{"id":774,"date":"2006-09-15T19:56:33","date_gmt":"2006-09-15T18:56:33","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=774"},"modified":"2021-06-19T22:07:55","modified_gmt":"2021-06-19T20:07:55","slug":"das-netz-von-lutz-dammbeck-una-bomber","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=774","title":{"rendered":"\u201eDAS NETZ\u201c von Lutz Dammbeck \u00fcber den \u201eUnabomber&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"display: inline ! important; text-align: center;\"><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ein Film und ein Schl\u00fcsselerlebnis<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">Zur Erinnerung:<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">\u201e<em>Der sogenannte Unabomber Theodore Kaczynski (*1942) ver\u00fcbte \u00fcber 17 Jahre hinweg Briefbombenanschl\u00e4ge auf Wissenschaftler. Der Film begibt sich auf die Suche nach den Motiven des T\u00e4ters und beleuchtet die gesellschaftlicen Einfl\u00fcsse, die auf Kaczynskis Generation wirkten<\/em>.\u201c (arte-Magazin 6\/o6)<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\"><!--more--><\/p>\n<p>Inzwischen ist eine DVD \u00a0in der arte edition ( Best.Nr.800,17.90\u20ac) und ein gut lesbares Taschenbuch erschienen (\u201eDas Netz\u201c, Nautilus HH, 12.80 \u20ac ), das auch das \u201eUnabomber-Manifest\u201c erstmals in vom Autor revidierter Fassung enth\u00e4lt zum Nachlesen f\u00fcr Eilige und Kritische.<\/p>\n<p>&#8218;liga 6000&#8216;\u00a0 ging unter dem Titel \u201eUnabomber, LSD und Internet\u201c bereits vor einem Jahr auf den Film ein. Mir bietet aber der andere Impulse, die ich zur Debatte stellen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">Der Gesamteindruck: Ein mutiger Film.<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">\u00a0Die Interviews mit den Zeitzeugen gelangen unweigerlich an den Punkt, wo sie mehr oder weniger abgebrochen werden.<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">\u00a0Ich wundere mich, dass die Betreffenden einander nicht vor dem Autor Lutz Dammbeck gewarnt haben.<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">Ein subversiver Film, der die tabuierte Botschaft des \u00a0aus der akademischen Gemeinde exkommunizierten Ted Kaczynski zur Diskussion stellt, der Kaczynski die M\u00f6glichkeit zur Erl\u00e4uterung bietet f\u00fcr eine internatinale\u00a0 \u00d6ffentlichkeit. Der deutsche Sprecher verleiht Kaczynskis Briefwechsel mit dem Filmautor Gewicht und menschliche W\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">Eine dem Wissenschaftslaien verschlossene Ebene der Zeitgeschichte wird aufgebl\u00e4ttert:<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">\u00a0der globale Angriff &#8211; hier im Milieu von Hippies, Drugs and Sex and Rock\u00b4nRoll &#8211; auf die traditionellen Bastionen der \u201eautorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeit\u201c in aller Welt. Die \u201eDenkfabriken\u201c des \u201eCIA\u201c waren von Anfang an dabei, als Kriegsforschung im \u201eKalten Krieg\u201c, getragen von der aggressiven Ideologie einer \u201efreien Welt\u201c und der \u201ewestlichen\u201c Utopie der \u201eEinen Welt\u201c, in welcher die Menschen und V\u00f6lker aus allen bisherigen &#8211; faschistischen und kommunistischen und generell konservativen &#8211; Bindungen und Mustern gel\u00f6st existieren sollten.<\/p>\n<p>Der Film zeigt die Heroen der Kybernetik (v.Foerster, Steward Brand), der Gesellschaftstheorie (Adorno &amp; Co.), Autorit\u00e4ten psychologischer Lebensberatung (z.B. der Gestalttherapie) und Sch\u00f6pfer und Agenten popul\u00e4rwissenschaftlicher Weltbilder (Mc Luhan, Brodman) im Dienst oder in Gesellschaft der Agenturen einer \u201eMind Control\u201c &#8211; einer Gedankenkontrolle im Sinne von Noam Chomsky &#8211; die sich im 2.Weltkrieg an die US-\u201eElite-Universit\u00e4ten\u201c angedockt hatten. Wir k\u00f6nnen die individuelle Reaktion verschiedener hervorragender \u201en\u00fctzlicher Idioten\u201c im Gespr\u00e4ch verfolgen. Manche bewahren sich eine optimistische Sicht, andere warnen, kl\u00e4ren auf. Den individuellen Terror verurteilen sie alle. Etwas Anderes w\u00e4re auch extrem rufsch\u00e4digend gewesen.