{"id":9628,"date":"2018-11-06T15:54:17","date_gmt":"2018-11-06T14:54:17","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9628"},"modified":"2021-10-20T17:05:06","modified_gmt":"2021-10-20T15:05:06","slug":"nigerias-demokratie-in-der-falle-nach-johannes-harnischfeger-aspekte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9628","title":{"rendered":"Nigeria in der Falle der Kolonialgeschichte &#8211; nach Johannes Harnischfeger (2006)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #ff0000;\">95% = 6 S.<\/span><\/p>\n<h3><strong>\u201e<em>Demokratisierung und Islamisches Recht<\/em>\u201c : <\/strong><strong>Johannes Harnischfeger analysierte 2006 nicht nur den \u201e<em>Scharia-Konflikt in Nigeria<\/em><\/strong><strong>\u201c 2002<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Kursiv gedruckte W\u00f6rter und S\u00e4tze sind Originalzitate aus der Studie<\/span><\/h5>\n<h4 style=\"text-align: left;\">Die Studie ist zu Recht <strong>in der Reihe \u201eStudien des Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung\u201c (Band 51, im Campus-Verlag)<\/strong> erschienen und nicht in einer Reihe der Afrikanistik oder Ethnologie, auch wenn sie detailliert und anschaulich Verh\u00e4ltnisse und Historie vor allem des postkolonialen Staates Nigeria schildert.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: left;\">Sie regt zu grunds\u00e4tzlichen Fragen an &#8211; zur Sicherheitslage wie zur Innenpolitik &#8211; und sollte vor allem der \u201alinken\u2019 politischen \u00d6ffentlichkeit in Deutschland zu denken geben. Man denke nur nicht, dass alles halb so schlimm sei, da der \u201e<em>Scharia-Konflikt<\/em>\u201c nun bereits sechzehn Jahre alt ist und das System \u201eNigeria\u201c immer noch recht und schlecht funktioniert!<\/h4>\n<h4>Trotz klarer Struktur, allein aufgrund seiner F\u00fclle an Informationen, lassen sich die einzelnen Aspekte der Problematik kaum isolieren. Ich habe drei Themen &#8218;filettieren&#8216; k\u00f6nnen: 1. Die historische Islamisierung der Region <strong>ist bereits im Netz<\/strong> (in \u201a<strong>Heidenmission\u2019, <\/strong><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9385\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>), 2. <strong>die kolonialen Wurzeln des aktuellen politischen Grundkonflikts<\/strong>, 3. die \u00dcbertragung der \u00dcberlegungen Harnischfegers auf <strong>Europa\u00a0 und seine Probleme mit dem Islam<\/strong>.<!--more--><\/h4>\n<h4><strong>Wer es schafft, sollte das Buch im Original lesen. Es ist eine der Studien, die man nicht so leicht vergisst.\u00a0 Empfehlenswert ist aber auch der 2012 ver\u00f6ffentlichte schlanke <\/strong><strong>Aufsatz Harnischfegers zum \u201e<em>Boko-Haram-Aufstand in Nigeria<\/em>\u201c <\/strong>( in <strong><em>Leviathan<\/em><\/strong> Nr.4\u00a0 unter dem Titel \u201e<em>Rivalit\u00e4t unter Eliten<\/em>\u201c <a href=\"https:\/\/www.leviathan.nomos.de\/fileadmin\/leviathan\/doc\/Aufsatz_Leviathan_12_04.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link zum pdf<\/a> . Ab 21.11. <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/061651-000-A\/boko-haram-nigerias-terrorgruppe\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a> zu einem sehr harten ARTE -Feature (2016) &#8211; bis 19.12.<\/h4>\n<h4><strong>Seit 1993 hat Harnischfeger die Entwicklung im Lande selbst verfolgt<\/strong>.\u00a0 Leider verstarb er bereits 2015.