{"id":948,"date":"2010-10-20T23:23:02","date_gmt":"2010-10-20T22:23:02","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=948"},"modified":"2020-05-21T11:39:46","modified_gmt":"2020-05-21T09:39:46","slug":"liu-binyan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=948","title":{"rendered":"Herrschaftsmethoden \u2013 Lehrst\u00fcck des Insiders Liu Binyan"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/IMG_3643LiuBiny.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-963\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/IMG_3643LiuBiny-300x225.jpg\" alt=\"IMG_3643LiuBiny\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/IMG_3643LiuBiny-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/IMG_3643LiuBiny-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/IMG_3643LiuBiny.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Liu Binyan: A Higher Kind of Loyality &#8211; A Memoir by China&#8217;s Foremost Journalist, Pantheon Books, New York, 1990; Erstausgabe auf Taiwan.<\/p>\n<p>Liu Binyan, geboren 1925, bietet seine Autobiografie, eine\u00a0 politologische Studie des Herrschaftssystems der KP China und aus diesem Blickwinkel eine Parteigeschichte bis zum April 1989, zum Protest auf dem Tian An Men, seinem erneuten Sturz nach dem Tod seines Mentors Hu Yao-bang und seiner eigenen Ausreise auf Einladung einer amerikanischen Universit\u00e4t:\u00a0Parteigeschichte als Beziehungsgeschichte&#8230;. \u00a0 \u00a0 \u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Aus der Tiefe des Landes heraus erobert die PARTEI das Territorium, in seinen \u00e4ltesten Traditionen finden die chinesischen Revolution\u00e4re\u00a0 Strategie und Taktik. Wie westlich erscheint\u00a0 dagegen Stalins Sowjetrussland in Liu Binyans Buch!<\/p>\n<p>Wenn Sun Longqi dem chinesischen Menschen erkl\u00e4rt : \u00b4Du bist in dieser Gesellschaft nichts ohne deine zwischenmenschlichen Beziehungen\u00b4, so illustriert Liu\u00a0 eindr\u00fccklich, wie virtuos\u00a0 die KP auf diesem Instrument zu spielen verstand. In wiederholten Kampagnen wurden Individuen\u00a0nach Kriterien der Opportunit\u00e4t oder der\u00a0Strategie ausgegrenzt, mit einem \u201eLabel\u201c versehen und damit ihrer Menschlichkeit beraubt.<\/p>\n<p>Wurden sie zu \u201aObjekten\u2019? Das w\u00e4re zu westlich gedacht. Liu spricht\u00a0 einmal von der Gleichsetzung mit \u201eD\u00e4monen und Monstern\u201c (S.119): Da du verurteilt bist, bist sie auch schuldig. Da deine Beziehung zur Gesellschaft gest\u00f6rt ist, ist dein Wesen ein anderes als vorher angenommen! (1) Dein Wesen? Au\u00dfer deinem \u201eLabel\u201c bleibt dem gew\u00f6hnlichen Au\u00dfenstehenden\u00a0 gar kein\u00a0Wesen greifbar, nur die bisherigen Illusionen, die er sich schuldbewu\u00dft eingestehen soll, ist er doch Opfer von T\u00e4uschungsman\u00f6vern geworden. Die PARTEI hat\u00a0 dar\u00fcber Erkenntnisse (2) gewonnen, hat sie bilanziert und in angemessene Ma\u00dfnahmen umgesetzt. Und sie verlangt loyales Vertrauen.\u00a0Die Hierarchie allein\u00a0 gibt etwas oder jemanden frei zum Abschuss oder aber entzieht\u00a0ihn oder eine Auffassung jeglicher Kritik.<\/p>\n<p>Die markierten Individuen\u00a0 werden zur beliebigen Verwendung im Sinne der KP freigegeben.