{"id":896,"date":"2009-03-09T19:19:28","date_gmt":"2009-03-09T18:19:28","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=896"},"modified":"2017-03-19T23:09:46","modified_gmt":"2017-03-19T22:09:46","slug":"mark-rothko-by-lee-seldes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=896","title":{"rendered":"&#8218;Mark Rothko&#8216; by Lee Seldes"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Eine Biografie, eine Familien- und Werksgeschichte 1903 bis 1970, ein Kriminalroman in den Sph\u00e4ren der spekulativen Kunstfinanz in der Epoche ihrer revolution\u00e4ren Ausbreitung, die einige K\u00fcnstler mitrei\u00dft und ihnen den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzieht. Auch bei Rothko tauchen die Kennedys auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3597Rothko.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3597Rothko-300x225.jpg\" alt=\"IMG_3597Rothko\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Von Finanzberatern und Anwaltskanzleien ist in dem Buch zu viel die Rede, schon vor Rothkos Tod und dem anschlie\u00dfenden Erbstreit. Das schwere Parfum amerikanischer Museen, international operierender Galerie-Konzerne und millionenschwerer Kunden weht aufdringlich in diesen R\u00e4umen. Gesch\u00e4ftlich erfolgreiche K\u00fcnstlern werden zu Clowns.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rothko glaubte vielleicht seine <em>Reinheit<\/em>\u00a0als K\u00fcnstler zu bewahren, wurde dabei immer <i>anma\u00dfender<\/i>, bizarrer und depressiver. Der \u00e4u\u00dfere Erfolg war ein einziger Irrweg. Denn seine Gesch\u00e4ftspartner kauften und verkauften, sammelten <i>nicht Kunst, sondern Geld<\/i>. Sein k\u00fcnstlerisches Geheimrezept war das Rezept f\u00fcr eine Ware, zudem eine entbehrliche Ware. Alle Exklusivit\u00e4t war ein Versuch, ihren Preis, vielleicht auch ihre Anerkennung hochzutreiben. Rothko war Teil eines Spiels um k\u00fcnstliche Knappheit, selbst Virtuose in Verknappung des Angebots: Der private Erwerb eines seiner Bilder wurde oft zum Gl\u00fccksfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch darf man nicht vergessen, dass diese an sich dem\u00fctigenden Bedingungen immer jemanden brauchte, der sie sich gefallen lie\u00df, obwohl er dies eigentlich nicht n\u00f6tig hatte.\u00a0Der K\u00e4ufer konnte das Spiel zu jedem Zeitpunkt abbrechen. Es ging doch um <i>Nichts<\/i>,\u00a0wie Antonioni dem Meister unbedingt pers\u00f6nlich sagen wollte. Selbst dieser cin\u00e9astische Zauberer suchte die Anerkennung des Zauberers.\u00a0Woher kommen solche Momente der Begeisterung, die einem den Atem stocken lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe so etwas im M\u00e4rz\u00a0bei den<i style=\"font-style: italic;\">\u00a0<\/i>Posaunenkl\u00e4ngen der Orgel zwischen den gewaltigen W\u00e4nden und S\u00e4ulen von<i style=\"font-style: italic;\">\u00a0Notre Dame <\/i>und\u00a0vor den <i>Nymph\u00e9as<\/i> Monets in der <em>Orangerie<\/em> erlebt.