<\/h4>\n<h4>Eine Passage in der Einleitung (33) wirft ein Licht auf die Komplexit\u00e4t seiner Methode, vielleicht auch auf die Bef\u00fcrchtungen mancher Informanten:<\/h4>\n<p><em>Mein Verst\u00e4ndnis der Ereignisse ist vor allem durch Gespr\u00e4che mit Informanten gepr\u00e4gt; f\u00fcr die Leser dieser Studie habe ich jedoch versucht, die politischen und religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen der Akteure durch Zitate aus Zeitungen, religi\u00f6sen Traktaten und wissenschaftlichen Artikeln deutlich zu machen. Die vielen Hinweise auf aktuelle Quellen dienen zugleich dazu, eine Art Chronologie der politischen Ereignisse zu erstellen.<\/em><\/p>\n<h4>In meinem antiquarischen Exemplar lag erfreulicherweise eine Kunstpostkarte mit eigenh\u00e4ndiger <strong>Widmung<\/strong> des Verfassers an die Vorbesitzerin.<\/h4>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Liebe S(..), das Scharia-Buch, mit dem ich mich so lange abgem\u00fcht habe, ist endlich erschienen. Die Idee, mich mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen, kam mir im Tangaleland, als mir immer wieder von den religi\u00f6sen Auseinandersetzungen erz\u00e4hlt wurde. Die Tangale und Jukun werden aber in dem Buch nur kurz erw\u00e4hnt; es geht nicht so sehr um die Konflikte im Middle Belt, sondern um die politische Krise, die zur Einf\u00fchrung der Scharia f\u00fchrte. Falls dich noch interessiert, was in den letzten Jahren passiert ist, findest du in dem Buch einen ganz guten \u00dcberblick.<\/em><\/p>\n<p><em>Beste Gr\u00fc\u00dfe\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Johannes<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">DER KONFLIKT UND SEINE WURZELN<\/h3>\n<p><strong>Das britische System der \u201eindirekten Herrschaft\u201c in Nigeria legte die Wurzeln zum Konflikt.<\/strong><\/p>\n<p>Damit arbeiten wir das Thema der <em>historischen Verantwortung Europas<\/em>, genauer der britischen Kolonialherren, gleich zu Beginn ab. Wir wissen doch: Kurzsichtige Einmischung und profitable Gesch\u00e4fte setzen sich bis zum heutigen Tag fort.<\/p>\n<div id=\"attachment_9635\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Konflikt.Karten_0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9635\" class=\"size-medium wp-image-9635\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Konflikt.Karten_0001-360x303.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"303\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Konflikt.Karten_0001-360x303.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Konflikt.Karten_0001-624x526.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Konflikt.Karten_0001.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9635\" class=\"wp-caption-text\">Harnischfeger.Scharia-Konflikt.Abb.1 &#8211; vorherrschende und andere Ethnien. Auch der &#8218;Middle Belt&#8216; zwischen Nord und S\u00fcd ist gut erkennbar.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich muss leider ein paar liebgewordene Vorurteile \u00fcber das System der \u201eindirekten Herrschaft\u201c, das\u00a0 Patentrezept des britischen Kolonialismus \u2013 wohlgemerkt au\u00dferhalb der f\u00fcr wei\u00dfe Siedler vorgesehenen Kolonien &#8211; aufgeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n<p><em>Als britische Truppen 1902\/03 den Norden Nigerias besetzten, trafen sie auf wenig Widerstand<\/em>, schreibt Harnischfeger im Kapitel <em>Der Islam als St\u00fctze des Kolonialsystems<\/em>. <em>Nicht einmal in Sokoto, dem Zentrum des Fulani-Reiches, schien die Bev\u00f6lkerung bereit, die islamische Obrigkeit zu verteidigen<\/em>. Die Briten kn\u00fcpften jedoch aus pragmatischen Gr\u00fcnden ein B\u00fcndnis mit der bisher herrschenden Fulani-Aristokratie und zementierten deren <em>religi\u00f6se und ethnische Vorherrschaft <\/em>\u00fcber die fr\u00fcher unterworfenen und teilweise versklavten V\u00f6lker.