{"id":88,"date":"2017-07-29T00:00:48","date_gmt":"2017-07-28T22:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=88"},"modified":"2020-05-13T22:46:49","modified_gmt":"2020-05-13T20:46:49","slug":"flussers-ethik-in-regen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=88","title":{"rendered":"Flussers Essay &#8222;Regen&#8220; &#8211; &#8217;naturalmente&#8216; ?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach vier Jahren ziehe ich meinen &#8218;Dialog&#8216; \u00fcber den Essay <em>Regen<\/em> im kleinen Sammelband <em>Vogelfl\u00fcge<\/em> zur\u00fcck.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center; padding-left: 30px;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong>Keine Vogelfl\u00fcge, kein Regen, und schon gar nicht &#8217;naturalmente&#8216;<\/strong><\/span><\/h3>\n<p>Ich lie\u00df mich lange Zeit auf Flussers Texte recht arglos ein und machte mit ihnen immerhin\u00a0 Erfahrungen. Nat\u00fcrlich verfehlte ich dabei\u00a0 Flussers tiefere Intention, ignorierte sie gelegentlich aber auch bewusst.\u00a0 Er h\u00e4tte eine solche Konstellation wohl nicht schlimm gefunden, ging es ihm w\u00e4hrend seiner Vortragst\u00e4tigkeit in Europa doch h\u00e4ufig so<em>.\u00a0 <\/em>Zu &#8218;provozieren&#8216; war f\u00fcr ihn eine Option, <em>ein Gespr\u00e4ch <\/em>zu<em> f\u00fchren<\/em>, vor allem in der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Flusser entt\u00e4uschte aber meine von seinen Ank\u00fcndigungen geweckten <em>Interessen <\/em>regelm\u00e4\u00dfig, bis auf bestimmte Themen wie Migration <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?cat=129\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">(Link zu Flusser Studies 10, siehe dort: graeve-flusser-schule S.24)<\/a> und &#8211;\u00a0 in den sp\u00e4teren Jahren &#8211; die digitale Revolution (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6954\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link zu einem Zitat)<\/a> , die er auf geniale Weise anpackte. &#8218;Natur&#8216; geh\u00f6rt nicht dazu.<!--more--><\/p>\n<p>Ich habe das nun auch das als &#8218;<em>Naturalmente<\/em>&#8218;\u00a0 betitelte Nachwort Flussers zum B\u00e4ndchen <em>Vogelfl\u00fcge <\/em>gelesen, meine erste Kontaktaufnahme nach l\u00e4ngerer Zeit, und war dementsprechend optimistisch. Denn eine solche \u00dcbersicht von seiner Hand ist eine Rarit\u00e4t in den Publikationen, die unter seinem Namen erschienen sind. Er wiederholt darin aber nur Bekanntes. Hier noch ein paar deutlichere Worte.<\/p>\n<p>Dass der Verlag Hanser im Jahr 2000 ausgerechnet diese damals drei\u00dfig Jahre* (siehe unten) alten &#8218;Versuche&#8216; aus dem Nachlass ver\u00f6ffentlichte, passt als Gesch\u00e4ftsidee zu Flusser: die Neugier des Publikums mit einem vielversprechenden Titel und den magischen Begriffen &#8218;Natur und Kultur&#8216; zu k\u00f6dern.<\/p>\n<p>Der Autor dieses Sammelsuriums spricht sich bereits zu Beginn des Nachworts von jeder Verantwortung frei: <em>Wahllos entstanden <\/em>oder:\u00a0 <em>Alles wird zum Abenteuer <\/em>(119).\u00a0 Denn: <em>Ein &lt;Essay&gt; ist folgendes: ein Versuch, das Resultat einer Arbeitshypothese aufzudecken, ohne am Ergebnis interessiert zu sein. <\/em><em>Dem Autor kommt es nur darauf an, dass w\u00e4hrend des Schreibens ganz neue, unerwartete Aspekte zum Vorschein kommen <\/em>(121) &#8211; Sch\u00f6n, aber kann das auf die Dauer funktionieren?