{"id":936,"date":"2013-08-25T10:58:51","date_gmt":"2013-08-25T09:58:51","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=936"},"modified":"2019-04-08T22:57:17","modified_gmt":"2019-04-08T20:57:17","slug":"bruno-liebrucks-oder-das-entgleiste-impulsreferat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=936","title":{"rendered":"Bruno Liebrucks oder das entgleiste &#8218;Impulsreferat&#8216;"},"content":{"rendered":"<p>Das m\u00fchsame Transkribieren einer durch St\u00fchler\u00fccken und Verkehrsger\u00e4usche gest\u00f6rten\u00a0Tonbandaufnahme wurde zu einer bewegenden Begegnung mit Stimme, rednerischem Gestus und Argumentation meines Lehrers nach f\u00fcnfzig Jahren, andererseits auch zu einer Entdeckungsreise in ein l\u00e4ngst hinter meinen Horizont verschwundenes Denken. \u00a0In diesem Text versuche ich zum ersten Mal, mir dar\u00fcber klar zu werden. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 dvg \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<!--more-->\u00a0<b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/b><\/p>\n<p><b>Das entgleiste Impulsreferat<\/b> (bevor es das Wort gab)<\/p>\n<p>Der vorherrschende Eindruck ist: Ja, hier wird Pathos laut, reines Pathos. Und das vor Studenten. Mit auff\u00e4lligen Akzentsetzungen und geradezu zelebrierten Wiederholungen h\u00e4mmert er seine philosophischen Heilsformeln \u00a0ein.<\/p>\n<p>Buchst\u00e4blich in letzten Minute f\u00fcgt er spontan ein weiteres Thema ein, holt sich damit Kant an die Seite. Ahnung des bisher ungeheuren Anspruchs an die H\u00f6rer und der atemberaubenden Abstraktheit der Anmutung? Er reitet nun auf einer suggestiven Metapher herum, dem \u201eSchlachten lassen\u201c von Menschen im Krieg.<\/p>\n<p>Seine Rede schallt aus einer Raumkapsel, ohne rhetorische oder p\u00e4dagogische Kompromisse. Die Wiederholungen sollen das Ged\u00e4chtnis entlasten, k\u00f6nnen aber auch als lutherhaft erratisch vorgetragene Bekenntnisformel gelesen werden: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. So reden m\u00f6gliche Blutzeugen.<\/p>\n<p>Wenn er auch eine Diskussion vorbereiten will, so schl\u00e4gt er doch mit beeindruckender Energie nur Pfl\u00f6cke ein, innerhalb derer sie sich gef\u00e4lligst halten soll. Im Ergebnis werden auch nur ein paar sch\u00fcchterne Fragen an ihn gerichtet, bevor die Diskussion wirklich einsetzt, zwischen ihn und seinem jugendlichen Herausforderer, dem Kantianer Peter Reisinger, der bei Cramer promoviert, und den er bereits gut kennt.<\/p>\n<p>Was Liebrucks an Versatzst\u00fccken der Realit\u00e4t aus der H\u00f6he herabl\u00e4sst, Reizworte aus der gesellschaftlichen Sph\u00e4re, sind K\u00f6der, an denen der Diskutant unweigerlich in die H\u00f6he gezogen, entf\u00fchrt werden kann.<\/p>\n<p>Alle Fragen im Bezug zu unserer Lebenswelt, in der Bruno Liebrucks damals auftrat, bleiben auch bei der Lekt\u00fcre nach fast f\u00fcnfzig Jahren offen: Was? Wann? und vor allem Wie?\u00a0Zum Beispiel die magische Bedeutung des Partizips Perfekt von \u201aaussprechen\u2019: \u201aausgesprochen\u2019. Damit soll der Bann der ewigen Wiederholung gel\u00f6st sein?<\/p>\n<p>Die bekannte generelle bundesdeutsche \u201aMentalit\u00e4ts\u00e4nderung\u2019, wohlgemerkt <span style=\"text-decoration: underline;\">nach<\/span> 1966,\u00a0 soll uns heute einmal als unterst\u00fctzendes Beispiel f\u00fcr Liebrucks\u2019 These dienen. Was hie\u00dfe das dann aber?<\/p>\n<p>Historiker k\u00f6nnen ein weit verzweigtes Geflecht von Wirkungsfaktoren anf\u00fchren, das den Urteilshorizont jedes Individuums, aber auch von Gruppen weit \u00fcbersteigt. Das liegt beispielsweise an deren konkretem Standort in der Welt und in der Zeit, an ihren Interessen und an ihrem Engagement. Das wusste auch schon Schopenhauer, um nur einen zu nennen.\u00a0Soll der Philosoph also den emotionalen R\u00fcckzug aus der Politik anstreben, um eine stoische Ruhe zu h\u00f6heren Zwecken unverbogener Erkenntnis zu erhalten? Als B\u00fcrger eines wie auch immer demokratischen Rechtsstaats macht sich Liebrucks mit seinem Pathos l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Widerstand? Kants Widerst\u00e4ndigkeit? Warum nicht. Doch repr\u00e4sentierte bereits die Formulierung \u201eschlachten lassen\u201c in einer entlegenen Fachpublikation, zudem mit der Imprimatur preu\u00dfischer Zensurbeh\u00f6rden, den Epochenwandel, Mentalit\u00e4tswandel in Europa? Was musste alles an schmutzigen zuf\u00e4lligen Faktoren dazukommen, um die kantische Ethik zu bef\u00e4higen, in der westlichen Welt \u00fcberhaupt Wirkungen zu entfalten? Und wann bitte? In welcher Verd\u00fcnnung?