{"id":9431,"date":"2018-09-07T19:35:09","date_gmt":"2018-09-07T17:35:09","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9431"},"modified":"2020-05-21T11:26:52","modified_gmt":"2020-05-21T09:26:52","slug":"ein-jahrhundert-nach-alekseev-der-alte-greis-china-wird-jung-der-westen-altert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9431","title":{"rendered":"Ein Jahrhundert nach Alekseev  &#8211;  Der \u201aalte Greis\u2019 China wird jung, der Westen altert."},"content":{"rendered":"<h5>9.7.18 &#8211; 9.9.2018<\/h5>\n<h5>Alekseevs Reisetagebuch von 1907 (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9400\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) macht dem Leser die Probleme Chinas in ihrer ganzen Tiefe bewusst, mehr als Thoralf Kleins Quellenstudie (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9385\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) aus der Perspektive der geistig beschr\u00e4nkten Basler Mission das kann. Denn auf dem Land ging das elende Leben ja irgendwie weiter, wie bereits seit Jahrhunderten.<\/h5>\n<h5>Nach Alekseevs Eindr\u00fccken und Gespr\u00e4chen 1907 zwischen Peking, Schantung und Sian erschienen Chinas Probleme unl\u00f6sbar. Wo sollte man \u00fcberhaupt anfangen?<!--more--><\/h5>\n<h5>Die Situation in und um China verlangte nach Revolution, und nat\u00fcrlich \u201avon oben\u2019.<\/h5>\n<h5>Das Bildungssystem war 1905 in absoluter Verkn\u00f6cherung an sein Ende gekommen. Lu Xuns Vergleich Chinas mit einem Greis in einem reichen Garten \u00fcberzeugt mich jetzt viel st\u00e4rker, besonders der Ausdruck \u201aGreis\u2019.<\/h5>\n<h5>Heute sind die Chinesen buchst\u00e4blich jung. Zeitweise schienen sie durch Maos Umw\u00e4lzungen g\u00e4nzlich geschichtslos, aber heute l\u00e4sst sich dem abhelfen, wenn auch mit einer geh\u00f6rigen Portion Nationalstolz. (Ist in Frankreich auch viel nicht anders.)<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Die neuen Barbaren aus dem Westen<\/h4>\n<h5>Nat\u00fcrlich bekamen damals die Konservativen Angst. Die Fremden machten nicht den Eindruck, als lie\u00dfen sie sich nach bew\u00e4hrtem Muster \u201asinifizieren\u2019, von der komplexen chinesischen Zivilisation vereinnahmen. Diese untereinander eifers\u00fcchtige Meute machte sich daran, mundgerechte Beutest\u00fccke herauszul\u00f6sen, nachdem sie in konzertierter Aggression den Widerstand des Reichs gebrochen hatte. Den Rest der Welt hatten bereits aufgeteilt, meist unter Einsatz l\u00e4cherlich geringer Ressourcen. Die Barbaren waren ebenso eingebildet wie die chinesische Elite und zeigten vor niemandem Respekt. Das hatten sie bereits \u00fcber ein Jahrhundert lang bewiesen. Auch ihr Z\u00f6gling Japan war bereits zum ebenso aggressiven R\u00e4uber mutiert und zwar innerhalb eins, zwei Generationen. Das chinesische Reich hatte \u00fcber ein halbes Jahrhundert notwendige Reformen vers\u00e4umt.<\/h5>\n<h5>Angesichts der Gr\u00f6\u00dfe des Reichs und seinen auseinander driftenden Zentren und Bev\u00f6lkerungsgruppen, auf die \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse in ganz verschiedenem Ausma\u00df einwirkten, war wieder eine lange \u00dcbergangsperiode, vielleicht sogar \u201aStreitender Reiche\u2019 zu erwarten. Ich versuche mir vorzustellen, wo China heute ohne den kommunistischen Faktor der Russischen Revolution und den Zweiten Weltkrieg st\u00fcnde.