<\/p>\n<p>Und die britischen Motive f\u00fcr die Konservierung der Machtverh\u00e4ltnisse?<\/p>\n<p>Erstens Personal- und Geldmangel bei der expandierenden Kolonialmacht. (50) In den Fulani-Emiraten gab es <em>eine funktionierende Administration<\/em>, der die Bev\u00f6lkerung Steuern zahlte und deren Anordnungen sie befolgte. Das muslimische Recht (<em>Scharia<\/em>),<em> das in recht eindeutiger, schriftlich fixierter Form vorlag<\/em> und von einem<em> effektiven Justizapparat<\/em> angewandt wurde, lie\u00df sich bequem in das Kolonialregime integrieren. (48f)<\/p>\n<p>Unter den V\u00f6lkern der Minorit\u00e4tengebiete waren die Briten unwillkommen (\u201e<em>Each petty chief is a passive resister<\/em>\u201c Zitat: H.L. Norton-Traill). Daher war es oft bequemer, \u201a<em>befreundete\u2019 Fulani<\/em> als Distrikt- und Dorfvorsteher einzusetzen. (50)<\/p>\n<p>Ein rassistisches Vorurteil kam hinzu: \u201e<em>We feel that the Fulani and the English races have much in common. Both have a long experience and special aptitude for administering their own and other people\u2019s affairs<\/em>.\u201c (Oberleutnant Beddington 1934). Man teilte deren Verachtung f\u00fcr die \u201a<em>unzivilisierten Heidenst\u00e4mme<\/em>\u2019. (55).<\/p>\n<p>Das Kolonialregime machte bis zum Ende der Kolonialzeit vom erkl\u00e4rten Anspruch <em>kaum Gebrauch<\/em>, <em>anst\u00f6\u00dfige Teile der Scharia au\u00dfer Kraft zu setzen. Abgesehen von Amputationen und anderen harten K\u00f6rperstrafen duldete man fast alle islamischen Rechtspraktiken, auch wenn sie europ\u00e4ischen Vorstellungen von Gerechtigkeit zuwiderliefen, <\/em>zum Beispiel in den Beweisregeln. Man nahm billigend in Kauf, dass Nichtmuslime \u2013 Frauen ohnehin \u2013 in Verfahren und Strafma\u00df <em>massiv diskriminiert wurden<\/em>. <em>Die Kolonialverwaltung institutionalisierte also in den Emiratsgebieten den inferioren Status der Nichtmuslime<\/em>. (50) Ihre Beamten bevorzugten auch im <em>Middle Belt<\/em> die Fulani-Mitarbeiter in der Verwaltung gegen\u00fcber den alteingesessenen W\u00fcrdentr\u00e4gern. (52)<\/p>\n<p>Da man religi\u00f6s motivierte Unruhen wie im Sudan auf jeden Fall verhindern wollte und die Fulani-Herrscher sich in ihrem Vielv\u00f6lkerreich nur religi\u00f6s legitimierten, sperrte die Kolonialverwaltung\u00a0 die meisten Emiratsgebiete f\u00fcr christliche Missionare von Anfang an: <em>&#8218;Whatever threatened the Mohammedan religion threatend the authority of the Emirs and so emperilled <\/em>(&#8218;gef\u00e4hrde<em>te&#8216;) the organisation of &#8218;Indirect Rule&#8216;. <\/em>(Stellungnahme des Kolonialministeriums 1917). <em>In vielen St\u00e4dten des Nordens hat sich bis heute die Praxis erhalten, dass Kirchen nur in den Randgebieten entstehen d\u00fcrfen. <\/em>(53)<\/p>\n<p>Da verwundert es nicht, dass <em>Ahmadu Bello, der politische F\u00fchrer der Nordregion<\/em> in den f\u00fcnfziger Jahren, verk\u00fcndete, die Briten seien <em>\u201aein Werkzeug des Schicksal\u2019 und ihre Eroberung Nigerias \u201aerf\u00fcllt den Willen Gottes\u2019. F\u00fcr die Ausbreitung des Islam war der Kolonialismus in der Tat ein Gl\u00fccksfall, nicht nur in Nigeria, sondern auch in anderen Teilen Westafrikas.