{"id":697,"date":"2002-04-20T00:00:02","date_gmt":"2002-04-19T23:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=697"},"modified":"2025-10-04T12:56:24","modified_gmt":"2025-10-04T10:56:24","slug":"ein-freund-chinas-fritz-wiegmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=697","title":{"rendered":"&#8218;Gl\u00fcck in zwei Welten&#8216; &#8211; Fritz Wiegmann"},"content":{"rendered":"<p><em>Ann\u00e4herung an den K\u00fcnstler und Sammler Fritz Wiegmann, der mir China zwischen 1969 und 1973 nahegebracht hat. <strong>F\u00fcr das\u00a0Katalogbuch der Ausstellung<\/strong>:\u00a0 \u201e<strong>Bilder vom Gl\u00fcck \u2013 Chinesische popul\u00e4re Grafik aus dem 20. Jahrhundert\u201c, <\/strong>Museum der Weltkulturen Galerie 37, Frankfurt am Main 2002 habe ich eine biografische Skizze unter dem Titel &#8218;<strong>Gl\u00fcck in zwei Welten. Ann\u00e4herung an den K\u00fcnstler und Sammler Fritz Wiegmann&#8216; <\/strong>verfasst.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <strong>Manuskripttext<\/strong> ohne Illustrationen.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">4.10.25\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000;\">Ich wundere mich immer noch, wie treffend die erste Portr\u00e4tskizze von Fritz Wiegmann ist. Sie beruhte allein auf meinen pers\u00f6nlichen Erinnerungen und Notizen. Jahre sp\u00e4ter erst hat mir die archivarische Bearbeitung seines kleinen schriftlichen Nachlasses f\u00fcr das Institut f\u00fcr Stadtgeschichte Frankfurt (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=7737\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) neue Informationen und Einsichten vermittelt, und dieser Prozess ist noch im Gange, was der Blog (<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?cat=199\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LINK<\/a>) dokumentiert .<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mai 2017 &#8211; ein erster Kommentar:<\/p>\n<p><em>Ab Juni 2016 habe ich mit einer breiter angelegten <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?cat=199\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Text-\/Bild-Dokumentation zu Fritz Wiegmann<\/a> begonnen. &#8211; Details w\u00e4ren zu korrigieren. Dennoch beh\u00e4lt diese erste Darstellung von vor f\u00fcnfzehn Jahren den Wert gr\u00f6\u00dferer Unmittelbarkeit. Wenn Details f\u00fcr Sie wichtig sind, sollten Sie sie einfach noch einmal \u00fcberpr\u00fcfen, zum Beispiel \u00fcber die &#8218;Suchfunktion&#8216; auf jeder Seite oben rechts. Mai 2017<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Gl\u00fcck in zwei Welten<\/strong><span style=\"text-decoration: underline;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p>Einen Text \u00fcber den Sammler Wiegmann schreiben? In individualistischen Zeiten muss man das schon rechtfertigen. Wir sind umgeben von selbstbewussten, selbstbezogenen und bedeutenden Menschen,\u00a0 Sie kennen eine gewaltige Menge bemerkenswerter Individuen. Das t\u00e4gliche Feuilleton sp\u00fclt sie durch unser Bewusstsein. Allerdings ist Wiegmann einer von uns: Er war K\u00fcnstler (kein gro\u00dfer), ein Lehrer (kein \u00fcberregional bekannter), er war engagiert (nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig), er war Kritiker (im privaten Kreis) und er war als Kulturkonsument ein Kenner!