<\/p>\n<p>Wie schwach sind Liebrucks\u2019 Formulierungen, wenn es um reale M\u00e4chte geht. Da fallen mir prompt seine kleinm\u00fctigen Anstrengungen ein, um im Dritten Reich zu Anfang des Krieges eine Professur in Philosophie zu erhalten. Ich habe erst vor kurzem davon erfahren.<\/p>\n<p><i><span style=\"text-decoration: underline;\">Sagen, <\/span>was <span style=\"text-decoration: underline;\">ist<\/span> \u2013 <\/i>In einer <i>freien Gesellschaft<\/i><i>\u00a0<\/i>ist wahrlich keine besondere Leistung, f\u00fcr die professionell ausgefeilte <i>Philosophie <\/i>des Deutschen Idealismus n\u00f6tig w\u00e4re, die erst mit kosmischer Versp\u00e4tung begrifflich erarbeitete Antworten auf die Situation der Zeit zu liefern verspricht, die auch noch unvollkommen sein und ein Verfallsdatum tragen sollen. Hans Blumenberg hat auf die Hoffnungen amerikanischer Raumfahrt mit Ironie &#8211; oder nicht eher Humor? &#8211; geantwortet. Er machte sich \u00fcber das unl\u00f6sbare Zeitproblem des von Tr\u00e4umern bei der NASA ersehnten Kontakts zu h\u00f6heren Intelligenzen im Kosmos lustig. Das Lachen ist heilsam. Aus der Falle von Zusp\u00e4tkommen und Vergessen, auch Vergessenwerden gibt es kein Entkommen.<\/p>\n<p>(das Folgende habe ich direkt in die Maschine geschrieben)<\/p>\n<p>Wenn Liebrucks\u2019 Intervention Philosophie ist \u2013 und die Zeichen sprechen daf\u00fcr \u2013 muss sie sich fragen lassen, <span style=\"text-decoration: underline;\">wie<\/span> sie in ihre Zeit spricht.<\/p>\n<p>Ich bedauerte seinerzeit, dass er kaum Aufs\u00e4tze ver\u00f6ffentlichte. Ich habe in den f\u00fcnf Jahren unseres Kontaktes von keinem erfahren. Liebrucks widmete sein ganzes Leben ausgerechnet dem ungewissen Nachruhm. Er arbeitete an Beweisen im Kontext klassischer Philosophie, die von der Gesellschaft nicht mehr gefordert wurden, gar nicht mehr gefragt waren. Seine am Ende seines Beitrags fast schon vergessenen Ratschl\u00e4ge an die studentische Jugend, gerade die Freistellung von der Politik als Chance zu sehen, bezog sich auf eine Situation der Universit\u00e4t, die von der Politik bereits als anachronistisch behandelt wurde. Seit dem Bologna-Prozess ist sie ohnehin Geschichte.<\/p>\n<p>Wichtiger sind andere Vers\u00e4umnisse, zun\u00e4chst ein Paradox: den Erwartungen der studentischen H\u00f6rer entsprechen zu m\u00fcssen, etwa einen gegen\u00fcber den praktischen <i>Ert\u00fcchtigungs<\/i>versprechen der <i>Rhetoriker<\/i> gleichwertigen Nutzen anbieten zu sollen, aber das nicht zu k\u00f6nnen. Der Philosoph spricht aus seinem Elfenbeinturm, propagiert nur ganz allgemein den Eintritt, obwohl er wissen muss, dass er die Studenten mit der Propaganda des Politikverzichts vor den Kopf st\u00f6\u00dft. Vielleicht wirbt er auch gar nicht, vielleicht sucht er auch nur Anerkennung f\u00fcr eine verbarrikadierte Disziplin, von der man sich fragt, wozu sie gut ist.<\/p>\n<p>So \u00f6ffnet er ihnen in den ganzen f\u00fcnfunddrei\u00dfig Minuten die T\u00fcr zur Philosophie nicht einen Spalt breit, er l\u00e4sst keine Zugbr\u00fccke, keine Leiter hinab, hinab, obwohl er, daran l\u00e4sst er keinen Zweifel, die Philosophie, die er vertritt, er als einzig wahren Ort betrachtet, von dem aus der \u00dcberblick, der Durchblick, der Einblick in die Zeit zu gewinnen ist.<\/p>\n<p>Ich frage mich heute, ob solche Disziplin \u00fcberhaupt zur universit\u00e4ren Lehre geh\u00f6rt und nicht in ein Forschungsinstitut f\u00fcr Postgraduierte. Studenten sind noch viel zu gr\u00fcn, um dem etwas\u00a0Sinnvolles abzugewinnen. Wie Sokrates und Plato h\u00e4tte er sich vom politisch definierten Bildungsbereich abwenden sollen. Mit dem reifen Alter f\u00fchle ich mich \u00fcbrigens am rechten Platz.<\/p>\n<p>So., den 25.8.13<\/p>\n<p>Ein paar Jahre \u00e4lter bin ich schon zu &#8218;reif&#8216; dazu. Adieu. \u00a0 8.4.2019<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das m\u00fchsame Transkribieren einer durch St\u00fchler\u00fccken und Verkehrsger\u00e4usche gest\u00f6rten\u00a0Tonbandaufnahme wurde zu einer bewegenden Begegnung mit Stimme, rednerischem Gestus und Argumentation meines Lehrers nach f\u00fcnfzig Jahren, andererseits auch zu einer Entdeckungsreise in ein l\u00e4ngst hinter meinen Horizont verschwundenes Denken. \u00a0In diesem Text versuche ich zum ersten Mal, mir dar\u00fcber klar zu werden. \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[191],"tags":[],"class_list":["post-936","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bruno-liebrucks-1966"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=936"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10169,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/936\/revisions\/10169"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}