u00a0 potentiellen Reichtum an Graut\u00f6nen, ja an farblichen Abstufungen und Oberfl\u00e4chen-Details. Das Leben ist sch\u00f6n! Mir als Betrachter wird vieles an Botschaften vorenthalten, die diese Zeit genau wie alle anderen aussendeten. Der im Text angesprochene Humor ist mir (\u201eSchriftbilder\u201c) zu plakativ. Abisag T\u00fcllmann hat den Ausl\u00f6ser bet\u00e4tigt, wird aber wohl kaum gelacht haben.<\/p>\n<p>Und dabei sind wir bei der generellen \u00e4sthetischen Uniformierung durch die Schwarzwei\u00dftechnik. Sie historisiert auf fatale Weise Vorg\u00e4nge und Szenen, deren Ber\u00fchrung \u2013 im Guten wie im B\u00f6sen \u2013 die Fotografie als bildliches Zeitzeugnis uns vermitteln k\u00f6nnte.\u00a0Genau umgekehrt habe ich es beim Auftauchen der ersten Farbfotografien aus dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Mit den farbigen Filmaufnahmen und Fotos verschwanden die t\u00e4uschenden Schleier vor meiner bereits Sepia eingef\u00e4rbten Wahrnehmung. Jener historische Krieg st\u00fcrmte pl\u00f6tzlich auf die B\u00fchne des Vietnamkriegs, der uns unertr\u00e4glich gegenw\u00e4rtig war. Jene Opfer waren wie diese, und diese T\u00e4ter waren wie jene. Da war dieses \u201eAufblitzen\u201c des Wiedererkennens, von dem Walter Benjamin in den geschichts-philosophischen Thesen gesprochen hatte.<\/p>\n<p>Und in einem weiteren Punkt hatte Benjamin recht: Eine nostalgische Restauration \u00fcberwundener Techniken ist von \u00dcbel \u2013 auch der Kult darum, wie bei &#8218;Barytabz\u00fcgen in limitierter Auflage&#8216;. Er hat generell recht gegen Barbara Klemms Idealisierung der Schwarzwei\u00dftechnik (in einem Filmfeature), als sei der eine h\u00f6here Spiritualit\u00e4t eigen. Mumpitz! Es geht um einen Sektor des Kunstmarktes und um interessierte Traditionspflege.<\/p>\n<p>Eine Bilanz?<\/p>\n<p>Abisag T\u00fcllmann war ein Kind ihrer Zeit &#8211; ungelenk, hochideologisch, moralisch. Nicht einmal die damalige Bildende Kunst war damals \u00e4sthetisch. Sie hat sich mit den Marats und Dantons der B\u00fchne herumgetrieben, und mit dem Volk, das aufstand. Der immer wieder durchscheinende antib\u00fcrgerliche Affekt ist ein Zeichen der Verblendung, Selbstt\u00e4uschung \u00fcber die Menschen vor ihren Augen und um sie herum. Eine respektvolle <i>Erarbeitung<\/i> ihres <i>Werkes<\/i> setzt die Verblendung fort, als Material f\u00fcr die \u00f6ffentliche Geschichtserinnerung und \u2013 der bessere Teil daran \u2013 als Pl\u00fcnderung eines Informationsschatzes, den wir hoffentlich bald digitalisiert im Netz durchst\u00f6bern d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>7.M\u00e4rz 2011 verfasst. Dez. 2013 \u00fcberarbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAbisag T\u00fcllmann : 1935 \u2013 1996\u201c auf dem Gabentisch. Mutig. Der Fotoband ist ein erster \u00dcberblick \u00fcber ihre f\u00fcnfhunderttausend Bilder, also ein winziger Ausschnitt. Er riecht \u00fcbrigens scheu\u00dflich nach L\u00f6sungsmitteln. Druckerschw\u00e4rze ist auch satt aufgetragen.\u00a0Das Buch kommt zur rechten Zeit. 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