{"id":7555,"date":"2017-05-09T12:22:15","date_gmt":"2017-05-09T10:22:15","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7555"},"modified":"2024-04-05T14:36:39","modified_gmt":"2024-04-05T12:36:39","slug":"ce-shaozheng-flaniert-durchs-alte-peking","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7555","title":{"rendered":"Ce Shaozheng flaniert durchs alte Peking"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\">Im Urlaub auf der Insel hatte ich am\u00fcsante B\u00fccher dabei, unter anderen<strong><em>: <\/em><\/strong><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong><em> Ce Shaozhen : Flaneur im alten Peking \u2013 ein Leben zwischen Kaiserreich und Revolution<\/em><\/strong> (Diederichs Verlag 1987, illustrierte gebundene Ausgabe &#8211; der beigelegte Stadtplan ist unbrauchbar. Empfehlung: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Old_maps_of_Beijing\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a>).<!--more--><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Eine Besonderheit: Das Buch musste nicht ins Deutsche \u00fcbersetzt werden, da der Verfasser, ein mongolischer Prinzensohn, der eigentlich Tsedan Dorji hie\u00df und in Peking 1914 geboren wurde und dort aufwuchs, mit 12 Jahren die Deutsche Schule im Gesandtschaftsviertel besuchte und 1930 bis 1934 in Deutschland, Hirschberg, Schlesien, zur Schule ging.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Danach lebte er f\u00fcr den Rest seines Lebens wieder mit kurzen Unterbrechungen in Peking. In den achtziger Jahren schrieb er seine Erinnerungen an das Peking vor 1949 in gepflegtem Deutsch nieder mit den Geschichten und Ger\u00fcchten, die dort erz\u00e4hlt wurden. Die Herausgeberin des Buches, Margit Miosga, war von Freunden darauf aufmerksam gemacht worden. Sie hatte dann die Idee, den Verfasser seine eigene Lebensgeschichte ins Mikrophon erz\u00e4hlen zu lassen und diese Erz\u00e4hlung zwischen die Kapitel zu streuen. So kam ein pers\u00f6nliches und facettenreiches Buch zustande, voller interessanter Details \u00fcber das Leben von Chinesen und vor allem auch Ausl\u00e4ndern im \u201aGesandtschaftsviertel\u2019. In dem Milieu, in dem Fritz Wiegmann 1936 ein ganzes Jahr verbrachte, ging Ce Shaozhen ein und aus. Der weltgewandte junge Mann, alles andere als ein Kind von Traurigkeit, suchte in den drei\u00dfiger und vierziger Jahren unter westlicher und japanischer Herrschaft das Beste aus beiden Welten zu bekommen. Er genoss das Leben und stilisiert sich auch nicht nachtr\u00e4glich zum Moralisten. Die Kapitel hei\u00dfen etwa: <em>Geschichten aus dem Kaiserpalast<\/em>, <em>Ein Blick auf das alte Peking<\/em>, <em>Bestechung, Schnaps und leichte M\u00e4dchen<\/em>, <em>Die Rolle der Warlords in China<\/em>, <em>Ausl\u00e4nder in Peking<\/em>. Nach der Lekt\u00fcre sehe ich manches an Wiegmanns Eindr\u00fccken anders und sch\u00e4rfer als zuvor.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">So repr\u00e4sentierte der von Wiegmann als \u201e<span style=\"text-decoration: line-through;\">verlogenes<\/span> Theater\u201c skandalisierte <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5448\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Kunsthandel in der Liulichang<\/em><\/a> nur das, was in der Gesch\u00e4ftswelt Normalit\u00e4t war. Gerissene Gesch\u00e4ftsleute waren sie alle, clevere Chinesen wie die Gl\u00fccksritter aus aller Herren L\u00e4nder. Das ist uns heute doch nicht fremd. Selbst Ordensleute drehten krumme Dinger (Immobilien, S.167). Ohne irgendwo einen moralischen oder politischen Vorwurf zu erheben, zeichnet Ce in vielen Facetten (<em>Ausl\u00e4nder in Peking<\/em>) die Anwesenheit der Europ\u00e4er als Besatzungsmacht, mit der man sich eben arrangierte, nicht anders als dann nach 1938 mit den Japanern. Deren Mitglieder lebten wie die sprichw\u00f6rtliche Made im Speck. Manche kannten von China kaum mehr als Dienerschaft, Lieferanten und \u201aGesch\u00e4ftsfreunde\u2019, dazu die Ausflugsziele Pekings. Wozu Chinesisch lernen? Die Annoncen auf der R\u00fcckseite des Zeitungsausschnitts im <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5050\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Peiping Chronicle<\/a> sind typisch. In ihrer kollektiven Dreistigkeit erinnern mich die Ausl\u00e4nder an die <em>Freier<\/em> <em>der Penelope<\/em> in der <em>Odyssee<\/em>. Auch Wiegmann und der <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5050\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">junge Deutsche<\/a>, der ihm Ende 1938 aus