<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Wiederherstelllung der Integrit\u00e4t hie\u00df Abschlie\u00dfung.<\/h4>\n<h5>Die Mammutaufgabe der umfassenden \u201aModernisierung\u2019 von Land und Kultur h\u00e4tte wohl ohne eine radikale Abschlie\u00dfung des Landes von keiner Gruppe bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen.<\/h5>\n<h5>Die imperialistischen M\u00e4chte und nach dem Zweiten Weltkrieg ihre F\u00fchrungsmacht USA verhinderten \u00fcberall in der Welt jeden Versuch, sich ihrer Kontrolle zu entziehen. Wenn doch &#8211; etwa in Kuba, im Iran oder Afghanistan &#8211; eine hausgemachte Revolution nicht zu ersticken war, f\u00fchrte das zu einem endlosen Konflikt.<\/h5>\n<h5>Die Maoisten haben als revolution\u00e4re Dynastie gehandelt. Ihr Zentralismus hatte in China die Aufgabe, \u00e4u\u00dferer Einflussnahme kein Einfallstor zu bieten. Territoriale Integrit\u00e4t war wiederherzustellen und dauerhaft zu bewahren. Vor allem waren die weitr\u00e4umigen Gebiete zu stabilisieren \u2013 entlang der alten Seidenstra\u00dfe, angrenzend an die Sowjetunion und an Indien und Indochina. Daf\u00fcr mussten Mongolen, Zentralasiaten, Tibeter und andere kleine Minderheiten um jeden Preis \u201aintegriert\u2019 werden. Das &#8218;Chinesische Meer&#8216; war ohnehin f\u00fcr das n\u00e4chste halbe Jahrhundert durch die Vereinigten Staaten blockiert.<\/h5>\n<h5>Das Regime begann erst nach vierzig Jahren mit einer zentral kontrollierten \u00d6ffnung \u2013 zun\u00e4chst auf Wirtschaftsbeziehungen begrenzt &#8211; und man h\u00e4lt im Innern am Kontrollanspruch fest. Dazu weitet man den umfangreichen \u00dcberwachungs- und Sicherheitsapparat und den ideologischen Apparat aus, aber modernisiert sie planvoll zur Kontrolle der Infrastruktur im digitalen Zeitalter. Und man versucht nach au\u00dfen strategisch die Initiative zu gewinnen und behalten.<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Torheit des Westens. Jahrzehnte vertan.<\/h4>\n<h5>Ich wundere mich, dass auch kluge Leute im Westen seit zwei, drei Jahrzehnten \u00fcber die D\u00fcrftigkeit und Hohlheit der \u201akommunistischen Ideologie\u2019 herziehen. Die offizielle Staatsreligion Chinas war doch nie beeindruckend, es ging immer nur um die Indoktrination mittels N\u00fcrnberger Trichter kombiniert mit Repression bei mangelnder Loyalit\u00e4t.<\/h5>\n<h5>In Singapur, vielleicht auch Taiwan und sowieso in den chinesischen communities rund um die Welt h\u00e4tte man warnende Anzeichen f\u00fcr das innovative Potential der chinesischen Kultur erkennen k\u00f6nnen. Und das bereits vor zwei Jahrzehnten, als westliche Firmenvertretungen und Regierungen sich noch voller Gier um den vermuteten gigantischen Markt in China stritten und f\u00fcr einmalige Gro\u00dfauftr\u00e4ge jede Vorsicht fallen lie\u00dfen. Technologietransfer wurde in gro\u00dfem Ma\u00dfstab betrieben, auf die Aussicht geradezu idyllischen Freihandels hin. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg n\u00e4hrte Chinas zu erwartender &#8218;Markt&#8216; mit Hunderten von Millionen Konsumenten Tr\u00e4ume im Westen. Nichts dazu gelernt.