{"id":9738,"date":"2018-12-10T21:53:37","date_gmt":"2018-12-10T20:53:37","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9738"},"modified":"2023-02-13T23:57:53","modified_gmt":"2023-02-13T22:57:53","slug":"bode-museum-disput-vor-einer-benin-bronze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9738","title":{"rendered":"Restitution?  Disput vor Benin-Bronze im Bode-Museum"},"content":{"rendered":"<h5>Im Schaukeller des Bode-Museum zu Berlin wird seit einem Jahr ein alter Bronze-Kopf aus dem ehemaligen Ethnologischen Museum in Dahlem ausgestellt und sachkundig erl\u00e4utert.<\/h5>\n<h5>Die drei Nigerianer mitte Drei\u00dfig, die bereits mit einem selbst geschriebenen Poster \u201eWollen Sie sich Raubkunst anschauen\u201c vor dem Geb\u00e4ude gestanden hatten und anschlie\u00dfend drinnen mit dem Aufsichtspersonal vergeblich um freien Eintritt verhandelten, traf ich hier wieder. So entschlossen, wie sie auftraten, fragte ich mich bereits, ob sie das gute St\u00fcck gleich mitnehmen oder sp\u00e4ter abholen lassen wollten. Doch sie fotografierten sich nur wechselseitig mit der goldfarbenen Gefangenen. Einer strich ihr sogar \u00fcber den Kopf, denn sie steht frei.<!--more--><\/h5>\n<h5>In meiner Konzentration gest\u00f6rt, suchte ich die pers\u00f6nliche Auseinandersetzung. Die Diskussion \u2013 erst Englisch, dann Deutsch &#8211; verbesserte aber nicht die Stimmung. Der tiefere Konflikt war ja auch nicht im Streit zu l\u00f6sen. Keiner versetzt sich gern in die Perspektive des anderen. Historische Distanzierung kommt auch nicht gut an, wo Parteilichkeit angesagt ist. Die langen Schatten des europ\u00e4ischen Kolonialismus lassen sich nicht wegdiskutieren, aber bleiben ungreifbar. Und verglichen mit der Weiterentwicklung eines vom Gegen\u00fcber beschworenen prek\u00e4ren V\u00f6lkerrechts ist noch die z\u00e4heste innerstaatl\u00edche Rechtsentwicklung ein Spaziergang.<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h5>Mein Gespr\u00e4chspartner stellte sich als Rechtsanwalt vor und argumentierte gleich mit Paragraphen des deutschen Strafgesetzbuchs \u2013 Diebstahl, Raub und Hehlerei \u2013 als sei damit die Konfiszierung des Thronschatzes des in einem Krieg 1897 abgesetzten afrikanischen K\u00f6nigs juristisch zu packen. Ich stutzte: Den Fehler d\u00fcrfte er nach seiner Ausbildung doch nicht machen. Aber er wollte auch den Ausdruck \u201eArgumentation\u201c nicht akzeptieren, den er mit Kuhhandel und Kompromiss in Verbindung brachte. Aber was anderes tun denn Juristen als gut pr\u00e4pariert zu argumentieren?<\/h5>\n<h5>Er fasste dann mit dem Argument \u201eAngriffskrieg\u201c nach. Dem ist moralisch schwer etwas entgegenzusetzen. Aber juristisch? Im Kontext des 19. Jahrhunderts?<\/h5>\n<h5>Ich wollte die Wegnahme des Thronschatzes mit einer bis heute g\u00e4ngigen Kriegspraxis \u2013 schon gar in den innerafrikanischen Konflikten &#8211; relativieren. Diese Praxis wollte er nicht zum Ma\u00dfstab machen. Unwahrscheinlich auch, dass er das Argument hoher Kriegskosten akzeptiert h\u00e4tte, mit dem der britische Staat damals den Verkauf der Beute auf dem internationalen Kunstmarkt begr\u00fcndete. Dabei litt die Kolonisierung des bev\u00f6lkerungsreichen und ausgedehnten Gebietes ohne Zweifel unter Geldmangel, mit schwerwiegenden Folgen f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des nachkolonialen \u201eNigeria\u201c (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9628\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a> Harnischfeger).