\u00a0 Sie sind beispielsweise das st\u00e4ndig verf\u00fcgbare abschreckende \u201eSchulbeispiel\u201c, das die\u00b4Danwei\u00b4(Einheit) \u00a0sich im Stall hinter der \u201eKaderschule h\u00e4lt, sozusagen als lebende Irrt\u00fcmer \u2013 ganz wie in Kaderschulungen verwendete Sammlungen \u201eschwarzer Texte\u201c. Sie dienen zugleich der Aggressionsabfuhr und der Einsch\u00fcchterung der\u00a0 anderen Untertanen, die freilich nie wissen k\u00f6nnen, ob ihre Opfer nicht sp\u00e4ter einmal Rache nehmen werden; denn das gleiche Schicksal kann einem jeden durch einfache administrative Verf\u00fcgung geschehen, f\u00fcr die erfahrungsgem\u00e4\u00df keine Verleumdung zu\u00a0 dumm oder abwegig w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Opfer\u00a0werden diese Danwei, welche sie fallen l\u00e4sst oder zerdr\u00fcckt wie eine hei\u00dfe Kartoffel, nicht einmal los!\u00a0 Die dich verurteilt haben &#8211; und sei es auf h\u00f6heren Befehl &#8211; m\u00fcssen dich auch wieder freisprechen &#8211; und sei es auf h\u00f6heren Befehl.\u00a0Sie st\u00fcrzen also in die soziale Tiefe eines\u00a0 \u201eKuhstall\u201c genannten Verlieses, wo sie &#8211; wenn sie Gl\u00fcck haben, bis zu besseren Zeiten &#8211; dahinvegetieren.\u00a0Potentiell m\u00fcssen im 20. Jahrhundert &#8222;alle&#8220; Chinesen durch diese H\u00f6lle, an deren Sch\u00e4ndlichkeiten wiederum \u201ealle\u201c beteiligt sind.<\/p>\n<p>Faszinierend am Fall \u201eLiu\u201c ist f\u00fcr mich der Aspekt, dass er\u00a0 seine pers\u00f6nlichen Katastrophen ab 1957 bereits als h\u00f6herer Kader in der KP durchmacht, also die Verwandlung vom Kommunisten zum \u201eD\u00e4mon\u201c\u00a0 und zur\u00fcck zum Kader der PARTEI durchlebt, ohne dabei jemals teil des \u201eGraswurzel\u201c-Volks zu werden, nicht einmal als\u00a0\u201elast of the last\u201c (p.119).\u00a0Anschlie\u00dfende \u201eDe-Etikettierung\u201c und \u201eRehabilitierung\u201c\u00a0 sind wortw\u00f6rtlich zu nehmen als n\u00fcchterne Wiedereinsetzung in eine mit Kompetenzen verbundene Position. Folgerichtig fehlt da die &#8211; von Liu schmerzlich vermi\u00dfte &#8211; Entschuldigung der PARTEI f\u00fcr ihre Fehler. Die waren aber auch insofern keine, als der rehabilitierte &#8211; erst recht der nur vom \u201elabel\u201c befreite &#8211;\u00a0 Kader\u00a0 nie mit der Vergesslichkeit der Organisation rechnen darf. Warum nicht, steht weiter unten.<\/p>\n<p>Faszinierend und absto\u00dfend zugleich ist f\u00fcr den modernen Europ\u00e4er ein schamlos nackter politischer Prozess, in dem keine effektive institutionelle Schranke den Machtkampf der Fraktionen\u00a0 zivilisiert.<\/p>\n<p>K\u00f6rperstrategie triumphiert: Die Politik erscheint als die Fortsetzung des Krieges, hier des \u201eBefreiungskrieges\u201c nach den Regeln der Kriegskunst von Tsun zu bis Mao unter Ausnutzung von Assymmetrien: Der Rebell ist heimt\u00fcckisch, der Machthaber zermalmend\u00a0(&#8218;crushing down&#8216; ). Im Zeichen der Hierarchie werden totalit\u00e4re\u00a0Anspr\u00fcche\u00a0von beiden Seiten vorgetragen. Kompromisse sind eine Art\u00a0 provisorischer Waffenstillstand.\u00a0Physische Kontrolle oder Vernichtung\u00a0 treten \u00b4schamlos\u00b4 (oder g\u00f6ttergleich)\u00a0 als Ziele\u00a0 auf,\u00a0 \u201eArgumente\u201c jedoch sind &#8211; quer durch das Buch von 1945 bis 1990 &#8211;\u00a0 nicht mehr als opportunistische Fassade und L\u00fcge\u00a0dienstbarer\u00a0Hofschranzen.\u00a0Dabei geht es in diesem Verdauungs- und Wachstumsprozess des Menschenfressers mit b\u00fcrokratischem Antlitz \u00a0angeblich permanent um Legitimation, um nichts weniger. Wie unter den Kaisern um die Gro\u00dfe Harmonie im Reich und im Erdkreis.