{"id":72,"date":"2010-07-05T00:00:16","date_gmt":"2010-07-04T23:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=72"},"modified":"2013-10-27T16:17:54","modified_gmt":"2013-10-27T15:17:54","slug":"briefwechsel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=72","title":{"rendered":"Briefwechsel \u00fcber &#8218;Vogelfl\u00fcge&#8216;"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\"><b>\u00a01<\/b><\/span><\/b><\/p>\n<p>From: &#8222;Dirk Schulz&#8220;-\u00a0 Subject: Lesen am Kap\u00a0 &#8211; Date: Sun, 7 Feb 2010 21:48:53 +0200<\/p>\n<p>Lieber Detlev, (&#8230;..) lese ich zur Zeit in Flussers Essays &#8222;Vogelfl\u00fcge&#8220;. Mir gef\u00e4llt, wie er schreibt und wie er, ausgehend von Alltagsph\u00e4nomenen, seine Denkkreise zieht, sie erweitert, sich ber\u00fchren und schneiden l\u00e4sst. Ehrlich gesagt springe ich von Titel zu Titel, kreuz und quer,<!--more--> habe mit dem\u00a0Essay &#8222;Regen&#8220; begonnen und &#8222;Wege&#8220; gelesen, danach &#8222;V\u00f6gel&#8220;, &#8222;Wunder&#8220;. Ich bin begeistert\u00a0von seinem Blick auf die Kultur und wie er sie als Gegenpol zur Natur betrachtet. Zwei Gegenwelten, die sich durchdringen. Der Mensch dazwischen mit seinen Tr\u00e4umen und W\u00fcnschen, als Kulturschaffender. Die Denkfigur zu den verlorenen Tr\u00e4umen in &#8222;V\u00f6gel&#8220; wird mich wohl noch ein wenig besch\u00e4ftigen: &#8222;Was uns bleibt, ist der unm\u00f6gliche Wunsch, Unm\u00f6gliches zu w\u00fcnschen.&#8220; \u00a0\u00a0Gr\u00fc\u00dfe Dirk<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>2<\/b><\/p>\n<p><b><\/b>To: &#8222;Dirk Schulz&#8220;\u00a0 &#8211; Subject: Re: AW: Lesen am Kap &#8211; REGEN &#8211; Date: Sun, 28 Feb 2010 22:47:26 +0200<\/p>\n<p>Lieber Dirk, (&#8230;) ich hatte ein paar B\u00fccher mit auf der Insel und kam auch zum Lesen. Dabei waren wir t\u00e4glich mehr als drei Stunden drau\u00dfen in der Natur. Vier Tage schien die Sonne und beleuchtete ein immer anderes Naturwunder: die vereiste Nordsee, mit Eisschollen, arktischen Eisw\u00e4llen am Strand und dahinter eine riesige Fl\u00e4che, der Kniepsand, der, wie du wei\u00df bis zu einem Kilometer breit ist. Die Reise war lang, elf Stunden, davon Hamburg-Amrum mehr als sechs Stunden; die Umst\u00e4nde lange nicht sicher, weil F\u00e4hren ausfielen. Auch in Google-Maps sieht Amrum reizend aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Regen<\/b><\/p>\n<p>17.2.10, Amrum. Ich lese <span style=\"text-decoration: underline;\">\u201eRegen\u201c<\/span> &#8211; aus dem Brasilianischen von Edith!\u00a0\u00a0 Also vor 1971 geschrieben! Da mir bei der Lekt\u00fcre schwindlig wird, verfasse ich dies Protokoll.<\/p>\n<p>Thema sind zwei Pole und ein Zwischenreich \u2013 die moderne Technik &#8211; werden in den Blick genommen, zuerst &#8211; &#8211; der Gegensatz zur Natur mit dem Ziel ihrer Kontrolle, naheliegend unter dem Gesichtspunkt der Behaglichkeit. Der im Trockenen an der Pfeife ziehende,\u00a0den Regen betrachtende Philosoph empfindet das Ungen\u00fcgen des technokratischen Programms, sobald er an deren zweifelhafte Errungenschaften denkt. Das Gef\u00fchl der Machtlosigkeit gegen\u00fcber \u201e<i>den spielenden und sinnlos kreisenden<\/i>\u201c Naturkr\u00e4ften, hat sich auf die kulturelle Situation \u00fcbertragen, n\u00e4mlich \u201e<i>pausenlos einem str\u00f6menden, programmierten Regen ausgesetzt (zu) sein<\/i>\u201c. Den Ausdruck <i>berieselt<\/i> \u00a0verbinde ich spontan mit L\u00e4rm, genauer mit einer technischen Beschallung. Dann f\u00e4llt mir eine Flut bedruckten Papiers und elektronischer Bilder ein, schlie\u00dflich die Flut der programmierten Impulse, Angebote, Appelle, Einladungen und Optionen. Klar geh\u00f6rt auch die in den St\u00e4dten allgegenw\u00e4rtige k\u00fcnstliche Beleuchtung dazu. Auch der Text m\u00fcndet in das Wort <i>berieselt<\/i>.\u00a0Gegen diese \u00fcblen Aussichten l\u00e4sst der Philosoph ein Gegenprogramm der \u201e<i>Freiheit<\/i>\u201c anklingen. Sein entsprechendes Engagement lautet: \u201e<i>verk\u00fcnden, dass man uns berieselt<\/i>\u201c.\u00a0Dessen Kriterium: das Gebiet der Empfindungen, z.B.