<\/h5>\n<h5>Uns beiden musste klar sein, dass in der Eroberung selber \u2013 im \u201eKolonialismus\u201c &#8211; die Wurzel allen \u00dcbels lag, und nicht in dem \u201eDiebstahl\u201c und der \u201eHehlerei\u201c von \u2013 modern verstanden \u2013 \u201eKulturg\u00fctern\u201c. An ihnen k\u00f6nnen die Verbrechen auch nur symbolisch geheilt werden. Was geschehen ist, ist geschehen, wie \u00fcberall sonst in der Welt. Die britischen Kolonialisten waren keineswegs die \u00fcbelsten, und ihre Modernisierungserfolge in Afrika und Indien finde ich beachtlich. In Nigeria profitierten gerade die K\u00fcstenv\u00f6lker wie Yoruba (auch die Bini im \u201eK\u00f6nigreich Benin\u201c) und die Ibo.<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h5>Was aber, wenn Europas Kulturpolitiker vor den Forderungen einknicken w\u00fcrden, afrikanische Werke in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab in die instabilen postkolonialen Staaten Afrikas zu transferieren? Ein kleines Projekt europ\u00e4ischer Museen verdeutlicht die praktischen Hindernisse: So denkt man daran, f\u00fcr die h\u00f6fische Kunst des einst bedeutenden afrikanischen K\u00f6nigreichs in Benin-City\u00a0ein eigenes Museum zu errichten, mit &#8218;Leihgaben&#8216; (aber das ist ein anderes Kapitel). (Bericht der SZ im November).<br \/>\nDazu wird Europa das Know-how einbringen und die Folgekosten f\u00fcr konservatorische Ma\u00dfnahmen und vor allem f\u00fcr die Sicherung gegen Terroristen \u00fcbernehmen m\u00fcssen, selbstverst\u00e4ndlich auch den Eintritt f\u00fcr die Einheimischen subventionieren, wenn deren Zugang \u00fcberhaupt gewollt ist und das Museum nicht blo\u00df als Kassenmagnet im globalen Kulturtourismus funktionieren soll. In \u00c4gypten, habe ich mir sagen lassen, werde die einheimische Bev\u00f6lkerung sogar von den ber\u00fchmten St\u00e4tten und Museen ausgeschlossen.<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h5>Es sagt sich leicht, man solle nichts Unn\u00fctzes und Unm\u00f6gliches verlangen, aber damit \u00fcberzeugt man nicht Aktivisten, die sich pers\u00f6nlich als Opfer der Geschichte sehen und sich nach Anerkennung und \u201aWiedergutmachung\u2019 verzehren.<\/h5>\n<h5>Der Anwalt sagte noch etwas \u00dcberraschendes: Er sei Deutscher und sei stolz darauf, Deutscher zu sein, wenn, ja weil hier die Generation der \u201cEnkel\u201c sich gegen die Verbrechen ihrer \u201eGro\u00dfv\u00e4ter\u201c \u2013 er meinte in diesem Fall wohl Ur-Gro\u00dfv\u00e4ter und Ur-Ur-Gro\u00dfv\u00e4ter \u2013 wende.<\/h5>\n<h5>Dass dieser \u201cNewcomer\u201c unser gro\u00dfes und recht vielschichtiges Land gerade mal nach eigenen verstiegenen\u00a0 Vorstellungen ummodeln will, fand ich dreist. Und realit\u00e4tsfremd. Wer hat ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt?<\/h5>\n<h5>Klugerweise belie\u00dfen wir es bei dem Austausch einiger S\u00e4tze, es war noch viel anzuschauen, und die zw\u00f6lf Euro Eintritt wollten genutzt werden. Die drei Herren hatten am Eingang argumentiert, sie k\u00e4men nur, um das anzuschauen, was ihrer community ohnehin von Rechts wegen geh\u00f6re. Ich war sicher, f\u00fcr anderes hatten sie kein Auge, auch nicht der \u201aDeutsche mit afrikanischen Wurzeln\u2019. Von wegen &#8218;Integration&#8216;!<\/h5>\n<h5>Einen Tag sp\u00e4ter steht mir meine eigene Reaktion auf das Museum <em>The Met Cloisters<\/em>\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.metmuseum.org\/press\/general-information\/2016\/the-met-cloisters-german\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(Link)<\/a> vor drei\u00dfig Jahren in New York wieder vor Augen. Es war damals ein Schock, ich f\u00fchlte mich irgendwie beraubt, ich war w\u00fctend auf die s\u00fcdfranz\u00f6sischen Bauern und Provinzb\u00fcrger um die (vorige!) Jahrhundertwende. Sie hatten ihre, unsere mittelalterlichen Alt\u00e4re, Figuren, das Kirchenmobiliar, sogar ein sch\u00f6nes Treppenhaus aus den Pyr\u00e9neen, alles aufgegeben und verscherbelt. Amerikanische \u00d6l- und Eisenbahnmagnaten lie\u00dfen die Beute \u00fcber den Ozean abtransportieren. Man h\u00e4tte das nicht zulassen d\u00fcrfen. Mich packte das unabweisbare Gef\u00fchl der Dem\u00fctigung, der Deklassierung Europas auf die Stufe einer Kolonie.