{"id":8241,"date":"2017-11-06T20:33:54","date_gmt":"2017-11-06T19:33:54","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=8241"},"modified":"2025-05-26T21:55:20","modified_gmt":"2025-05-26T19:55:20","slug":"archiverfahrungen-walter-benjamin-archiv-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=8241","title":{"rendered":"Archiverfahrungen: Ernst Joel, Fritz Fr\u00e4nkel, Fritz Wiegmann"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ich hielt Fr\u00e4nkel und Joel f\u00fcr \u201aprominent\u2019, also gut dokumentiert. Ich ahnte nicht, wie sehr das Ged\u00e4chtnis an diese Menschen dauerhaft vom Engagement selber unbekannter Individuen abh\u00e4ngt, etwa von Klaus T\u00e4ubert und der Gymnasiallehrerin Margarethe Exler aus der Provinz. Und einem kleinen Verlag wie \u201atrafo\u2019. <!--more--><\/p>\n<p>Verf\u00fchrt durch \u201avermischte Nachrichten\u2019 von Drogenexperimenten, linker Sozialmedizin an einem sozialen Brennpunkt, Szeneleben und schlie\u00dflich der Anbindung an die KPD \u2013 hatte ich mir attraktive und lockere Rebellen vorgestellt, nicht so blasse Intellektuelle mit stark hervortretender sozialer Ader. Alle in einem gro\u00dfb\u00fcrgerlich wirkenden Berlin wohnend, auch Wiegmann, wie die Ortsbesichtigung an der Adresse des Ateliers in Tempelhof zeigt. Die ber\u00fchmte Urbanstra\u00dfe, wo ich das wieder aufgebaute \u201eGesundheitshaus Kreuzberg\u201c besuche, ist sogar eine herrschaftlich breite gr\u00fcne Allee. Das Haus selbst war damals einer dieser repr\u00e4sentativen \u00f6ffentlichen Bauten, \u00fcbrigens zuerst eine wilhelminisch gro\u00dfkotzig daherkommende Erziehungsanstalt f\u00fcr \u201agefallene M\u00e4dchen\u2019.<\/p>\n<div id=\"attachment_8242\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Gesundheitshaus-Urbanstr.IMG_3755.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8242\" class=\"size-thumbnail wp-image-8242\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Gesundheitshaus-Urbanstr.IMG_3755-170x150.jpg\" alt=\"Gesundheitshaus am Urban, Urbanstr.24 , 23. Okt.17\" width=\"170\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8242\" class=\"wp-caption-text\">Gesundheitshaus am Urban, Urbanstr.24 , 23. Okt.17<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_8243\" style=\"width: 180px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Tempelhof-Atelier.IMG_3759.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8243\" class=\"size-thumbnail wp-image-8243\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Tempelhof-Atelier.IMG_3759-170x150.jpg\" alt=\"Manfred v. Richthofenstr.10, Neu-Tempelhof (Link)\" width=\"170\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8243\" class=\"wp-caption-text\">Manfred v. Richthofenstr.10, Neu-Tempelhof (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neu-Tempelhof\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>Ich konsultiere im <u>Benjamin-Archiv an der Akademie der K\u00fcnste<\/u> vier Druckschriften und einen Briefwechsel aus der <u>\u201eFritz Fr\u00e4nkel (1892-1944) &#8211; Sammlung Klaus T\u00e4ubert\u201c.<\/u><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ernst Joel<\/strong><\/p>\n<p>Gestern las ich die Joel-Biografie von <u>Margarethe Exler<\/u>: \u201e<u>Von der Jugendbewegung zu \u00e4rztlicher Drogenhilfe \u2013 Das Leben Ernst Joels<\/u> (1893\u20131929) im Umkreis von Benjamin, Landauer und Buber\u201c ( trafo, Berlin 2005) \u2013 den sympathischen Bericht einer Spurensuche zu einem idealistischen jungen Mann aus m\u00fctterlich beh\u00fctetem, aber vaterlosem b\u00fcrgerlichem Elternhaus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Charlotte-Joel-Ernst-Joel-1916.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-10856\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Charlotte-Joel-Ernst-Joel-1916-210x360.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Charlotte-Joel-Ernst-Joel-1916-210x360.jpg 210w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Charlotte-Joel-Ernst-Joel-1916-526x900.jpg 526w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Charlotte-Joel-Ernst-Joel-1916.jpg 592w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Heute im Archiv las ich Joel\u2019s weitschweifige \u201e<u>Akademische Kundgebung\u201c von 1916<\/u> (Findebuch 1.2 : 275) \u00fcber die Bestimmung der Universit\u00e4t frei nach Fichte als \u201e<em>derjenige Punkt, in welchem (&#8230;) jedes Zeitalter seine h\u00f6chste Verstandesbildung \u00fcbergibt dem folgenden Zeitalter <\/em>&#8230;\u201c &#8211; Dann folgte das ganze postpubert\u00e4re jugendbewegte Tun, das ihn aber nicht von einem Medizinstudium abhielt, welches vermutlich der Onkel bei ihm durchsetzte.<\/p>\n<p><em>&lt;\u00a0 Das nebenstehende Foto stammt aus einem erst 2019 im Wallstein Verlag erschienenen Buch voller Portr\u00e4ts: &#8222;Das Werk der Photographin Charlotte Joel&#8220; herausgegeben von Friedrich Pf\u00e4fflin und Werner Kohlert. Das Foto spricht B\u00e4nde. Danke!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Joels gro\u00dfe St\u00e4rke: Er wollte und konnte seine Begeisterungsf\u00e4higkeit und die hochfliegende Theorie an eine verl\u00e4ssliche Praxis knoten, so wie dann auch in einem \u201eGesundheitshaus\u201c geschehen. Dessen Konzept formulierte er \u00fcberzeugend im Wohlfahrtsblatt, Dez. 1927. Da war er bereits zehn Jahre \u00e4lter. Aber musste die Identifikation mit den m\u00fchseligen und Beladenen soweit gehen, dass er \u00fcber narkotischen Selbstversuchen sein Leben riskierte und verlor?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dr.Joel-1928.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-15248\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dr.Joel-1928-170x150.jpg\" alt=\"\" width=\"333\" height=\"251\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dr.Joel-1928-360x271.