<\/h5>\n<h5>Als Student war ich erstaunt \u00fcber die Ignoranz und das Desinteresse in der Linken an chinesischer Geschichte vor der \u201aKulturrevolution\u2019. Beim Antiquar konnte ich ungest\u00f6rt ganze Stapel alter Buchtitel abschleppen. An der frankfurter Universit\u00e4t unterrichtete ein Jesuit vor einem Dutzend Zuh\u00f6rer (Kroker) \u00fcber chinesische Rechtsphilosophie, \u00fcber Legisten <em>(jede Familie ein kleiner Staat<\/em>&#8230;.) und Konfuzianer (<em>Der Mensch ist gut, aber&#8230;<\/em>). Die unter der Ming-Dynastie ver\u00f6ffentlichten klassischen Romane lagen in fesselnden \u00dcbersetzungen (Franz Kuhn) vor, sie zeigten, wie es im alten China <u>vor<\/u> den Opiumkriegen zuging! Doch wer wollte das wissen? Es w\u00e4re n\u00fctzlich gewesen. Noch jetzt bei Alekseev und Thoralf Klein begegne ich kulturell verankerten Grausamkeiten, deren Erfindung ich den Kommunisten zugeschrieben hatte.<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Von Sengers \u201aStrategeme\u2019<\/h4>\n<h5>Vielleicht habe ich den Funktionalismus eines H. v. Senger vor ein paar Jahren missverstanden \u2013 die Regierenden in Peking f\u00fchlen sich von ihm wohl verstanden. Vielleicht ist ja nur die gew\u00e4hlte Sprache f\u00fcr einen Europ\u00e4er aus der demokratischen Schweiz zu zynisch, sein Auftreten eingebildet und seine Polemik in Frankfurt gegen den zarten sinophilen Diskussionspartner einfach zu schlicht (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=1524\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>).<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h4>Was soll\u00a0 aus unseren Menschenrechten und v\u00f6lkerrechtlichen Institutionen werden?<\/h4>\n<h5>Die Menschenrechte besa\u00dfen f\u00fcr mich noch vor drei\u00dfig Jahren einen hohen Rang, selbstredend im eigenen Land und als k\u00e4mpferische \u201eGrundrechte\u201c verstanden, damals am Ende der Bonner Republik, als \u201avom Staat\u2019 noch die gr\u00f6\u00dfte Gefahr f\u00fcr die Menschen auszugehen schien, weil Globalisierung und Digitalisierung in ihrem heutigen Ausma\u00df noch nicht vorstellbar waren. Die \u201eGrundrechte\u201c strahlten noch in jugendlichen Glanz, waren sie doch erst zusammen mit Willy Brandt aus der verlogenen Rechtsstaatskulisse der Nachkriegszeit befreit worden. Auch ich war jung und mit einer altersgem\u00e4\u00dfen Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Ungerechtigkeit und fremdes Leid umh\u00fcllt (Na ja).<\/h5>\n<h5>Seitdem die Stimmung des Aufbruchs zu einer menschlicheren Gesellschaft in Europa sich unauff\u00e4llig verabschiedet hat und die B\u00fcrger sich in Konsum, Dummtourismus und digitaler Vernetzung verpuppen, ist Schluss mit \u201aAufbruch\u2019. Nun droht unkontrollierte Zuwanderung. Die Chinesen, die auf der Neuen Seidenstra\u00dfe kommen, bringen wenigstens Vorbildung und Investorengeld mit.<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h5><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>9.7.18 &#8211; 9.9.2018 Alekseevs Reisetagebuch von 1907 (Link) macht dem Leser die Probleme Chinas in ihrer ganzen Tiefe bewusst, mehr als Thoralf Kleins Quellenstudie (Link) aus der Perspektive der geistig beschr\u00e4nkten Basler Mission das kann. Denn auf dem Land ging das elende Leben ja irgendwie weiter, wie bereits seit Jahrhunderten. 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