{"id":9144,"date":"2018-06-21T11:07:39","date_gmt":"2018-06-21T09:07:39","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9144"},"modified":"2020-05-21T17:55:55","modified_gmt":"2020-05-21T15:55:55","slug":"picasso-le-trocadero-demoiselles-darles-1907-primitivismus-w-rubin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9144","title":{"rendered":"Picasso &#038; Le Trocadero  &#038; 1907 &#038; Les Demoiselles &#038; Primitivismus &#038; W. Rubin"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Jean-Louis Paudrat schildert in seiner Rezeptionsgeschichte \u201aAus Afrika\u2019 (in: Primitivismus in der Kunst des 20.Jahrhunderts, William Rubin (Hrsg.), Prestel 1984, S.151f.) eine starke Anekdote \u00fcber die Themen Wahrnehmung und Begreifen afrikanischer Kunst. <\/span>Dazu ver\u00f6ffentlichte ich im April 2016 bereits einen Beitrag: \u201ePicasso entdeckt Afrika im Trocadero 1907\u201c (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4110\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>).<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Von derselben Erfahrung richtet sich der Blick heute auf Picassos ehrgeizigem Ringen um ein Programmbild: \u201e<em>Les Demoiselles d\u2019Arles<\/em>\u201c (<em>Die Fr\u00e4uleins von Arles<\/em>). Ich zitiere noch einmal Paudrat, wende mich dann zur Darstellung von William Rubin in derselben Publikation .<!--more--><\/span><\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\"><span style=\"color: #ff0000;\"> J.L. Paudrat :<br \/>\n<\/span><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">\u201eWelche Objekte Picasso vorher auch gesehen hat, man sollte die Bedeutung seines Besuchs im Trocad\u00e9ro im Fr\u00fchjahr 1907 nicht untersch\u00e4tzen. Ohne im Widerspruch zu fr\u00fcheren Erfahrungen zu stehen, offenbarte sich Picasso durch diese neue Erfahrung die primitive Kunst in einer Bedeutung und Dimension, die er bis dahin nicht wahrgenommen hatte. Den Bericht, den er drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter Andr\u00e9 Malraux dar\u00fcber gab, ist in dieser Hinsicht sehr erhellend. (A.M., La T\u00eate obs\u00e9dienne, p.17ff.) Als er allein die R\u00e4ume des Trocad\u00e9ro betrat, w\u00fcnschte er sogleich der absto\u00dfenden Atmosph\u00e4re des Ortes zu entfliehen, f\u00fchlte sich aber gleichzeitig unwiderstehlich angezogen: \u201a<em>Es war ekelhaft. Der Flohmarkt. Der Geruch\u2026 Ich wollte sofort wieder hinaus. Ich ging nicht. Ich blieb. Ich blieb<\/em>.\u2019 Er f\u00fchlte, da\u00df \u201a<em>sich in ihm etwas ereignete, \u2026 da\u00df es sehr wichtig war<\/em>.\u2019 Ihm wurde pl\u00f6tzlich \/ klar, \u201a<em>warum er Maler war<\/em>\u2019. Denn anders als Derain, Matisse und Braque, f\u00fcr die \u201a<em>Fetische<\/em>\u2019, \u201a<em>les n\u00e8gres<\/em>\u2019, nur einfach \u201a<em>gute Plastiken \u2026 wie andere auch<\/em>\u2019 waren, hatte er erkannt, da\u00df diese Masken vor allem \u201a<em>magische Dinge<\/em>\u2019, \u201a<em>Medien<\/em>\u2019, \u201a<em>Vermittler<\/em>\u2019 zwischen dem Menschen und den dunklen M\u00e4chten des B\u00f6sen waren, genau so m\u00e4chtig wie die <em>drohenden Geister<\/em> auf der ganzen Welt, <em>Werkzeuge <\/em>und <em>Waffen<\/em>, mit denen man sich von den Gefahren und \u00c4ngsten, die die Menschheit bedrohen, befreien konnte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Ohne die Empfindungen Picassos in diesem <em>schrecklichen Museum <\/em>schm\u00e4lern zu wollen, muss man einr\u00e4umen, da\u00df sie eine gewisse Berechtigung hatten. 1907 war der afrikanische Saal (\u2026) ein sehr kleines \u00fcberf\u00fclltes Depot, in dem einige der erstaunlichsten, vom menschlichen Geist ersonnenen Werke hastig und ohne jedes Konzept aufgestellt worden waren. (\u2026) Man konnte sich kaum vom Rand zur Mitte bewegen, mu\u00dfte bei jedem Schritt aufpassen, nicht zu stolpern: hier gegen eine lebensgro\u00dfe menschliche Statue, dort gegen einen \u00fcberladenen Ausstellungsschrank. (\u2026.) Man konnte schon erschrecken vor den Mischwesen dieses phantastischen Bestiariums (Abb.162), vor der Gewalt und dem Schmerz, die von diesen geritzten oder mit N\u00e4geln gespickten K\u00f6rpern ausgingen, von der Angst, die einem die wildblickenden, geisterhaften Erscheinungen einjagten, oder vor dem wie durch Zauberei belebten Material.