<\/em> (52)<\/p>\n<p>Das Ergebnis: Der Schulbesuch war gering: <em>Gegen Ende der Kolonialzeit besuchten in Nordnigeria nur 185.000 Kinder die Primarschule, <\/em>im S\u00fcden <em>dagegen 2.3 Millionen<\/em>. Noch 1994 warnte der Sultan von Sokoto die Eltern: &#8218;<em>Western education destroys our culture&#8216;. <\/em>Stattdessen besuchen die Kinder Koranschulen. Bev\u00f6lkerungswachstum und Analphabetismus blieben hoch. Die <em>Regionen um Sokoto, Katsina und Bauchi (geh\u00f6ren) heute zu den \u00e4rmsten und r\u00fcckst\u00e4ndigsten Gebieten Afrikas <\/em>(53). &#8211; Man muss weder Islamfeind, noch bornierter Europ\u00e4er sein, um den Rekurs der machtbewussten traditionellen W\u00fcrdentr\u00e4ger auf &#8218;<em>our culture<\/em>&#8218; f\u00fcr eher zynisch zu halten.<\/p>\n<p>Hingegen eigneten sich die V\u00f6lker <em>des S\u00fcdens und teilweise des Middle Belt <\/em>nicht nur einen westlich gepr\u00e4gten Lebensstil an (53), den Briten erschienen die christlichen Konvertiten\u00a0 bald als l\u00e4stige Konkurrenz. Missionsschulen galten als Brutst\u00e4tten des afrikanischen Nationalismus. (55) Das Ende der Kolonialherrschaft war seit den 1940er Jahren absehbar.<\/p>\n<p>Fast unl\u00f6sbar schien die\u00a0 Frage der Machtstrukturen bei 500 V\u00f6lkern und in einer Welt von Nationalstaaten (56). Die traditionellen Autorit\u00e4ten schienen zur Leitung ungeeignet und\u00a0 der Vorsprung der Ibo und Yoruba war gro\u00df: 1960 kamen 98% der Bediensteten in Bundesbeh\u00f6rden aus dem S\u00fcden.<\/p>\n<p>Die Eliten des Nordens waren bereits 1953 gegen die Unabh\u00e4ngigkeit der Kolonie. Misstrauen herrschte schon vor der Staatsgr\u00fcndung (57). Man gab ihnen also eine Autonome Nordregion und bewusst mehr Sitze im Parlament als der S\u00fcden, um ihnen die politische Vorherrschaft zu sichern. (58) Erst 2010 kam mit Goodluck Jonathan ein gew\u00e4hlter Pr\u00e4sident 2010 aus dem S\u00fcden und sp\u00fcrte prompt Gegenwind.<\/p>\n<p>Die Erschlie\u00dfung der Erd\u00f6lvorkommen im S\u00fcden machte die Umverteilung der Einnahmen seit den 50er Jahren zum Dauerthema. Der Norden stagnierte wirtschaftlich und hing am Tropf des S\u00fcdens. Er kompensierte die unaufhebbare Abh\u00e4ngigkeit durch politische Erpressungsman\u00f6ver. Dazu kam die &#8218;islamische&#8216; Zur\u00fcckweisung westlicher Verfassungsprinzipien, auf denen der Gesamtstaat gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Das neue Staatsgebilde \u201eNigeria\u201c stand also von Beginn an unter ungeheurer Spannung. \u201aNorden\u2019 und \u201aS\u00fcden\u2019 passten wirtschaftlich, sozial und mental nicht zusammen. Dazu kamen ethnische Gegens\u00e4tze und Konflikte innerhalb der Bereiche. Denn \u00fcberall lebten unterworfene und majorisierte Ethnien:\u00a0 im Einflussbereich der Fulani\u00a0 kleine christlich oder \u201aanimistisch\u2019 gepr\u00e4gte V\u00f6lkeri, aber auch im S\u00fcden, wo die V\u00f6lker des \u00f6lreichen Nigerdeltas &#8211; unter der Vorherrschaft der Ibo &#8211; den Reichtum f\u00fcr sich behalten wollten und sich von den Yoruba im Westen wie dem Norden abzuspalten versuchten (\u201eBiafra-Krieg\u201c).