<\/h5>\n<h5>Soll ich nun \u00fcber hundert Jahre sp\u00e4ter amerikanische Anw\u00e4lte einschalten oder lieber an die Europ\u00e4ische Kommission appellieren? Oder doch lieber mit Gelassenheit dem gewaltigen Prozess der Globalisierung zuschauen?<\/h5>\n<h5>Dieser Bronzeguss ist mir \u00fcbrigens egal. Ich habe ihn nicht einmal fotografiert. Selbst hier unten im Souterrain des Bode-Museums gibt es substanziellere afrikanische Kunst zu sehen.<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\">Etwas fehlt noch?\u00a0 Gewiss!<\/h5>\n<h5 style=\"text-align: left;\">Was w\u00fcrde Vil\u00e9m Flusser (1920-1991), der tschechisch-brasilianische Migrationsexperte, dazu sagen? Ich fasse zusammen:<\/h5>\n<h5 style=\"text-align: left;\"><em><span style=\"color: #808080;\">Die Gewohnheit ist eine Wattedecke. Sie rundet alle Ecken ab, und sie d\u00e4mpft alle Ger\u00e4usche. Weil die Gewohnheit Wahrnehmungen abschirmt, weil sie an\u00e4sthesiert, wird sie als angenehm empfunden. Jede gewohnte Umgebung ist h\u00fcbsch, und diese H\u00fcbschheit ist eine Quelle\u00a0 der Vaterlandsliebe. Im Exil, wo die Decke der Gewohnheit weggezogen wird, wird man zum Revolution\u00e4r, und sei es nur, um dort wohnen zu k\u00f6nnen. Daher ist das Mi\u00dftrauen, das dem Vertriebenen in Neuen Land entgegengebracht wird, vollauf berechtigt. Sein Einzug ins Neue Land durchbricht tats\u00e4chlich das Gewohnte und bedroht seine H\u00fcbschheit. Die dialogische Stimmung, die das Exil kennzeichnet, ist meist polemisch (um nicht zu sagen m\u00f6rderisch). Denn der Vertriebene bedroht die &lt;Eigenart&gt; des Ureinwohners, er stellt sie durch seine Fremdheit in Frage. Aber selbst so ein polemischer Dialog ist sch\u00f6pferisch, denn auch er f\u00fchrt zur Synthese neuer Informationen. Das Exil, wie immer es geartet sein m\u00f6ge, ist die Brutst\u00e4tte f\u00fcr sch\u00f6pferische Taten, f\u00fcr das Neue.<\/span><br \/>\n<\/em><\/h5>\n<p>(<em>Exil und Kreativit\u00e4t<\/em> (1984) in: <em>Von der Freiheit des Migranten<\/em>, 1994 und Neuauflagen, 103-109)<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">STAND DER DINGE IN NIGERIA \u00a0 JUNI 2021:\u00a0 <\/span><\/h4>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\">Samuel Misteli berichtet in der NZZ 8.6.2021<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/benin-bronzen-eine-stadt-in-nigeria-traeumt-von-der-renaissance-ld.1624048?mktcid=nled&amp;mktcval=102&amp;kid=nl102_2021-6-8&amp;ga=1&amp;trco=\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> (LINK<\/a>) aus Benin-City, &#8222;einer Stadt, die von einer afrikanischen Renaissance tr\u00e4umt&#8220;, von Museen, K\u00fcnstlern und Handwerkern in der &#8218;Igun Street&#8216;, und verweist fu\u0308r historische Fakten und Anekdoten in diesem Text auf das im Ma\u0308rz 2021 erschienene Buch \u00abLoot: Britain and the Benin Bronzes\u00bb von Barnaby Phillips.<\/span><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schaukeller des Bode-Museum zu Berlin wird seit einem Jahr ein alter Bronze-Kopf aus dem ehemaligen Ethnologischen Museum in Dahlem ausgestellt und sachkundig erl\u00e4utert. 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