{"id":8225,"date":"2017-11-05T13:55:06","date_gmt":"2017-11-05T12:55:06","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=8225"},"modified":"2020-06-07T02:36:43","modified_gmt":"2020-06-07T00:36:43","slug":"wechselblicke-zwischen-china-und-europa-1669-1907-chinoiserie-wie-gehabt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=8225","title":{"rendered":"\u201eWechselblicke zwischen China und Europa 1669-1907\u201c &#8211; nur \u201aChinoiserie\u2018"},"content":{"rendered":"<p><strong>Museum f\u00fcr Asiatische Kunst. Kunstforum Berlin. 12.10.2017-07.01.2018<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte bereits einen Text vorbereitet, aber wollte den aber wieder aufgeben. Denn Kritik ist kein Selbstzweck. Doch dann lese ich wieder den Einf\u00fchrungstext zur kleinen Ausstellung und \u00e4rgere mich erneut \u00fcber das Herum&#8217;eiern<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8218;Chinoiserie&#8216; war und ist &#8211; vergessen wir das nicht &#8211; mehr als ein Stil und eine Produktgattung, es ist auch eine Einstellung. Und gewisse Dinge muss man eben immer wieder zur Sprache bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Wechselblicke-Text.IMG_3557.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-8226\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Wechselblicke-Text.IMG_3557-900x700.jpg\" alt=\"Wechselblicke-Text.IMG_3557\" width=\"800\" height=\"622\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Wechselblicke-Text.IMG_3557-900x700.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Wechselblicke-Text.IMG_3557-360x280.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Wechselblicke-Text.IMG_3557-624x485.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Wechselblicke-Text.IMG_3557.jpg 1099w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a>Feld anklicken!<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>\u201eWechselblicke \u2013 Zwischen China und Europa 1669-1907\u201c<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWechselblicke\u201c soll das Thema sein. Auf der ersten Infotafel ist bereits das erotische Motiv gesetzt, und die M\u00f6glichkeit der Selbstbespiegelung sogar angedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel ist konventionell eing\u00e4ngig gew\u00e4hlt: \u201eChina\u201c, \u201eEuropa\u201c, zwei Gestalten der Vulg\u00e4rmythologie. Und sie sollen &#8222;eine gemeinsame Geschichte teilen&#8220; (2.Spalte). Das ist trotz ein paar Ber\u00fchrungspunkten eine gewagte Behauptung, die als diplomatische Floskel niemand ernst nimmt. F\u00fcr ein breites Publikum ist solch weichgesp\u00fcltes Gerede Gift. Soll man in Deutschland\u00a0 Trennendes nicht mehr zur Kenntnis nehmen oder nur auf streng geregelte Weise?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gew\u00e4hlten Endpunkte fallen auf, das Erscheinen zweier B\u00fccher: das einer damals Landesbeschreibung im europ\u00e4ischen Buchhandel 1669 und das von Fotografien chinesischer Architektur 1907. Da wird am Ende noch einmal der angeblich \u201evereinnahmende Blick\u201c mahnend erw\u00e4hnt. Was hei\u00dft das hier?\u00a0 Darf man sich das Fremde nicht aneignen, vor allem \u00e4sthetisch nicht?\u00a0 Vorsicht! Ideologische Duftmarken!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vulg\u00e4re weltgeschichtliche Chronologie bleibt au\u00dfen vor. Wer nicht wei\u00df, was die bei Fotos des zerst\u00f6rten Sommerpalastes beil\u00e4ufig genannte Zahl 1860 bedeutet, erf\u00e4hrt es auch nicht: die Fortsetzung der Aggressionskriege gegen das Chinesische Reich, den \u201eZweiten Opiumkrieg\u201c zwischen 1856 und 1860, der das Land entwaffnete. Da \u201evereinnahmte\u201c also nicht blo\u00df ein \u201eBlick\u201c! Mit einem Mausklick h\u00e4tte <em>Wikipedia<\/em> den Autoren die wichtigsten Informationen liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und <span style=\"text-decoration: underline;\">wer<\/span> erblickte \u00fcberhaupt <span style=\"text-decoration: underline;\">was<\/span>, zum Beispiel\u00a0 im 18. Jahrhundert?