<\/p>\n<p>Da die Briten auch im S\u00fcden kleinere V\u00f6lker unter die Vormundschaft der beiden Gro\u00dfen \u2013 Yoruba und Ibo \u2013 gestellt hatten, etwa die Bini des K\u00f6nigreichs Benin, waren Dauerkonflikte im politische System des \u201es\u00e4kularen Staates\u201c vorprogrammiert. Die parlamentarische Verfassung versagte vor der Clearing-Aufgabe und eine Milit\u00e4rdiktatur folgte der anderen. Dann finanzierten Politiker \u00fcberall Milizen, die f\u00fcr ihre Klientele ethnische Konflikte gewaltsam zu entscheiden versuchten.<\/p>\n<p>Die Details der ebenso un\u00fcbersichtlichen wie degenerativen Prozesse findet man in wikipedia und anderswo.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>David T. Doris (<em>Vigilant Things<\/em>, <\/strong>Seattle 2011<strong>) <\/strong>erlebte als junger Ethnologe den gesellschaftlichen Verfall an der Atlantik-K\u00fcste in den Jahren um 2000. Meine Zusammenfassung steht in einem Blogbeitrag \u00fcber die Verwendung von Fetischen (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6686\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) :<\/p>\n<p><em>Was (&#8230;) tun, wenn in einer anderen Welt, dem Slum, der Favela, der Township, dem Fl\u00fcchtlingslager oder in der vom B\u00fcrgerkrieg verw\u00fcsteten Stadt Diebstahl, Einbruch, Raub und Pl\u00fcnderung der verbliebenen Habseligkeiten Normalit\u00e4t sind? Nigeria ist in den Jahrzehnten nach der Unabh\u00e4ngkeit in einen solchen Zustand abgeglitten. Die Korruption zerfra\u00df das Land und verrohte den Alltag. Korruption wurde zur nationalen Institution (10), zersetzte die Ma\u00dfst\u00e4be, \u00e4nderte die Chemie der sozialen Beziehungen. Ein Trend zur Fortifikation verschandelte Grundst\u00fccke und St\u00e4dte (11). Einfache B\u00fcrger besannen sich mangels anderer Ressourcen zu ihrem Schutz auf traditionelle Hausmittel: Fetische.<\/em><\/p>\n<p>Mutige Journalisten haben nicht aufgeh\u00f6rt, Nigerias Krisen \u00f6ffentlich zu machen. Harnischfeger bedient sich reichlich an ihren Artikeln, etwa, wenn er Achike Udenwa, Gouverneur eines Bundesstaats im Delta zitiert (p.167 hier verk\u00fcrzt, nach: Tell, 25.3.2002, p.35):<\/p>\n<p><em>We, the ordinary people, will expect the man at the top to be corrupt, and if the man is not corrupt, we say that the man has no senses. If I\u2019m standing for reelection and I come to you, you will expect me to give you money. From where do you think that I get that money?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem bislang letzten <em>\u00dcbergang zur Demokratie <\/em>anfang 1999 nach Jahren &#8217;s\u00e4kularer&#8216; Milit\u00e4rdiktatoren <em>kehrte<\/em> <em>unerwartet die Religion in die Politik zur\u00fcck, <\/em>mit dem <em>Scharia-Konflikt<\/em> (11).<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>Harnischfeger charakterisiert die Lage folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Eine brutalisierte Gesellschaft kann aus sich heraus keine gerechte politische Ordnung hervorbringen. Christen wie Muslime stimmen darin \u00fcberein, dass die moralische Erneuerung von einer externen Kraft ausgehen muss, die durch den allgemeinen sozialen Verfall nicht kontaminiert ist. Nur die g\u00f6ttliche Offenbarung, die losgel\u00f6st von der korrupten Gegenwart existiert, bewahrt in sich die Idee eines besseren Lebens<\/em>. (&#8230;) <em>Politisch engagierte Christen m\u00f6gen mit alttestamentarischer Strenge die Verderbtheit der Herrschenden anprangern<\/em> (&#8230;) <em>Im Gegensatz zu den Muslimen besitzen sie keine politische Vision, die sie dem bestehenden System entgegensetzen k\u00f6nnten<\/em> (&#8230;) <em>Der Islam<\/em> (&#8230;) <em>verspricht zugleich, das politische System von Grund auf zu erneuern<\/em>. (&#8230;) <em>Viele Muslime, die fr\u00fcher linkspopulistischen Parteien anhingen<\/em> (&#8230;.), <em>f\u00fchlen sich heute von der Scharia angesprochen.