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dr.Joel-1928-900x678.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dr.Joel-1928-624x470.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Dr.Joel-1928.jpg 1174w\" sizes=\"auto, (max-width: 333px) 100vw, 333px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Warum, frage ich mich schlie\u00dflich wie die Biografin Exler, hat die zehn Jahre \u00e4ltere SchwesterCharlotte Jo<strong>e<\/strong>l, eine in Berlin prominente Portr\u00e4tfotografin, den kleinen Bruder \u201anie\u2019 fotografiert? Es scheint nur ein authentisches Foto von Ernst Joel zu existieren.(oben 1916), aber Fritz Wiegmann hat ihn 1928 portr\u00e4tiert, wie ein Albumfoto von 1928 zeigt.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<h4>31.10.2023 Eine interessante neue Facette zum Studium Joels in Legal Tribune Online 6.8.2023 von Martin Rath<\/h4>\n<p>&#8222;<em>Mitten im Ersten Weltkrieg wurde aus der Exmatrikulation eines meinungsstarken Studenten aus der Berliner Universita\u0308t ein kleiner Skandal. Damals konnten Hochschulen als Gerichte ta\u0308tig werden und sogar Campus-Haft anordnen. Er war der Mann, der Walter Benjamin (1892\u20131940) beim Konsum von Haschisch auf den Geschmack brachte: der Arzt Ernst Joe\u0308l..<\/em>&#8230;&#8220; ( <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/feuilleton\/f\/hochschule-universitaet-gericht-gerichtsbarkeit-exmatrikulation-haft-rausschmiss-willkuer-joel-walter-benjamin-rauschgift-cannabis-gefaengnis\/?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>).\u00a0 ( <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Joel-Campusjustiz-1915-lto.deRecht-1.pdf\">Joel Campusjustiz 1915 lto.de\u00a0 6.Aug.2023 :Recht<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fritz Fr\u00e4nkel und Fritz Wiegmann<\/strong><\/p>\n<p>Die Erinnerung der damaligen Ehefrau Fritz Fr\u00e4nkels, Hilda, muss mehr als ein halbes Jahrhundert \u00fcberbr\u00fccken. Ein gewagter Versuch von Klaus T\u00e4ubert, brieflich bei Hilda Fr\u00e4nkel, seit langem bereits <u>Hilda McLean<\/u> anzufragen. Gleich zu Anfang lag bereits 1935 eine Scheidung im Weg mit handfestem Streit um den gemeinsamen kleinen Sohn, einschlie\u00dflich Entf\u00fchrung nach Mallorca .<\/p>\n<p>Umso bewunderungswerter, wie verst\u00e4ndnisvoll und kooperativ sie sich f\u00fcr T\u00e4uberts Projekt einer Biografie des bedeutenden Sozialmediziners zeigte. (2.1 : 044).<\/p>\n<p>Fr\u00e4nkels Verh\u00e4ltnis zu Mutter und Ehefrau nehme ich mit Kopfsch\u00fctteln zur Kenntnis, bereits die Einquartierung seiner jungen Frau in die Wohnung, welche er mit seiner Mutter teilte. Warum er diese Frau heiratete, die an seiner Arbeit nicht teilhaben konnte und den Rest ihres Lebens der \u00dcberzeugung war, ihm intellektuell nicht folgen zu k\u00f6nnen? Warum wollte er nach der Scheidung den Sohn Andr\u00e9 unbedingt f\u00fcr sich behalten, wo er sich von seinen Klienten \u00fcberhaupt nicht abgrenzen konnte, f\u00fcr sonst nichts Zeit hatte? Den Quatsch kennen wir doch!<br \/>\nHilda erinnert sich an Fritz Wiegmann nur als an den \u201e<em>Maler und Lehrer<\/em>\u201c. Die Teddyb\u00e4ren f\u00fcr Andr\u00e9 \u2013 hat Fritz Wiegmann erst \u201e<em>am Bahnhof<\/em>\u201c gekauft, wie sie einmal formuliert, also spontan, weil ihm der ohne alles Spielzeug aus seiner Welt gerissene Bub leid tat?<\/p>\n<p>Hilda meint sich zu erinnern, dass Wiegmann\u00a0 Patient bei ihrem Mann gewesen ist, von 1930 bis zu der erzwungenen Abreise der Familie.<\/p>\n<p>Patient und Mitarbeiter? Psychoanalyse? Rorschach? Kokain? Wohl von allem ein wenig.<\/p>\n<p>Die in \u201e<u>Psychoanalytische Bewegung\u201c 1929\/4<\/u> (1.2 : 257) gezeigten Beispiele psychoanalytischer Interpretation in der Ausstellung erscheinen mir elementar, oder \u201avulg\u00e4r\u2019, also naiv. Die zwei zitierten Freud-S\u00e4tze waren gesundheitspolitisch &#8211; <em>die Neurose als der Tuberkulose vergleichbare Bedrohung der Volksgesundheit<\/em> &#8211; und zivilisationskritisch (aus \u201eZukunft einer Illusion\u201c).<\/p>\n<p>Aber \u201e<em>Wieglein<\/em>\u201c auf der Abschiedskarte?? (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4773\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) War der zehn Jahre \u00e4ltere Fr\u00e4nkel f\u00fcr ihn Vaterfigur? Warum nicht? F\u00fcr Sigmund Freud war auch Vermischung von Freundschaft oder gar Verwandtschaft mit Therapie und wiederum Therapie mit Ausbildung selbstverst\u00e4ndlich. Ich erinnere nur an Tochter Anna.<\/p>\n<p>Anders als bei Dora Benjamin, die in der Erinnerung von Hilda als \u201e<em>gute Freundin<\/em>\u201c oft im Hause Fr\u00e4nkel war, schien Wiegmann eher eine Beziehung zwischen den M\u00e4nnern zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fritz Wiegmanns Beitrag zu den Ausstellungen 1929 und 1931<\/strong><\/p>\n<p><u>Joels Aufsatz vom Dez.1927<\/u> (1.2 : 274) betont die praktische Nachbarschaft einer aufkl\u00e4renden Ausstellung zu den Therapeuten und Diensten im Haus, er z\u00e4hlt die Gebiete auf, nennt Anforderungen, welche \u201e<em>die Lehrmittel<\/em>\u201c gew\u00f6hnlich nicht erf\u00fcllten. \u201e<em>Gute Methoden der Belehrung m\u00fcssen auf manchen Gebieten erst erarbeitet werden<\/em>.\u201c Er fordert, \u201e<em>von der modernen Industriereklame mit ihren einfachen und eindringlichen Formen zu lernen<\/em>\u201c, \u201e<em>anschauliche Modelle, farbenkr\u00e4ftige \u00fcberzeugende Darstellungen<\/em>\u201c zu entwickeln, \u201e<em>die von einer gewissen Frische, oft sogar von Humor durchdrungen sein m\u00fcssen<\/em>.\u201c \u201e<em>Noch wichtiger ist, dass das Sehen und Lernen zum Erleben wird&#8230;.