<i> \u201ebesch\u00fctzt zu sein<\/i>\u201c zu erweitern\u00a0und das neutrale, aber potentiell gef\u00e4hrliche Gebiet der Technologie dem R\u00e4sonnement,\u00a0dem Werturteil, dem freien Gespr\u00e4ch, kurz: \u201e<i>der menschlichen W\u00fcrde<\/i>\u201c zug\u00e4nglich zu machen und zu unterwerfen. Der \u201e<i>Kampf gegen die Natur<\/i>\u201c scheint als Notwendigkeit gegen\u00fcber dieser Aufgabe in den Hintergrund zu treten, weil diese heute sichtlich einfacher geworden sei , einfacher im Rahmen einer Gesellschaft, die von technologischen Programmen beherrscht werde.<\/p>\n<p>Auf den Spuren seiner Rhetorik frage ich mich: Was ist an diesem Gedankengang ph\u00e4nomenologisch, was einfach didaktisch? &#8211; Flusser holt den Leser beim \u201eGef\u00fchl der Geborgenheit\u201c<i> <\/i>ab, einer vertrauten Situation, und f\u00fchrt sogleich mit dem Gegensatz \u201e<i>drau\u00dfen<\/i>\u201c &#8211; drinnen den hochabstrakten Begriff \u201e<i>Kultur<\/i>\u201c ein. <i>Kultur<\/i> bedeute, \u201e<i>Die Natur aus der Distanz betrachten zu k\u00f6nnen.<\/i>\u201c, urspr\u00fcnglich in der Situation eines weit unmittelbareren Ausgesetztseins und Ohnmachtsgef\u00fchls. Flusser erw\u00e4hnt <i>die Bew\u00e4sserung <\/i>als eine uralte und komplexe Kulturtechnik.\u00a0Dann springt er unerwartet in die Zukunft: Nat\u00fcrlicher und programmierter Regen vom Fenster \u201e<i>w\u00fcrden sich in nichts<\/i>\u201c unterscheiden. Ich denke da eher an ausgereiftes digitales Kino. Er f\u00e4hrt ja auch fort: \u201e<i>Beim Ansehen der Dinge kann ich nicht zwischen Kultur und Natur unterscheiden.<\/i>\u201c Nur wenn ich lernen w\u00fcrde, was die Dinge sind, k\u00f6nne ich \u00fcberhaupt unterscheiden, aber nicht, wenn ich mich dem Bild distanzlos hingebe, sagt er weiter. Er ist f\u00fcr seinen Scharfsinn und seine Vorstellungskraft ber\u00fchmt.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen regnet es und drinnen gr\u00fcbelt Flusser.<i> <\/i>Gr\u00fcbelt er oder l\u00e4sst er nicht einfach die Gedanken schweifen? Entwickelt er Variationen \u00fcber Themen, die ihn gerade besch\u00e4ftigen? Tagtr\u00e4ume? Sp\u00e4ter wird er etwa in \u201e<i>F\u00fcr eine Philosophie der Fotografie<\/i>\u201c den neuen Bilder-Analphabetismus beschreiben. Was ist \u201e<i>Regen im Fenster<\/i>\u201c anderes als ein Bild? \u201e<i>Ich brauche die anderen, damit sie es mir sagen<\/i>\u201c, n\u00e4mlich \u201e<i>was davon Kultur und was Natur ist<\/i>\u201c, sagt er jetzt. Das will er als Antwort nicht akzeptieren: \u201e<i>Wenn das so w\u00e4re, h\u00e4tte ich kein eigenes Kriterium f\u00fcr ein Engagement.<\/i>\u201c<\/p>\n<p>Er w\u00e4hlt ein gewagtes Beispiel \u201e<i>die Franz\u00f6sische Revolution<\/i>\u201c. Sie sei \u201e<i>laut der Erkl\u00e4rung der einen ein historisches Ph\u00e4nomen<\/i>\u201c &#8211; ich w\u00fcrde vielleicht erg\u00e4nzen: sie begr\u00fcndet einer Geschichte linearen menschlichen Fortschritts zum Besseren \u2013 \u201e<i>laut der anderen ein nat\u00fcrliches Ph\u00e4nomen<\/i>\u201c, das selbstverst\u00e4ndlich kein <i>Engagement<\/i> lohne, geschweige denn eines mit t\u00f6dlichem Ausgang.\u00a0 \u201e<i>Diejenigen, die sich f\u00fcr die Revolution engagiert haben und f\u00fcr sie gestorben sind, sind aus Naivit\u00e4t gestorben.<\/i>\u201c Doch warum \u201e<i>naiv<\/i>\u201c? &#8211; Die an der Revolution Engagierten h\u00e4tten \u201enicht alle ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden Informationen eingeholt!\u201c Das ist leicht gesagt! Stellte Flusser in seinem Essay \u201e<i>Schachspiel<\/i>\u201c nicht fest, dass wir <span style=\"text-decoration: underline;\">immer<\/span> von anderen lernen m\u00fcssen? Spielt er uns in \u201eRegen\u201c seine \u00dcberheblichkeit nur vor?<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt <i>Engagement<\/i>! Am Ende seines gro\u00dfen Brasilien-Abenteuers, nach der schmerzhaften Abl\u00f6sung von dem Gro\u00dfprojekt einer <i>neuen Heimat<\/i>, wird er Engagement auf seinen jeweiligen <i>N\u00e4chsten<\/i> begrenzen. (\u201eVon der Freiheit des Migranten)\u201c,1994-2013, S.26)<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Zitat aus einem Interview aus dem Jahr 1991:<\/span><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Patrik Tschudin:<\/span> <i>Sie haben gestern gesagt, da\u00df jeder anst\u00e4ndige Mensch Anarchist sein mu\u00df.