{"id":9046,"date":"2018-05-29T20:24:53","date_gmt":"2018-05-29T18:24:53","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9046"},"modified":"2023-06-16T17:48:31","modified_gmt":"2023-06-16T15:48:31","slug":"ich-habe-keine-feinde-ich-kenne-keinen-hass-gefaellt-ihnen-dieser-satz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9046","title":{"rendered":"&#8218;Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass\u2019  &#8211;  Gef\u00e4llt Ihnen der Satz?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Wie kam ich blo\u00df an das Buch von <strong>Liu Xiaobo<\/strong> aus der B\u00fcchergilde Gutenberg? Hat Norbert, der Antiquar es mir 2011 geschenkt wegen des aktuellen Friedensnobelpreises, weil ich ein politischer Mensch bin und mich f\u00fcr China interessiere? Gegen meine Gewohnheit finde ich keine Erwerbsnotiz, welche das Buch als Schn\u00e4ppchen ausweisen w\u00fcrde. Seltsam. Auf eigene Initiative erworben, diesen Titel, das erscheint mir eher unwahrscheinlich: \u201a\u201aIch habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass\u201c. Heilige leben in einer anderen Welt. Jedenfalls geh\u00f6ren ihre Legenden in eine andere Welt.<\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Kurzbiographie von Liu Xiaobo bildet vor 1989 einen steilen Pfeil nach oben, um dann j\u00e4h abzust\u00fcrzen und in der Folge den typischen Verlauf eines Regimekritikers anzunehmen. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liu_Xiaobo\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a> z.B wikipedia.de) <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Deren Regelhaftigkeit, ihre eingebauten Automatismen k\u00f6nnen Liu nicht entgangen sein. Er muss die revolution\u00e4re Tradition des Menschenopfers und Selbstopfers bewusst angenommen haben. Bereits die Demokratiebewegung von 1989 hatte mehrere tragisch endende Vorg\u00e4nger im 20. Jahrhundert. Immer f\u00fchlten Akademiker, meist Studenten sich berufen, ihre patriotischen Ideen mit ihrem Leben zu verteidigen. Diese Geschichte spielt in unserer \u00d6ffentlichkeit \u00fcberhaupt keine Rolle.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ich m\u00f6chte dem Idealisten nicht zu nahe treten, wenn ich daran erinnere, dass auch Chinesen mit dem Erfassen der Komplexit\u00e4t einer ganzen Gesellschaft notwendigerweise \u00fcberfordert sind. Bei den Menschen aus China, denen wir im Alltag begegnen, haben wir mit deren beschr\u00e4nktem Horizont keine Probleme, wohl aber bei Gro\u00dfen Namen, bei Preistr\u00e4gern mit akademischer Karriere. Da glauben wir den Versicherungen beflissener Laudatoren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ungl\u00fccklicherweise erg\u00e4nzen sich die chinesische Tradition eines Zentralismus, der von Anfang an Normen setzte und durchsetzte, und die habituelle Arroganz westlicher Gesellschaftsversteher, die sich in ihrer Begriffwelt\u00a0 bewegen wie in einem Faradayschen K\u00e4fig. Da kann das Gewitter drau\u00dfen noch so sehr w\u00fcten. Werden sie wider Erwarten doch erschlagen, langweilen sie oder scheiden sie aus Altersgr\u00fcnden aus, treten andere ebenso aufgeplusterte S\u00e4nger an ihre Stelle. Ohne die Multiplikatoren im Feuilleton w\u00fcrde sie niemand zur Kenntnis nehmen. Die Logik moderner Forschung fordert den Verzicht auf den Anspruch, die Welt aus einem Punkt erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Dummerweise begegnet man als Nicht-Sinologe einer \u00dcbersetzung. Eigentlich m\u00fcsste man dar\u00fcber froh sein, aber es sind unsere eigenen hohlen Abstraktionen, die uns hier begegnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">So hart es klingt: die Zeit ist \u00fcber alle Demokratiebewegungen hinweggegangen. Was ist von der Hoffnung 1989 geblieben? Eine tragische Farce in Europa und den USA. In manchen L\u00e4ndern kann unsere Generation am eigenen Leibe erfahren, was im 18. Jahrhundert Montesquieu mit der Entartung der verschiedenen Herrschaftsformen meinte. Da sich die gesellschaftlichen Kr\u00e4fte, auf die Liu Xiaobo noch baute, unaufhaltsam zersetzen, richtet sich unser Blick, wenn wir noch bei Verstand sind, auf die Effizienz der Regimes. An dieser Stelle ein Dank an ARTE, 3-Sat, phoenix, dlf, SZ und FAZ f\u00fcr pr\u00e4zise Einzelstudien zu China.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Was Liu Xiaobo \u00fcber China schrieb, ist heute in jedem Satz so richtig wie falsch, eben \u00fcbergest\u00fclpte Theorie. Das Beste an den \u201eAusgew\u00e4hlten Schriften und Gedichten\u201c sind seine Erz\u00e4hlungen oder wenn er \u00fcber seine tiefe Entt\u00e4uschung und \u00fcber die Erfahrung der unertr\u00e4glichen Ungerechtigkeit in der Gesellschaft schreibt. Nicht unbedingt seine Programmgedichte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Schwer verdaulich ist die Pose: \u201eMuss mit ruhiger Hand ein Messer in meine Augen stechen und mit dem Preis der Blindheit f\u00fcr die Klarheit des Verstandes zahlen &#8230;.