{"id":8899,"date":"2018-08-06T15:00:19","date_gmt":"2018-08-06T13:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=8899"},"modified":"2021-10-20T00:34:48","modified_gmt":"2021-10-19T22:34:48","slug":"till-foerster-frieden-in-einer-kriegszone-elfenbeinkueste-1990-2011-lesenotiz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=8899","title":{"rendered":"Soziale Verteidigung im Norden der Elfenbeink\u00fcste 1990 \u2013 2011"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #000000;\">1985 wechselte mein Interesse\u00a0 von der C\u00f4te d&#8217;Ivoire<\/span> <span style=\"color: #000000;\">auf Polen, DDR und China. 1990 warf ich noch einen kurzer Blick in das bankrotte Benin mit der vagen Hoffnung auf eine westafrikanische \u201eParistroika\u201c, wie man damals sagte. Hoffnung auch f\u00fcr die Elfenbeink\u00fcste? &#8211; <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Jetzt nach dem B\u00fcrgerkrieg lese ich einen Aufsatz in franz\u00f6sischer Sprache des Basler Ethnologen Till F\u00f6rster. Der Titel lautet frei \u00fcbersetzt \u201e<em>Frieden in einer Kriegszone. Die ivorische Krise von unten und \u00fcber einen langen Zeitraum betrachtet\u201c.<\/em><\/span><\/p>\n<h4>TILL F\u00d6RSTER\u00a0 :\u00a0 LA PAIX DANS UNE ZONE DE GUERRE. Politique africaine no.148 &#8211; d\u00e9cembre 2017, p.109-129<\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000;\">\u00dcberraschende \u201aInseln des Friedens\u2019 in dem B\u00fcrgerkriegsland. Ihre konkrete Entstehung und die Bedingungen daf\u00fcr bilden das Thema der Studie. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Der Blick richtet sich auf das Senufoland im Norden, also auf die Gegend um Korhogo und Boundiali. Till F\u00f6rster kennt sie durch lange Feldforschung ab 1979 genau und bereist sie seither regelm\u00e4\u00dfig.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><!--more--><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ungeduldig beginne ich die Lekt\u00fcre, denn seine Darstellung setzt bald nach meiner Abreise ein, so <\/span><span style=\"color: #000000;\">oberfl\u00e4chlich die Begegnungen auch gewesen waren <\/span>(<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3390\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>). U<span style=\"color: #000000;\">nd sie reicht bis in die Gegenwart.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Meine Lesenotizen erheben nicht den Anspruch einer \u00dcbersetzung des Originaltextes, sie fassen zusammen und verk\u00fcrzen. Doch zumindest verweisen eingeklammerte Zahlen im Text auf die entsprechenden Seiten im Original.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die Krise an der Elfenbeink\u00fcste entwickelte sich \u00fcber Jahre. Gew\u00f6hnlich wird sie mit dem Aufkommen der ethno-nationalistischen Ideologie einer <em>Ivoirit\u00e9<\/em> (\u201aIvorertum\u2019; 109) in Verbindung gebracht. So wurden im Zentrum und S\u00fcden des Landes die sogenannten <em>Nordistes<\/em> nicht mehr als \u201awahre Ivorer\u2019 betrachtet. Mir gegen\u00fcber sagte ein aus der Mitte nach Touba an der Westgrenze zu Guinea abkommandierter Polizeioffizier bereits 1985: \u201eAlles schlechte Menschen hier, alles Busch hier\u201c.<\/span><span style=\"color: #000000;\"> (<a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4188\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) <\/span><span style=\"color: #000000;\"> 2002 wurde die Gegend Teil des Rebellengebiets. Im Norden verlor der ivorische Staatsapparat\u00a0 den Rest an Legitimit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_8904\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Bildschirmfoto-2018-04-N-S-Teilung-der-C.I..png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8904\" class=\"wp-image-8904\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Bildschirmfoto-2018-04-N-S-Teilung-der-C.I.-286x360.png\" alt=\"Wikipedia &quot;B\u00fcrgerkrieg in der Elfenbeink\u00fcste&quot; (13.4.2018)\" width=\"140\" height=\"176\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Bildschirmfoto-2018-04-N-S-Teilung-der-C.I.