<em>. <\/em><\/p>\n<p>Das B\u00e4ndchen erscheint mir gegen den ersten Eindruck ungeeignet f\u00fcr den Einstieg,\u00a0 wegen der zahlreichen verdeckten Implikationen. So &#8218;<em>entdeckte&#8216;<\/em> Flusser in der Serie der Essays<em> die Bedeutungslosigkeit des Wortes &lt;Natur&gt;. Man kann der Natur praktisch allles entgegenstellen&#8230; <\/em><em>Die beobachteten Ph\u00e4nomene verweigerten die Antwort &lt;ja&gt; oder &lt;nein&gt;. <\/em><em>Das, was \u00fcberlegt geplant war, scheiterte vor der Konkretion der Dinge. &lt;Nat\u00fcrlich&gt;. <\/em>(122-23) &#8211; Naturalmente.<\/p>\n<p>Flusser ver\u00f6ffentlichte diese Sammlung\u00a0 anfang der 1970er Jahre noch auf Portugiesisch in und f\u00fcr Brasilien*. Damals verk\u00fcndete er den <em>Br\u00fcckenschlag <\/em>oder allgemeiner die &#8218;\u00dcbersetzung&#8216; als sein neues <em>Engagement<\/em>. So verfasste er ausgerechnet nach seinem Weggang ohne Abschied eine nostalgische Hommage\u00a0 <em> Auf der Suche nach einem neuen Menschen. Versuch \u00fcber den Brasilianer. <\/em>(Siehe: Susanne Klengel: Brasilien denken. <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=134\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>!)<\/p>\n<ul>\n<li>laut Michael Hanke: Kommunikation &#8211; Medien &#8211; Kultur, Berlin 2017, S. 29 schrieb Flusser die Essays 1979. Das passt auch gut zu dem folgenden Zitat. Pr\u00fcfe die Angabe noch!<\/li>\n<\/ul>\n<p>Entstanden sind die Texte in <em>Europa, genauer gesagt am Ufer der Loire, in einem Alpental und w\u00e4hrend der Fahrt durch Mitteleuropa. Unvermeidlich spiegelt sich <\/em><em>in den<\/em> <em>Essays <\/em><em>diese Erfahrung <\/em> (127) ebenso wie Flussers <em>Engagement f\u00fcr brasilianische<\/em> Dinge, was <em>der sorgf\u00e4ltige Leser dieser Essays zwischen den Zeilen bemerkt haben <\/em><em>wird<\/em> (129f.). Wie immer der <em>Spiegel <\/em>beschaffen sein mag, es ist nur f\u00fcr wenige Spezialisten nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Flusser l\u00e4sst in der Schwebe, ob die Zusammenstellung <em>zuf\u00e4llig entstandener Texte <\/em>doch ein<em> Buch <\/em>ergeben hat. Mit einer entwaffnenden Begr\u00fcndung f\u00fchrt er den Kontext ein, um den es ihm allein geht<em>: die Benennung dieses Bandes und seine Einordnung in Buchhandlungen und Bibliotheken <\/em>(zu)<em> erleichtern <\/em>(123). Ohne die spielerische Stimmung zu verlieren, will er die festgestellte Entleerung des <em>Begriffs<\/em> <em>Natur<\/em> &#8211; mit gro\u00dfz\u00fcgigem Pinselstrich &#8211; &#8218;theoretisch&#8216; ableiten: <em>Die Kultur <\/em>habe mit der Moderne ihre urspr\u00fcnglich <em>befreiende <\/em>Rolle verloren und sei zu <em>einer zweiten Natur<\/em> geworden, <em>die den Menschen einschr\u00e4nkt<\/em>. &#8211; Und <em>Einschr\u00e4nkung <\/em>ist schlicht das Gegenteil von <em>Freiheit und W\u00fcrde <span style=\"text-decoration: underline;\">des <\/span>Menschen<\/em> <span style=\"text-decoration: underline;\">und<\/span> des Vil\u00e9m Flusser. So einfach kann <em>Ph\u00e4nomenologie<\/em> sein, als flusserscher <em>&lt;Essay&gt;<\/em>.