{"id":9928,"date":"2019-01-30T18:33:12","date_gmt":"2019-01-30T17:33:12","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9928"},"modified":"2019-11-12T11:24:12","modified_gmt":"2019-11-12T10:24:12","slug":"mbole-hocker-von-schrecklicher-kraft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9928","title":{"rendered":"Vorsicht! Mbole-Hocker mit Nebenwirkungen"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: center;\">Erwerb<\/h4>\n<p>Warum habe ich guten Gewissens nach dem grauen St\u00fcck gegriffen, wo doch die Bodenplatte zuletzt noch einmal feucht geworden war?<\/p>\n<p>In der Ahnung eines eigenen Stils? Schlie\u00dflich leben die Mbole in drei r\u00e4umlich getrennten Milieus! Das k\u00f6nnte ich noch undeutlich erinnert haben.<\/p>\n<p>Oder wegen des sp\u00fcrbaren \u00e4sthetischen Potentials, besonders der betonten Kantigkeit an den Gliedern der vier Figuren? Die wird durch eingeschnittene Rillen an den Augenbrauenb\u00f6gen (an einer Figur abgewetzt) und auf den traditionell verdrehten Armen eigens betont.<!--more--><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Vergleich<\/h4>\n<p>Als ich K. den Hocker zeigte, pr\u00e4sentierte er mir prompt einen entsprechenden Hockertyp auf seinem Smartphone. Welch ein Zufall! Der erschien eleganter, er kommt mit drei Figuren aus und zeigt die bekannten Figuren in den flie\u00dfenden \u201arealistischen\u2019 Formen mit den eingeschnittenen Rippenb\u00f6gen.<\/p>\n<p>Als \u201aRealist\u2019 st\u00f6rt mich aber eine grundlegende Ungereimtheit der Konstruktion: Gehenkte Figuren, die man sonst auf ein St\u00fctzger\u00fcst geflochten erlebt, sollen ohne weitere Hilfsmittel den Sitz und das Gewicht eines W\u00fcrdentr\u00e4gers stemmen? An meinem Hocker erscheinen die hohen Frisuren zu vier unterschiedlichen Kissen zusammengedr\u00fcckt, an dem anderen stehen die Frisuren aufrecht wie gewohnt. So etwas ist in Holz statisch kein Problem. Doch damit wird die Verbindung zwischen Figuren und Sitz zur Montage konventioneller Bauteile, die nicht zusammen geh\u00f6ren. Ich finde das hier \u201amoderner\u2019 im Sinne von \u201aoberfl\u00e4chlicher, auch wenn \u201edie Isolierung einzelner Teile\u201c in anderen F\u00e4llen \u201e\u00e4sthetische Energie\u201c entfesseln kann. (Robert F. Thomson : <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3554\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link, dort Hinweis 2<\/a>)<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Ein &lt;Kyriatidenhocker&gt;<\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Mbole-Hocker.IMG_5274.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-9930\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Mbole-Hocker.IMG_5274-230x360.jpg\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Mbole-Hocker.IMG_5274-230x360.jpg 230w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Mbole-Hocker.IMG_5274.jpg 512w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei dem nun erworbenen Hocker tragen zwei M\u00e4nnlein und zwei Weiblein den W\u00fcrdentr\u00e4ger. Bei den Mbole war das rituelle Erh\u00e4ngen die h\u00f6chste Strafe bei Tabuverletzungen (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9306\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>). Jetzt haben die Vier keinen Kontakt mehr untereinander und glotzen in die vier Himmelsrichtungen. Das k\u00f6nnte die ganze moralische Geschichte sein.<\/p>\n<p>Das Tragen der Herrschaft durch eine Frauenfigur ist mir bei den Hockern der Luba als eminent positive Leistung vermittelt worden. Vielleicht ist das ja auch eine dem Zeitgeist geschuldete feministische Umdeutung, dar\u00fcber kann ich nicht urteilen. (z.B. Roberts &amp; Roberts: <em>Memory<\/em> (cat.60, p.155; Petridis: <em>Art and Power<\/em> (2008) p.45).<\/p>\n<h6><\/h6>\n<p>Die vier Delinquenten als rituelle Lastentr\u00e4ger weisen meine \u00dcberlegung in eine andere Richtung.<\/p>\n<p>Die afrikanischen W\u00fcrdentr\u00e4gern zugeschriebenen magischen Kr\u00e4fte beruhen nach allgemeiner Auffassung auf gefangen gehaltenen Geistern. Doch bevor einem die Seele gestohlen werden kann, hat man sich in der Regel irgendeine \u00dcbertretung zuschulden kommen lassen. Dies Problem ist \u00fcbrigens die Haupteinnahmequelle der Wahrsager.