-286x360.png 286w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Bildschirmfoto-2018-04-N-S-Teilung-der-C.I..png 522w\" sizes=\"auto, (max-width: 140px) 100vw, 140px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8904\" class=\"wp-caption-text\">Wikipedia &#8222;B\u00fcrgerkrieg in der Elfenbeink\u00fcste&#8220; (13.4.2018)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">1995 und 2000 verhinderte der seit 1993 amtierende Pr\u00e4sident Bedi\u00e9 die Kandidatur seines Konkurrenten aus dem Norden unter Hinweis auf M\u00e4ngel an dessen Staatsb\u00fcrgerschaft. Schlie\u00dflich revoltierten 2002 Teile der Armee und kontrollierten anschlie\u00dfend neun Jahre lang die n\u00f6rdliche H\u00e4lfte des Territoriums, trotz eines 2007 verk\u00fcndeten Waffenstillstandes. (Link: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B%C3%BCrgerkrieg_in_der_Elfenbeink%C3%BCste\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wikipedia<\/a>)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Diese Nachrichten kamen auch \u00fcber unsere Medien an, ebenso wie der weltweite Niedergang der Rohstoffpreise. F\u00fcr die Elfenbeink\u00fcste ging es dabei um den Kakaopreisverfall von 1990, dessen Auswirkungen von den ivorischen Medien &#8211; bis 1991 von den Beh\u00f6rden zensiert \u2013 verharmlost wurden. Davon unbeeindruckt sah die Bev\u00f6lkerung in der Krise darin das Versagen der Regierung und der nationalen Eliten, umso mehr, als die Politiker die Erwartungen ihrer Klienten nicht mehr erf\u00fcllen konnten. (114)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"> Junge Menschen fanden nach ihrer Ausbildung seit langem keine entsprechende Arbeit auf dem offiziellen Arbeitsmarkt und blieben von ihrer Familie abh\u00e4ngig. Viele sahen jetzt in den Milizen der Konfliktparteien des S\u00fcdens oder Nordens ihre pers\u00f6nliche Chance. (110)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Initiativen lokaler Selbstverteidigung<\/strong><\/span><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">In diesen letzten Jahren von Houphuet-Boigny (+ 1993) nahm die Unsicherheit auch auf dem Lande immer mehr zu. (113) \u2013 Ich hatte mich 1985 dort und in den Provinzst\u00e4dten noch gut aufgehoben gef\u00fchlt. Nur in der Metropole Abidjan war das anders gewesen. Dort erlebte ich \u00c4ngste und Vorkehrungen meiner Gastgeber.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Nun wurden also Bauern auf dem Weg zu ihren oft weit entfernten Felder \u00fcberfallen, ebenso Kleinh\u00e4ndler zwischen den D\u00f6rfern, wie k\u00fcmmerlich die Beute auch sein mochte. Auf den wenigen Landstra\u00dfen wurden Buschtaxis angehalten und ausgeraubt. Auch in den St\u00e4dten diskutierte die Bev\u00f6lkerung erregt \u00fcber Einbr\u00fcche und \u00dcberf\u00e4lle. Man beschuldigte die Polizei der Gleichg\u00fcltigkeit \u2013 gleichm\u00fctig erpresste sie auch von Beraubten den gewohnten Wegzoll &#8211; wenn nicht gar der Komplizenschaft (113). Junge M\u00e4nner der betroffenen D\u00f6rfer und Stadtviertel begannen, nachts die Zug\u00e4nge zu verbarrikadieren und Patrouillen in den Gassen zu organisieren. Die \u00c4ltesten erkannten das Engagement der jungen M\u00e4nner an. Man begegnete sich auf gleicher Ebene. Man richtete Sperrstunden ein und sorgte f\u00fcr eine gerechte Lastenverteilung (115).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><em>Poro <\/em><\/strong><strong>oder<em> Dozoton?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr die Organisation von lokaler Selbstverteidigung boten sich zwei Modelle an. Die <em>Senufo<\/em> konnten prinzipiell auf die Tradition der mit dem <em>Poro<\/em> verbundenen Altersklassen in den D\u00f6rfern zur\u00fcckgreifen, doch hatte die Institution des <em>Poro<\/em> bereits einige Zeit vorher an Bedeutung verloren, wegen der sechs Jahre lang dr\u00fcckenden Verpflichtungen f\u00fcr den jeweiligen Jahrgang der Initianden. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">\u00dcberwiegend entschieden sich die D\u00f6rfer f\u00fcr die Nutzung einer anderen Tradition. So gab es in den D\u00f6rfern noch die J\u00e4ger (<em>dozos<\/em>) und Reste ihrer Vereinigung (<em>dozoton<\/em>), die als Organisationsform flexibel war. Die notwendigen F\u00e4higkeiten waren in einem individuellen Meister-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis binnen kurzer Zeit zu erwerben. Bei den J\u00e4gern lernte man zudem an echten Feuerwaffen, anfangs an vom Schmied gefertigten Vorderladern, schlie\u00dflich mit importierten <em>AK-47<\/em> und <em>Uzis<\/em>. (115) Nicht zuletzt verf\u00fcgten die J\u00e4ger \u00fcber magische Substanzen, zum Beispiel gegen die unsichtbaren \u201aGefahren der Nacht\u2019.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Seit Mitte der neunziger Jahre bis zur Milit\u00e4rrevolte 2002 waren <em>dozotons<\/em> in manchen Regionen des Nordens die dominierenden Sicherheitskr\u00e4fte. Sie unterschieden sich freilich betr\u00e4chtlich voneinander. Auch war die Mehrheit ihrer Mitglieder nicht an einer intensiven Lehrzeit interessiert, sondern nur an den f\u00fcr die Verteidigung n\u00fctzlichen F\u00e4higkeiten. (116)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Umsiedler aus den Regionen des Nordens verbreiteten die wehrhafte Vereinigung auch in den S\u00fcden des Landes. Zu Beginn kooperierte man taktisch mit der Regierungsarmee in der Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung, betonte immer aber die eigene Selbst\u00e4ndigkeit. (116) Viele Bewohner der St\u00e4dte und D\u00f6rfer verlie\u00dfen sich ohnehin lieber auf die <em>dozos <\/em>als auf die korrupten Staatsorgane.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Staat griff manchmal auf lokaler Ebene auf die <em>dozotons<\/em> zur\u00fcck, ihm missfiel aber die Konkurrenz der <em>dozos <\/em>als Infragestellung seines Anspruch auf das Gewaltmonopol. (116)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Einige Zeit nach der Rebellion stie\u00df mancher junge Mann zu den <em>dozos<\/em>, der von der Rebellenmiliz entt\u00e4uscht heimkehrte. (110, 118)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">2002 schickten die Rebellen auf Pickups Delegationen in die D\u00f6rfer, um als wahre \u201aS\u00f6hne der Region\u2019 f\u00fcr die gemeinsame Sache aller <em>Nordistes<\/em> zu werben. Das fiel ihnen nicht schwer, wenn sie einen respektvollen Ton gegen\u00fcber den Repr\u00e4sentanten der sozialen Gruppen und den qualifizierten Leuten fanden, die sie brauchten. Immerhin war der gr\u00f6\u00dfere Teil des Verwaltungsapparats vor der Rebellion in den S\u00fcden geflohen. \u201aMan behandelte uns einmal nicht als ungebildete Tiere\u2019, kommentierte ein Holzh\u00e4ndler sp\u00e4ter (118). In Korhogo beispielsweise berief die Rebellenregierung regelm\u00e4\u00dfig Versammlungen ein und engagierte S\u00e4nger (<em>griots<\/em>) als offizielles Sprachrohr. (119)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Steuern mussten eingezogen werden, denen vor allem die Bauern mit den gewohnten Vermeidungstaktiken wie nebul\u00f6sen Erkl\u00e4rungen begegneten. F\u00fcr sie blieben auch die selbsternannten \u201aS\u00f6hne der Region\u2019 \u201aMenschen der Macht\u2019 (<em>hommes de la force<\/em>; ausf\u00fchrlich Till F\u00f6rster: \u201eZerrissene Entfaltung\u201c, 1997, 135-139), so wie alle bewaffneten Vertreter fremder Herrschaften seit jeher: Man musste sie ertragen, aber \u201aman brauchte sie nicht\u2019. (121) F\u00fcr die Rebellenorganisation bedeutete die Existenz verl\u00e4sslicher lokaler Verteidigungsinitiativen Entlastung, aber auch eine Schw\u00e4chung des eigenen Herrschaftsanspruchs. (111,119) Das erfuhren die Delegationen in manchen D\u00f6rfern. Als auch sie vor den D\u00f6rfern Stra\u00dfensperren errichten wollten, entdeckte manches Dorf in der Beratung, , dass man in dieser Frage heillos zerstritten war, und es gelang den Leuten bei weiteren Versuchen, daraus ein \u00fcberzeugendes Argument zu schmieden. (121) Schlie\u00dflich mussten die Rebellen sich auf die milit\u00e4rische Absicherung neuralgischer Punkte und strategisch wichtiger Zonen beschr\u00e4nken.