<\/em> (169-170)<\/p>\n<p>Im Wahljahr 2002 kam einem Kandidaten f\u00fcr den Gouverneursposten die z\u00fcndende Idee, die religi\u00f6se Karte zu spielen, die Einf\u00fchrung des islamischen Rechts \u201eScharia\u201c in seinem Bundesstaat zu versprechen, ohne ernsthaft daran zu denken, damit eine grundlegende Erneuerung anzusto\u00dfen. Der Erfolg dieses Programms beim W\u00e4hler veranlasste die \u00fcbrigen Bundesstaaten des Nordens (Karte Ill.2), nachzuziehen, ohne die Praktikabilit\u00e4t und den gewaltigen sozialen Sprengstoff in Betracht zu ziehen. Sogleich ereigneten sich Progrome und Vertreibungen von \u201achristlichen\u2019 Zuwanderern aus dem S\u00fcden, was Racheakte im S\u00fcden ausl\u00f6ste. Undsoweiter. Lesen Sie selbst!<\/p>\n<div id=\"attachment_9634\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Staaten.Karten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9634\" class=\"wp-image-9634\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Staaten.Karten-360x258.jpg\" alt=\"\" width=\"340\" height=\"244\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Staaten.Karten-360x258.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Staaten.Karten-900x645.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Staaten.Karten-624x447.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Harnischfeger.Scharia-Staaten.Karten.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 340px) 100vw, 340px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9634\" class=\"wp-caption-text\">Harnischfeger Ill.2 &#8211; Scharia-Bundesstaaten<\/p><\/div>\n<p>Die verbreitete Entt\u00e4uschung \u00fcber die\u00a0 verlogene &#8218;real-existierende Scharia&#8216; in den n\u00f6rdlichen Bundesstaaten war f\u00fcr die Selbstradikalisierung von <em>Boku Haram, <\/em>einer von islamischen Politikern im Norden finanzierten Miliz, verantwortlich. (Siehe Harnischfegers Aufsatz <a href=\"https:\/\/www.leviathan.nomos.de\/fileadmin\/leviathan\/doc\/Aufsatz_Leviathan_12_04.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(Link)<\/a> von 2011).<\/p>\n<p>Nigeria \u00fcberlebt heute als ein Land in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen mit labiler Sicherheitslage. Durch den Krieg gegen <em>Boku Haram<\/em>\u00a0 droht zudem die Militarisierung als Dauerzustand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Streiflicht auf Europas Problem mit der islamischen Minderheit<\/h2>\n<p>N\u00f6tig w\u00e4re ein <em>Konsens, der nicht nur auf den augenblicklichen Machtverh\u00e4ltnissen beruht<\/em>,\u00a0schreibt Harnischfeger im Blick auf Nigeria, und f\u00e4hrt fort: <em>Das Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten <\/em>m\u00fcsste sich <em>zwanglos und stringent<\/em> <em>aus den Glaubenslehren ableiten lassen<\/em>, und nicht blo\u00df aus Teilaspekten.