{"id":9414,"date":"2018-09-07T13:07:52","date_gmt":"2018-09-07T11:07:52","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9414"},"modified":"2022-10-12T22:39:29","modified_gmt":"2022-10-12T20:39:29","slug":"ein-starker-fetisch-in-tervuren-objekt-recherche-von-maarten-couttenier","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9414","title":{"rendered":"Ein starker Fetisch in Tervuren &#8211; Objekt-Recherche von Maarten Couttenier"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Weg des Objekts <em>EO.0.0.0.7943<\/em> aus Boma ins belgische Exil<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wer die ganze Story kennen will, f\u00fcr den hat sie <em>BMGN \u2013 Low Countries Historical Review,vol.133-2 (2018) pp. 79-90 &#8211;<\/em> in ihrer Juni-Nummer hochgeladen, aber den\u00a0 Link inzwischen\u00a0 wohl gel\u00f6scht. Zum pdf: <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/EO.0.0.7943.pdf\">EO.0.0.7943<\/a>.\u00a0 Gut zu lesen, anschaulich, nicht zu lang.<\/p>\n<p><span style=\"color: #003300;\"><!--more--><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns bem\u00fchen, anonymen Objekten ihre Geschichte zur\u00fcckzugeben, um <em>den musealen Raum zu humanisieren<\/em>, indem man ihm Geschichten und Gesichter gibt (83), schreibt Maarten Couttenier.<\/p>\n<div id=\"attachment_9415\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Tervuren.-EO.0.0.7943-Foto-Plusj.-Couttenier-fig.3-.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9415\" class=\"size-medium wp-image-9415\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Tervuren.-EO.0.0.7943-Foto-Plusj.-Couttenier-fig.3--170x360.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Tervuren.-EO.0.0.7943-Foto-Plusj.-Couttenier-fig.3--170x360.jpg 170w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Tervuren.-EO.0.0.7943-Foto-Plusj.-Couttenier-fig.3-.jpg 302w\" sizes=\"auto, (max-width: 170px) 100vw, 170px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9415\" class=\"wp-caption-text\">Tervuren Foto Plusj. nach: Couttenier fig.3<\/p><\/div>\n<p>Im Fall der Depotnummer <em>EO.0.0.0.7943 <\/em>sind die Bedingungen g\u00fcnstig: Das Objekt war bereits 1878\u00a0 am Kongo prominent. Der Erwerber Delcommune schrieb 1925 in seinen Memoiren <em>Vingt Ann\u00e9es africaines <\/em>Klartext. Die diversen Verlagerungen und Ausstellungen des Objekts in Europa und den USA lie\u00dfen sich aus Aktennotizen ermitteln. Maarten Couttenier reiste schlie\u00dflich 2016 nach Boma in der DRC und wurde dort sofort mit R\u00fcckgabeforderungen von Honoratioren konfrontiert, sobald er ihnen nur das Foto zeigte.<\/p>\n<p>Der Fetisch wurde in den kritischen Jahren unmittelbar vor der kolonialen \u00dcberw\u00e4ltigung Zentralafrikas durch den Vertreter eines europ\u00e4isches Wirtschaftsunternehmens\u00a0 erbeutet. Goma an der Kongom\u00fcndung, vorher ein f\u00fcr seine neun \u201aK\u00f6nige\u2019 und deren europ\u00e4ische Partner der verschiedenen Faktoreien profitabler Handelsplatz, wurde 1878 von D\u00fcrre und Hungersnot heimgesucht. Der Handel kam fast zum Erliegen. Die &#8218;K\u00f6nige&#8216; erh\u00f6hten die Geb\u00fchren betr\u00e4chtlich, um Einnahmen zu erhalten. Delcommune war Leiter einer solchen Faktorei und verf\u00fcgte \u00fcber ein gutes Dutzend S\u00f6ldner, die er mit Schneider- und Winchester-Gewehren ausr\u00fcstete. Es waren vor Ort eingekaufte Sklaven und an der liberianischen K\u00fcste angeheuerte Seeleute der Kru. Eine Kolonie existierte noch nicht, der Wind wehte aber schon aus dieser Richtung. Delcommune entschied sich nach Wildwest-Manier f\u00fcr \u00fcberraschende Feuer\u00fcberf\u00e4lle auf die D\u00f6rfer der &#8218;K\u00f6nige&#8216; und hatte Erfolg.