<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">Der Film ist f\u00fcr mich ein Schl\u00fcsselerlebnis : als m\u00fcsste und k\u00f6nnte ich nun \u00a0vermeintlich altbekannte Dissidenten und \u00a0Aussteiger der wissenschaftlich-technischen Avantgarde neu lesen: Chargaff, Weizenbaum, Chomsky, auch Adorno und Herbert Marcuse.<\/p>\n<p>\u00a0Im Folgenden m\u00f6chte ich die h\u00f6chst vorl\u00e4ufigen Gedanken ausspinnen, die sich \u00a0in der Verarbeitung des Films einstellten:<\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Wie dumm waren die &#8218;Bewegungen&#8216; und ideologischen Konfrontationen der 60er und 70er Jahre, die auch mir den Hintergrund der dramatischen B\u00fchne verstellt haben: die wahre Revolution, die uns seit zwanzig Jahren in atemberaubendem Tempo \u00fcberrollt!<\/p>\n<p>Meine \u201e68er\u201cGeneration verschwindet \u00a0gerade kleinlaut oder gar in unw\u00fcrdigen Haltungen von der \u00f6ffentlichen B\u00fchne. \u201eGenerationswechsel\u201c und \u201eParadigmenwechsel\u201c mittels \u201eSystemwandel\u201c finden \u00fcberall statt. Unauff\u00e4llig setzt sich die wissenschaftlich-technische Machtelite durch, sie verj\u00fcngt sich durch Selbstrekrutierung\u00a0 (\u201eLeistungsprinzip\u201c, \u201eArbeitsteilung\u201c) immer weiter und vervielfacht ihr Kontrollpotential. Die 68er-Anekdote vom Studenten-Revolution\u00e4r, dem angesichts des Berliner S-Bahnfahrplans urpl\u00f6tzlich die Einsicht d\u00e4mmerte: \u201eDas werden wir nie schaffen!\u201c kratzte immerhin in die Oberfl\u00e4che der Sache: Unsere &#8211; und da schlie\u00dfe ich mich voll und ganz ein &#8211; sch\u00f6ngeistige Abwendung von mathematischer und statistischer Sprache war fahrl\u00e4ssig, eine politische Tods\u00fcnde.<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\" style=\"line-height: 23px;\">Wir haben die Augen verschlossen:\u00a0<\/span><\/p>\n<ul>\n<li>\u00a0vor den politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen in angeblich \u201erevolution\u00e4ren Situationen\u201c wie Portugal 1975 etc. &#8211; \u00a0Die Halbwertszeit der modernen Revolutionsimitate \u00e0 la \u201eorange\u201c in der Ukraine wird l\u00e4cherlich kurz.<\/li>\n<li>vor der wachsenden Macht von Psychologie und \u00d6konomie weltweit: Die \u201erevolution\u00e4re Linke\u201c hat die tiefsten Bed\u00fcrfnisse \u00a0der Individuen verachtet,\u00a0 sah die menschlichen Bed\u00fcrfnisse voluntaristisch verk\u00fcrzt und gedachte die Menschen gegebenenfalls brachial umzuerziehen, statt ihnen scheinbar devot zu dienen wie es ganze Wissenschaftsbzweige seit langem tun. Sie ziehen daraus Herrschaftswissen. Der sanfte Weg der \u00dcberredung \u00a0als unauff\u00e4llig manipulative Methode lag \u201euns\u201c Ungeduldigen nicht, ebensowenig das Prinzip, jedes noch so geringe \u201eGef\u00e4lle\u201c des vermeintlichen \u201eEgoismus\u201c zu nutzen. So hatte man keine Chance gegen das B\u00fcndnis von weltkapitalistischer \u201eKonsumgesellschaft\u201c und \u00a0wissenschaftlicher Avantgarde (Kybernetik, experimentelle Psychologie, u.s.w.).<\/li>\n<\/ul>\n<p>3<\/p>\n<p>Die 68er \u201eLinke\u201c in den Industriestaaten war ein Kind der Planstellen und des Baf\u00f6g, also des Sozialstaats, zu dumm, um die Sozialingenieure zu durchschauen, die sich &#8211; vielleicht kopfsch\u00fcttelnd &#8211; erst einmal\u00a0 in ihre Labors und B\u00fcros verzogen, bis die &#8218;Bewegung&#8216; zum Stillstand gekommen war.<\/p>\n<p>Die RAF z\u00fcndelte \u00a0aktionistisch mediengerecht und schrie in grellen Worten auf (\u201eSchweine\u201c) und rechnete gegen jede historische Erfahrung mit dem \u201eindividuellen Terror\u201c auf irgendeine Reaktion \u201eder Massen\u201c. \u201eMaoisten\u201c und \u201eStalinisten\u201c verlie\u00dfen sich lieber gro\u00dfkotzig, mit Lenins Gesammelten Werken geimpft, auf die zermalmende Gewalt des Staatsterrorismus &#8211; im Stil \u00a0eines Mao oder Stalin &#8211; der damals den kleinlauten totalen Bankrott noch vor sich hatte. Der sich als revolution\u00e4r verstehende Neo-Marxismus der Studenten war &#8218;retro&#8216;, alles andere als revolution\u00e4r.