\u201c <\/em>(386) Er bemerkt: \u201e<em>Der Ausstellungsinhalt ist in st\u00e4ndigem Wachsen..<\/em>.\u201c (387)<\/p>\n<p>Meine Schlussfolgerung: \u201eGesunde Nerven\u201c war nicht mehr als eine Sonderausstellung, welche durch die breite Resonanz in der \u00d6ffentlichkeit das bisher Geleistete \u00fcberstrahlte.<\/p>\n<p>Joel, Fr\u00e4nkel und Dora Benjamin (?) engagierten also Fritz Wiegmann wegen seines Einfallsreichtums und seiner Energie f\u00fcr ihre anspruchsvolle Pr\u00e4sentation; er wiederum konnte sich an einem existierenden Konzept und am Bestand orientieren und an den Schriften Joels und Fr\u00e4nkels auf den Stand der Diskussion bringen. Die Skelette in Aktion (siehe Abbildung, <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5547\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) waren jedenfalls nicht unbedingt sein Beitrag, sondern vielleicht Teil des Bestandes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nachdem der junge Wiegmann erst einmal &#8218;in den Kreis der Familie\u2019 zur\u00fcckgekehrt ist, kann man von plakativen \u00dcbertreibungen Abstand nehmen. Daf\u00fcr f\u00fchle ich mich ohnehin nicht verantwortlich, schon eher Walter und Dora Benjamin mit ihren \u00fcberschw\u00e4nglichen Ausstellungskritiken.<\/p>\n<p>An zwei Stellen moniere ich auf Tafeln Missionierungseifer (z. B. <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5899\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>). Doch der war Bestandteil der \u201asozialistischen\u2019 Begl\u00fcckungsidee der Intellektuellen Joel und Fr\u00e4nkel, er war Motor. Nichts anderes war damals von \u201aLinken\u2019 zu erwarten.<\/p>\n<p>Der Streit um die Hygieneausstellung 1930\/31 in Dresden (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7174\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>) war vorprogrammiert. Ich hatte den \u201e<u>Programmentwurf\u201c vom Januar 1928<\/u> (1.2 : 261) bestellt. Fr\u00e4nkel und Wiegmann mussten ihn kennen. Er war von Direktor Dr. Seirig unterzeichnet. Der bezog sich mehrfach auf die Hygieneausstellung in Dresden 1911 und brachte als Programmpunkt 12 unter \u201e<em>Seelenleben als seelische Hygiene<\/em>\u201c eine Mischung, unter anderen \u201e<em>Graphologie<\/em>\u201c und \u201e<em>Unterbewu\u00dftsein<\/em>\u201c. Ich gewinne den Eindruck: alles sollte sauber und positiv sein, eben \u201eHygiene\u201c. Kannten die beiden auch Seirigs gesonderte Denkschrift \u00fcber \u201e<em>die Beteiligung der Industrie<\/em>\u201c als Sponsor?<\/p>\n<p>Es ging Seirig um eine niveauvolle formale Gestaltung \u2013 und die Berliner hatten gerade gro\u00dfen Erfolg mit \u201eGesunde Nerven\u201c. Er setzte sich mit den beiden eine Laus in den Pelz, sie agierten subversiv.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Noch eine Entdeckung im Archiv<\/strong><\/p>\n<p>Wie still es sein kann, wie konzentriert die Lekt\u00fcre, wie klein und fein die Notizschrift wird. Die Regeln zu respektieren \u2013 Briefe nicht einmal fotokopieren zu d\u00fcrfen, geschweige denn ohne Genehmigung der Erben w\u00f6rtlich zu zitieren \u2013 gibt der Lekt\u00fcre eine Intimit\u00e4t. Der Lesesaal als\u00a0 Schutzraum, flankiert von zwei durch Glas abgetrennten Arbeitsr\u00e4umen der Archivare. Aber wenn die Gralsh\u00fcter so nett sind, geht das klar. Und damit der kreativen Verarbeitung freie Bahn!<\/p>\n<p>Erst habe ich archiviert, dann nutze ich ein Archiv. Widersinnig? Es ist nie zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Niemand konnte \u00fcbrigens bisher \u00fcber die Drei plus Dora berichten und ihr Zusammenwirken. Vielleicht wird das niemals m\u00f6glich sein. Dann errichtet halt erst einmal drei, vier Denkm\u00e4ler!<\/p>\n<p>23.Okt. \u2013 6. Nov. 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<span style=\"color: #333333;\">Aktualisierung 2.5.2019<br \/>\n<\/span><\/h3>\n<h5><span style=\"color: #333333;\">In der Ausgabe vom 9.Februar 2019 ver\u00f6ffentlichte die Berliner Zeitung einen Vorabdruck aus Maxim Leo&#8217;s\u00a0 (Andr\u00e9 Fr\u00e4nkel) Buch &#8222;Wo wir zuhause sind &#8211; Die Geschichte meiner verschwundenen Familie&#8220;(KiWi Verlag 2019)\u00a0 <\/span><\/h5>\n<h5><span style=\"color: #333333;\">Er erz\u00e4hlt darin sehr intim \u00fcber die Beziehung der Eltern, \u00fcber Arbeit und Experimente des Vaters und das furchtbare Jahr 1933.<\/span><\/h5>\n<h3 style=\"text-align: center;\">20.11.2024<\/h3>\n<h4><span style=\"color: #ff0000;\"><span style=\"color: #333333;\">Der <a style=\"color: #333333;\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur\/literatur\/vorabdruck-aus-maxim-leos-buch--wo-wir-zu-hause-sind--32004914\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a> funktioniert 2024 nicht mehr. Das hatte ich bereits bef\u00fcrchtet und <em>png<\/em> wie <em>pdf<\/em> hergestellt. <\/span><\/span>Der folgende Text ist ein Auszug aus Maxim Leos neuem Buch \u201eWo wir zu Hause sind \u2013 Die Geschichte meiner verschwundenen Familie\u201c, das am 14. Februar bei Kiepenheuer &amp; Witsch erschienen ist:<em><strong><br \/>\n<\/strong><\/em><\/h4>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2019-05-01-um-23.54.54-Kopie.