<\/i><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Vilem Flusser<\/span>: <i>Das ist eine Art, vom Tod der Politik zu sprechen. An-archie hei\u00dft doch Un-Politik. jeder anst\u00e4ndige Mensch m\u00fc\u00dfte es ablehnen, sich mit einem System oder mit ein, zwei Systemen zu identifizieren und er m\u00fc\u00dfte seine W\u00fcrde darin sehen, zu verschiedenen Gelegenheiten an verschiedenen Systemen vor\u00fcbergehend mitzuarbeiten.<\/i>\u201c<\/p>\n<p>Flusser r\u00e4sonniert im Trockenen, im Salon. Die h\u00e4usliche Terrasse in Sao Paulo ist\u00a0jedenfalls nicht weit. Eine \u201e<i>frei diskutierte Anwendung des Regens<\/i>\u201c erscheint mir als Idee ziemlich abgehoben, vergleichbar etwa der Vorstellung, sich im <i>Cockpit<\/i> von<i> Apparaten<\/i> zu befinden und automatisierte Entscheidungsprozesse zu programmieren. Auch das steht in dem Interview mit Tschudin.<\/p>\n<p>War die Glosse feuilletonistisches Feuerwerk f\u00fcr Sao Paulos B\u00fcrgertum? Ich w\u00fcsste\u00a0gern, wo sie erschienen ist.\u00a0 F\u00fcr gew\u00f6hnliche Menschen hat die Ohnmacht gegen\u00fcber der Natur nie aufgeh\u00f6rt. Und wir werden von beiden Seiten her, von den Naturkr\u00e4ften und der Technologie, immer st\u00e4rker bedr\u00e4ngt und eingezw\u00e4ngt. Davon handelt der Text: Vom Regen durchn\u00e4sst, wirst du dich drinnen wieder trocknen. Doch eine Berieselung h\u00e4lt bestimmungsgem\u00e4\u00df st\u00e4ndig feucht oder in Dauerspannung &#8211; typisch f\u00fcr die Konsumkultur. Also vom Regen wohin? Zur Dauerberieselung. <i>Vom Regen in die Traufe<\/i>. Volksweisheit. Der Klappentext des Buches spricht von &#8218;Denkbildern&#8216;. Walter Benjamin soll den Begriff gepr\u00e4gt haben. Denkbilder sind die Sprachbilder, die bildhaften Pr\u00e4gungen traditioneller Alltagssprache, deren Erfahrungsgehalt uns gelegentlich aufblitzt.<\/p>\n<p>So, das war\u2019s. Jetzt am Freitagabend\u00a0 versieht die bevorstehende Abreise alles mit einer gewissen Unruhe. Zehn Stunden F\u00e4hre und Bahn durch durch einen t\u00fcckisch angetauten Sp\u00e4twinter. Doch hier auf Amrum war er noch einmal vier Tage sehr sch\u00f6n, knackig und wei\u00df.\u00a0Herzlichen Gru\u00df\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Detlev.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>3<\/b><\/p>\n<p>From: &#8222;Dirk Schulz&#8220; &#8211; Subject: AW: AW: Lesen am Kap\u00a0 REGEN &#8211; Date: Sun, 28 Feb 2010 22:47:26 +0200<\/p>\n<p>Lieber Detlev,\u00a0vielen Dank f\u00fcr deinen Brief und deine Gedanken zu Flusser. Ich hoffe, ich kann dir demn\u00e4chst ausf\u00fchrlich darauf antworten. A&#8230; war 10 Tage in Deutschland und ich musste hier den Haushalt, die Schule usw. regeln. Da war nicht viel mit lesen. Dieses Wochenende haben wir mal genutzt und sind ein St\u00fcck die Westcoast hochgefahren nach Langebaan \u2013 eine vorgelagerte Lagune mit herrlich t\u00fcrkisblauem Wasser, das angenehme Temperaturen zum Baden hatte (mehr als die 16\u00b0C Atlantik hier in Kapstadt!). Ein Tag zum Ausspannen und Relaxen, 30\u00b0C warm, zu warm f\u00fcr Flusser, leider. Heute stieg das Thermometer noch einmal um 6\u00b0C, ein hei\u00dfer Sommertag ohne Wind, was auch hier selten vorkommt. Ein bisschen Kraft habe ich also f\u00fcr die kommende Woche gesammelt, die mal wieder Arbeit verspricht. (&#8230;)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>4<\/b><\/p>\n<p>From: &#8222;Dirk Schulz&#8220; &#8211; Subject: AW: AW: Lesen am Kap REGEN &#8211; Date: Tue, 13 Apr 2010 22:00:02 +0200<\/p>\n<p>Lieber Detlev,\u00a0meine Gedanken schweifen ab, wenn ich Flusser lese, wahrscheinlich, weil ich (noch) zu wenig vertraut mit ihm bin. Mir gef\u00e4llt es grunds\u00e4tzlich, wie unsystematisch er in den Essays vorgeht, aber das macht es nat\u00fcrlich schwierig, seiner Ph\u00e4nomenologie zu folgen. Vielleicht bin ich zu sehr Germanist, aber