{"id":9382,"date":"2018-09-05T01:08:12","date_gmt":"2018-09-04T23:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9382"},"modified":"2020-05-21T17:51:36","modified_gmt":"2020-05-21T15:51:36","slug":"einfach-engel-oder-lieber-post-mittelalterliche-angelogie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9382","title":{"rendered":"Einfach Engel oder m\u00f6gen Sie eine post-mittelalterliche Angelogie lieber?"},"content":{"rendered":"<h4><span style=\"color: #800000;\"><strong>Cattin\/ Faure \u201eDie Engel und ihr Bild im Mittelalter<\/strong>\u201c (Zodiaque, dt. Schnell &amp; Steiner 2000) nach dem Besuch von Auxerre betrachtet<\/span><\/h4>\n<h5>Eins der spirituellen B\u00fccher von Zodiaque will mir auf den zweiten Blick nicht mehr gefallen, nachdem ich es noch freudig ins Reisegep\u00e4ck stopfte. Der Philosoph Yves Cattin schw\u00e4rmt, der Medi\u00e4vist Philippe Faure schl\u00e4gt die Bilder vor und erkl\u00e4rt sie. Die eindr\u00fccklichen Fotos stammen aus unterschiedlichen Quellen, teilweise von Zodiaque.<!--more--><\/h5>\n<h5>Fragw\u00fcrdig ist der Essay, nicht nur, weil er von \u201afranz\u00f6sischer\u2019 Geschw\u00e4tzigkeit und immer ein wenig in der Haltung einer Anbetung mit gefalteten H\u00e4nden geschrieben ist. So aufgeregt schrieben franz\u00f6sische Literaten im 20. Jahrhundert \u00fcber den Eros. <em>Ich wei\u00df nicht, ob ein solches Sprechen, das, kaum ge\u00e4u\u00dfert, sogleich wieder zu verstummen und sich dem Vergessen anheim zu geben vermag. (9) <\/em><\/h5>\n<h5>Wie katholische Kleriker hat der Autor Kreide gefressen, damit auch Polemik den Eindruck von N\u00e4chstenliebe erweckt.<\/h5>\n<h5>Es gibt sogar noch Schlimmeres: <em>Wir riskieren, wenn wir dieses Buch durchbl\u00e4ttern, darin nichts weiter zu sehen als ein Kunstbuch wie andere auch und darin nicht mehr zu suchen als ein \u00e4sthetisches Vergn\u00fcgen, das zwar die Umrisse und die Gesichter sieht, aber nie die Seele entdeckt, die sie belebt. Die Kultur und das Wissen unserer Zeit sind schon so weit von den Engeln verlassen, dass wir ihre Sprache nicht mehr beherrschen, ja sie nicht einmal mehr h\u00f6ren.<\/em> (9)<\/h5>\n<h5><em>Kunstbuch<\/em> wird herabsetzend verwendet. <em>Gesichter<\/em> ebenso, obwohl das Buch in der Reihe <em>Gesichter des Mittelalters <\/em>erschienen ist. Ich kann die S\u00e4tze erst wieder nachvollziehen, wenn ich sie mit den Augen von M.-A. Couturier lese (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9306\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>). Das gelingt mir hier aber nicht.<\/h5>\n<h5>Das sch\u00f6ne Buch zeigt zweifellos inspirierte mittelalterliche Malereien und Skulpturen, und insoweit nicht blo\u00df Handwerk, das Bildprogramm ist individuell und empathisch \u00fcbersetzt, also Kunst im traditionellen Sinn, vielleicht sogar in frommer Haltung erschaffen. Aber es war Handwerk, im Auftrag geschaffen und erst mit der Einsegnung sakral, nicht anders als die entsprechenden Bildwerke in \u201aheidnischen\u2019 Kulturen. In der Wahrnehmung Ungetrenntes wird von Cattin mit Absicht getrennt, als Oberfl\u00e4che und Seele.<\/h5>\n<h5>Der Gedanke einer allgemeinen S\u00e4kularisierung ist nicht neu und wird h\u00e4ufiger ge\u00e4u\u00dfert, auch von Couturier, aber hier geschieht das tendenzi\u00f6s.<\/h5>\n<h5>Es geht nur metaphorisch um <em>die Sprache der Engel<\/em>.