<\/p>\n<p>Das Objekt <em>EO.0.0.7943<\/em> war ein gro\u00dfer Fetisch (Abbildung!), dem \u00fcbermenschliche Kr\u00e4fte zugeschrieben wurden und der seinem Besitzer ein Verm\u00f6gen einbrachte. Da die gro\u00dfe und schwere Figur auf der \u00fcberst\u00fcrzten Flucht von ihren Tr\u00e4gern in den Busch geworfen wurde, konnte der Fetisch vor dem Verlust nicht entsch\u00e4rft werden, war also vollst\u00e4ndig und funktionst\u00fcchtig. Delcommune nutzte ihn anschlie\u00dfend zum Schutz seiner Lagerh\u00e4user vor einheimischen Dieben, mit dem Unterschied, keine Geb\u00fchr zahlen zu m\u00fcssen. (85) Der fr\u00fchere Besitzer verhandelte nach dem &#8218;Friedensschluss&#8216; erfolglos um die R\u00fcckgabe.<\/p>\n<p>Der Aufsatz von Couttenier illustriert \u00fcbrigens auf afrikanischer Seite Verh\u00e4ltnisse, die McGaffey (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4251\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) und Kejsa Engholm Friedman (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5307\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) pr\u00e4gnant charakterisiert haben.<\/p>\n<p>Noch 2016 ging einer der Honoratioren in Boma davon aus, die Figur k\u00f6nne rituell reaktiviert werden und in Boma wieder ihren Dienst tun (81). Es war aber auch davon die Rede, ihn nach einer &#8218;Restitution&#8216; in einem Museum vor Ort aufzustellen.<\/p>\n<p>Reaktivierung oder Musealisierung im Kongo \u2013 was f\u00fcr eine Alternative!<\/p>\n<p>Doch was\u00a0 soll die Figur hier in Europa? Etwa herumgezeigt werden?<\/p>\n<p>Die \u00fcber und \u00fcber mit Seilen und N\u00e4geln \u201abekleidete\u2019 Figur wirkt zwar imposant und furchterregend. Doch die \u00fcbrigen Fetische in Museumsdepots k\u00f6nnen diese kongolesische \u00c4sthetik des Schreckens (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4445\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link)<\/a> ebensogut repr\u00e4sentieren. In einem Streit um kongolesische Objekte zwischen belgischen Akteuren fiel 1910 das b\u00f6se Wort <em>dirty Congolese things<\/em> (87). Das passt auf einen Fetisch, dessen Kr\u00e4fte man &#8218;mieten&#8216; konnte und der durch heimt\u00fcckisch eingefangene Seelen und Geister \u201abeseelt\u2019 wurde. Wer glaubt schon, dass dem Besitzer die moralische Berechtigung des Kunden f\u00fcr seine Aktion wichtiger war als die Bezahlung? Ein Machtinstrument ist immer ambivalent.<\/p>\n<p>Einen Eigennamen hatte und unverwechselbar war der Fetisch in seiner Heimat, wo wohl sp\u00e4ter eine Replik sp\u00e4ter den gleichen Schauder erzeugte. Man \u201aerkannte\u2019 zum Beispiel die Rinne auf der Stirn, die angeblich unz\u00e4hlige hilfesuchende H\u00e4nde verursacht hatten.<\/p>\n<p>Und der Bildungswert? Lohnt die Verk\u00f6rperung des universellen menschlichen Charakterzugs, immer zu den st\u00e4rksten Waffen zu greifen, die Aufstellung in Europa?<\/p>\n<p>W\u00e4re das nicht zum Beispiel bereits jenen Milieus in Europa l\u00e4stig, welche die \u201adunklen Seite\u2019 afrikanischer Gesellschaft lieber verschwinden lassen oder klein reden, schon aus der Bef\u00fcrchtung, \u201aPopulisten\u2019 w\u00fcrden sie f\u00fcr \u201arassistische&#8216; Propaganda missbrauchen?\u00a0 Oder umgibt man das Objekt mit einem ideologischen Schutzwall in der Hoffnung, ein Redeverbot von Unautorisierten \u2013 etwa in den sozialen Medien &#8211; durchzusetzen?<\/p>\n<p>Wenn der Fetisch im Ausland nicht gut aufgehoben ist, geh\u00f6rt er in den Kongo, auch wenn dort seine \u00dcberlebensprognose ung\u00fcnstig ist. Es w\u00e4re schon unwahrscheinlich, dass die Figur im Kongo bis heute\u00a0 \u00fcberlebt h\u00e4tte.\u00a0 Dazu h\u00e4tten nicht einmal Beh\u00f6rden und Missionare intervenieren m\u00fcssen. Sie zog unweigerlich Neid und Hass auf sich. Bereits 1879 f\u00fchrte der Streit um den Besitz des Fetisch zu einer blutigen Fehde zwischen vorher verb\u00fcndeten &#8218;K\u00f6nigen&#8216; in Boma. Regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrende Zerst\u00f6rung von &#8218;Fetischen&#8216; (Ikonoklasmus) sei kongolesischer Alltag, wiederhole sich im Abstand von zehn bis zwanzig Jahren, schrieb ein Autor. Und jeden Tag entstehen dort neue.