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Warum \u201egl\u00fcckliches Leben\u201c?<\/span><\/p>\n<p>Wiegmann hatte mehrfach Gl\u00fcck: das Gl\u00fcck der Begabung, das der Neugier und des Humors. In\u00a0 finsteren Zeiten ging es f\u00fcr ihn immer gut aus. Auch R\u00fcckschl\u00e4ge waren zu etwas gut. Was ihm wichtig war, ist ihm gelungen &#8211; das behaupte ich einfach \u00b4mal. Ich bin entschlossen, ihn nicht als Opfer von irgendwas oder irgendwem darzustellen. Denn: Zu klagen war nicht seine Art.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Warum die M\u00fche einer Ann\u00e4herung?<\/span><\/p>\n<p>F\u00fcr mich als j\u00fcngsten seiner Sch\u00fcler war\u00a0 die Freundschaft intensiv, aber zu kurz, gerade mal vier Jahre. Wir sprachen viel, aber ein Tonband hatte ich nicht parat. Wiegmann war diskret; er erz\u00e4hlte gern und lebendig, aber hinterlie\u00df so gut wie keine Papiere. So muss ein \u00fcber drei\u00dfig Jahre gewachsenes Verst\u00e4ndnis die Br\u00fccke schlagen. Wiegmann f\u00e4nde das in Ordnung. Er formuliert nach dem Krieg:<\/p>\n<p><i>\u201eMeine Eindr\u00fccke aus China sind in den dazwischen liegenden Jahren nicht schw\u00e4cher geworden, und\u00a0 oft habe ich gefunden, dass auch scheinbar fl\u00fcchtige Eindr\u00fccke und Bilder erst sp\u00e4ter ihre Bedeutung und ihren Wert enth\u00fcllen..<\/i>\u201c <a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Von Pommern\u00a0<span style=\"color: #ff0000;\">\u00fcber Minden in Westfalen<\/span> nach Berlin: 1902-1933<\/span><\/p>\n<p>Fritz Wiegmann wird am 1.3.1902 in K\u00f6slin, Pommern geboren. Sein Selbstbildnis (Abb.) ist undatiert, doch der Junge verl\u00e4sst\u00a0 bereits mit 16 Jahren das Elternhaus. \u201eAuf eigene Verantwortung\u201c l\u00e4sst ihn der Vater ziehen. In Berlin l\u00e4sst er sich zum Zeichenlehrer und Maler ausbilden. Das Examen absolviert er mit zwanzig, noch vor dem Mindestalter f\u00fcr den Schuldienst.<\/p>\n<p>Bei wem lernt er? Der Katalog seines gleichaltrigen Kollegen Rudolf Ausleger\u00a0 spricht von einer \u201eNovembergruppe\u201c, in der die J\u00fcngeren sich vom \u201eexpressiven Ausdruckswillen\u201c der Gr\u00fcnder Georg Tappert, M\u00f6ller, Pechstein und C\u00e9sar Klein abwenden und als ihre\u00a0 Vorbilder Georges Braque, Juan Gris und den Picasso\u00a0 der \u201esynthetisch-kubistischen Periode\u201c w\u00e4hlen, und damit das Programm einer \u201etheoretisch begr\u00fcndeten Verfestigung der Form\u201c , die sie \u201egewisserma\u00dfen tendenzfrei verwenden\u201c wollen. Ein typisches Bild dieser \u201eSchule\u201c ist Rudolf Auslegers \u201eFritz am Spiegel\u201c1928 (Abb.)<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>. Zugleich ist es eine gelungene Karikatur des stets korrekt gekleideten Fritz. Ausleger muss ihn h\u00e4ufig im Unterricht vertreten, weil er \u201efast nie\u201c da ist. Ist das etwa der Grund der kritischen \u201eTendenz\u201c?