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Bildschirmfoto-2019-05-01-um-23.54.54-Kopie-360x356.png\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"356\" \/><\/a><span style=\"color: #333333;\">Bildschirmfoto-2019-05-01-um-23.54.54 .png<\/span><\/p>\n<h3><span style=\"color: #333333;\">Vorabdruck aus Maxim Leos Buch \u201eWo wir zu Hause sind\u201c <\/span><span style=\"color: #333333;\">Berliner Zeitung 09.02.19<\/span><\/h3>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Auf Fotos sieht Hilde selten zufrieden aus. Meistens <\/span><span style=\"color: #333333;\">hat sie die Lippen zu einer Art Schmollmund zusammengepresst. Mit Mitte 20 tr\u00e4gt sie die Haare kurz und gescheitelt, sie mag Hosenanz\u00fcge, wirkt spr\u00f6de, androgyn, ein wenig dramatisch, auf jeden Fall interessant. Sie verl\u00e4sst die Schule ohne Abitur, weil ihre Leistungen, vor allem in Mathematik, hoffnungslos schlecht sind. Sie hat, so erkl\u00e4rt sie ihrer Mutter, keine Lust auf Arithmetik und irgendwelche Naturgesetze. Hilde will Schauspielerin werden, am liebsten in einem Kabarett. Sie bewundert Marlene Dietrich, die mit schwarzem Zylinder, Frack und Zigarettenspitze verruchte Lieder singt. Hilde mag die grelle Theaterwelt, weil sie so anders ist als das, was sie kennt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hildes Mutter, zwar verarmt, aber aus gutem Hause und mit einer klaren Vorstellung davon, was sich f\u00fcr eine junge Dame geh\u00f6rt, l\u00e4sst Hilde eine Ausbildung zur S\u00e4uglings-krankenschwester im Pestalozzi-Fr\u00f6bel-Haus in Berlin-Sch\u00f6neberg absolvieren. \u201eWenn du akademisch nicht interessiert bist, dann bleibt dir nur, einen ordentlichen Beruf zu erlernen, der den Menschen von Nutzen ist\u201c, l\u00e4sst die Mutter ihre Tochter wissen. Eine gr\u00f6\u00dfere Bestrafung h\u00e4tte es f\u00fcr Hilde wohl nicht geben k\u00f6nnen, sie findet Kleinkinder furchtbar, beim Anblick von Blut wird ihr schlecht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hilde folgt den Weisungen der Mutter, zieht ins Schwesternpensionat, beschlie\u00dft dort jedoch recht bald, ihre Ausbildung selbst in die Hand zu nehmen. Nachts steigt sie aus dem Fenster im zweiten Stock, klettert auf einem Mauersims bis zur Regenrinne, die sie hinunterrutscht. So heimlich wie sie das Pensionat verl\u00e4sst, geht sie anschlie\u00dfend ins Theater.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Erst als sie einen Job hat, erz\u00e4hlt sie der Mutter von ihrem Doppelleben<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hilde schmuggelt sich durch B\u00fchneneing\u00e4nge und Schauspielerkantinen, sie kennt irgendwann die Garderobeng\u00e4nge und Kulissenr\u00e4ume, den Kleiderfundus und den Schn\u00fcrboden. Sie taucht ein in die wilde, aufregende Stadt, die nach Alkohol, Parf\u00fcm und Ruhm duftet. Sie taucht ein in die schummrige Welt der K\u00fcnstler und Komparsen, der Magier, T\u00e4nzer und Feuerspucker. Sie sieht klassische St\u00fccke im Deutschen Theater und in der Volksb\u00fchne und leichte St\u00fccke in den Kabaretttheatern rund um die Friedrichstra\u00dfe. Sie beobachtet die Schauspieler, studiert ihre Atmung, ihre Pausen, ihre starken und schwachen Momente.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Auch hinter der B\u00fchne kennt sie sich bald gut aus, Hilde bekommt erste kleine Jobs in der Ausstattung und als Kost\u00fcmassistentin. Irgendwann verdient sie genug, um sich ein Zimmer in der Rosenthaler Stra\u00dfe, nicht weit vom Hackeschen Markt, leisten zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Sie verl\u00e4sst das Schwesternwohnheim, ohne der Mutter etwas zu sagen. Erst als sie ein Jahr sp\u00e4ter ihre erste Rolle bekommt, wagt sie es, der Familie von ihrem Doppelleben zu erz\u00e4hlen. Die Mutter tr\u00e4gt es mit Fassung, sie versp\u00fcrt wohl sogar einige Sympathie f\u00fcr Hildes Interessen, die auch mal ihre eigenen waren. Schlie\u00dflich hat Katerina als junge Frau am Berliner Konservatorium studiert, hat dort gesungen und Klavier gespielt und galt als \u00e4u\u00dferst talentiert. Diese Zeit ging j\u00e4h zu Ende, als sie ihrem Erich in die schlesische Provinz folgte, wo dieser seinen ersten Posten als Gymnasiallehrer bekam. Auf vieles musste sie dort verzichten, die Trennung von der Musik, sagte sie sp\u00e4ter immer wieder, sei ihr am allerschwersten gefallen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hilde spielt im Kabarett \u201eDie Wespen\u201c, einer Truppe ohne feste Spielst\u00e4tte, die oft im Restaurant \u201eHacke B\u00e4r\u201c in der Gro\u00dfen Frankfurter Stra\u00dfe 68 gastiert, oder im Mercedes-Palast in Neuk\u00f6lln. Die Wespen verstehen sich als proletarisches Kabarett und treten vor allem in den Arbeitervierteln auf. Die Truppe gilt als die radikalste und beste der Weimarer Republik, K\u00fcnstler wie Erich M\u00fchsam, Ernst Busch und Hanns Eisler schreiben, spielen und komponieren f\u00fcr das Ensemble. Hilde kommt hier zum ersten Mal mit linken politischen Ideen in Ber\u00fchrung, wobei es vor allem die menschlichen Trag\u00f6dien und Abgr\u00fcnde sind, die sie faszinieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Im Winter 1929 verliert Hilde auf einmal ihre Stimme. Sie konsultiert verschiedene \u00c4rzte, aber keiner kann die Ursache ihres pl\u00f6tzlichen Verstummens erkl\u00e4ren. Einer der Mediziner kommt auf die Idee, sie zum Nervenarzt und Psychologen Dr. Fritz Fr\u00e4nkel zu schicken, der offenbar in dem Ruf steht, schon so manchem K\u00fcnstler aus einer k\u00f6rperlichen Unp\u00e4sslichkeit geholfen zu haben. Nach ein paar Besuchen bei Fr\u00e4nkel kann Hilde wieder sprechen, und er fragt, ob sie nun, da sie ja keine Patientin mehr sei, nicht mal zusammen ins Theater gehen wollen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Eigentlich passen die beiden \u00fcberhaupt nicht zusammen<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">\u201eSo haben sich meine Eltern kennengelernt\u201c, sagt Onkel Andr\u00e9, zu dem ich gefahren bin, um mir von Hilde erz\u00e4hlen zu lassen. Andr\u00e9 sitzt in einem schweren Ohrensessel im Wohnzimmer seines Hauses im Londoner Stadtteil Camden. Er hat einen zerzausten grauen Bart und lustige Augen, die st\u00e4ndig in