{"id":85,"date":"2010-12-04T00:00:49","date_gmt":"2010-12-03T23:00:49","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=85"},"modified":"2017-05-01T17:24:51","modified_gmt":"2017-05-01T15:24:51","slug":"eine-medienkritik-an-vilem-flusser-dvd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=85","title":{"rendered":"Medienkritik  an  Vil\u00e9m Flusser (DVD)"},"content":{"rendered":"<p><i style=\"font-style: italic;\">&#8222;<\/i><i>We shall survive in the memory of others<\/i>\u201c &#8211; Der Titel des Projekts, vier Videos Flussers in englischer Sprache zu verbreiten*, wirkt schr\u00e4g, wenn er nicht einfach auf die Sentimentalit\u00e4t potentieller K\u00e4ufer zielt.<!--more--> Dazu f\u00e4llt mir eine Anekdote ein, die der Ethnologe Fritz Kramer von einem jungen Senufo erz\u00e4hlt. Der junge Mann pilgerte vom Dorf in die Stadt, dort um \u00fcber ein hinterlassenes Video mit seinem verstorbenen Gro\u00dfvater, seinem <i>Ahnen<\/i>, Zwiesprache zu halten und war vom stereotypen Monologisieren des technisch Reproduzierten bitter entt\u00e4uscht. Unsere Erwartungen heute sind bescheidener. Ich jedenfalls w\u00e4re mit einem lebendigen Dialog <span style=\"text-decoration: underline;\">in<\/span> den Aufnahmesituationen zufrieden gewesen.<\/p>\n<p>Flusser erf\u00fcllt das mediale Klischee eines Guru, eines geistlichen F\u00fchrers. Ich h\u00f6re so einen z.B. regelm\u00e4\u00dfig im Thai-Imbiss aus der K\u00fcche t\u00f6nen: Langer Redefluss, gleichm\u00e4\u00dfig in Lautst\u00e4rke, Tempo und Tonlage. Das Anheben der Stimme akzentuiert einzelne Passagen der Botschaft, bei Flusser h\u00e4ufig durch ein \u201c<i>This is very important<\/i>\u201c abgerundet. Ob der fromme Koch in seiner Gark\u00fcche der Predigt in jedem Moment folgen kann und ob sie ihm nach vielen Stunden am Internetfernsehen noch etwas Neues bietet, wei\u00df ich nicht. Flusser redet in einem elementaren englischen Wortschatz, aber seine Artikulation erinnert an ein Diktat ins Diktierger\u00e4t f\u00fcr eine mittelm\u00e4\u00dfige Sekret\u00e4rin. So f\u00e4llt es mir trotz Vertrautheit mit Stoff und Begriffen auf die Dauer schwer, ihm vor dem Fernseher zu folgen. Beim Versuch, auf die Transkription im Beiheft zu schielen, verliere ich gleich den Faden. In einer thail\u00e4ndischen Predigt pflegt der Redner traditionell in kurzen Abst\u00e4nden von einem zustimmenden Chor aus dem Publikum unterbrochen zu werden. Wir kennen das auch von afroamerikanischen Gospelgottesdiensten. Das h\u00e4lt sogar den \u00e4u\u00dferen Beobachter der Szene bei der Stange.<\/p>\n<p>Flusser formuliert frei, aber tut es nicht im Kontakt mit seinem Publikum, das wir von Zeit zu Zeit im Bild sehen k\u00f6nnen. Das durchgearbeitete Material scheint sich selbstt\u00e4tig zu organisieren und zu artikulieren. Immerhin verliert er nur einmal den Faden. Das Publikum zeigt keine Regung. Ein paar Leute machen Notizen. Gespenstisch wirkt ein hell flimmernder Fernsehbildschirm seitlich auf dem Podium, den man abzuschalten vergessen hat. Die wei\u00dfe Projektionswand hinter Flusser bleibt leer. Auf der Stelltafel stehen mit Kreide die drei einfachen Formeln, die das Cover der DVD schm\u00fccken, und auf die Flusser ein einziges Mal\u00a0 deutet.\u00a0 Es stehen mehrere Kameras im Saal, auch vorn, sehr auff\u00e4llig. Das Publikum wei\u00df zweifelsohne, worin die Bedeutung dieses Auftritts liegt, oder der heimliche Zweck. Ich finde das jetzt gerade komisch, weil Flusser an einer Stelle seines Vortrages die moderne Umkehrung von Bild und Ereignis dramatisch zur Sprache bringt: Man heirate f\u00fcr das Bild, mache Terrorismus f\u00fcr das Bild&#8230;. Er scheint die Situation, den Kontext, in dem er redet, gar nicht wahrzunehmen. Dass er ein paar Mal die Namen <i>Budapest<\/i> (Ort des <i>Symposium<\/i>) und <i>Rum\u00e4nien<\/i> (Oberthema) einflicht, geh\u00f6rt zu Basisanforderungen an einen h\u00f6flichen Redner. Flusser fordert das zum Ausharren erzogene Publikum wiederholt auf, zu \u201e<i>begreifen<\/i>\u201c, also bei der Stange zu bleiben, obwohl er den Vortrag nicht anh\u00e4lt, auch nicht verlangsamt, nichts fragt. Ist das der Preis seines scheinbar freien Formulierens? Wie vermeidet er, dass spontane Einf\u00e4lle sein Konzept in Unordnung bringen? Diszipliniert wie er ist, bremst er sie mit kryptischen Floskeln aus. Die Kost ist f\u00fcr den, der sie nicht gewohnt ist, schwer verdaulich. Ein junger Mann im Publikum schaut auf die Uhr. Manche Formulierung erscheint, apodiktisch vorgetragen, so falsch oder unverst\u00e4ndlich, wie es nun einmal Uneingeweihten mit Lehrformeln ergeht. Etwa: \u201e<i>Vor der linearen Schrift gab es keine Geschichte.