{"id":848,"date":"2009-03-21T22:22:33","date_gmt":"2009-03-21T21:22:33","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=848"},"modified":"2017-01-07T15:22:47","modified_gmt":"2017-01-07T14:22:47","slug":"amerikanische-kunst-und-kalter-krieg-rezension","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=848","title":{"rendered":"Auf der Achterbahn mit amerikanischer Kunst  &#8211; Rezension"},"content":{"rendered":"<p><i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3577Guilbaut.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-876\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3577Guilbaut-300x225.jpg\" alt=\"IMG_3577Guilbaut\" width=\"411\" height=\"308\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3577Guilbaut-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3577Guilbaut-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3577Guilbaut.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 411px) 100vw, 411px\" \/><\/a>\u00a0\u00a0\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Serge Guilbaut: \u201eAbstrakter Expressionismus \u2013 Freiheit und Kalter Krieg. Wie New York die Idee der modernen Kunst gestohlen hat\u201c\u00a0 frz .Erstausg. 1983, Verlag der Kunst 1997 \u00a0\u00a0<\/i><\/p>\n<p>Das Buch war f\u00fcr mich eine zweiter starker Scheinwerfer auf\u00a0 die newyorker Kunstszene der Nachkriegszeit, es erweitert die Perspektive von Lee Seldes`\u201eDas Verm\u00e4chtnis Mark Rothkos\u201c. <!--more-->Die starke Spannung, die Seldes an Rothko darstellt, scheint sich im Gro\u00dfen wiederholt zu haben. Was habe ich an neuen Einsichten gewonnen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Marktschreierische Anpreisungen und Programme haben die <i>Moderne Kunst &#8211;<\/i> inzwischen geadelt zur \u201eklassischen Moderne\u201c &#8211; von Anfang an begleitet. Sie wurden sehr bald orchestriert von einem internationalen Netz des Kunsthandels. Im vergangenen halben Jahrhundert scheinen sich dessen m\u00e4chtige Tentakel unglaublich vermehrt zu haben.<\/p>\n<p>Guilbaut holt die j\u00fcngere Kunstgeschichte in die allgemeine Geschichte des 20.Jahrhundert\u00a0hinein. Was angesichts des Themas Kunst einigerma\u00dfen exotisch erschien &#8211;\u00a0 die behauptete Verbindung zu IBM, Pr\u00e4sident und CIA, die schillernde Rolle des MOMA &#8211; wird bereits auf S.80 plausibel, und wir sind da erst im Jahre 1941.<\/p>\n<p>Das \u00c4sthetische eines Werks scheint im 20.Jh. f\u00fcr F\u00f6rderung oder Ablehnung schon egal zu sein; es geht darum, dass es zur <i>angesagten<\/i> <i>Str\u00f6mung<\/i>, <i>Richtung<\/i>, zum <i>Label<\/i> passt, dass es in den modischen Koordinaten zu <i>verorten<\/i> ist. Die Kunst\u00f6ffentlichkeit wird zum ferngesteuerten Palaver.<\/p>\n<p>Im Buch geht es auf vielen Seiten gar nicht um Bilder &#8211; h\u00f6chstens um Urteile \u00fcber Bilder &#8211; sondern um das Beziehen und Verlassen von <i>Positionen<\/i> angesichts der Gro\u00dfwetterlagen der Politik, die von 1936 bis 1950 dramatisch wechselten. Und es geht um einen Markt in der Krise. Die ach so autonomen K\u00fcnstler rangeln organisiert um die sp\u00e4rlich ges\u00e4ten Futterkrippen, wuseln hin und her, man k\u00f6nnte auch sagen, rudern verzweifelt, um nicht unterzugehen, materiell wie ideell. Mich beeindruckt schon die gro\u00dfe Zahl der Individuen, die auf den Markt dr\u00e4ngen, es sind in New York\u00a0 Abertausende. \u2013 Wie beeinflusst das eigentlich unsere Vorstellung von Bildern, denen wir im Museum begegnen? &#8211;\u00a0 Die Situation hat sich bis heute nicht ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Und das Publikum? Ich lese von Beeinflussungskampagnen, gesponsert von Kapital und seinen Stiftungen und von der Regierung, lese von guten Ratschl\u00e4gen f\u00fcr den Kauf und viel Wortgeklingel.\u00a0Der Jargon war zugegebenerma\u00dfen schlichter, unprofessioneller als heute im Rahmen eines universit\u00e4ren \u201eSonderforschungsgebietes\u201c zu \u201eperformativen Kulturen\u201c, aber damit auch popul\u00e4rer. \u201eIm Mittelpunkt standen f\u00fcr Peggy Guggenheim die Werte des Erfindungsreichtums, des Neuen und der \u201aRecherche\u2019..\u201c (S.90) Das ist heute h\u00f6chst aktuell, geradezu vision\u00e4r, denn diese \u201eWerte\u201c zu verbreiten und in den K\u00f6pfen zu verankern, ist das A und O der entfalteten Konsumkultur, der auch wir im Zeichen der Postmoderne uns mit Haut und Haaren verschrieben haben! Peggy Guggenheim steht f\u00fcr Unternehmungsgeist und f\u00fcr Gesch\u00e4ftssinn. Was h\u00e4tte sie damit noch alles makeln k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Oppositionelle gegen die abstrakte Kunststr\u00f6mung hie\u00dfen im westlichen Nachkriegseuropa der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre <i>Unbelehrbare<\/i>, solange bis das kommunistische Projekt noch einmal von einer neuen Generation f\u00fcr ein paar Jahre aufgew\u00e4rmt wurde und ein paar Ostrebellen ihren Weg machten. Es ergaben sich dumme Fronten: Zum Beispiel gerieten die Gegenst\u00e4ndlichen ins Abseits und manchmal sogar unter Verdacht. Die akademischen Profiteure der Nazis wurden ganz und gar aus dem Verkehr gezogen. Ich habe 1973 eine mutig-sch\u00fcchterne Pr\u00e4sentation im Frankfurter Kunstverein erlebt. Lachhaft!