\u00a0 \u201eForm\u201c als Methode ja. Doch \u201eVerfestigung\u201c und \u201etendenz-frei\u201c &#8211;\u00a0 Nein,\u00a0 diese Z\u00e4une k\u00f6nnen Wiegmann nicht halten. Er verehrt und genie\u00dft auch die grelle Farbpalette, die schweren Parf\u00fcms\u00a0 von\u00a0 George Grosz und Otto Dix und Zilles \u201eMillj\u00f6h\u201c. Er respektiert <span style=\"color: #ff0000;\">die \u201erealistische\u201c Portr\u00e4tkunst eines Max Liebermann<\/span> und dessen tiefsinnige verbale Brutalit\u00e4t: \u201eDas Bild wird mir nicht gerecht!\u201c &#8211; \u201eGn\u00e4dige Frau, Sie brauchen nicht Gerechtigkeit, Sie brauchen Gnade.\u201c<\/p>\n<p>Karl Kraus, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky, Bert Brecht und Walther Mehring\u00a0(\u201eder sich Pipidada nannte\u201c) sprechen ihm aus dem Herzen. Und das schl\u00e4gt \u201elinks\u201c, doch nicht im Takt einer \u201ePartei\u201c und eines Programms. Mehrings \u201eKetzerbrevier\u201c begleitet ihn als Glaubensbekenntnis bis in die Bonner Republik. 1970 wird er mir seine\u00a0 Version aus dem Ged\u00e4chtnis aufschreiben:<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u201e<i>Das Kyrie\u00a0 <\/i><\/span><i><\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie Eleison<\/i><\/p>\n<p><i>Alle\u00a0 die dich loben<\/i><\/p>\n<p><i>Die uns ketten an das Droben<\/i><\/p>\n<p><i>Mit Gel\u00fcbden und Geboten<\/i><\/p>\n<p><i>In den Krypten der Zeloten<\/i><\/p>\n<p><i>Von der Qual <\/i><\/p>\n<p><i>Und allem Jammer<\/i><\/p>\n<p><i>In Spital und Folterkammer<\/i><\/p>\n<p><i>Alle die dich loben<\/i><\/p>\n<p><i>Gott, blutverwoben<\/i><\/p>\n<p><i>Und bigott<\/i><\/p>\n<p><i>Herr, befreie uns davon <\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie eleison.<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie eleison<\/i><\/p>\n<p><i>Von Gewalten die dich nennen<\/i><\/p>\n<p><i>Dich bekennen, dich entstalten<\/i><\/p>\n<p><i>Von dem Meineid ihrer Rechte<\/i><\/p>\n<p><i>Der Gemeinheit ihrer Knechte<\/i><\/p>\n<p><i>Von der Treue die sie einigt<\/i><\/p>\n<p><i>Ihrer Reue die uns peinigt<\/i><\/p>\n<p><i>Von dem Gottesgnadentum<\/i><\/p>\n<p><i>Das dich anpreist sich zum Ruhm<\/i><\/p>\n<p><i>Herr, befreie uns davon<\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie eleison.<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie eleison<\/i><\/p>\n<p><i>Von dem Kult der dich vergottet<\/i><\/p>\n<p><i>Aller Schuld und Unschuld spottet<\/i><\/p>\n<p><i>Von Gebr\u00e4uchen die verderben<\/i><\/p>\n<p><i>Von den Seuchen die wir erben<\/i><\/p>\n<p><i>Von der\u00a0 Drachensaat der Rassen<\/i><\/p>\n<p><i>Von dem Klassenstaat der Massen<\/i><\/p>\n<p><i>Rotte Korahs, dem Komplott<\/i><\/p>\n<p><i>das schw\u00f6rt: so helf euch Gott<\/i><\/p>\n<p><i>Herr, befreie uns davon\u00a0\u00a0 <\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie eleison<\/i><\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie eleison<\/i><\/p>\n<p><i>Vom Betrug der Diplomaten<\/i><\/p>\n<p><i>Von dem Unfug der Soldaten<\/i><\/p>\n<p><i>Von dem Handwerk des Befehlens<\/i><\/p>\n<p><i>Teufelsschandwerk alles Elends<\/i><\/p>\n<p><i>Vom Erl\u00f6sen, vom Verbannen<\/i><\/p>\n<p><i>Vom Tyrannenblick des B\u00f6sen<\/i><\/p>\n<p><i>Von der Unterw\u00fcrfigkeit<\/i><\/p>\n<p><i>Demut, die vom Himmel schreit<\/i><\/p>\n<p><i>Herr, befreie uns davon<\/i><\/p>\n<p><i>Kyrie eleison.