\u00a0 &#8211; Der Adel? Und das, was der Konsument fremder Produkte eben so wahrnimmt, den Produzenten zuletzt &#8211; wenn \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>China-Porzellan<\/em> erreichte \u00fcberall in Europa nicht nur die regierenden F\u00fcrstenh\u00e4user, sondern auch das wohlhabende B\u00fcrgertum. Sie alle blickten mehr als ein Jahrhundert auf ihr <em>Chinoiserie<\/em>-China im Medium des Porzellans, das mit dem Land so gut wie nichts zu tun hatte. Gebildete Europ\u00e4er erfreuten sich an phantasievoll illustrierten Reiseberichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegenrichtung war klar aufgeteilt. Der von den Ausstellern gew\u00e4hlte Ausdruck \u201eEurop\u00e4erie\u201c ist ungebr\u00e4uchlich. Mit Recht, weil dies Ph\u00e4nomen in dem gewaltigen Reich keine Relevanz hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der mandschurische Kaiserhof akzeptierte ein paar erfrischend neue Techniken des europ\u00e4ischen Tafelbildes und probierte westlich inspirierte Architekturelemente und Dekorationen an Gartenpavillons, unter Vermittlung von Jesuiten, nicht etwa von gro\u00dfen Malern. Es war f\u00fcr die chinesische Elite der Kontext der Zerstreuung und des seltenen Vergn\u00fcgens der Abwechslung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein westliches Architekturfoto von 1900 zeigt eine demolierte \u201cEurop\u00e4erie\u201c im 1860 von der westlichen Soldateska niedergebrannten Sommerpalast. Deren F\u00fchrung waren derartige Geistesverbindungen schnurzegal, klar.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><\/h5>\n<p style=\"text-align: center;\">Exportproduktion<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blick der chinesischen H\u00e4ndler und Manufakturbesitzer auf Produkte und Techniken der Europ\u00e4er wurde vom Kontext des pragmatischen Nutzens bestimmt. Wenn in der Porzellanherstellung weitere Farben \u00fcber Blau und Wei\u00df hinaus Anklang fanden, war das eine technische \u00dcbernahme, eine von vielen, und mit der Absicht, die Technik zu verbessern und das so Angeeignete als Exportporzellan nach Europa zur\u00fcckzuschicken. (Vorl\u00e4ufiger <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7881\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link.<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Industriellen und H\u00e4ndler von <em>Jingdezhen<\/em> und <em>Fujian<\/em> entschied letztlich der Erfolg bei den europ\u00e4ischen Kunden dar\u00fcber, was \u201aeurop\u00e4isch\u2019 war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine intakte Geschmackstradition und die restriktive Konsumgesetzgebung verhinderten substantielle \u00dcbernahmen in das innerchinesische Formenrepertoire. Auf dem Gebiet \u201ah\u00f6fischer\u2019 Repr\u00e4sentation und in den Konventionen hausfraulicher Ausstattungs\u00e4sthetik kam man sich noch am n\u00e4chsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst in unserem Jahrhundert, in dem China &#8218;die Werkbank der Welt&#8216; wurde, haben die f\u00fcr fremde Abnehmer gedachten fremden Produkte einen betr\u00e4chtlichen Einfluss auf Konsumgewohnheiten in China gewonnen, aber das ist vielleicht auch nur in einigen Sektoren der Fall und vielleicht reicht das weniger tief als wir denken. Was <u>sehen<\/u> wir von den Chinesen, wenn sie uns in \u201awestlicher\u2019 Verkleidung begegnen?