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Dennoch bot dieses vom Sakralen gepr\u00e4gte Universum nicht die Bilder eines fernen, von rachs\u00fcchtigen Gottheiten und d\u00e4monischen Monstren bev\u00f6lkerten Pantheons dar. Selten von \u00fcberw\u00e4ltigender Monumentalit\u00e4t, verband es stattdessen chthonische Geister, lebendige Vorfahren, heilspendende Muttergottheiten und sch\u00fctzende Fetische. Damit wurde es m\u00f6glich, die Vermischung des Heiligen mit der menschlichen Erfahrung, das Ineinanderflie\u00dfen des kultischen und des allt\u00e4glichen Lebens zu betrachten. (\u2026) Was Picassoo im Trocad\u00e9ro entdeckte, was ihn durchdrang, hat sich vielleicht auf dieser Bewu\u00dftseinsebene abgespielt. (\u2026)\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #ff0000;\">William Rubin: \u201ePicasso\u201c<\/span><\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Rubin versucht diesen Besuch und diese Erfahrung in die Entstehungsgeschichte der \u201eD\u00e9moiselles d\u2019Avignon\u201c einzuordnen und Voraussetzungen wie Reichweite des Einflusses genauer abzukl\u00e4ren. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Was im Text von Paudrat auch schon mitschwingt, aber eben nur atmosph\u00e4risch, und darum leicht zu \u00fcberlesen ist, das arbeitet Rubin heraus. Es ging nicht um Form, sondern um eine andere Weise, Emotionen, dunkle, zu vermitteln. Aber der Reihe nach&#8230;..<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Rubin beginnt mit der m\u00e4chtigen Vaterfigur des erfolgreichen Malers Ruiz alter Schule und mit dem revolution\u00e4ren Elan des jungen Picasso. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">\u201eBei keinem zweiten K\u00fcnstler der Moderne &#8230; war das Talent, das er aufopferte, so au\u00dferordentlich, die Neukonzeption so radikal und \u00fcberkommenden Ideen derart fremd.\u201c (249) Gerade weil er das Alte so perfekt gelernt hatte, konnte er sich davon 1907 und 1908 so radikal frei machen. \u201eNur wer so fr\u00fch und m\u00fchelos die von seinem Vater favorisierte Malerei in ihrer \u201aBravour\u2019 nachahmen konnte, vermochte sie auch so schnell als \u201afalsch\u2019 zu entlarven. (250) <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Die mit dem Primitivismus verbundene \u201aantib\u00fcrgerliche, gegenkulturelle Kraft\u2019 sieht Rubin bereits in der \u201aVerherrlichung gesellschaftlicher Au\u00dfenseiter -Arme, Blinde, Alte, entmutigte Unterhaltungsk\u00fcnstler (bzw. verschiedenste \u00dcberlagerungen davon). Aber die Gesellschaftskritik wurde im Rahmen des Erz\u00e4hlerischen vorgetragen, weniger mit den Mitteln der Malerei. (250) <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Rubin diskutiert Picassos entschlossene Suche an drei Fassungen der \u201aDemoiselles\u2019 zwischen M\u00e4rz und Juli 1907, unter Hinweis auf hunderte darauf bezogene Skizzen. (259). Den Besuch im Trocadero datiert er unmittelbar vor die letzte Fassung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Die erste abgebildete Studie Gesamtkomposition charakterisiert er als \u201eerz\u00e4hlerisch\u201c (Abb. 319). Sie zeige einen Matrosen inmitten f\u00fcnf nackter Huren im Empfangsraum (Blumen, aufgeschnittene Melone) eines Bordells und einen Medizinstudenten mit Buch (anderswo Totenkopf) am Rande des Bildes.