<\/p>\n<p>Die Delinquenten der Mbole, wie sie zur Abschreckung immer wieder abgebildet werden, sind aber nun wirklich pr\u00e4destiniert, eingefangen und als niedere Geister magisch benutzt zu werden. Wenn sie wie hier unter dem thronenden W\u00fcrdentr\u00e4ger in alle Himmelsrichtungen blicken, bezeugen ihre schrecklichen Gesichter und leichenhaften K\u00f6rper eindr\u00fccklich dessen Macht. Er kann seine dienstbaren Geister jederzeit auf alle \u00dcbelt\u00e4ter loslassen. Der Hocker auf dem Smartphone zeigte hingegen nur die frischen Leichen der Delinquenten, ohne ihr furchtbares Potential eigens darzustellen. Eingeweihte kannten und kennen es nat\u00fcrlich.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Ketzerisches<\/h4>\n<p>Die l\u00e4ngste Zeit \u00fcber habe ich mittelalterliche Darstellungen christlicher Drachent\u00f6ter im Hinterkopf. Mit den Hockern der Mbole im R\u00fccken frage ich mich jetzt: Was wurde aus den durchbohrten oder auch nur zu Boden geworfenen und dort fixierten h\u00f6llischen Geistern? Lie\u00dfen die geistlichen Auftraggeber dieser Bildwerke \u00fcber die Fortsetzung der Geschichte lieber den Vorhang des Schweigens fallen?<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Komposition<\/h4>\n<p>Im abgewaschenen Zustand zeigt sich umso heller das \u00e4sthetisches Potential.Schauen wir uns die Komposition des Hockers (34 cm Sitzh\u00f6he, 23-24cm Durchmesser) n\u00e4her an.<\/p>\n<p>Jede Figur ist in ihrer Haltung anders: zwei haben einen geraden, zwei einen runden R\u00fccken. Das bestimmt ihr Verh\u00e4ltnis zueinander unter dem tellerf\u00f6rmig gerundeten Sitz (Kugelsegment, fast 7 cm dick).<\/p>\n<p>Die Gesichter sind durch karikaturhaft vereinfachte Z\u00fcge dramatisiert: Starkes Hervortreten der Stirn- und Augenpartie. Die Augen\u00f6ffnungen werden durch tief eingeschnittene Rechtecke bezeichnet. Die Nasen sind auf gleichseitigen Dreiecke reduziert und die M\u00fcnder grimmig gezackte S\u00e4gebl\u00e4tter. Das seiner Grundform nach herzf\u00f6rmige Gesicht wird unten durch ein breites gerades Kinn abgeschnitten.<\/p>\n<p>Halslos schlie\u00dfen sich &#8211; ikonographisch korrekt &#8211; Rumpf und Glieder an. Keine Rundung schw\u00e4cht deren Ausdruck. Eingeschnittene senkrechte Rillen betonen vier Frontalansichten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Siedlungskarte-Eastern-Zaire-A.A.1976.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9935 alignright\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Siedlungskarte-Eastern-Zaire-A.A.1976-360x315.jpg\" alt=\"\" width=\"309\" height=\"270\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Siedlungskarte-Eastern-Zaire-A.A.1976-360x315.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Siedlungskarte-Eastern-Zaire-A.A.1976-170x150.jpg 170w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Siedlungskarte-Eastern-Zaire-A.A.1976-900x787.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Siedlungskarte-Eastern-Zaire-A.A.1976-624x545.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Siedlungskarte-Eastern-Zaire-A.A.1976.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 309px) 100vw, 309px\" \/><\/a>Die von Armen und Beinen gebildeten Fl\u00e4chen in Zickzacklinie erinnern mich an Figuren der <em>Lega<\/em> mit gezacktem Schlangenk\u00f6rper (Daniel P. Biebuck: <em>Lega Culture<\/em>, 1973 pl. 72 <em>nkumba, mulima<\/em>, pl.76). In den den Aufs\u00e4tzen von Biebuyck\u00a0 \u00fcber &#8222;<em>Sculpture from the Eastern Zaire Forest Regions<\/em>&#8220; (African Arts 1976, drei Folgen) finden sich bei einigen <em>Mbole<\/em>-Figuren unterschiedliche Grade von Kantigkeit, bei den benachbarten <em>Yela<\/em> dann gedrungenere Gestalten. Die <em>Lengola <\/em>wie auch die <em>Metoko<\/em> sind generell f\u00fcr den h\u00e4ufigen Blockstil bekannt. &#8211; Die Kartenskizze aus A.A. macht das Gesagte anschaulich, obwohl sie den Flickenteppich der Siedlungsgebiete gar nicht darstellt.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, die auf der Sitzfl\u00e4che durch Witterung und Benutzung hervortretenden Jahresringe fielen mir sofort vertrauensbildend auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erwerb Warum habe ich guten Gewissens nach dem grauen St\u00fcck gegriffen, wo doch die Bodenplatte zuletzt noch einmal feucht geworden war? In der Ahnung eines eigenen Stils? Schlie\u00dflich leben die Mbole in drei r\u00e4umlich getrennten Milieus! Das k\u00f6nnte ich noch undeutlich erinnert haben. 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