Bewegung sind. Manchmal tr\u00e4gt er eine russische Schapka aus schwarzem Fell und sieht aus wie Lenin kurz vor dem Ausbruch der Oktoberrevolution. F\u00fcr mich war Onkel Andr\u00e9 schon immer sehr alt. Und sehr besonders. Das Erstaunlichste an ihm sind seine Freundlichkeit und die beschwingte Neugier, mit der er die Welt betrachtet. Er ist an allem interessiert, will alles verstehen. Er sagt, Hilde sei sehr beeindruckt gewesen von Fritz Fr\u00e4nkel, nicht nur, weil er so klug und kultiviert gewesen sei, sondern weil er offenbar die Gabe hatte, den Menschen in die Seele zu schauen, sie zu f\u00fchlen, sie zu verstehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fr\u00e4nkel ist ein schmaler j\u00fcdischer Intellektueller mit einem wild wachsenden Haarkranz und einem Blick, der traurig und sp\u00f6ttisch zugleich ist. Er ist 15 Jahre \u00e4lter als Hilde, wohnt noch immer mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammen, die dem zuweilen vertr\u00e4umten Doktor durch den praktischen Teil des Lebens helfen. Eigentlich passen die beiden \u00fcberhaupt nicht zusammen. Hilde ist zu jung und zu unerfahren, um Fr\u00e4nkel eine Partnerin zu sein. Aber wahrscheinlich hat er in ihr schon all das gesehen, was sie selbst erst viel sp\u00e4ter entdecken wird: ihre Kraft, ihre Entschiedenheit, ihren sicheren Instinkt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Den beiden bleibt kaum Zeit, sich kennenzulernen, da ist Hilde schon schwanger, und es muss geheiratet werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Als Hilde ein Kind bekommt, entspannt sich die Stimmung<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hilde zieht zu den Fr\u00e4nkels in die Wilmersdorfer Kaiserallee 207. Sie wohnen im ersten Stock, in einer vornehmen Acht-Zimmer-Etage, wo sich auch Fr\u00e4nkels Praxis befindet. Hilde hat gro\u00dfe Schwierigkeiten, ihren Platz in dieser Familie zu finden. Fr\u00e4nkels Mutter f\u00fchrt den Haushalt, die Schwester kocht, das Dienstm\u00e4dchen Gerda putzt und w\u00e4scht. Hilde hat jetzt zwar einen Mann, f\u00fchlt sich aber trotzdem nur als geduldeter Gast. Von einem Zuhause, gar von ihrem Zuhause kann keine Rede sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hinzu kommt Hildes Beruf, der von Fr\u00e4nkels Familie nicht gesch\u00e4tzt wird. Abends steht sie auf der B\u00fchne, wenn sie\u00a0 in der Nacht nach Hause kommt, schlafen die anderen schon. Fr\u00e4nkels Mutter l\u00e4sst Hilde sp\u00fcren, dass sie nicht die Richtige f\u00fcr ihren Jungen ist. Erst als Andr\u00e9 geboren wird, entspannt sich die Stimmung im Hause etwas, weil die Gro\u00dfmutter, vom Enkel bezaubert, zuweilen die Abneigung gegen die Schwiegertochter vergisst.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fritz Fr\u00e4nkel selbst ist kaum da, weil er ohne Unterlass arbeitet. Neben seiner Nervenarztpraxis in Wilmersdorf hat er im Urban-Krankenhaus eine psychosoziale Notfallstelle eingerichtet, die vor allem von Alkoholikern und Drogens\u00fcchtigen besucht wird, die er unentgeltlich behandelt. Berlin ist in diesen Jahren \u00fcberschwemmt von Drogen, in den Klubs und Bars wird in rauen Mengen Kokain geschnupft und Morphium gespritzt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">\u201eDas ist mein kleiner Sozialismus\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fr\u00e4nkel geh\u00f6rt zu einer Handvoll \u00c4rzten, die sich mit der Wirkung von Drogen auskennen und Entziehungskuren anbieten. Au\u00dferdem findet er es skandal\u00f6s, wie mit mittellosen Patienten umgegangen wird. Gesundheit d\u00fcrfe keine Frage des Geldbeutels sein, sagt er immer wieder. Deshalb nehme er absurd hohe Honorare von frustrierten Industriellengattinnen, die ihre Traurigkeit mit Lik\u00f6r vertrieben, und fast nichts von den armen Kerlen, die sich nachts im Hauseingang eine dreckige Nadel in die Vene stie\u00dfen. \u201eDas ist mein kleiner Sozialismus\u201c, sagt Fr\u00e4nkel.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Dar\u00fcber reden Hilde und Fr\u00e4nkel oft, \u00fcber die Gerechtigkeit, und ob es wirklich so gut ist, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, wie Fr\u00e4nkel es sich w\u00fcnscht. Hilde sagt, irgendwer m\u00fcsse doch das Geld verdienen, um es den anderen zu geben. Sie glaubt mehr an christliche Mildt\u00e4tigkeit als an Gleichheit. Au\u00dferdem hat sie in ihrer Kindheit sehr unter der Armut gelitten, die mit der Inflationskrise in ihre Familie kam. Onkel Andr\u00e9 sagt, dieses Gef\u00fchl, alles zu verlieren, habe seine Mutter tief gepr\u00e4gt. Schon damals habe sie beschlossen, eines Tages reich zu werden, um sich und ihrer Familie die Freiheit und Sorglosigkeit zur\u00fcckzuschenken, die sie selbst so fr\u00fch verlor.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fr\u00e4nkels politische Haltung hat viel mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, in dem er als Bataillonsarzt Schwerverwundete in K\u00f6nigsberg betreute. Er erz\u00e4hlt Hilde von den Amputationen, die er ohne Narkosemittel vornehmen musste, von den Blutlachen, die in den Sanit\u00e4tszelten standen, von der Luft, die nach Eiter und Tod stank, vom letzten Wimmern der Sterbenden. Wer solche Kriege k\u00fcnftig verhindern wolle, sagt Fr\u00e4nkel, der m\u00fcsse die Gesellschaft ver\u00e4ndern. Sie nennt ihn deshalb sp\u00f6ttisch \u201emeinen gro\u00dfen Arbeiterf\u00fchrer\u201c, was Fr\u00e4nkel \u00fcberhaupt nicht lustig findet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Haschisch rauchen mit Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Noch w\u00e4hrend des Krieges tritt Fr\u00e4nkel dem Spartakusbund bei und ist Delegierter von K\u00f6nigsberg, als am 30. Dezember 1918 in Berlin im Festsaal des Preu\u00dfischen Landtags die KPD gegr\u00fcndet wird. Fr\u00e4nkel ist 26 und sitzt neben Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Wilhelm Pieck und Hermann Duncker, als der Kommunismus in Deutschland offiziell zu existieren beginnt. Hilde hat einen Revolution\u00e4r aus b\u00fcrgerlichem Hause geheiratet.