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u00dcberlegungen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Bordellbesuche interessieren mich so wenig wie das Verh\u00e4ltnis zu Vater und Mutter oder Picassos angebliche starke Ambivalenz in der Beziehung zu Frauen, wie sie Rubin, Norman Mailer und viele andere thematisiert haben. Jeder Mann hat sein B\u00fcndel zu tragen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Ich stelle nur fest, dass jede Fassung der \u201aDemoiselles\u2019 f\u00fcr mich h\u00e4sslicher geworden ist. Jetzt, wo ich sie genauer betrachte, st\u00f6\u00dft mich die ber\u00fchmte Endfassung geradezu ab. William Rubin nutzt bekannte \u00c4ngste Picassos, um plausibel zu machen, wie in \u201aLes Demoiselles\u2019 ein \u201aPrimitivismus\u2019 zum Durchbruch kam und worin die spezifische Rolle exotischer Objekte daran war. Von der bravour\u00f6s, wenn auch etwas sentimental geschilderten Sozialkritik der Blauen und Rosa Periode blieb schlie\u00dflich am Ende nichts \u00fcbrig. Nat\u00fcrlich bewies Picasso zu verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten bis zuletzt, dass er immer auch anders konnte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Inzwischen ist es wohl Gemeingut, dass Picasso zeitlebens Anregungen von \u00fcberall her aufnahm, wenn er nach L\u00f6sungen f\u00fcr \u00e4sthetische Probleme suchte. Das Buch mit dem programmatischen Titel \u201ePicassos imagin\u00e4res Museum\u201c (Hatje Crantz 2001) l\u00e4sst ihn auf die Frage \u201eWas ist ein Maler im Grunde?\u201c antworten: \u201eEin Sammler, der sich dadurch eine Sammlung schaffen will, dass er sich die Bilder selber malt, die ihm bei anderen gefallen. So fange ich n\u00e4mlich an, und dann wird es etwas anderes.\u201c Das war dabei noch viel zu eng gefasst \u2013 entsprechend dem leider auf alteurop\u00e4ische Klassiker eingeschr\u00e4nkten Horizont. Picasso eignete sich alles an, was er gerade brauchen konnte: gelegentliche Fundst\u00fccke (ganz ohne \u201asurrealistisches\u2019 Pathos), Entdeckungen mit Hilfe von Fotografien (etwa von Brassai oder Dora Maar, aber auch eigene), er sammelte gelungene Arbeiten von Konkurrenten, alle m\u00f6glichen au\u00dfereurop\u00e4ischen oder vor- und fr\u00fchgeschichtlichen Objekte, lie\u00df sich mit interessanten Frauen ein, er erweiterte st\u00e4ndig sein Vokabular und seinen Instrumentenkasten. \u201eAnleihen\u201c waren eher \u201amittelbar\u2019 oder \u201afragmentarisch\u2019. Rubin: \u201eDie Kraft von Picassos Phantasie und sein Gesp\u00fcr f\u00fcr Manipulation und Metamorphose waren so gro\u00df, dass direkte Anleihen bei den Primitiven, die man gelegentlich bei anderen K\u00fcnstlern beobachtet, oder die unver\u00e4nderte Darstellung von Stammesobjekten wie bei den Expressionisten, in seiner Malerei nur schwer vorzustellen sind.\u201c Wichtiger \u201ewar jedoch Picassos Gesp\u00fcr f\u00fcr den emotionalen Gehalt von Stammesobjekten. Er erlebte sie als Tr\u00e4ger einer emotionalen Kraft, die uns zutiefst zu beeinflussen vermag.\u201c (279) Rubin sieht Indizien f\u00fcr eine Aufladung der K\u00fcnstlerhand f\u00fcr Picasso zu einem magischen \u201eZauberstab\u201c. (280) In Konsequenz davon w\u00fcrde ich sagen: Picasso gelangte zu dieser Zeit von der \u201ablo\u00df\u2019 virtuosen Zeichnung zur Dimension der magischen Zeichen, von der Kraft des modernen \u201eK\u00fcnstler-Schamanen\u201c (280) geweckt. So gewann er zu dem fr\u00fch erlernten abendl\u00e4ndischen Repertoire ein schier unersch\u00f6pfliches \u00e4sthetisches Reservoir neu hinzu, aus dem er bis ins hohe Alter sch\u00f6pfen konnte. <\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">\u00a0<\/span><\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">1907<\/span><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Rubin legt gro\u00dfen Wert darauf, den auch mit dem Namen \u201aPicasso\u2019 verbundenen gro\u00dfen Karriereschritt f\u00fcr die afrikanischen (und pazifischen) Objekte nicht zu fr\u00fch anzusetzen und sachgerecht einzugrenzen. Barcelona und Paris waren Kunstmetropolen voller Galerien, Ateliers und Ausstellungen. \u201aSchon die Besch\u00e4ftigung mit der Plastik \u00c4gyptens im Louvre seit 1903 hatte den Weg f\u00fcr Picassos \u201aIberianismus\u2019 bereitet, der von einer Ausstellung iberisch-archaischer Reliefs aus Osuna