<\/p>\n<p>Wenn er wirklich dort die kommenden Jahrzehnte \u00fcberlebte, k\u00f6nnte der Fetisch au\u00dfer Dienst vielleicht irgendwann vom Beginn der dunkelsten Epoche des Kongo Zeugnis ablegen. Erst dann k\u00e4me er f\u00fcr den Rang eines &#8222;Weltkulturerbes&#8220; infrage! Und wenn Deutschland auch in der Zukunft noch Experten f\u00fcr die \u201eAufarbeitung\u201c barbarischer Zeitgeschichte ausleihen kann, k\u00f6nnten die den Nachgeborenen vielleicht Hilfestellung leisten. Das alles ist eher unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Maarten Couttenier spricht von drei Restitutionsforderungen zu drei unterschiedlichen Zeiten. Damit verwischt er grundlegende Unterschiede der drei Restitutionsforderungen:<\/p>\n<p>&#8211; Die pers\u00f6nliche R\u00fcckforderung des nach afrikanischem Faustrecht Enteigneten, denn der Fetisch wurde von Fl\u00fcchtenden weggeworfen, wurde als Geisel des Siegers betrachtet und behielt zun\u00e4chst seine afrikanische Nutzung<\/p>\n<p>&#8211; die offizielle R\u00fcckforderung durch Staatschef Mobutu aber dies pauschal im Paket<\/p>\n<p>&#8211; und schlie\u00dflich die R\u00fcckforderung in einem Palaver und begr\u00fcndet auf Medien und H\u00f6rensagen.<\/p>\n<p>Der Fall hat sich in \u00fcber einem Jahrhundert kompliziert. Obwohl rein zuf\u00e4llig und bereits vor dem Kolonialregime in den Besitz des Belgiers gelangt, wurde das Objekt durch seine weitere Geschichte &#8211; die \u00dcbergabe an den belgischen Staat und ein Gezerre verschiedener Institutionen um seinen Besitz &#8211; zu einer &#8218;Troph\u00e4e&#8216;.<\/p>\n<p>&#8218;Troph\u00e4e&#8216; verbindet gewaltsame Bem\u00e4chtigung und Entf\u00fchrung der dinglichen &#8218;Geisel&#8216; an einen Exilort, wo sie ihrer Bez\u00fcge und Bedeutungen entkleidet wird, vor allem ihren sozialen Rang verliert, mit der Zuschaustellung vor einem <em>poorly informed<\/em> Publikum.\u00a0 Mit jeder Ausstellung ihrer Kraftfigur wurden die besiegten und bestohlenen Kongolesen erneut gedem\u00fctigt, w\u00e4hrend\u00a0 im Triumph der Raub erneut gegenw\u00e4rtig war. Ich w\u00fcsste gern, warum die zust\u00e4ndigen Museumsexperten dieser Figur in Europa und den USA\u00a0 eine so herausragende Ausstellungskarriere er\u00f6ffnet haben, wohlgemerkt ohne dass deren spezielle und bedeutsame Geschichte eine Rolle gespielt h\u00e4tte. Ist das nicht typisch f\u00fcr ein &#8218;Kolonialmuseum&#8216;, wie es in Tervuren 2013 geschlossen\u00a0 wurde?<\/p>\n<p>\u201e<em>D\u00e9fendons des mus\u00e9es ouverts au changement<\/em>\u201c, zitiert Couttenier C.Fromont, und H.Vanhee (89) \u201e<em>Verteidigen wir Museen, welche f\u00fcr \u00c4nderungen offen sind\u201c<\/em>. Hoffentlich ist das Tervuren so etwas, wenn es ende 2018 nach f\u00fcnf Jahren seine T\u00fcren dem Publikum wieder \u00f6ffnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff6600;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h4>EIN <em>ARTE<\/em>-FEATURE VERSUCHT SICH AN DER <span style=\"text-decoration: line-through;\">DEKONTAMINIERUNG\u00a0<\/span>\u00a0 &#8218;DEKOLONIALISIERUNG&#8216; DES EINST BER\u00dcCHTIGTEN TERVUREN MUSEUMS. Beitrag\u00a0 wurde am 14. Mai 2020 separiert und erweitert! (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=11377\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a>)<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg des Objekts EO.0.0.0.7943 aus Boma ins belgische Exil Wer die ganze Story kennen will, f\u00fcr den hat sie BMGN \u2013 Low Countries Historical Review,vol.133-2 (2018) pp. 79-90 &#8211; in ihrer Juni-Nummer hochgeladen, aber den\u00a0 Link inzwischen\u00a0 wohl gel\u00f6scht. 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