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Spektakul\u00e4rer war wohl ein zweiter Weg, Abstand zum Konflikt zu gewinnen: Immer mehr Familien aus den D\u00f6rfern, die ihren Alltagsfrieden verteidigten, gr\u00fcndeten nach 2002 Siedlungen auf unbesiedelten Fl\u00e4chen tiefer im Busch, durch Wasserl\u00e4ufe gesch\u00fctzt und weiter von den Landstra\u00dfen entfernt (122). Die waren nicht von strategischem Interesse. Die Beh\u00f6rden wussten nicht einmal von ihnen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ableger bestehender D\u00f6rfer zu gr\u00fcnden, hatte \u00fcbrigens im Norden lange Tradition. Senufo- und Mandingo-Aussiedler suchten immer wieder unverbrauchte gute B\u00f6den selbst in vom Hauptsiedlungsgebiet entfernten Landschaften, so zum Beispiel noch zwischen 1980 und 1990 in der Region Dianra s\u00fcdlich von Boundiali. (123)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Heimliche Umsiedler<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die neuen Pioniere siedeln aber ganz in der N\u00e4he, blo\u00df an Stellen, die f\u00fcr Ortsfremde unerreichbar sind, weil die sich im Gewirr schmaler Fu\u00dfpfade verirren und an nat\u00fcrlichen Hindernissen scheitern.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die neu gerodeten Lichtungen liegen in weiten Abst\u00e4nden im dichten Busch versteckt. Sie bieten bald neben Gem\u00fcseg\u00e4rten f\u00fcr die Selbstversorgung Platz f\u00fcr Felder f\u00fcr den kommerziellen Anbau. Unter die Pioniere mischen sich H\u00e4ndler. Und M\u00e4rkte entstehen. Die neue Lagerhalle f\u00fcr Baumwolle und Zwiebeln kann auch als Versammlungsort oder Schule genutzt werden. (124) Elementarschulen werden gegr\u00fcndet, die von Sekundarschul-Absolventen betrieben werden und sich am offiziellen Lehrplan orientieren. Es kommen aber auch diplomierte Lehrer aus Mali und Burkina Faso. Der Warentransport wird mit den aus China importierten Dreir\u00e4dern organisiert, f\u00fcr sie reichen die primitiven Br\u00fccken aus. Der Verkauf geschieht nat\u00fcrlich unter Namen und Adresse eines im alten Dorf zur\u00fcckgebliebenen Verwandten. Auch f\u00fcr die Verwaltung bleiben die Aussiedler durch Scheinwohnsitz oder geliehene Identit\u00e4t unsichtbar. (125) Man sch\u00e4tzt das billige Leben, die Freiheit und den Frieden im neuen Dorf, genie\u00dft es, von den Halsabschneidern, Dieben und Gendarmen verschont zu sein, die einem das Stadtleben schwer machen (125). Das soziale Netz integriert sogar Zuwanderer aus Nachbarl\u00e4ndern, solange sie gewisse Grundregeln respektieren.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Der Verfasser warnt an dieser Stelle vor einer Idealisierung der beschriebenen Verh\u00e4ltnisse. Er bietet eine Fallstudie an (126), kein allgemeines Modell sozialer Friedensordnung, auch wenn eine solche idealisierende Lesart nahe liegt. Die Aussiedler suchen und finden nichts anderes als den Alltagsfrieden eines gew\u00f6hnlichen Dorfes. (125) Alte Konflikte und Uneinigkeiten leben fort, doch \u201eman spricht miteinander\u201c, wie die Bewohner sagen, beobachtet sich nicht blo\u00df argw\u00f6hnisch. Angesichts \u201ader Differenz\u2019 wird das soziale Leben von Praktiken bestimmt, welche \u201adie Fremden\u2019 nicht ausschlie\u00dfen. (126) Dann f\u00fchrt der Autor zwei weitere Beobachtungen an:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Zum einen ist es den lokalen Akteuren mit Geschick und Cleverness gelungen, sich der staatlichen Herrschaft entziehen, was manche Forscher seit der kolonialen Unterwerfung f\u00fcr unm\u00f6glich halten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Zweitens sind die kollektiven Ziele, Inseln des Friedens zu bilden, erst in der konkreten Auseinandersetzung &#8211; anfangs mit Kriminellen, dann mit den milit\u00e4rischen Rebellen &#8211; um die Kontrolle des Dorfs oder der Stadt entstanden. (126)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Nachleben der sozialen Inseln<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die letzten zwei Druckseiten des Dossiers beleuchten das Schicksal dieser Enklaven nach dem Friedensschluss 2011, das hei\u00dft, nach der R\u00fcckkehr der gesamtstaatlichen Kontrolle \u00fcber den Norden des