Peking schrieb, geh\u00f6rten zu dieser ignoranten und parasit\u00e4ren Welt. Der Soziologe <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Albert_Memmi\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Albert Memmi<\/a> hat das koloniale System f\u00fcr eine nordafrikanische Kolonie (Tunis) und seine Rollenverteilung modellhaft beschrieben, aber es passte auch auf &#8218;Old Peking&#8216;. Die westliche Zivilisation war \u00fcberlegen. Wenn ihre typischen Repr\u00e4sentanten auch l\u00e4cherlich wirken mochten &#8211; zumindest f\u00fcr gebildete Chinesen &#8211;\u00a0 fiel im Portr\u00e4t des\u00a0 Ce Shaozhen als smarter junger Gro\u00dfst\u00e4dter kein bitteres Wort \u00fcber sie.<\/h4>\n<div id=\"attachment_7565\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0012.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7565\" class=\"wp-image-7565\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0012-335x360.jpg\" alt=\"Bei Dubosc 1936\/37 \" width=\"270\" height=\"290\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0012-335x360.jpg 335w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0012-624x670.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0012.jpg 745w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7565\" class=\"wp-caption-text\">Bei Dubosc 1936\/37<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_7564\" style=\"width: 278px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0016.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7564\" class=\"wp-image-7564\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0016-170x150.jpg\" alt=\"Pidgin? Mit dem Hausherrn Chinesisch!\" width=\"268\" height=\"290\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0016-332x360.jpg 332w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0016-624x676.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/Bei-Dubosc-1936-Peiping_0016.jpg 745w\" sizes=\"auto, (max-width: 268px) 100vw, 268px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7564\" class=\"wp-caption-text\">Pidgin? Mit dem Hausherrn Chinesisch!<\/p><\/div>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich gab es Ausnahmen, Fachleute oder Au\u00dfenseiter. Wiegmann konnte keiner werden. Als Gast und Gehilfe des Kunstsammlers und Diplomaten Dubosc und ohne Beherrschung des Chinesischen stand er nicht auf eigenen F\u00fc\u00dfen. Auch Portr\u00e4tauftr\u00e4ge \u2013 wie viele \u00fcberhaupt? \u2013 erhielt er innerhalb der Kolonie. Wie oft und wie weit gelangte er entdeckend \u00fcber die beh\u00fctete Nachbarschaft hinaus? <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5722\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Seine eigenen Fotos<\/a> zeigen nur bekannte Ausflugsziele und belegen Spazierg\u00e4nge vor die Stadtmauer. Im G\u00e4stebuch seiner Ausstellung in der Nationalbibliothek \u00e4u\u00dferte ein Besucher seine Entt\u00e4uschung \u00fcber den engen Aktionsradius des Malers Wiegmann. Und da war ja auch &#8211; wie vorher auf Mallorca &#8211; die diplomatische Vertretung des Deutschen Reiches nebenan, von der er sich beobachtet f\u00fchlen musste, und die ihm am Ende des Jahres den Pass nicht verl\u00e4ngerte. Er war damals das vierte Jahr (unbezahlt) vom Schuldienst in Berlin beurlaubt. Die Ausstellung in der Nationalbibliothek &#8211; mit einem offiziellen Dankschreiben als Leistung f\u00fcr die deutsche Kulturrepr\u00e4sentation (s. unten Leuthner)\u00a0 gew\u00fcrdigt (im Archiv) \u2013 unterst\u00fctzte eine ger\u00e4uschlose R\u00fcckkehr ins 1933 verlassene Deutschland. Die ende 1938 beantragte\u00a0 Wiederausreise nach China\u00a0 wurde dem wehrpflichtigen Deutschen nicht genehmigt. Die deutsche Gemeinde war dem Regime sowieso nicht japanfreundlich genug. (M.Leuthner: Deutschland und China 1937-49. M\u00fcnchen 1995, 374 f.)<\/h4>\n<p>\u00dcber europ\u00e4ische Stereotype gegen\u00fcber Chinesen in der britischen Kolonie Singapur informiert unterhaltsam die die Brosch\u00fcre &#8222;Our Singapore&#8220;, die nach 1900 zusammengestellt wurde.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=15758\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Link zum Heft und Kontext.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Urlaub auf der Insel hatte ich am\u00fcsante B\u00fccher dabei, unter anderen: Ce Shaozhen : Flaneur im alten Peking \u2013 ein Leben zwischen Kaiserreich und Revolution (Diederichs Verlag 1987, illustrierte gebundene Ausgabe &#8211; der beigelegte Stadtplan ist unbrauchbar. 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