meine allererste Reaktion auf seine Texte ist die auf seine Art zu schreiben. Hier ein paar Notizen, die ich mir auf dem R\u00fcckflug von Mauritius im Flugzeug machte:<\/p>\n<p><i>Als erstes sp\u00fcre ich, dass mich die Flusser-Texte an-sprechen (tats\u00e4chlich sprechen die Texte zu mir als Lesendem); es mag der Stil sein, in dem sie verfasst, niedergeschrieben sind. Essays allesamt, die niemals abgeschlossen oder gar \u201erund\u201c sind. Es ist gerade ihre Offenheit, die sie interessant macht, sie sind Gedankenexperimente, aber auch Schreibexperimente, wie mir scheint (so verstehe ich auch das Nachwort Flussers zu den Texten, das ich aber erst sp\u00e4ter las\u2026). Manchmal im Heideggerschen Stil, sind sie der Versuch, im Schreiben das Wesen, das Sein (ontos) der Dinge offen zu legen (die \u201eZedernheit\u201c, das \u201eBerghafte\u201c usf.) Flusser macht dies bisweilen sehr maniriert. Das Schreiben dient ihm dazu, den Dualismus von Subjekt und Objekt aufzuheben. Zentral daf\u00fcr steht wohl der Essay \u201eDie Zeder\u201c, wo er explizit immer wieder auf die Aristotelischen Kategorien zu sprechen kommt, in denen unser philosophisches Denken gefangen ist. Der Essay versucht, glaube ich, diese Kategorien wenn nicht aufzuheben, so sie doch anzugreifen, nein, falsch, sie aufzul\u00f6sen. Dies macht Flusser ganz geschickt durch seinen Stil, dem wir staunend und manchmal verwirrt folgen, der \u00a0einerseits sehr subjektiv ist, andererseits aber den Lesenden einf\u00e4ngt, sodass wir als Lesende \u00a0Teil seiner Denkzirkel \u2013 und fast schon Teil seiner philosophischen Zwischenwelt werden, in der die Dinge, vielmehr ist es meist ja die Natu,r zu uns sprechen. Sie sprechen \u00a0nat\u00fcrlich nicht, aber wir h\u00f6ren es von irgendwo rauschen. Eine mythische Welt? Nein, es ist unsere technische Welt, unsere Kultur. Wohltuend aber ist, dass Flusser nie von einer Entfremdung spricht, sondern uns dazwischen sieht. Wir k\u00f6nnen Natur nurmehr als Kultur wahrnehmen. Gleichzeitig wird aber Kultur unsere Natur. (Oder habe ich das nicht richtig verstanden?) Auch deshalb kann der Berg, kann die Zeder uns nichts von ihrem Sein erz\u00e4hlen. Wir k\u00f6nnen horchen, wir k\u00f6nnen genau hinh\u00f6ren, sind aber immer auf uns zur\u00fcckgeworfen. Und diese Spannung scheint mir der Motor seines Schreibens zu sein. Es geht darum, den Blick zu sch\u00e4rfen, sich seiner Perspektive auf die Welt bewusst zu werden. Wie gesagt, Flusser ist sich immer selbst dar\u00fcber im Klaren, dass es unm\u00f6glich geworden ist, das Wesen der Natur zu durchdringen. (Heidegger hat ja \u00c4hnliches versucht, auch durch eine ganz eigene Art zu schreiben.) Also ist Flussers Schreiben immer ein Schreiben am Rande, am Rande des Erfahrbaren, des Denkbaren, des Sichtbaren, letztlich auch des Schreibbaren (ein Paradox?). Schreiben schafft Distanz im doppelten Sinne und dies gerade f\u00fcr den Philosophen (den Denkenden): Im Schreiben vollziehe ich schon Kultur. Um mich ganz auf das Wesen eines Objektes oder der Natur einzulassen, d\u00fcrfte ich wohl gar nicht schreiben. (?) Die Reflextion, gerade die schreibende Reflexion, ist eine Brechung. Flussers Texte sind Grenzg\u00e4nge an zentralem Denkpunkt, am Brennpunkt \u2013 um im Bild zu bleiben, am Punkt \u00a0wo sich das Denken bricht.\u2026<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i>So, das ist alles noch ganz ungeordnet und bedarf noch einer Sch\u00e4rfung. Ich hoffe, du kannst damit etwas anfangen. Du bist schon etwas weiter und kannst die Bildsprache Flussers besser lesen, vor allem im Kontext seiner Philosophie verstehen. Auch merke ich, dass ich erst wieder ins Schreiben kommen muss, denn das kommt die letzten Monate (Jahre) bei mir viel zu kurz\u2026<\/p>\n<p>Ich habe mal versucht, ganz im Flusserschen Sinne, etwas \u00c4hnliches zu machen wie er. Sicher, seine Auswahl ist nicht willk\u00fcrlich, aber mir scheint, seine Methode ganz gut auf jedwede Alltagssituation anwendbar zu sein. Man lasse sich ganz in etwas fallen und l\u00e4sst die Dinge zu sich sprechen. Im Schreiben erst entwickelt sich eine Denkrichtung und der Gegenstand eines solchen Essays gewinnt erst im Laufe seiner Entstehung an Sch\u00e4rfe. Abgesehen davon ist seine Perspektive interessant. Oft sitzt er in seinem Haus und blickt heraus, durch das Fenster, durch einen Rahmen, sieht also nur einen Ausschnitt. Hier also mein Versuch (der Anfang):<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Flugh\u00e4fen, unwirkliche Orte<\/b><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><i>Flugh\u00e4fen entziehen sich der Realit\u00e4t, sie entziehen sich ihrer geografischen Bestimmung. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich,<span style=\"text-decoration: underline;\"> wo<\/span> ich bin, wenn ich beispielsweise in einem Cafe sitze und meinen Espresso trinke. Jeder wird mir auch auf einer Karte den genauen Ort kennzeichnen und zeigen k\u00f6nnen oder mir die exakten GPS-Koordinaten sagen k\u00f6nnen. (Dies kann mittlerweile auch jedes iPhone.) Aber auch niemand wird leugnen, dass Flugh\u00e4fen Zwischenorte, Nicht-Orte sind. Mir geht es hierbei vielmehr um das Wie und nicht um das Wo meines Aufenthaltes. Diese Modalit\u00e4t meines Seins ist an einem Ort wie z. B. dem Oliver-Tambo-Airport Johannesburg ist eine andere als an anderen Orten auf der Welt. Ich denke dabei an den Garten oder ein Zimmer meines Hauses oder auch einer Stra\u00dfe, auf der ich gehe. Die Frage ist, ob zu einer exakten Bestimmung meines Daseins an einem Ort neben der Lokalit\u00e4t auch die Modalit\u00e4t eines Ortes dazukommen muss. An Flugh\u00e4fen wird dieser Unterschied \u00a0besonders sp\u00fcrbar, weil besonders sie Orte des Nicht-Aufenthaltes sind, wo man nicht nur ankommt, sondern immer auch weiter geht\u2026<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i>Na ja, alles etwas unausgegoren, auch dieser Text ist w\u00e4hrend meines Fluges entstanden und war nur ein Versuch. Aber ich merkte z. B., dass mich das Schreiben woanders hintreibt. Der Gedanke von Modalit\u00e4t\/Lokalit\u00e4t hat sich erst ergeben und w\u00fcrde tragend werden. Mir scheint es jedenfalls so, dass auch Flusser nicht immer wei\u00df, wohin ihn seine Gedanken treiben, weshalb seine Texte auch unheimlich dialogisch geschrieben sind. \u00a0 \u00a0\u00a0So long, Dirk\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>5<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b>To: &#8222;Dirk Schulz&#8220; &#8211; Subject: Re: AW: AW: Lesen am Kap REGEN &#8211; Date: 26 Apr 2010<\/p>\n<p>Lieber Dirk, nun ist auch die Postkarte eingetroffen mit der gro\u00dfen Korallen-Lagune. Ein Bild &#8211; fremd wie von einem anderen Planeten, so total eingespannt sind wir gerade: Wohnungssuche abgeblasen, nun Handwerker und Vermietung. (&#8230;.)<\/p>\n<p>Habe ich dir schon geschrieben, dass mich deine Texte unb\u00e4ndig gefreut haben.\u00a0 Da ich &#8222;<i>Zedern im Park<\/i>&#8220; selber noch nicht gelesen hatte, kombinierte ich erst einmal Lekt\u00fcre mit Notizen, die leider auf deine \u00c4u\u00dferungen nur an ein paar Stellen und eher indirekt eingehen. An ein paar Stellen sind wir uns im Urteil sehr nah. &#8211; Vielleicht ist das ja auch besser so, da jeder seinen Weg durch das Dickicht finden muss. Das selber Entdecken war mir lange der gr\u00f6\u00dfte Reiz an Flusser. Freilich kommt man ihm mit der Zeit auf die Schliche. Der Zaubergarten sollte sich nicht zu schnell und nicht restlos in einen Franz\u00f6sischen Park, voller geometrisch konstruierter Verweise verwandeln. Nat\u00fcrlich hat steuert ihn in der Tiefe ein pers\u00f6nliches Konzept, das er umkreist und umschreibt, weil er es nicht \u00fcber Jahrzehnte nicht systematisch zu fassen bekommt. Doch sollen wir Leser sowieso in Bewegung bleiben, so wie Flusser es uns vormacht. &#8211; Ich hoffe dir ein paar Durchblicke und Anregungen zu geben. F\u00fcr Fragen bin ich immer dankbar. Die verst\u00fcnde ich als Aufgaben. &#8211; Ich lese also meinen Kommentar noch einmal durch und drucke ihn unten ab. Zu seinem\u00a0 Nachwort bin ich \u00fcbrigens immer noch nicht gekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 Flusser der Verf\u00fchrer &#8211; zu \u201eZeder im Park\u201c<\/b><\/p>\n<p>Auch