Landes nach neun Jahren. Man begann mit den gro\u00dfen St\u00e4dten und der Besetzung der Grenzposten, w\u00e4hrend weite Gebiete unter der Kontrolle der <em>dozos <\/em>oder ehemaliger Rebellentruppen verblieben, mancherorts als Hilfstruppen etikettiert. Mancher Unterpr\u00e4fekt st\u00fctzte sich ganze zwei Jahre auf die ehemaligen Rebellen. Die ortsfremden neuen Beamten mussten ihren Einsatzort erst kennenlernen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Die verhassten Gendarmen tourten \u00fcber die D\u00f6rfer, um sich h\u00f6flich vorzustellen, bevor sie ihre gewohnten Kontrollpunkte errichteten. In die \u201aInseln des Friedens\u2019 wagten sie sich erst zwei, drei Jahre nach Friedenschluss. Und man sagte ihnen dort, dass sie nicht gebraucht w\u00fcrden. (127) Gegen\u00fcber der restaurierten Staatsmacht lie\u00df sich aber nur Zeit gewinnen und die Stra\u00dfensperre ein paar Kilometer weiter vor das Dorf komplimentieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Als die Wiederkehr des Staates un\u00fcbersehbar war, verst\u00e4rkten sich noch einmal die Ausweichbewegungen der D\u00f6rfler in Richtung der geheimen Kolonien in den \u201aneuen Territorien\u2019. Sie bilden bis heute alternative R\u00e4ume der sozialen Ordnung. Sie verstehen sich dabei keineswegs als revolution\u00e4r, sondern als im Grunde unwesentliche Ver\u00e4nderung der sozialen Ordnung. Till F\u00f6rster betrachtet sie auch als offene Kritik an den Schw\u00e4chen des \u201anormalen\u2019 Staatsystems, die den Ivorern bestens bekannt sind. (128)<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Spiel mit Suchbildern<\/h4>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Das Kapitel \u00fcber heimliche Siedlungen im Busch hat mich\u00a0 verunsichert. Hielt ich doch das kleine westafrikanische Land Elfenbeink\u00fcste f\u00fcr \u00fcbersichtlich und gut erschlossen. Klar, ich hatte nur ein paar Wege <\/span><span style=\"color: #000000;\">abseits der Fernstra\u00dfe erlebt, <\/span><span style=\"color: #000000;\">auf dem Mopedtaxi.\u00a0 Wie weit im Senufoland die Anbaufl\u00e4chen in der Landschaft verstreut liegen \u2013 f\u00fcr die saisonalen Feldarbeiten bleibt man unter Umst\u00e4nden f\u00fcr Tage oder Wochen drau\u00dfen \u2013 las ich auch erst in der Monografie \u201eZerstreute Entfaltung\u201c.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">In einem demn\u00e4chst erscheinenden Essay schildert Till F\u00f6rster diese Landschaft als allt\u00e4gliche Herausforderung im Kontext &#8222;<em>Daily work and solidarity&#8220; <\/em>:<\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #000000;\">Walking and working together is a daily practice among agrarian Senufo. As fertile soil is seldom found close to human settlements, men and women often have to walk deep into the wilderness.The paths are narrow, and may cross streams and thorny thickets. It would be impossible to walk side by side. Senufo farmers walk in a line, and they walk fast. One has to pay attention to the uneven ground and to all sorts of obstacles that one might face &#8211; swampy places during the rainy season,, perhaps a sleeping snake during the dry season. The senses tightly focused on one&#8217;s companions and on the natural environment. (10)\u00a0\u00a0\u00a0<\/span> <\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Im Mai war Ich neugierig auf Spuren heimlicher Siedlungen in der Gegenwart\u00a0 und surfte eine Stunde mit <em>Google-Maps<\/em> in wechselnder Aufl\u00f6sung durch die Gegend. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\">Die meisten D\u00f6rfer sind namenlos, aber das liegt an Google. Eigentlich alle erscheinen durch ein Wegenetz mit anderen verbunden. Die Naheinstellung vermittelt den Eindruck, dass rechteckige Hausd\u00e4cher eindeutig zu identifizieren seien. Im Zeitalter hoch aufl\u00f6sender Satellitenbilder und preiswerter Drohnen d\u00fcrften heute heimliche Siedlungen ohne stillschweigende Duldung der Beh\u00f6rden nicht mehr m\u00f6glich sein. Aber stimmt das? Egal, warum sollten Sie auf den Bildern (Anklicken!) nicht weitere Entdeckungen machen!