<\/p>\n<p>Ein ungew\u00f6hnliches Geschichtswerk, das sich lauter Fragen stellt, die ich mir in den drei\u00dfig Jahren meiner Unterrichtspraxis eigentlich h\u00e4tte stellen m\u00fcssen:\u00a0 Wie haben die <span style=\"text-decoration: underline;\">amerikanischen<\/span> Intellektuellen den New Deal, das Desaster in Spanien, das Exil der europ\u00e4ischen K\u00fcnstler, die deutsche Okkupation ihres \u201aMekka\u2019 Paris, das widerspr\u00fcchliche Bild der Sowjetunion, den Krieg, den amerikanischen Atombombenabwurf, den Rechtsruck in der Politik, die neue Eiszeit und den Verlust der \u201eEine-Welt\u201c-Illusion&#8230;, wie haben sie\u00a0das alles erlebt und verarbeitet? Die ganze intellektuelle \u00d6ffentlichkeit und nicht nur die K\u00fcnstler, wie der Buchtitel suggeriert! Dabei ist die Darstellung nicht parteisch f\u00fcr <i>New Left<\/i>, sondern sieht alle Schulen kritisch. Guilbaut erf\u00fcllt seine Ank\u00fcndigung, er wolle an \u201eder Moderne\u201c deren urspr\u00fcngliche Lebendigkeit, Streitbarkeit, Widerst\u00e4ndigkeit zeigen. Die K\u00fcnstler kann man auch als get\u00e4uschte T\u00e4uscher ansehen, als zeitweise erfolgreiche Gl\u00fccksritter. Verdient diese privilegierte Gruppe wirklich Mitgef\u00fchl? Obschon mir die Spleens des sp\u00e4teren Rothko verst\u00e4ndlicher werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>21.M\u00e4rz &#8211; 30 Seiten vor dem Schluss.Ich werde ungeduldig, und meine Ungeduld hat ihren Grund:\u00a0Die Kapitel<i> <\/i>werden immer l\u00e4nger, obschon die neuen Fronten immer deutlicher verlaufen. Das Niveau der geschilderten Propaganda ist niedrig und der Schwung des Chronisten Guilbaut geht verloren. Das Entscheidende ist schon lange gesagt oder einfach sichtbar geworden.<\/p>\n<p>Und was wird aus dem angek\u00fcndigten Knaller: \u201cWie New York Paris die Idee der modernen Kunst gestohlen hat\u201c ? Handelnde Personen wie Greenberg oder Motherwell l\u00f6sen sich in Zitate und Momentaufnahmen auf &#8211; mit Ausnahme von Galerist Kootz, der als \u201aSchuft\u2019 unaufl\u00f6sbar ist (z.B.S.208, 94), zusammen mit Rothkos Galerist \u201eFrank Lloyd\u201c, geborener Levai.<\/p>\n<p>F\u00fcr das kollektivistische Denken der auftretenden K\u00fcnstler und ihrer Vorm\u00fcnder kann Guilbaut nichts. Er h\u00e4lt sich \u2013 was ja akademischem Brauch entspricht \u2013 an ein paar Zeitschriften, vermittelt dabei eine Menge Realsatire, indem er jeden Pups registriert und dokumentiert, den die Bewegung<i> <\/i>l\u00e4sst. Ein Beispiel: <i>\u201e..machen diese Maler die Erfahrung einer beispiellosen Einsamkeit von einer Tiefe, die vielleicht nirgendwo sonst auf der Welt erreicht worden ist.\u201c <\/i>(188)<i> <\/i>Oder die Frage:<i> \u201cWie konnte man in New York feststellen, wann ein Bild fertig war?\u201c<\/i>(205)<i> <\/i>Wer war schon der lang und breit zitierte Greenberg? Die Leute polemisierten verantwortungslos nach dem Grundsatz : Was schert mich mein Unsinn von gestern. (z.B. 199) Guilbaut wagt nur gelegentlich die kritische Distanz mit ironischen Formulierungen. Die krassesten Kurswechsel, Phrasen und Schachz\u00fcge werden im Kap.4 sehr verhalten dargestellt. Ausgerechnet hier zeigt sich der Autor hasenherzig. Die unterlegenen Gegner kommen gegen\u00fcber der triumphierenden Clique kaum zu Wort.<\/p>\n<p>Das Buch bleibt immerhin ein Lehrst\u00fcck auf mehreren Gebieten. Meine Entt\u00e4uschung h\u00e4lt sich in Grenzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>IV<\/p>\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter:\u00a0\u00a0 Die Langzeitwirkung ist \u00fcberraschend stark. Meine kritischen Einw\u00e4nde hatte ich inzwischen ganz vergessen. Ich kann es empfehlen.<\/p>\n<p>Klappentext Zitat Serge Guilbaut :<\/p>\n<p><i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3578Guilbaut2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/IMG_3578Guilbaut2-300x178.jpg\" alt=\"IMG_3578Guilbaut2\" width=\"300\" height=\"178\" \/>\u00a0\u00a0(durch 2x Anklicken vergr\u00f6\u00dfern)<\/a><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00a0\u00a0 Serge Guilbaut: \u201eAbstrakter Expressionismus \u2013 Freiheit und Kalter Krieg. 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