ich schaue erst einmal, \u201ewie er schreibt\u201c! Denn ein solcher Blick gibt dann eine Menge zu denken. Er beginnt mit der Aura des Baumes, sucht die Ann\u00e4herung an Empfindungen \u00fcber paradoxe Feststellungen, verfolgt die Absicht der Sensibilisierung gegen\u00fcber dem \u201eganzen Baum\u201c. Ihr dient auch der Hinweis auf das\u00a0 gew\u00f6hnlich vergessene Wurzelwerk. Dann folgen geistreiche Abschweifungen \u00fcber den Baum als \u201eModell\u201c(38) im 19.Jh. &#8211; vgl. die interessante DVD \u201eDie wunderbare Artenvielfalt\u201c! habe ich sie dir bereits geschickt? &#8211; Die unser Bild vernebelnde Aura differenziert sich in\u00a0 \u201ePhantome\u201c aus: solche des mythischen Zeitalters und solche des 20.Jh.: der Biologie, Psychologie und Anthropologie, Existenzphilosophie &#8230;. allesamt <i>Vorurteile<\/i> und schon <i>viel uralter Ballast<\/i>, manche mit der Illusion verkn\u00fcpft, das <i>Wesen des Baums<\/i>, <i>die Baumheit<\/i>, <i>die Essenz<\/i> zu erschleichen. Ich meine aber, dass Flusser den Leser als P\u00e4dagoge nur abholt bei seinen jeweiligen <i>Vorurteilen<\/i>. Er kannte aber auch Heideggers Werk.<\/p>\n<p>Warum<i> Verf\u00fchrer<\/i>? Er scheint auf uns alle einzugehen und bietet &#8211; harmlos tuend &#8211; an, diese Ansichten blo\u00df mal \u201e<i>in Anf\u00fchrungszeichen<\/i>\u201c zu setzen, \u201eum provisorisch beseitigt zu werden\u201c, mal gerade beiseite zu stellen, damit sie nicht st\u00f6ren, wie man so sagt: Lassen wir das f\u00fcrs erste dahingestellt. Er stellt gerade dies als die ph\u00e4nomenologische Methode (im Text \u201eSchachspiel\u201c exemplifiziert) vor. Verf\u00fchrung durch ein Wechselbad von wenig Provokation und viel Beruhigung, Spannung, Neugier erzeugen, etwas Verwirrung erzeugen, unauff\u00e4llig Markierungen setzen, die erst vom Ende her bedeutsam werden, damit der Fluss der Darstellung nicht gest\u00f6rt wird. Flusser schreibt zum Beispiel: \u201e<i>nicht versuchen, die Essenz der Zeder<span style=\"text-decoration: underline;\"> in meinem Park<\/span> zu erfassen<\/i>\u201c.<\/p>\n<p>Was kann daran <i>Essenz<\/i> sein au\u00dfer das Parfum eines <i>fremden Klimas<\/i> das sie ausstrahlt? Des Kaisers neues Parfum? Wir werden weniger auf uns zur\u00fcckgeworfen (Dirk) als sacht zur\u00fcckgelenkt (39) auf die Bedingungen unseres <i>In-der-Welt-Seins<\/i>. Wenn ich die ph\u00e4nomenologische Methode richtig verstanden habe, ist dieses <i>Horchen<\/i>, <i>Hinh\u00f6ren<\/i> und <i>Schreiben am Rande<\/i> Methode. Ontologie ist nicht angezielt, wenigstens nicht direkt. Den \u201e<i>Dualismus von Subjekt und Objek<\/i>t\u201c l\u00e4sst sie hinter sich, unaufgel\u00f6st, <i>eingeklammert<\/i>.<\/p>\n<p>Dass das Ergebnis nicht beliebige Rhetorik, reine Schaumschl\u00e4gerei ist (oder ?), das sp\u00fcren wir erst mal nur. Doch Etikettenschwindel l\u00e4sst sich an mancher Stelle nicht leugnen, aber die Etiketten lassen sich bei weiterer Bewegung ja <i>einklammern<\/i>. Kein Destruktivismus, viel feiner!<\/p>\n<p>&#8230;. und \u2013 wir werden besonders zur\u00fcckgelenkt auf ein flussersches Standardthema, unser <i>seltsam und fremd<\/i> Sein <i>in der Welt<\/i>, das der mehrfache Emigrant besonders tief empfunden hat. Es hat ihn anf\u00e4nglich in Brasilien bis an den Rand des Selbstmords getrieben, wie aus Lebenserinnerungen zu erfahren ist.<\/p>\n<p>\u201e<i>Kann das Gemeinsame unseres In-der-Welt-Seins nicht die Basis f\u00fcr einen intuitiven Einblick sein?<\/i>\u201c (39) &#8211; Ich denke spontan an gestern Nachmittag, als ich mit Sohn Karl seine Schopenhauer-Hausarbeit diskutierte. Darin geht es zum Beispiel um die sattsam bekannte \u201eUnerkennbarkeit des Ding an sich\u201c. Ich zitiere\/kopiere ihn mal ganz wurschtig:<\/p>\n<p><i>Schopenhauer stimmt Kant zun\u00e4chst darin zu, dass dieses Ding an sich schlechthin unerkennbar ist und es demzufolge keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr metaphysische, sondern blo\u00df f\u00fcr immanente Erkenntnis gibt.