<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_8917\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Lichtung-su\u0308dl.-von-Nafoun-1-10T.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8917\" class=\"size-large wp-image-8917\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Lichtung-su\u0308dl.-von-Nafoun-1-10T-900x515.jpg\" alt=\"Lichtung su\u0308dl. von Nafoun etwa 1:10 Tausend\" width=\"625\" height=\"358\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Lichtung-su\u0308dl.-von-Nafoun-1-10T-900x515.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Lichtung-su\u0308dl.-von-Nafoun-1-10T-360x206.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Lichtung-su\u0308dl.-von-Nafoun-1-10T-624x357.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Lichtung-su\u0308dl.-von-Nafoun-1-10T.jpg 1100w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8917\" class=\"wp-caption-text\">Lichtung su\u0308dl. von Nafoun<\/p><\/div>\n<p>Die damals ausgew\u00e4hlten Fotos von Siedlungen um Nafoun und\u00a0 Korhogo schienen mir noch am ehesten dem im Aufsatz skizzierten Modell zu entsprechen. Die Siedlung bei Korhogo \u2013 aus gr\u00f6\u00dferer Entfernung kaum zu erkennen \u2013 ist von drei Seiten durch Auenw\u00e4lder gesch\u00fctzt. Ein gerader Pfad f\u00fchrt nach Nordwesten aus dem Bild in den Busch.<\/p>\n<div id=\"attachment_8914\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04-1-25T.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8914\" class=\"size-large wp-image-8914\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04-1-25T-900x505.jpg\" alt=\"Siedlung bei Korhogo_Google 2018-04 1:25 Tsd.\" width=\"625\" height=\"351\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04-1-25T-900x505.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04-1-25T-360x202.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04-1-25T-624x350.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04-1-25T.jpg 1099w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8914\" class=\"wp-caption-text\">Siedlung irgendwo westlich von Korhogo_Google 2018-04<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_8915\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04.1-20T.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8915\" class=\"size-large wp-image-8915\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04.1-20T-900x504.jpg\" alt=\"Siedlung bei Korhogo Google 2018-04. etwa 1:10 Tsd.\" width=\"625\" height=\"350\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04.1-20T-900x504.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04.1-20T-360x202.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04.1-20T-624x350.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/bei-Korhogo_2018-04.1-20T.jpg 1099w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8915\" class=\"wp-caption-text\">Aus gr\u00f6\u00dferer N\u00e4he:\u00a0 Google 2018-04<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1985 wechselte mein Interesse\u00a0 von der C\u00f4te d&#8217;Ivoire auf Polen, DDR und China. 1990 warf ich noch einen kurzer Blick in das bankrotte Benin mit der vagen Hoffnung auf eine westafrikanische \u201eParistroika\u201c, wie man damals sagte. Hoffnung auch f\u00fcr die Elfenbeink\u00fcste? &#8211; Jetzt nach dem B\u00fcrgerkrieg lese ich einen Aufsatz in franz\u00f6sischer Sprache des Basler [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[243],"tags":[],"class_list":["post-8899","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cote-divoire-elfenbeinkueste-kamerun"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8899","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8899"}],"version-history":[{"count":36,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8899\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11466,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8899\/revisions\/11466"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8899"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8899"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8899"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}