<\/h5>\n<h5><em>Die mittelalterlichen Denker glaubten, wie alle Menschen <\/em>(?) <em>ihrer Epoche, an die Engel. Aber ihr Glaube war keineswegs naiv, und sie haben in seinem Dienst einen enormen Aufwand an Reflexion und Rationalit\u00e4t getrieben. Ihre Zeit war rational und zuweilen sogar rationalistisch. <\/em>(14)<\/h5>\n<h5>Gerade wegen des <em>enormen Aufwand<\/em>(s)<em> an Reflexion und Rationalit\u00e4t<\/em> bietet Cattin den Lesern <em>die lange, fein differenzierte mittelalterliche Reflexion als Geleit an <\/em>(9). <em>Die mittelalterliche Ikonographie \u00fcber die Engel basiert also auf einer unerm\u00fcdlichen Meditation, die jener Vorstellungswelt, die uns heute obskur und archaisch <\/em>\u2013 sollte man nicht sagen: ketzerisch \u2013 <em>anmutet, ihren Sinn verleiht. <\/em>(15)<\/h5>\n<h5>Was f\u00fcr einen <em>Sinn<\/em>? Ging es nicht um Einhegung und Neutralisierung einer <em>phantastischen Vorstellungswelt <\/em>(13), um wild wuchernde volkst\u00fcmlichen Legenden. Man stelle sich vor, Pfingstkirchler aus dem Kongo n\u00e4hmen diese Bildangebote heute f\u00fcr ihre Zwecke auf! Na gut, in eng sitzenden Ma\u00dfanz\u00fcgen fliegt es sich schlecht, aber es gibt auch Kirhenf\u00fchrer in weiten strahlend wei\u00dfen Gew\u00e4ndern.<\/h5>\n<h5>Zugleich ging es der kirchlichen Obrigkeit um Disziplinierung der spirituellen Schw\u00e4rmerei allzu mystisch inspirierter Geistlicher. Cattin ver\u00f6ffentlicht seine \u201avorbildliche\u2019 eigene theologische <em>Meditation <\/em>zur k\u00fcnftigen Orientierung der verbliebenen Frommen..<\/h5>\n<h5>Aber auch historische und intellektuelle Distanz ist ihm nicht erw\u00fcnscht, dem Bildinterpreten Faure wohl nicht erlaubt, der sich als dienstbarer Geist bet\u00e4tigt. Dabei stand jeder Engel in rhetorischen Kontexten, die wenn sie die Wahrnehmung beherrschen, das \u201aLicht\u2019 der Engel im Mittelalter schw\u00e4chen. Nicht nur die Lekt\u00fcre als <em>Kunstbuch wie andere auch<\/em>, sondern auch die Lekt\u00fcre als historische Studie <em>wie andere auch <\/em> ist unerw\u00fcnscht.<\/h5>\n<h5>Die laue Anerkennung <em>heidnischer Kulturen <\/em>bei Cattin reicht mir nicht aus. Denn <u>denen<\/u> stehen vor allem die romanischen Skulpturen mental und formal weit n\u00e4her als es modernere tun. Es fehlt mir im Text auch das Eingest\u00e4ndnis, wie die Kirchen sich an anderen heterodoxen <em>Vorstellungswelten <\/em>\u201avers\u00fcndigt\u2019 haben, ob denen von Ketzern oder der Heiden.<\/h5>\n<h5>Der k\u00fchne intellektuelle Sprung \u00fcber fast ein Jahrtausend soll der abgelebten christlichen Kirche unter den Gebildeten Anerkennung verschaffen. Ist vielleicht dies Buch nicht gerade darin <em>ein Kunstbuch wie andere auch<\/em>?<\/h5>\n<h5>Ich werde seit langem von romanischer Kunst angezogen. Ich suche aber die Begegnung mit einzelnen Darstellungen und Originalen vor Ort, mit einigen mehr als anderen. Ich brauche dazu nicht prim\u00e4r die Erkl\u00e4rungen, geschweige eine ganze Engelskunde, <em>Angelogie <\/em>(15), w\u00fcnschte mir viel eher konkrete Informationen zu Entstehung und Schicksal. In Afrika sind mir entsprechende \u201aspiritualisierende\u2019 Darstellungen \u2013 wohl nach katholischem kolonialem Vorbild, gerade in der \u201aFrancophonie\u2019 \u2013 als intellektuelles eben pseudotheologisches Konstrukt verd\u00e4chtig.<\/h5>\n<h4><\/h4>\n<div id=\"attachment_9411\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_9219_plan-de-crypte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9411\" class=\"size-thumbnail wp-image-9411\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/IMG_9219_plan-de-crypte-170x150.