\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>\u201eNun aber habe ich, als Gegengewicht dieser Wahrheit, jene andere hervorgehoben, da\u00df wir nicht blo\u00df das ERKENNENDE SUBJEKT sind, sondern andererseits auch [&#8230;] SELBST DAS DING AN SICH SIND; da\u00df mithin zu jenem selbsteigenen und inneren Wesen der Dinge, bis zu welchem wir von AUSSEN nicht dringen k\u00f6nnen, uns ein Weg von INNEN offen steht, gleichsam ein unterirdischer Gang, eine geheime Verbindung, die uns [&#8230;] mit einem Male in die Festung versetzt, welche durch Angriff von au\u00dfen zu nehmen unm\u00f6glich war. [&#8230;] &#8211; In der That ist unser WOLLEN die einzige Gelegenheit, die wir haben, irgend einen sich \u00e4u\u00dferlich darstellenden Vorgang zugleich aus seinem Innern zu verstehen\u201c.\u00a0<\/i> (Zitate aus \u201eDie Welt als Wille und Vorstellung\u201c)<\/p>\n<p>Was mich darauf bringt, ist eine Parallele: <span style=\"text-decoration: underline;\">Wir seien<\/span><i> das Ding an sich<\/i> und h\u00e4tten damit einen unterirdischen Gang zum inneren Wesen der Dinge, sagt Schopenhauer. Bei Flusser konkretisiert und vielleicht reduziert sich diese Gewissheit auf die Vermutung, im \u201e<i>Gemeinsame(n) unseres In-der-Welt-Seins (&#8230;) die Basis f\u00fcr einen intuitiven Einblick<\/i>\u201c zu finden. \u201e<i>Vermenschlichung<\/i>\u201c steht schon als Warnschild daneben &#8211; und wird ignoriert. Letztlich ist nur dies <i>unser In-der-Welt-Sein<\/i> fassbar. <i>Die Zeder<\/i> ist eine Metapher, fast schon eine allegorische Gestalt und zwar als<i> sch\u00f6ne Fremde<\/i> aus dem Libanon, aus Asien. Flussers Beschreibung ist die eines Verliebten. \u201e<i>Die Zeder im Park<\/i>\u201c ist eine verdeckte Liebesgeschichte, zumindest eine Beziehungsgeschichte. Der Text wirkt so spekulativ wie die Gr\u00fcbeleien eines Verliebten, dem die Angebetete nicht antwortet, vielleicht weil er sie noch gar nicht real angesprochen hat. &#8211; Die hier gestellten Fragen sind f\u00fcr mich zu stark\u00a0 rhetorisch parf\u00fcmiert. Etwa: \u201e<i>Sagt mir die Zeder, dass sie eine Fremde ist<\/i>?\u201c Ich erfahre sie als fremd im Park, warum?\u00a0 Die Fremde wird als sich selbst <i>treu<\/i> bestimmt(40). Warum sollte die Fremde auch sich selbst fremd sein, blo\u00df weil sie \u201e<i>im Verh\u00e4ltnis zum Park eine Fremde<\/i>\u201c ist? (40) Lass&#8216; mich mit Karl Valentin kurzschlie\u00dfen: \u201e Fremd ist der Fremde nur in der Fremde\u201c.<\/p>\n<p>Nachdem Flusser die naheliegende <i>quantifizierbare Antwort<\/i> (41) &#8211; Mehrheit\/Minderheit \u2013 zur\u00fcck zieht und sogar den heimischen, <i>geb\u00fcrtigen<\/i> Nussbaum in seinem Heimatrecht problematisiert, wenn er ihm auch listig bescheinigt, \u201e<i>ganz Anjou, ganz Frankreich stehen in der Aura des Nussbaums<\/i>\u201c, (41) streicht er die beherrschende Einzigartigkeit, die provokative Sonderstellung der Zeder heraus &#8211; scheinbar ganz wie es hierzulande die gr\u00fcn-alternative Rhetorik es tut! Jedenfalls wird selbst hier im Park die vitale Dialektik zwischen <i>Migrant<\/i> und <i>Ureinwohner<\/i> unterstrichen.<\/p>\n<p>Im Aufsatz \u201e<i>Exil und Kreativit\u00e4t<\/i>\u201c\u00a0 schreibt Flusser: \u201e<i>Der Vertriebene ist der andere der andern.(&#8230;) Diese dialogische Stimmung, die das Exil kennzeichnet, ist nicht notwendigerweise ein gegenseitiges Anerkennen, sondern sie ist meist polemisch (um nicht zu sagen m\u00f6rderisch). Denn der Vertriebene bedroht die \u201eEigenart\u201c des Ureinwohners, er stellt sie durch seine Fremdheit in Frage. Aber selbst so ein polemischer Dialog ist sch\u00f6pferisch, denn auch er f\u00fchrt zur Synthese neuer Informationen<\/i>.\u201c (\u201eVon der Freiheit des Migranten\u201c, S.109)<\/p>\n<p>Der Aufsatz \u201e<i>Die Zeder im Park<\/i>\u201c gibt ein weiteres Beispiel daf\u00fcr. \u00dcbrigens hat man sie ja eigens zu einem solchen \u201e<i>sch\u00f6pferischen Dialog<\/i>\u201c gepflanzt. Solche gelungenen (englischen) Parks und botanische G\u00e4rten sind also ein Modell<i> gelungener Integration<\/i> von Fremden, was immer Flusser davon halten mag.