<\/p>\n<p>4<\/p>\n<p>Die \u00a0\u201eV\u00f6lker\u201c selbst \u00a0liefen den linken Utopien weg, wenn sie nicht wie in den \u201eHinterh\u00f6fen\u201c der USA f\u00fcrchten mussten, milit\u00e4risch zermalmt\u00a0 oder ihrer Existenzgrundlage beraubt zu werden. Die Ansteckung durch den \u201eAmerican Way of Life\u201c importierten Medien und die unvermeidlichen Au\u00dfenkontakte\u00a0 in die beschulte Jugend und die Mittelschichten hinein. \u201eSoziale Grundrechte\u201c zogen nicht bei denen, denen \u201eKonsum\u201c und \u201eindividuelle Freiheit\u201c in Aussicht gestellt wurde. Autorit\u00e4re linke Regimes \u00a0konnten seit der Mitte der 80er Jahre auch die feindliche Parole \u201eMenschenrechte\u201c nicht mehr kompensieren.<\/p>\n<p style=\"display: inline ! important;\">Was h\u00e4tten \u201ewir\u201c tun k\u00f6nnen? \u00a0Vielleicht sozialwissenschaftliche kritische Theorien entwickeln, die den Namen \u201ekritisch\u201c verdienen und den Gegner ebenso wie die angemessene Praxis sichtbar machen? Da lacht mich Paul Feyerabend aus und empfiehlt mir seine B\u00fccher! Ich ziehe den Satz kleinlaut zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Doch was eine Naomi Klein \u00a02002 in ihren \u201eBerichte(n) von der Globalisierungsfront\u201c aus der Oppositionspraxis beschreibt, w\u00e4re das nicht eine Generation fr\u00fcher m\u00f6glich gewesen?\u00a0\u201eDer lange Marsch durch die Institutionen\u201c w\u00e4re nicht von derma\u00dfen unkritischer Geduld begleitet worden.<\/p>\n<p>5<\/p>\n<p>Auch die angebliche St\u00e4rkung des Individuums, seine Herausl\u00f6sung aus zwingenden Bindungen \u00a0durch den europ\u00e4ischen Sozialdemokratismus , also die \u201eReformsozialisten\u201c, hat \u00a0aufl\u00f6send gewirkt. Sie bereitete durch gesellschaftliche Atomisierung den Weg f\u00fcr eine technokratisch-kapitalistischen Doppel-Herrschaft.<\/p>\n<p>Heute sucht das Individuum in den Metropolen vor allem nach \u201eHalt\u201c und nach \u201eZerstreuung\u201c. Die Explosion der \u201eKultur\u201c-Events und -Szenen, die st\u00e4ndige Vermehrung ihrer Foren, die Vernetzung der Sinne und Gen\u00fcsse liefert ein total absorbierendes \u00fcberw\u00e4ltigendes Angebot. Im \u00fcbrigen hat Vil\u00e9m Flusser die \u00fcblich gewordene rituelle Verarbeitung von Information in der kleinen Studie \u201e\u00dcber Fotografie\u201c \u00fcberzeugend beschrieben.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">*<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Verweis auf:\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #ff0000;\">Noch einmal \u201cDas Netz\u201d \u2013 nun als Buch !<\/span><\/h4>\n<header class=\"entry-header\">Tagebuch einer Lekt\u00fcre von \u201ePsychologie der modernen Linken\u201c.<\/header>\n<div class=\"entry-content\">\n<p><i>Ted Kaczynski hat bekanntlich durch seine Briefbomben an akademische Vertreter des milit\u00e4risch-industriellen Komplexes die Publikation seines zeitkritischen Manifests in der Washington Post erpresst. Was steckt in dem Text?\u00a0 &#8230;&#8230;. \u00a0\u00a0 <\/i><strong>(LINK)<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Ein Film und ein Schl\u00fcsselerlebnis &nbsp; Zur Erinnerung: \u201eDer sogenannte Unabomber Theodore Kaczynski (*1942) ver\u00fcbte \u00fcber 17 Jahre hinweg Briefbombenanschl\u00e4ge auf Wissenschaftler. Der Film begibt sich auf die Suche nach den Motiven des T\u00e4ters und beleuchtet die gesellschaftlicen Einfl\u00fcsse, die auf Kaczynskis Generation wirkten.\u201c (arte-Magazin 6\/o6)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[93,38,6],"tags":[],"class_list":["post-774","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1968er","category-film","category-frueher"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/774","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=774"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/774\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12937,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/774\/revisions\/12937"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=774"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=774"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=774"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}