<\/p>\n<p>Mit Maos \u00a0permanenter Revolution aber wird die Reichsspitze doppelk\u00f6pfig und steht im permanenten Streit gegen sich selbst. Deshalb ist jede \u201eRehabilitierung\u201c nur eine Art \u201eRehabilitation\u201c. Die Formel \u201eSiebzig (+) zu drei\u00dfig (-)\u201c\u00a0 zur Bilanzierung von Maos historischer Leistung ist als Zahlenverh\u00e4ltnis willk\u00fcrlich,\u00a0 als Abbild der organisierten Verantwortungslosigkeit\u00a0 jedoch korrekt.\u00a0Der Begriff \u201eVerantwortung\u201c beschr\u00e4nkt sich auf blo\u00dfe \u201eZurechenbarkeit\u201c, welche an der \u201einneren Tatseite\u201c\u00a0 desinteressiert ist. Die mit deren \u00b4Aufdeckung\u00b4 befassten Funktion\u00e4re schreiben im Gegenteil ihren Delinquenten\u00a0 die aktuell gew\u00fcnschten \u201eMotive\u201c vor.<\/p>\n<p>Das sind nicht einmal echte Neuigkeiten! Doch solche\u00a0 w\u00fcrden mich weniger erschrecken als die Wiederkehr und Einf\u00fcgung vermeintlich bekannter Charakterz\u00fcge der chinesischen \u201eHochkultur\u201c\u00a0in\u00a0einem so ekelhaften und schauerlichen Kontext. &#8211; Zuf\u00e4llig sind mir in diesem Sommer B\u00fccher in die Hand gekommen, die aufeinander passen, als h\u00e4tten die Autoren\u00a0sich abgesprochen. Den Liu Binyan fand ich im Flohmarkt der Stadtb\u00fccherei. Angeblich war er zehn Jahre lang nicht ausgeliehen worden &#8211; im abseitigen Regal englischsprachiger Romanliteratur. Es ist schon wahr: er liest sich gut und liegt uns in englischer \u00dcbersetzung vor.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>(1) \u201eeine Handvoll&#8220; &#8222;D\u00e4monen\u201c\u00a0 &#8211; Ein Regime, das wie das kommunistische populistisch auftritt, kann nur\u00a0 erdr\u00fcckende Mehrheiten\u00a0 ertragen, nicht das Bild\u00a0 relevanter Opposition!<\/p>\n<p>(2) Foucault analysiert in \u201e\u00dcberwachen und Strafen\u201c eindr\u00fccklich, wie gelehrig die absolutistischen F\u00fcrsten Alteuropas\u00a0 das von klugen Jesuiten \u00fcbermittelte Vorbild Chinas \u00fcbernommen haben.\u00a0Ulrich Rauff \u00a0referiert und zitiert Carl Schmitt: \u201eDie Relativierung der Feindschaft, die Verneinung der absoluten Feindschaft, so Schmitt, ist eine der gr\u00f6\u00dften Errungenschaften der europ\u00e4ischen Zivilisation:`Es ist wirklich etwas Seltenes, ja unwahrscheinlich Humanes, Menschen dahin zu bringen, dass sie auf eine Diskriminierung\u00a0 und Diffamierung\u00a0 ihrer Feinde verzichten.\u00b4\u201c \u00a0(\u201cBruder Laden\u201c\u00a0\u00a0in\u00a0S\u00fcddt.Ztg. 9.10.01, S.17)\u00a0Wieder ist die chinesische \u201eTradition der \u00b4Natur\u00b4 des &#8211; verstaatlichten &#8211; Menschen n\u00e4her als die\u00a0Ideale der abendl\u00e4ndischen \u201eAufkl\u00e4rung\u201c es sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurzes Nachwort 20.11.2013<\/p>\n<p>Eine solche Nutzanwendung f\u00fcr den Unterricht sch\u00f6pft den Reichtum des Buches bei weitem nicht aus. Querverbindungen zu bekannteren \u00a0Darstellungen sollte ich einarbeiten. Zuletzt begegnete mir ein &#8222;Kuhstall&#8220; konkret auf einer DVD von Liao Yi-wu, publiziert in: Erinnerung bleib &#8230;, in der dreisprachigen Buch\/DVD\/CD- Publikation von Fly Fast Records, Berlin o.J. (2012)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/IMG_3644Kuhstall.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/IMG_3644Kuhstall-225x300.jpg\" alt=\"IMG_3644Kuhstall\" width=\"225\" height=\"300\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liu Binyan: A Higher Kind of Loyality &#8211; A Memoir by China&#8217;s Foremost Journalist, Pantheon Books, New York, 1990; Erstausgabe auf Taiwan. 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