<\/p>\n<p>Flusser hat in seinen Essays ein paar Themen immer wiederholt und dabei immer wieder abgewandelt. Eins ist das<i> die wirkliche Erfahrung der Migration<\/i> &#8211; auch f\u00fcr<i> die Ureinwohner<\/i>, denen ihre eigene Heimat fremd wird, ein zweites das der<i> Un\u00fcbersetzbarkeit von Sprachen<\/i>, ein drittes die medienkritische und futuristische. Mehr Themen?<\/p>\n<p>Die ersten beiden lassen sich durch wiederholte ph\u00e4nomenologische Expeditionen\u00a0 von verschiedenen Ausgangspunkten aus ganz unsystematisch erschlie\u00dfen. Es entstehen im Kopf\u00a0 Karten und ein Lexikon der relevanten Termini seiner feuilletonistisch aufgemachten Glossen und Essays.\u00a0 Das letzte Thema ab den 1970er Jahren hat ist er viel systematischer angegangen<\/p>\n<p>Hier brechen die Notizen ab. Fragen? Bemerkungen? Einw\u00e4nde? Lass&#8216; dir Zeit. Das kleine P\u00e4ckchen schicke ich noch diese Woche. Wie geht\u2019s deinem Film? \u00a0\u00a0Alles Gute Detlev<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>6<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b>To: &#8222;Dirk Schulz&#8220; &#8211; Subject: Hey, Dirk!!! &#8211; Date: Mon, 5 Jul 2010 00:01:10 +0200<\/p>\n<p>Jetzt wirds aber Zeit, Dirk! Soll ich dich etwa im Stadion bei der \u00f6den Er\u00f6ffnungsfeier suchen? Von wo wirst du mir zuwinken? So haben wir nicht gewettet: Schreiben ist eins, aber dich melden ist etwas anderes. Nat\u00fcrlich sprudelt ARTE nur so von S\u00fcdafrika-Berichten, aber ich ignoriere sie souver\u00e4n. F\u00fcr dich nehme ich schon gar nichts auf!<\/p>\n<p>In Wirklichkeit schwirrt mir selber der Kopf. Seit die Wohnung renoviert und vermietet ist,\u00a0 fallen alle intellektuellen &#8222;Optionen&#8220;, die ich im Zuge der Erweiterung des Kellers aus ihrer Verborgenheit befreit habe, \u00fcber mich her. Zudem h\u00f6re ich jeden Montag zwei Stunden lang eine Gastvorlesung auf dem Campus Westend \u00fcber &#8222;Kult und Kunst&#8220;, die das Zentrum meiner Interessen aufr\u00fchrt und die ich f\u00fcr meine Begriffe diszipliniert nacharbeite. Alle zehn Seiten schreibe ich auch das Wort &#8222;Flusser&#8220; in meine Kommentare. Jetzt ist auch noch der Sommer \u00fcber uns hereingebrochen: Wir sitzen am Abend ohne Socken auf dem Balkon. Unsere intern beleuchteten Laptops k\u00fcssen einander. Jetzt bist du dran! Habt ihr etwa den Film in &#8222;afrikanischer&#8220; Schludrigkeit noch nicht fertig gestellt?\u00a0\u00a0\u00a0 Gru\u00df &#8211; an die ganze Familie!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Detlev<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><\/b><b>\u00a07<\/b><\/p>\n<p>From: &#8222;Dirk Schulz&#8220; &#8211; Subject: AW: Hey, Dirk!!! &#8211; Date: Mon, 5 Jul 2010 00:10:18 +0200<\/p>\n<p>Lieber Detlev,\u00a0ich antworte dir auf deine erste Email, denn die bietet mir gleich einen Aufh\u00e4nger. Tats\u00e4chlich h\u00e4ttest du mich gestern w\u00e4hrend des historischen Spiels der deutschen Fu\u00dfballnationalschaft gegen Argentinien im Stadion entdecken k\u00f6nnen, wenn die Kameras hinter das argentinische Tor gerichtet waren. Da sa\u00dfen wir, die ganze Familie, und haben in der zweiten Halbzeit dreimal das Leder ins Netz fliegen sehen. (&#8230;) Dass du erst jetzt von mir h\u00f6rst, liegt aber nicht daran, dass ich nichts anderes mehr als Fu\u00dfball im Kopf habe. An der Schule waren die letzten Wochen vor unseren langen Winter-WM-Ferien sehr anstrengend und arbeitsintensiv. Viel Korrekturen, Noten geben, eintragen, Formalia erledigen, Konferenzen, du wei\u00dft noch, wie solche Tage verlaufen. &#8211; Und dann ging es f\u00fcr uns gleich auf Reisen. (&#8230;)<\/p>\n<p>Text: Vogelfl\u00fcge &#8211; Essays zu Natur und Kultur. Edition Akzente Hanser 2000<\/p>\n<p>FINE<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a01 From: &#8222;Dirk Schulz&#8220;-\u00a0 Subject: Lesen am Kap\u00a0 &#8211; Date: Sun, 7 Feb 2010 21:48:53 +0200 Lieber Detlev, (&#8230;..) lese ich zur Zeit in Flussers Essays &#8222;Vogelfl\u00fcge&#8220;. Mir gef\u00e4llt, wie er schreibt und wie er, ausgehend von Alltagsph\u00e4nomenen, seine Denkkreise zieht, sie erweitert, sich ber\u00fchren und schneiden l\u00e4sst. 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