<\/p>\n<p>Da er\u00a0<em>als &lt;Intellektueller&gt; <\/em>ohnehin\u00a0 <em>jeden Kontakt mit der Natur verloren <\/em>hat (120),\u00a0 passt es ihm vortrefflich, dass\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\"><em>wir<\/em><\/span> <em>unsere<\/em> Freiheitsspielr\u00e4ume nur noch in und gegen die Gesellschaft erk\u00e4mpfen m\u00fcssen. Dazu braucht es blo\u00df\u00a0 <em><span style=\"text-decoration: underline;\">die<\/span> Wissenschaft als eine Disziplin <span style=\"text-decoration: underline;\">des<\/span> Menschen, der in der Wirklichkeit steht und interessiert ist, die Wirklichkeit zu \u00e4ndern.\u00a0<\/em>(126, <span style=\"text-decoration: underline;\">Hervor<\/span>hebungen alle von mir). Flusser sieht sich als Prophete mittendrin:\u00a0<em>Wir sind alle Pioniere, und als solche k\u00f6nnen wir alles wagen<\/em>. (126)\u00a0<em>Dieser Band (&#8230;.) nimmt an jenem Gebiet der Forschung teil (gleichg\u00fcltig, ob es um das ph\u00e4nomenologische, kommunikologische Gebiet, oder wie immer man es nennt, geht), das die Wissenschaft <span style=\"text-decoration: underline;\">der<\/span> Zukunft ergeben wird. Das Ergebnis der hier vorgelegten Essays interessiert deshalb nicht.<\/em> Er betrachtet <em><span style=\"text-decoration: underline;\">das Buch<\/span> mit all seinen Fehlern, Unterlassungen und L\u00fccken als Teil einer embryonalen Literatur (&#8230;), deren Initiatoren Husserl, Ortega, Bachelard und andere waren <\/em>(127).<\/p>\n<p>10.Sept. 2017<\/p>\n<p>Hat jemals einer <em>Embryos<\/em> mit Verantwortung konfrontiert?\u00a0 Doch Spass beiseite:<\/p>\n<p>Dass Flusser die neo-marxistischen Studentenbewegungen so verachtete, dass er sie schlichtweg ignorierte, daf\u00fcr sehe ich keinen vern\u00fcnftigen Grund. Sein Blick reichte zwar um eine Ecke weiter hinein ins digitale Zeitalter, daf\u00fcr streifte er aber auch den humanistischen Impuls der &#8218;linken&#8216; Romantiker ab. Seine Visionen nahmen die Probleme des \u00dcberlebens der Menschen gar nicht mehr ernst:<br \/>\nWohnwagentiere, Schnecken, Knipser, um sich schlagende Migranten und eklige Vertreiber. Habe ich eine Familie in seinem Pand\u00e4monium vergessen?<\/p>\n<p>&#8218;Natur? Irrelevant!&#8216; F\u00fcr Flusser in dieselbe Schublade geh\u00f6rig wie andere Versuche,&#8220;tote Pferde zu kicken&#8220;!<\/p>\n<p>Vil\u00e9m benutzte im Grunde die\u00a0Identifikationsfigur des hemds\u00e4rmligen &#8218;Weltenretters&#8216; wie der t\u00e4gliche Sci-fi-Katastrophenthriller heute. Oder wie angeblich kritische Features, die\u00a0 &#8218;Nerds&#8216;, &#8218;Hacker&#8216; und andere digitale Freiheitsk\u00e4mpfer umschw\u00e4rmen. Das\u00a0mag sicher den vielen inzwischen beruflich und mental an die digitale Revolution geketteten Individuen gefallen.<br \/>\nIch wundere mich trotzdem immer wieder \u00fcber die unverw\u00fcstlich optimistische Stimmung in der Flusser-Rezeption. Na ja, Zuspruch &#8211; etwa durch\u00a0 &#8218;Theorie&#8216; &#8211; kann jeder Kreative brauchen. Eigentlich ist auch egal, worin der besteht. Aber Flussers Zuspruch ist nur ein rhetorischer Luftballon! Und sehr wahrscheinlich von &#8218;Auschwitz&#8216; vergiftet, als dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln er gelegentlich die digitale Revolution etikettierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach vier Jahren ziehe ich meinen &#8218;Dialog&#8216; \u00fcber den Essay Regen im kleinen Sammelband Vogelfl\u00fcge zur\u00fcck. Keine Vogelfl\u00fcge, kein Regen, und schon gar nicht &#8217;naturalmente&#8216; Ich lie\u00df mich lange Zeit auf Flussers Texte recht arglos ein und machte mit ihnen immerhin\u00a0 Erfahrungen. 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