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9411\" class=\"wp-caption-text\">Auxerre Kloster Plan der Krypta (striktes Fotoverbot)<\/p><\/div>\n<p>Beim Vergleich der beiden benachbarten Krypten in Auxerre\/Burgund h\u00e4tte ich die der Kathedrale vorgezogen, weil sich im mittelalterlichen Klosterkeller eine un\u00fcbersehbare Menge Sarkophage um das zentrale Heiligengrab dr\u00e4ngeln. Die Krypta der Kathedrale war vorher eine vollst\u00e4ndige, von sp\u00e4teren Kirchenf\u00fcrsten buchst\u00e4blich in den Boden gedr\u00fcckte Kirche, die mehr aus funktionalen als spirituellen Motiven im Untergeschoss erhalten wurde.<\/p>\n<p>.<\/p>\n<div id=\"attachment_9409\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-KryptaIMG_9315.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9409\" class=\"wp-image-9409\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-KryptaIMG_9315-270x360.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"320\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-KryptaIMG_9315-270x360.jpg 270w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-KryptaIMG_9315-675x900.jpg 675w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-KryptaIMG_9315-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-KryptaIMG_9315.jpg 825w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9409\" class=\"wp-caption-text\">Auxerre Dom Krypta<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_9410\" style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-Engel.IMG_9298.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9410\" class=\"wp-image-9410\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-Engel.IMG_9298-270x360.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"320\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-Engel.IMG_9298-270x360.jpg 270w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-Engel.IMG_9298-675x900.jpg 675w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-Engel.IMG_9298-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Auxerre-Dom-Engel.IMG_9298.jpg 825w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9410\" class=\"wp-caption-text\">Auxerre Dom Engel im Winkel<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Ich verstehe meinen Text nicht als antichristlich. Kirchenf\u00fcrsten hatten \u00fcber Jahrhunderte eine verantwortungsvolle Rolle. Die im Mittelalter wirkende Rivalit\u00e4t milit\u00e4risch-politischer und geistlicher F\u00fchrer ersparte Europa ein Jahrtausend der Despotie, war die Urform der \u201aGewaltenverschr\u00e4nkung\u2019 (Montesquieu). Die gro\u00dfen mittelalterlichen Bauprojekte geh\u00f6ren zu denen aller Machteliten der Menschheit. Man muss sie nicht dem \u201aChristentum\u2019 ankreiden, Punkt.<\/h5>\n<h5>Ich mag nicht eine aus durchsichtigen Motiven betriebene \u00dcberh\u00f6hung von Herrschaftsformen. Vor allem ist mir\u00a0 \u201aspirituelle\u2019 \u00dcberh\u00f6hung in der Gegenwart unertr\u00e4glich. Die hat mit praktischen politischen Probleml\u00f6sungen nichts zu tun.<\/h5>\n<h5>Oder vielleicht doch? Ist Traditionspflege nur mit Beschr\u00e4nktheit oder bewusster Selbstbeschr\u00e4nkung vereinbar? Muss man die hinnehmen? Muss man f\u00fcr jeden irgendwo noch funktionierenden Antrieb dankbar sein?<\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h5><\/h5>\n<h5><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cattin\/ Faure \u201eDie Engel und ihr Bild im Mittelalter\u201c (Zodiaque, dt. Schnell &amp; Steiner 2000) nach dem Besuch von Auxerre betrachtet Eins der spirituellen B\u00fccher von Zodiaque will mir auf den zweiten Blick nicht mehr gefallen, nachdem ich es noch freudig ins Reisegep\u00e4ck stopfte. 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