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fr\u00e4nkel studiert die Wirkung von Drogen nicht nur an seinen Patienten, sondern auch an sich selbst, an Freunden und Kollegen. Tags\u00fcber behandelt er in seiner Praxis im wei\u00dfen Kittel, nachts experimentiert er am selben Ort mit Morphium, Haschisch und Kokain. Oft bittet er seinen Freund, den Schriftsteller und Philosophen Walter Benjamin, als Versuchsperson in sein Kabinett.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die beiden kennen sich von der Universit\u00e4t, Benjamin interessiert sich schon fr\u00fch f\u00fcr Fr\u00e4nkels Arbeiten \u00fcber das menschliche Suchtverhalten, Fr\u00e4nkel ist inspiriert von Benjamins philosophischem Werk. Die beiden verbringen ganze Wochenenden auf den Kaffeehausterrassen am Kurf\u00fcstendamm. Sie trinken Mokka und Wei\u00dfwein, rauchen schwarze filterlose Zigaretten und diskutieren. F\u00fcr Fr\u00e4nkel sind es Stunden vollkommenen Gl\u00fccks, die oft noch ihre Verl\u00e4ngerung in seinem Arbeitszimmer finden, wo man es sich in m\u00e4chtigen Ledersesseln bequem macht und von Fr\u00e4nkel bereits vorbereitete \u201eHaschisch-Zigaretten\u201c raucht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Eines Morgens steht die SA vor der T\u00fcr<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">In einer milden Sommernacht wird Hilde von lautem Lachen aus dem Hof hinter ihrem Haus geweckt. Sie sieht, wie ihr Mann und Walter Benjamin halb nackt an der Wasserpumpe stehen und sich gegenseitig nass spritzen. Fr\u00e4nkel wiehert wie ein Pferd und umt\u00e4nzelt den etwas ungelenken Benjamin, der schlie\u00dflich vor Ersch\u00f6pfung in den Matsch f\u00e4llt und dort prustend liegen bleibt, bis Hilde in den Hof eilt und die beiden M\u00e4nner zur Vernunft ruft. Hilde betrachtet dieses seltsame Treiben ihres Mannes mit Befrem-den. Sie ist fasziniert von ihm und wohl auch am\u00fcsiert, und gleichzeitig sp\u00fcrt sie, dass sie ihn nicht wirklich begreifen kann.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Hilde wird sp\u00e4ter sagen, sie w\u00e4re wahrscheinlich schon fr\u00fcher gegangen, wenn nicht auf einmal die gro\u00dfe Geschichte in ihr kleines Leben gedrungen w\u00e4re. Am fr\u00fchen Morgen des 21. M\u00e4rz 1933 h\u00e4mmern F\u00e4uste an die Wohnungst\u00fcr der Fr\u00e4nkels in der Kaiserallee. Hilde schreckt aus dem Bett, eilt im Morgenmantel zur T\u00fcr, vor der mehrere uniformierte SA-M\u00e4nner stehen, die sie r\u00fcde zur Seite sto\u00dfen. Die M\u00e4nner gehen durch die Wohnung, rei\u00dfen T\u00fcren und Schr\u00e4nke auf. Sie suchen nach Dokumenten, Geld und Wertsachen. In Fr\u00e4nkels Praxisr\u00e4umen zerren sie die Akten aus den Schubladen, werfen alles in Kisten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Fritz Fr\u00e4nkel versucht die M\u00e4nner zur Rede zu stellen, verlangt, einen richterlichen Beschluss zu sehen. Einer der SA-Leute verpasst ihm wortlos einen Faustschlag ins Gesicht, dann geht die Durchsuchung weiter. Auf der Stra\u00dfe vor dem Haus warten zwei Mannschaftswagen. Die SA-Leute, die zur ber\u00fcchtigten Feldpolizei des Hauptmanns Fritsch geh\u00f6ren, schleppen die Kisten mit den beschlagnahmten Sachen nach drau\u00dfen. Zum Schluss wird auch Fritz Fr\u00e4nkel abgef\u00fchrt und auf den Wagen gesto\u00dfen. Sie bringen ihn in eine SA-Kaserne in der General-Pape-Stra\u00dfe in Berlin-Sch\u00f6neberg. Dort wird er mit Peitschen und Gummikn\u00fcppeln geschlagen, dann verh\u00f6rt, dann wieder geschlagen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Fr\u00e4nkels Urenkelin lebt heute wieder in Berlin<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die Kellerr\u00e4ume, in denen Fr\u00e4nkel zusammen mit vielen anderen zwei Tage lang gequ\u00e4lt wurde, kann man heute besichtigen. Vor ein paar Jahren ist dort eine Gedenkst\u00e4tte eingerichtet worden. Ich fahre zusammen mit meiner Cousine Charlotte aus London, die jetzt bei mir um die Ecke wohnt, in die General-Pape-Stra\u00dfe. Sie will den Ort sehen, an dem ihr Urgro\u00dfvater misshandelt und gedem\u00fctigt wurde. Sie hat Angst, dort allein hinzugehen. Es ist ein sch\u00f6ner Fr\u00fchlingstag, die Sonne erw\u00e4rmt die klare Luft schon ein wenig. Wir kommen an dem roten Klinkerbau an und steigen in den Keller hinab. Nach jeder Stufe wird die Luft k\u00fchler und feuchter.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Die Kellerg\u00e4nge sind dunkel, die Schritte hallen, von den Backsteinw\u00e4nden bl\u00e4ttert der Kalk, hinter schmalen, vergitterten Fenstern l\u00e4sst sich das Tageslicht erahnen. Charlotte l\u00e4sst ihre Hand \u00fcber das Mauerwerk gleiten, sie betrachtet die in die W\u00e4nde geritzten Inschriften der H\u00e4ftlinge. Meist sind es Namen und die Anzahl der Tage, die sie hier verbracht haben. Hinter manche Namen sind Kreuze geritzt, was wohl bedeutet, dass sie hier verstorben sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Wir fl\u00fcstern, obwohl wir alleine sind. Wir versuchen uns vorzustellen, was f\u00fcr ein Schock es f\u00fcr Fritz Fr\u00e4nkel gewesen sein muss, hier anzukommen, den Hass und die Schl\u00e4ge zu sp\u00fcren, die Schreie der anderen zu h\u00f6ren, sich auf einmal v\u00f6llig machtlos zu f\u00fchlen. So pl\u00f6tzlich ist das alles passiert, eben noch schlief er in seiner Wilmersdorfer Wohnung, auf einmal ist er hier, umgeben von brutalen