im Louvre im Fr\u00fchjahr 1906 ausgel\u00f6st wurde, nach Rubin die erste entscheidende Stufe seines Primitivismus. (251) Die altiberischen Plastiken erm\u00f6glichten ihm ein \u201av\u00f6llig neues Verst\u00e4ndnis Gauguins\u2019. In dessen gro\u00dfer Ged\u00e4chtnisausstellung. (252) \u201aEnde 1906 hatte Picasso jedoch noch keine polynesischen Kunstwerke gesehen; daher \u00fcberrascht es nicht, wenn er nur die allgemein archaischen Aspekte von Gauguins Aquarell(en) \u00fcbernahm \u2013 Symmetrie, Frontansicht, hieratische Gesten und K\u00f6rperhaltungen\u2019 (252) <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Beeindruckt hat mich das Beispiel \u201aPortrait de Gertrude Stein\u2019 (1905-06, Ill. 303; Link), deren maskenhaftes Gesicht ich bisher nicht verstanden hatte. Genau zweiundneunzig Mal will ihm Gertrude Modell gesessen haben, ohne dass er eine befriedigende \u00c4hnlichkeit erreichte; er habe das Gesicht ganz gel\u00f6scht. Nach einem halben Jahr Aufenthalt im katalonischen Dorf Gosol fand er die L\u00f6sung \u201ain iberischer Manier\u2019 aus dem Ged\u00e4chtnis. (254)<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Nach vielen Versuchen war die zweite Fassung der \u201aDemoiselles\u2019 (Ill.320, 260) von Ende Mai 1907 ein \u201asp\u00e4tiberisches Aquarell\u2019 von f\u00fcnf nackten Frauen in verschiedenen Posen, in dem die beiden m\u00e4nnlichen Figuren verschwunden sind und das Bild hochformatiger geworden ist. (260) Wie lie\u00df sich der Gehalt der urspr\u00fcnglichen \u201aanekdotischen\u2019 Bilderz\u00e4hlung in dieses r\u00e4umlich dichtere, frontalere und vergleichsweise abstrahierte Bild retten? Nur durch einige einschneidende Ver\u00e4nderungen auf der rechten und linken Seite des Bildes. \u201aDer R\u00fcckgewinn der Aussage vollzog sich auf einer tieferen, obschon generellen Ebene, die der \u201aikonischen\u2019 Form, die das Bild angenommen hatte, entsprach. Die Demoiselles links und rechts von der Mitte vermitteln immer dunklere Einblicke in die Natur des Weiblichen.\u201c Rubin spricht von der \u201ePolarit\u00e4t zwischen Eros und Thanatos\u201c, Krankheit und Tod. (260)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Rubin datiert den ersten Besuch im Trocadero-Museum unmittelbar vor Fertigstellung. Was immer das Museum an interessanten anderen formalen Leckerbissen zu bieten hatte, erst der durch die Objekte vermittelte Schrecken lie\u00df den Knoten platzen. Die Afrikaner waren Fachleute f\u00fcr die \u201aikonische\u2019 Beschw\u00f6rung der dunklen Seiten der Existenz. \u201eDie afrikanische Galerie scheint damals in einem besonders schlechten Zustand gewesen zu sein\u201c, schreibt Rubin unter Verweis auf den Text bei Paudrat (siehe oben). Umso besser!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">\u201eEr (Picasso) reagierte damit aber auch auf den reduktiven, ideographischen Charakter der Werke, die er Salmon gegen\u00fcber als <em>raisonnable<\/em> &#8211; d. h. vom konzeptionellen her als logisch \u2013 beschrieb, sowie auf die \u00e4sthetischen Besonderheiten einiger Objekte.\u201c (263) \u2013 Erst die drei Aspekte zusammen &#8211; Magie, Reduktion und \u00e4sthetische Besonderheit &#8211; \u00f6ffnen den europ\u00e4isch sozialisierten Blick f\u00fcr die afrikanische Kunst. Rubin betont zu Recht, dass afrikanische Skulpturen, denen Picasso vor 1907 im Ambiente von K\u00fcnstlerateliers begegnete, auf ihn nicht solche Wirkung haben konnten. Noch weniger sp\u00e4ter in gereinigter und aufpolierter Form in den Galerien von Paris. Doch die konnten ihn ohnehin nicht verlocken. Soviel Geld wollte er f\u00fcr seine Anregungen nicht ausgeben; notfalls reichte ja vielleicht auch ein alter Fahrradlenker.