<\/i>\u201c \u201e<i>Bilder sind antipolitisch<\/i>\u201c. \u201e<i>Die Kamera nimmt Sachverhalte (Heidegger) auf und hebt sie damit in die post-histoire.<\/i>\u201c <i>\u201cCommunism was the last method of historical consciousness to repress chaotic post-historical brutal&#8230;.<\/i>\u201c (Beiheft p.24)\u00a0 Fortgeschrittenen im Publikum werden &#8211; \u00fcber die Fremdsprache des Vortrags hinaus &#8211; ausdr\u00fccklich fremde Begriffe, sowie klingende Namen wie Heidegger, Wittgenstein, Plato und Hegel angeboten.<\/p>\n<p>Auch auf Fragen in den Interviews blickt Flusser wiederholt tief in die Geschichte, holt viel zu weit aus. Muss man das alles glauben, um seiner Argumentation folgen zu k\u00f6nnen? Wieso \u00fcberhaupt folgen? Hat der Argumentierende nicht eine Bringschuld? Ist der Trichter des Ameisenl\u00f6wen wirklich die geeignete Lehrmethode? Man rutscht in den Trichter und kann froh sein, wenn man zur Ausgangsfrage\u00a0 durch verzweifeltes Krabbeln zur\u00fcck findet. An keiner Stelle wird Flusser durch beharrliches R\u00fcckfragen zum Dialog gezwungen. So stehen wir vor seinen erratischen Texten und m\u00fcssen interpretieren. In dem knappen Dutzend Interviews, die ich kenne, treten die Partner fast ausnahmslos als unterw\u00fcrfige Stichwortgeber auf, wie sie etwa im Bereich der Politik beim Publikum l\u00e4ngst verachtet sind. Patrik Tschudin, ein Redakteur des Schweizer Radios DRS1 (in: \u201eVon der Freiheit des Migranten\u201c)\u00a0war da eine r\u00fchmliche Ausnahme. Ich habe den Eindruck, dass Flusser nicht wusste, was er tat. So wie er nicht wirklich Ahnung vom Fotografieren hatte \u2013 wor\u00fcber er gern theoretisierte &#8211; so auch nicht von den Gesetzen des Mediums Film, dem er sich leichtsinnig aussetzte. Naiv missachtete er die Regeln der Inszenierung, machte sich keine oder die falschen Gedanken \u00fcber seine Ausstrahlung. Die auf die Stirn geschobene Brille, die rutschte, war doch wie ein Echo von Loriot! Zeitgen\u00f6ssische Videok\u00fcnstler waren auch nicht die richtigen Berater. Kurz und gut: Die Redakteure dieser DVD sind schlecht beraten, solche improvisierten Auftritte zu verbreiten.\u00a0 Der Betrachter kann Vil\u00e9m Flusser beim Reden zusehen, aber die\u00a0 Beobachtungen sind nicht schmeichelhaft.<\/p>\n<p>Zehn Minuten und ein Dutzend S\u00e4tze des greisen Hans-Georg Gadamer im Fernsehen hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Unterschied: Es gab einen wirklich \u00e4u\u00dferen Anlass, es waren professionelle Redakteure am Werk und Gadamer trat unpr\u00e4tenti\u00f6s auf. Sind denn von Flusser keine \u00fcberzeugenden Dialoge, Diskussionen, <span style=\"text-decoration: underline;\">\u00fcberliefert<\/span>? Ich habe auf diese Frage bisher keine Antwort bekommen. Flussers Erben sollten lieber den Philosophen \u2013 entgegen seiner Erwartungen, was soll\u2019s? &#8211; im Schutze angenehmer Typographie publizieren und es dabei belassen, Interviews und Reden in einer Transkription zu edieren.<\/p>\n<p>in der \u00dcberarbeitung vom 27.10.2013<\/p>\n<p><b><span style=\"text-decoration: underline;\">*DVD<\/span><\/b><span style=\"text-decoration: underline;\">: \u201eWe shall survive in the memory of others\u201c \u2013 Vilem Flusser<\/span>, Lecture und Interviews 1988-1991, PAL 87\u2019, ediert von Mikl\u00f3s Peternak und dem Flusser-Archiv, Berlin, Buchhandlung Walther K\u00f6nig, K\u00f6ln 2010<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;We shall survive in the memory of others\u201c &#8211; Der Titel des Projekts, vier Videos Flussers in englischer Sprache zu verbreiten*, wirkt schr\u00e4g, wenn er nicht einfach auf die Sentimentalit\u00e4t potentieller K\u00e4ufer zielt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-85","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-flusser_vilem-leben"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=85"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7475,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/85\/revisions\/7475"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=85"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=85"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=85"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}