<\/p>\n<p>Es k\u00e4me darauf an, die Herzen der Menschen zu erreichen. Die unterscheiden nicht zwischen <em>Grunds\u00e4tzen des Islam<\/em> und <em>den \u00fcberkommenen <\/em><em>patriarchalischen Machtverh\u00e4ltnissen <\/em>ihrer jeweiligen Herkunftsgesellschaften. Wenn sie intellektuellen muslimischen Reformdenkern \u00fcberhaupt begegnen, gelten diese ihnen als <em>verwestlicht<\/em>, <em>s\u00e4kularisiert<\/em>, vom <em>Virus der europ\u00e4ischen Aufkl\u00e4rung<\/em> angesteckt, als Abweichler oder Abtr\u00fcnnige, es sei denn, sie gewinnen die Anerkennung der Orthodoxie und erobern die Kanzeln der Moscheen. &#8211; Vielleicht durch staatlich kontrollierte Koranschulen, wie in der T\u00fcrkei? Dem w\u00e4re nachzugehen.<\/p>\n<p>Und auch dann bleibt das Handicap &#8218;liberaler&#8216; Muslime bestehen, ihre Hilflosigkeit gegen\u00fcber Selbstradikalisierung aus ihrer Mitte. Die schweigende Mehrheit, die auf l\u00e4stige orthodoxe Forderungen listig mit <em>Nichtbeachtung oder Umgehung <\/em>reagiert, ist strategisch keine Unterst\u00fctzung. Insofern scheint es mir richtig, wenn deutsche Politik versucht, <em>konservative <\/em>Verb\u00e4nde in den Dialog zu ziehen, taktisch klug, nur in der Sache leider ziemlich hoffnungslos.<\/p>\n<p>In Deutschland beginnt der Grundkonflikt gerade erst, sich zuzuspitzen.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcn-Alternativen (und in zweiter Linie die Linken) sind von allen guten Geistern verlassen, wenn sie einerseits die Grenzen f\u00fcr Zuwanderer aus dem Orient offenhalten wollen, andererseits die Ausgestaltung individueller, sich immer st\u00e4rker ausdifferenzierender z. B. &#8218;Gender-Rechte&#8216; durchdr\u00fccken und feiern. Nach ihnen sollen Grauzonen, <em>Doppelmoral<\/em> und Diskretion verschwinden, \u00fcberfl\u00fcssig werden. Dabei w\u00e4ren gerade diese \u2013 wer h\u00e4tte das vor zwanzig Jahren gedacht &#8211; eine Ausgangsbasis f\u00fcr breiten Konsens und f\u00fcr die &#8218;Integration\u201c&#8216; der Muslime.<\/p>\n<p>In den f\u00fcnfziger Jahren, als in Deutschland muffige Volkskirchen und ein allgemeiner Autoritarismus herrschten, hatten die Grund\u00fcberzeugungen der heute zu vers\u00f6hnenden Positionen noch n\u00e4her beieinander gelegen.<\/p>\n<p>Glauben Sie vielleicht, dass k\u00fcnftig die exhibitionistischen Christopher-Street-Day-Clowns und kurdische, afghanische Trachtentruppen eintr\u00e4chtig marschieren in einem globo-brasilianischen Karnevalszug?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>95% = 6 S. \u201eDemokratisierung und Islamisches Recht\u201c : Johannes Harnischfeger analysierte 2006 nicht nur den \u201eScharia-Konflikt in Nigeria\u201c 2002 Kursiv gedruckte W\u00f6rter und S\u00e4tze sind Originalzitate aus der Studie Die Studie ist zu Recht in der Reihe \u201eStudien des Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung\u201c (Band 51, im Campus-Verlag) erschienen und nicht in einer Reihe [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[243],"tags":[],"class_list":["post-9628","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cote-divoire-elfenbeinkueste-kamerun"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9628","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9628"}],"version-history":[{"count":24,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9628\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12009,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9628\/revisions\/12009"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9628"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9628"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9628"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}