\u201c (S.357) &#8211; Sind Sie dessen so sicher, Liu? Und ist die Anleihe bei der attischen Trag\u00f6die wirklich mehr als f\u00fcr den Papierkorb, nach angemessener Trauerzeit?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Warum so scharf?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Derartige Editionen m\u00f6gen so etwas wie eine Verbindung mit Idealisten in China herstellen, aber sie kleistern wieder eine neue Schicht ideologischer Tapete auf die W\u00e4nde, die uns einsperren in einer eurozentrischen Sicht, sie stellen f\u00fcr uns falsche Fragen. Sie lenken ab von den Problemen, die uns st\u00e4ndig \u2013 nicht nur in inszenierten Events und speziellen Spartenprogrammen \u2013 vor Augen stehen sollten. Wir k\u00f6nnen uns selber nicht helfen. Verleiht uns das etwa Kompetenz f\u00fcr China mit seinem F\u00fcnftel der Weltbev\u00f6lkerung und einer seit Jahrtausenden radikal anderen Geschichte?<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\">*<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">29. Mai 2018<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Als Reaktion auf sein Sterben im Juli 2017 verfasst, also eine Art Nachruf! Ich habe das Buch inzwischen wieder abgegeben und kann meine damalige Ablehnung nicht \u00fcberpr\u00fcfen. Wenn ich den Artikel weniger auf die Person des Nobelpreistr\u00e4gers von 2010 bezogen lese, ist er gut, n\u00fctzlich. Denn entscheidend ist, immer aufs Neue \u201adie richtige Distanz zu China zu suchen\u2019 (<a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7881\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>), verbunden mit dem Wechsel der Perspektiven.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Wenn die chinesischen Beh\u00f6rden der Witwe Xiaobo\u2019s die Ausreise verweigern, finde ich das rachs\u00fcchtig und l\u00e4cherlich. Doch systematisch boshafte und letztlich dumme Verfolgung durch Staatsorgane kennen wir auch im eigenen Land. Mir fallen zum Beispiel solche gegen \u2019Staatsfeinde\u2019 ein, etwa in der damals antikommunistischen BRD aus Angst vor Pazifisten, Kommunisten, Studenten und Terroristen. Da war neben der &#8218;Staatsr\u00e4son&#8216; der Hass (&#8218;alter Nazis&#8216;?) un\u00fcbersehbar.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #000000;\">Aufregender als Schikanen gegen Individuen finde ich heute die strategische \u201aEinkaufstour\u2019 chinesischen Kapitals in der EU und die milit\u00e4rische Ausbreitung im S\u00fcdchinesischen Meer, die hierzulande Schlagzeilen machen, oder der sich ger\u00e4uschlos ausweitende Einfluss der staatlich gelenkten \u201eKonfuzius-Gesellschaften\u201c auf die sinologische Universit\u00e4tsforschung in Deutschland. (Kritisches Interview in: generalanzeiger-bonn.de 14.11.2017- <a href=\"http:\/\/www.general-anzeiger-bonn.de\/news\/wissen-und-bildung\/hochschulen\/Das-neue-Konfuzius-Institut-in-Bonn-article3700486.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>). <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Dabei kann \u2013 aus hinreichend gro\u00dfer Entfernung betrachtet &#8211; die Anbindung an Chinas \u201eNeue Seidenstra\u00dfe\u201c f\u00fcr Europa die Chance eines zweiten Neustarts nach 1945 bedeuten. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Warum sollte ein \u201aaufgekl\u00e4rt absolutistisches Regime\u2019 in Beijing uns Europ\u00e4ern dann nicht ein paar popul\u00e4re \u201aMenschenrechte\u201c als Folklore erlauben, wenn die in ihrer juristischen Verpackung \u00fcberhaupt noch erkennbar sind, wo das jetzige Regime\u00a0 in Peking vor einiger Zeit <\/span><span style=\"color: #000000;\">sogar <\/span><span style=\"color: #000000;\">den zur Unperson erkl\u00e4rten Dalai Lama zur buddhistischen \u201eWiedergeburt\u201c dr\u00e4ngte. Und <span style=\"text-decoration: underline;\">der<\/span> hat das abgelehnt!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kam ich blo\u00df an das Buch von Liu Xiaobo aus der B\u00fcchergilde Gutenberg? Hat Norbert, der Antiquar es mir 2011 geschenkt wegen des aktuellen Friedensnobelpreises, weil ich ein politischer Mensch bin und mich f\u00fcr China interessiere? Gegen meine Gewohnheit finde ich keine Erwerbsnotiz, welche das Buch als Schn\u00e4ppchen ausweisen w\u00fcrde. Seltsam. 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