\u00a0Was ist ihr Geheimnis? Bei Monet muss es in der akkumulierten Erfahrung von f\u00fcnfundzwanzig Jahren liegen, den eher tr\u00fcben Pinselstrichen war das Geheimnis nicht anzusehen. Auch Rothko sammelte Erfahrung auf einem einzigen \u00e4sthetischen Feld und verst\u00e4rkte nach Kr\u00e4ften die Intensit\u00e4t seiner Bilder, und das so r\u00fccksichtslos, dass chemische Selbstzerst\u00f6rung mancher Bilder die Folge war &#8211; oder heimliche Absicht? &#8211; doch dies in einem ganz anderen Umfeld:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rothko blickte wohl zu sehr aufs Publikum, auf den Rezipienten, der seine Farbschattierungen verstehen und respektieren sollte, aber zugleich Teil der geldschweren Nachfrage war, die wankelm\u00fctig Modetrends folgte, Gesch\u00e4ftsstrategien und spekulativen Erwartungen. Er suchte innere Versenkung und war in seinen Vierzigern schon hoffnungslos\u00a0 abh\u00e4ngig von gesellschaftlicher Anerkennung. Dies lie\u00df sich zwar mit taktischem Geschick bef\u00f6rdern, aber gegen\u00fcber den begabten Finanzjongleuren und Falschspielern hatte der K\u00fcnstler keine Chance. Die kooperierten ja zudem mit ausgebufften Anw\u00e4lten. (Die \u201eFinanzkrise\u201c klopft an!)\u00a0Er hatte nur ein einziges, eng umrissenes Produkt im Angebot und wollte damit reich und ber\u00fchmt werden. Und er hatte eine typisch j\u00fcdische Geschichte von Entwurzelungen im R\u00fccken, die Kraft kostete. Die Sch\u00f6nheit vieler polychromer abstrakter Bilder ist ein wunderbarer Akt der Selbstbehauptung, aber der \u00e4sthetische Widerstand\u00a0 l\u00e4sst sich nicht \u00fcber Jahrzehnte dehnen oder reaktivieren, gar noch unter \u00e4u\u00dferem Druck und vielfachen Anreizen. Und so geriet Rothko auf die Bahn der chronischen Intoxikation. Sind die Bilder der letzten Jahre noch stark und wenn, woher?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Vergleich zu Seldes\u2019 Biografie: Der Katalog von Beyeler in Basel schl\u00e4gt eine ganz andere Tonart an; die verdankt sich der Liebe, der Bewunderung, ein wenig der Eitelkeit, vor allem aber der H\u00f6flichkeit gegen\u00fcber einem Toten, den man zu Lebzeiten in miserabler Verfassung gesehen hat, n\u00e4mlich in der Hand von gerissenen Betr\u00fcgern. Damit wird ein allzu biederes Bild dieses K\u00fcnstlers entworfen, so recht f\u00fcr kirchenfromme Kunstgl\u00e4ubige. Das Buch von Lee Seldes ist dagegen eine kritische Kirchengeschichte, sprich Mediengeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist Kunstliebe, Sammler-Enthusiasmus nach diesem Buch?\u00a0Das Buch f\u00fchrt uns in eine nach Amerika ausgewanderte <i>Renaissance<\/i>. Unanst\u00e4ndiges Kapital (Muss man diesen Ausdruck rechtfertigen?) gibt sich gemeinn\u00fctzig. Million\u00e4re lassen sich Kapellen und Alt\u00e4re errichten. Die \u00f6ffentliche Hand in der ganzen Welt eifert ihnen nach und f\u00f6rdert unter dem Vorwand der Tourismus-Industrie eben solche Tempelbauten einschlie\u00dflich breiter Rampen.\u00a0Da wird mit irrwitzigen Summen gespielt, \u00c4quivalente f\u00fcr mehrere Arbeitsleben. Freilich, die neuen globalen Crashs konfrontieren\u00a0uns neuerdings mit noch einmal ins Unvorstellbare gesteigerten Summen.\u00a0Und die K\u00fcnstler? Haben nicht auch Renaissance-K\u00fcnstler an ihrem Starruhm gelitten? <i>Stars<\/i> sind Kometen, und diese verzehren sich und m\u00fcssen\u00a0permanent\u00a0st\u00fcrzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Lee Seldes : \u201aDas Verm\u00e4chtnis Mark Rothkos\u2019; Parthas Verlag, Berlin 2008 (mit wissenschaftlichem Apparat)<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Biografie, eine Familien- und Werksgeschichte 1903 bis 1970, ein Kriminalroman in den Sph\u00e4ren der spekulativen Kunstfinanz in der Epoche ihrer revolution\u00e4ren Ausbreitung, die einige K\u00fcnstler mitrei\u00dft und ihnen den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzieht. 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