Schindern, die es genie\u00dfen, einen wie ihn zu erniedrigen. Einen Doktor, einen Juden, einen Kommunisten.Von einem Moment auf den anderen gibt es keine Sicherheit und keine W\u00fcrde mehr, ist alles, was man zu sein glaubte, zu einem angstgesch\u00fcttelten H\u00e4ufchen Elend geworden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Fr\u00e4nkel glaubt offenbar noch an den Rechtsstaat<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">In einem der R\u00e4ume h\u00e4ngt sein Foto. Charlotte stellt erstaunt fest, wie \u00e4hnlich dieser Mann ihr sieht. Die dichten Augenbrauen, das flache Kinn. Charlotte ist 22 Jahre alt, ein blasses M\u00e4dchen mit einer zu gro\u00dfen Brille, das in diesem Moment wie ein jugendlicher Geist ihres Urgro\u00dfvaters erscheint. Unter Fr\u00e4nkels Foto steht eine Vitrine, in der f\u00fcnf maschinenbeschriebene A4-Bl\u00e4tter liegen. Es ist sein Bericht \u00fcber die Zeit in der SA-Kaserne, geschrieben am 27. M\u00e4rz 1933, kurz nach seiner Ankunft in der Schweiz. Fr\u00e4nkel hat diesen Bericht der deutschen Gesandtschaft in Bern \u00fcbergeben, mit der Bitte, ihn an die zust\u00e4ndigen Stellen in Berlin weiterzuleiten. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\"><em>Fr\u00e4nkel schreibt:<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #800000;\"><em>Ich bin der Sohn des Kaufmanns Bernhardt Fr\u00e4nkel. Eltern und Gro\u00dfeltern waren deutsche Staatsangeh\u00f6rige, in Berlin ans\u00e4ssig. Meine Frau, Hilde, geb. Leo, Tochter des 1915 im Felde gefallenen Hauptmanns der Reserve, Erich Leo, ist seit 1930 mit mir verheiratet. Ich habe einen zweij\u00e4hrigen Sohn. Am 21. M\u00e4rz wurde ich von einer Berliner SA-Truppe verhaftet. In der SA-Kaserne in der General-Pape-Stra\u00dfe wurde ich auf eine Holzbank gelegt und der entbl\u00f6\u00dfte R\u00fccken so geschlagen, da\u00df das Hemd sp\u00e4ter klebte. Dann wurde mir, wie auch den anderen Gefangenen, Anzug und Mantel weggenommen.Ich wurde in eine verdreckte Joppe und zerrissene Hose gesteckt (Ausspruch eines SA-Mannes: Wir haben den Lokus damit gereinigt) und in einem Keller mit ca 25 anderen Gefangenen untergebracht.Wir litten alle sehr unter der K\u00e4lte. Ich mu\u00dfte, da die zwei Betten f\u00fcr Schwerverletzte reserviert waren, auf dem Steinboden liegen. Die Mi\u00dfhandlungen wiederholten sich die ganze Nacht \u00fcber, man go\u00df mir, w\u00e4hrend ich einen anderen, fast zu Tode gepr\u00fcgelten Arzt (Dr. Philippsohn aus Biesdorf) untersuchen mu\u00dfte, einen Eimer Wasser \u00fcber den Kopf. Ich war dauernd w\u00fcsten Beschimpfungen ausgesetzt, mu\u00dfte z. B. st\u00e4ndig erkl\u00e4ren: Ich bin ein stinkiger Jude.Abgesehen von dem pers\u00f6nlichen Leid wirkte schwer auf mich, da\u00df ich die fortgesetzten Mi\u00dfhandlungen von anderen mir unbekannten Menschen mitansehen mu\u00dfte. Es wurde einem Gefangenen die Haut unter den Fu\u00dfsohlen mit Feuer abgebrannt, zuerst mit der Zigarette, dann mit Streichh\u00f6lzern, dann mit einer Papierfackel. (Fu\u00dfsohle und zwischen den Zehen). Dann wurde derselbe in eine Art von Schrank gepre\u00dft, in dem er beinahe erstickte. W\u00e4hrend der Schreie der Gepeinigten wurde im ersten Stock gesungen und Harmonika gespielt. Am n\u00e4chsten Tag mu\u00dfte ich trotz heftigster Schmerzen ca. eine Stunde exerzieren (in einem Kellergang) Laufschritt, Kniebeugen, Wendungen.Meine Entlassung am 23. M\u00e4rz Nachmittags erfolgte durch pers\u00f6nliche Einwirkung von mir behandelter Nationalsozialisten. Bei der Entlassung wurde mir gedroht, falls ich meine Praxis wieder aufnehmen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich am n\u00e4chsten Tag verschwinden und nicht wieder zum Vorschein kommen. Ferner mu\u00dfte ich mich schriftlich verpflichten, in k\u00fcrzester Zeit Deutschland zu verlassen und nicht wiederzukehren (auf dem Schein steht endg\u00fcltig).Ich erkl\u00e4re an Eidesstatt, da\u00df die vorstehenden Angaben der reinen Wahrheit entsprechen. Dr. Fritz Fr\u00e4nkel<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Was, wenn Fr\u00e4nkel Deutschland nicht verlassen h\u00e4tte?<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Charlotte liest, als sie fertig ist, hat sie Tr\u00e4nen in den Augen. Sie sagt, \u00fcber die Geschichte ihres Urgro\u00dfvaters sei bei ihr zu Hause kaum gesprochen worden, ebenso wenig \u00fcber Andr\u00e9, ihren Gro\u00dfvater, der so fr\u00fch aus seiner beh\u00fcteten Kindheit gerissen wurde. Es war kein Tabu, sagt sie, es war nicht verboten, Fragen zu stellen, aber irgendwie sei auch klar gewesen, dass es besser war, es nicht zu tun.\u00a0 Charlotte erz\u00e4hlt von ihrem Vater, Andr\u00e9s Sohn, der den Fernseher ausschaltete, sobald etwas \u00fcber das Dritte Reich berichtet wurde. Sie denkt, das alles sei wohl zu schmerzhaft und verst\u00f6rend f\u00fcr ihren Vater gewesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">\u201eIch wei\u00df, dass er sich als Kind manchmal vorgestellt hat, die Familie h\u00e4tte Deutschland nicht verlassen und er w\u00e4re in einem Lager gro\u00df geworden.\u201c Ich frage, wer ihr das erz\u00e4hlt hat. Charlotte \u00fcberlegt, schlie\u00dft kurz die Augen, so als horchte sie tief in sich hinein. \u201eIch wei\u00df es nicht mehr\u201c, sagt sie. Aber die Vorstellung von diesem Kind im Lager, die sei ihr immer sehr pr\u00e4sent gewesen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Ich frage nicht weiter nach, ich wei\u00df, dass es Bilder und Gef\u00fchle gibt, die von einer Generation zur n\u00e4chsten rutschen. Es kann sein, dass diese Vorstellung des Kindes im Lager vor allem ihrer eigenen Angst entspringt. Einer Angst, die irgendwo in ihr sitzt. Ich selbst habe auch solche Bilder in mir.