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Die Rolle der \u201eart n\u00e8gre\u201c in den \u201aDemoiselles\u2019 wurde schon fr\u00fch von Freunden Picassos diskutiert und so in der internationalen Presse \u00fcbernommen, aber sie wurde auf die \u00c4sthetik eingeengt und oft mit dem Kubismus vermengt. \u00dcberall wollte man in seinen vor allem kubistischen Werken &#8222;Art N\u00e8gre&#8220; entdecken. (268) Rubin untersucht und bewertet im Aufsatz noch auf siebzig weiteren Seiten zuf\u00e4llige oder weniger zuf\u00e4llige \u00dcbereinstimmungen. Vorher zitiert er freilich <\/span><span style=\"color: #333333;\">Picassos Antwort <\/span><span style=\"color: #333333;\">auf eine Frage nach der Wertigkeit afrikanischer Plastik<\/span><span style=\"color: #333333;\">: dass \u201edie afrikanischen Plastiken, die \u00fcberall in meinen Ateliers herumh\u00e4ngen, eher Zeugen als Vorbilder sind.\u201c (270, 348: Anm.66) <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u201eZeugen\u201c im wahrsten Sinne, auch Sachbeweise!<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Die d\u00e4monischen K\u00f6nigsstatuen aus Abomey\/Benin auf dem Detailfoto von 1895 (Ill 162, p.136) \u00fcben ihren finsteren Zauber im aktuellen Mus\u00e9e du Quai Branly aus (2006). Ich habe sie 2006 beim ersten Besuch als &#8217;stark&#8216; wahrgenommen und in einem Album wiederzugeben versucht. (<a style=\"color: #333333;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=159\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Zeugen! Zumal die \u201acondition humaine\u2019 auf diesem Kontinent sicher viel homogener sind als die \u00e4sthetischen Antworten, welche afrikanische K\u00fcnstler in ihrer jeweiligen Umgebung gefunden haben \u2013 und finden. Am Beispiel von \u201aKrankheitsmasken\u2019 formuliert Rubin eine wichtigen Unterschied zu \u00c4hnlichkeiten in <em>Les Demoiselles<\/em>: \u201eWir sollten allerdings die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass sogar die gewaltsamsten Verzerrungen der afrikanischen <em>masques de maladie<\/em> reale Entstellungen des Gesichts wiedergaben; der K\u00fcnstler brauchte nur die traditionelle Stilisierung seines Volkes auf physische Ph\u00e4nomene zu \u00fcbertragen. Picassos Verzerrungen waren hingegen eine erfundene Projektion eines inneren, psychischen Zustandes. Sie stellen au\u00dferdem \u00fcbersteigerte Formen von Asymmetrie dar, die sich schon in den ersten Projekten f\u00fcr die <em>Demoiselles<\/em> finden, die noch vor der Begegnung mit der Stammeskunst im Trocad\u00e9ro entstanden sind.\u201c (274)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/span><\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">\u00dcbrigens:<\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #333333;\">Picassos k\u00fcnstlerisches Erfolgsmodell auf betriebswirtschaftliche Marketingbegriffe gebracht zu haben, ist das Verdienst von \u201eYellow\u201c-Strom-Erfinder* Bernd Kreutz. <\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"color: #333333;\">Lehrreich und vergn\u00fcglich zu lesen!\u00a0<\/span>\u00a0\u00a0 &gt; <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/wie-pablo-zu-picasso-wurde-der-aufstieg-des-beruehmtesten-kuenstlers\/457852.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a> <span style=\"color: #333333;\">zum Tagesspiegel.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean-Louis Paudrat schildert in seiner Rezeptionsgeschichte \u201aAus Afrika\u2019 (in: Primitivismus in der Kunst des 20.Jahrhunderts, William Rubin (Hrsg.), Prestel 1984, S.151f.) eine starke Anekdote \u00fcber die Themen Wahrnehmung und Begreifen afrikanischer Kunst. Dazu ver\u00f6ffentlichte ich im April 2016 bereits einen Beitrag: \u201ePicasso entdeckt Afrika im Trocadero 1907\u201c (Link). Von derselben Erfahrung richtet sich der Blick [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[216,17],"tags":[],"class_list":["post-9144","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrikanische-aesthetik","category-kunstkommissar"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9144"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9148,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9144\/revisions\/9148"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}