<\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><\/h5>\n<p style=\"text-align: center;\">Keine Begegnung der Blicke<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begegnung zwischen China und Europa fand von Anfang an nicht auf gleicher Ebene statt, weder vor noch nach 1842, als sich die Machtverh\u00e4ltnisse umkehrten. Sie war wesentlich keine Begegnung der Blicke. \u201eWechselblicke\u201c ist ein durchsichtiger Vorwand, um l\u00e4ngst bekannte Chinoiserien und\u00a0 mit dem Namen Castiglionis verbundene hybride Bildsch\u00f6pfungen aus dem Fundus zu holen, sich f\u00fcr die neue Zeit attraktiver H\u00e4ppchen <span style=\"text-decoration: underline;\">nach<\/span> dem Asiatischen Museum\u00a0 warm zu laufen und zus\u00e4tzliche Tickets abzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ausstellungsmacher haben\u00a0 eine kuriose chinesische Papierrolle (Nr.57) \u2013 um ihre Textfl\u00e4che gek\u00fcrzt &#8211; als Vorlage f\u00fcr Plakat und Flyer gew\u00e4hlt.\u00a0Als Erkl\u00e4rungen habe ich aus der Ausstellung mitgenommen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3558-Wechselblicke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8229\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3558-Wechselblicke-207x360.jpg\" alt=\"IMG_3558 Wechselblicke\" width=\"207\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3558-Wechselblicke-207x360.jpg 207w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3558-Wechselblicke-517x900.jpg 517w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/IMG_3558-Wechselblicke.jpg 574w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a>Den poetischen Titel: \u201e<em>Einen Bullen im Wald h\u00f6ren<\/em>\u201c \u2013 Das Ding hatte damit seinen Namen. Bietet der Rollbildtext mehr?\u00a0 In der rechten Inschrift soll ein Hinweis auf europ\u00e4ische Technik stehen, etwa auf den Schattenwurf des Bullen. Das Bild ist zusammengesetzt aus zwei unterschiedlich vergr\u00f6\u00dferten europ\u00e4ischen Drucken, einer sei ein religi\u00f6ser Holzschnitt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da es auch bescheiden auf Papier aufgezogen wurde, vermute ich darin ein Lehrplakat. Offensichtlich richtete sich die didaktische Absicht auf die Demonstration einzelner formaler Errungenschaften, vor allem Plastizit\u00e4t durch Schattenwurf. Das Desinteresse an der Anatomie ist offensichtlich. Die Chinesen druckten bekanntlich Enzyklop\u00e4dien und illustrierte Sachb\u00fccher zu allen Gebieten. Doch dies\u00a0 Sammelsurium ergibt f\u00fcr mich nur als Modell oder Karikatur &#8218;westlicher&#8216; Drucke Sinn. Wenn man dann seine Details mit den Normen chinesischer Malschulen, etwa der Zehnbambushalle, vergleicht, wird ihre unzivilisierte Grobheit, vor allem aber auch das Fehlen jeder Systematik &#8211; in China an Pinselstrichen orientiert &#8211; deutlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Monstrum scheint mir irgendwo zwischen \u201eChina\u201c und \u201eEuropa\u201c angesiedelt, <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Rind-Ausschnitt.IMG_3565.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8230\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Rind-Ausschnitt.IMG_3565-360x270.jpg\" alt=\"Rind-Ausschnitt.IMG_3565\" width=\"360\" height=\"270\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Rind-Ausschnitt.IMG_3565-360x270.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Rind-Ausschnitt.IMG_3565-900x675.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Rind-Ausschnitt.IMG_3565-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Rind-Ausschnitt.IMG_3565.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/a>aber nicht lebensf\u00e4hig. Wieso vertritt es nun im \u00f6ffentlichen Raum Berlins das Ausstellungsthema?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was steckt in dem &#8222;Blick&#8220;?<\/p>\n<p>Nur unbegriffenes oder gleichg\u00fcltiges Abkupfern?\u00a0 Vielleicht Spott? Satire ?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Museum f\u00fcr Asiatische Kunst. Kunstforum Berlin. 12.10.2017-07.01.2018 Ich hatte bereits einen Text vorbereitet, aber wollte den aber wieder aufgeben. Denn Kritik ist kein Selbstzweck. 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