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Fr\u00e4nkel kommt durch Hildes Hilfe frei<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Langsam wird uns kalt in dem Kellergew\u00f6lbe, wir steigen wieder nach oben in den Berliner Fr\u00fchling. Mir geht der Bericht nicht aus dem Kopf, den Fritz Fr\u00e4nkel nach seiner Ausreise an die Deutsche Gesandtschaft geschickt hat. Es klingt so, als hoffte er, seine Verhaftung und Misshandlung w\u00fcrde sich als ein Missverst\u00e4ndnis erweisen. Fr\u00e4nkel glaubte offenbar immer noch an den deutschen Rechtsstaat. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass seine Vertreibung gewollt war.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Charlotte will noch wissen, wie Hilde es geschafft hat, ihren Fritz aus der SA-Kaserne zu befreien. Ich erz\u00e4hle ihr, was Onkel Andr\u00e9 mir erz\u00e4hlt hat. Wie Hilde die Patienten von Fr\u00e4nkel abtelefonierte. Wie sie schlie\u00dflich einen fand, der seine Verbindungen spielen lie\u00df und Rudolf Diels einschaltete, der zu dieser Zeit Chef der politischen Polizei war und sp\u00e4ter der erste Gestapochef werden sollte. Diels lie\u00df Hilde ausrichten, sie k\u00f6nne ihren Mann zwei Tage sp\u00e4ter in der General-Pape-Stra\u00dfe abholen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Aber so lange will Hilde nicht warten, sie zieht ihr sch\u00f6nstes Kost\u00fcm an, macht sich die Haare zurecht und l\u00e4sst sich von ihrem Hausm\u00e4dchen Grete einen Sch\u00f6nheitsfleck schminken. So pr\u00e4pariert f\u00e4hrt sie bereits am n\u00e4chsten Morgen dorthin, l\u00e4sst sich nicht abweisen an der Pforte, verlangt den Kommandanten zu sehen. Der bittet sie kurze Zeit sp\u00e4ter in sein B\u00fcro, ist ausgesprochen h\u00f6flich und bietet Hilde eine Tasse Kaffee an, die sie mit den Worten ausschl\u00e4gt, sie habe keine Zeit f\u00fcr Kaffee, solange ihr Mann nicht frei sei. Der SA-Kommandant, offensichtlich beeindruckt von Hildes Vehemenz, erteilt den Befehl, Fr\u00e4nkel aus dem Keller zu holen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #333333;\">Zwei Tage sp\u00e4ter flieht die Familie Fr\u00e4nkel<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Und dann sieht Hilde ihren ramponierten Fritz, der von zwei SA-M\u00e4nnern die Kellertreppe hochgehievt wird. Sie sieht sein zugeschwollenes Auge, die Zahnl\u00fccken, die Blut-flecken auf dem R\u00fccken. Sie versucht, ihr Erschrecken zu verbergen, reicht ihm wortlos einen mitgebrachten Anzug. Er hakt sich bei ihr unter, und sie verlassen die Kaserne. Hilde will schneller gehen, dr\u00e4ngt Fr\u00e4nkel zur Eile, weil sie Angst hat, der Kommandant k\u00f6nnte es sich anders \u00fcberlegen. Aber Fr\u00e4nkel kann nicht schneller, und er will auch nicht. \u201eTun wir so, als w\u00e4re es ein gew\u00f6hnlicher Sonntagsspaziergang\u201c, sagt er zu Hilde, und sie verlassen, so w\u00fcrdig es eben geht, das Gel\u00e4nde.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Zwei Tage sp\u00e4ter steht eine kleine Menschentraube am Ferngleis zwei des Bahnhofs Zoo. Etliche Freunde und Kollegen und nat\u00fcrlich auch Verwandte sind gekommen, um Hilde, Fritz und ihren Sohn zu verabschieden. <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4773\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(LINK)<\/a>\u00a0<\/span> Hildes Mutter hat einen Picknickkorb vorbereitet, der kleine Andr\u00e9 bekommt eine Tafel Schokolade in die Tasche gesteckt. Allen ist klar, dass es so schnell kein Wiedersehen geben wird. Die Erkl\u00e4rung, die Fr\u00e4nkel vor seiner Haftentlassung unterschreiben musste, ist unmissverst\u00e4ndlich, er darf keinen deutschen Boden mehr betreten. Dabei wei\u00df er noch nicht mal, was ihm eigentlich vorgeworfen wird.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Erst Jahre sp\u00e4ter, in Mexiko, wird er von der Liste erfahren, auf der die Namen aller KPD-Gr\u00fcndungsmitglieder vermerkt waren. Keiner, der auf dieser Liste stand, durfte in Deutschland bleiben. Die wenigsten haben das Nazireich \u00fcberlebt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Der Zug verl\u00e4sst schnaufend und dampfend den Bahnhof, Hilde wirft einen letzten Blick auf ihre Stadt. Sie sieht die Kantstra\u00dfe mit ihren L\u00e4den und Terrassen vor\u00fcbergleiten, das Theater des Westens, diesen wilhelminischen Protzkasten, in dem auch sie mal gespielt hat, wenn auch nur auf der kleinen B\u00fchne des Tingel-Tangel-Theaters im Souterrain des Hauses.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #333333;\">Seit Fr\u00e4nkels \u00fcberraschender Verhaftung hatte Hilde kaum Zeit, dar\u00fcber nachzudenken, was gerade mit ihnen geschieht. Sie war so besch\u00e4ftigt damit, ihren Mann zu retten, ihren Sohn zu beruhigen, den Hausstand aufzul\u00f6sen, das N\u00f6tigste zusammenzupacken, letzte Gespr\u00e4che zu f\u00fchren. Erst jetzt, als sie in diesem Zug sitzt, als sie nichts mehr tun kann, bricht die Verzweiflung \u00fcber sie herein. Zum Weinen ist sie zu m\u00fcde, sie sitzt stumm da und f\u00fchlt die Leere immer gr\u00f6\u00dfer werden.<\/span><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Von 719 Besuchern 1158mal angeschaut, vom f\u00fchrenden google.com bis zum <\/span><span style=\"color: #ff0000;\">20.11. 2024 <\/span><span style=\"color: #ff0000;\">110x angeboten.<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Ich hielt Fr\u00e4nkel und Joel f\u00fcr \u201aprominent\u2019, also gut dokumentiert. Ich ahnte nicht, wie sehr das Ged\u00e4chtnis an diese Menschen dauerhaft vom Engagement selber unbekannter Individuen abh\u00e4ngt, etwa von Klaus T\u00e4ubert und der Gymnasiallehrerin Margarethe Exler aus der Provinz. 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