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sein Verst\u00e4ndnis der <i>Aufgabe der Kunst<\/i>\u00a0 wird Wiegmann um 1950 in seinem Vortragstext \u00fcber China \u201eengagiert\u201c zusammenfassen:<\/p>\n<p>\u201e<i>Die Kunst muss als eine Satire, als eine Warnung \u00fcber unserem gel\u00e4hmten Gef\u00fchlsleben , unserem wirklichkeitsfernen Denken\u00a0 und\u00a0 unserer naturfernen Lebenshaltung stehen.Sie muss uns in einer schief gelagerten Welt Gradheit lehren, muss unserem Dasein wieder zu Vernunft und Gesundheit verhelfen und uns aus dem Fieber, dem Delirium des allzu angestrengten geistigen Betriebs herausrei\u00dfen. Sie muss unsere Sinne sch\u00e4rfen, das Band wieder ankn\u00fcpfen zwischen unserer Vernunft und unserer Menschennatur, und die in Tr\u00fcmmern liegenden Einzelteile eines atomisierten Lebens wieder zum Ganzen verbinden. <\/i><\/p>\n<p><i>Wie elend ist eine Welt, in der die Menschen Wissen ohne Verst\u00e4ndnis haben, Kritik ohne Wertgef\u00fchl, Sch\u00f6nheit ohne Liebe, Wahrheit ohne Leidenschaft, Rechtschaffenheit ohne Erbarmen, Lebensart ohne Herzensw\u00e4rme.<\/i>\u201c<\/p>\n<p>192<span style=\"color: #ff0000;\">9<\/span> beteiligt er sich\u00a0 an der \u201e1.Hygiene-Ausstellung\u00a0 Berlin\u201c von Dr. Joel. Die wenigen erhaltenen kleinen Fotos zeigen den damals g\u00e4ngigen avantgardistischen Plakatstil. Ihr Thema ist\u00a0 die psychische Gesundheit, die\u00a0 im \u201eGetriebe der Gro\u00dfstadt\u201c\u00a0 bedroht ist.\u00a0\u201e<i>Gebt den Werkt\u00e4tigen Geld, Zeit, Licht, Luft, Raum!\u201c \u201eAberglauben\u201c,\u201cRauschgift\u201c, \u201eSport\u201c <\/i>sind Unterthemen. \u201eTraum\u201c kommt \u00fcber die Planung nicht hinaus. Wiegmann selber interessiert dabei, ob es abstrakte Tr\u00e4ume gebe, so wie er mit Schulkindern kunstpsychologische Versuche mit kontrastierenden Lasurfarben unternimmt. Dabei geht es ihm um den \u201e<i>verst\u00e4rkenden Effekt beim \u00dcberlegen<\/i>\u201c, der seit der Renaissance (\u201eSimon Martini\u201c) bekannt sein soll. Walter Benjamin schreibt eine Rezension in der \u201eLiterarischen Welt\u201c. Wiegmann kennt Benjamin \u00fcber dessen Schwester Dora. Er hebt den \u201eweiten Umfang\u201c von Benjamins Pers\u00f6nlichkeit hervor und nennt mir die \u201eLiebe zur Marschmusik\u201c als Beispiel. Wiegmann fremd ist nat\u00fcrlich auch \u201edas st\u00e4ndig benutzte Notizbuch, in kleinster Schrift beschrieben\u201c. Sie wollen zusammen ein Kinderbuch\u00a0machen, aber es kommt nicht mehr dazu!\u00a0 Am 31.Januar 1933 geht die Angst um in der Linken. Ist sich jeder der N\u00e4chste?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Von Berlin \u00fcber Mallorca nach Peking 1933 &#8211; 37<\/span><\/p>\n<p>Galeriekontakte nach K\u00f6ln, Amsterdam und Paris (Eric Wolters) \u00f6ffnen Wiegmann den unauff\u00e4lligen Ausgang aus dem \u201e3.Reich\u201c &#8211; \u201eExil\u201c will er es lieber nicht nennen. Er st\u00f6\u00dft zur bunten Emigrantengemeinde im noch republikanischen Spanien, auf Mallorca . Albert Vigoleis Thelen schreibt 1952 dar\u00fcber einen \u201eSchelmenroman\u201c (Jacobs), den Wiegmann mir dringend empfohlen hat, den ich aber erst jetzt lese: \u201e Die Insel des zweiten Gesichts\u201c, denn \u201ejeder auf der Insel hatte ein eigenes zweites Gesicht\u201c. Welche soziale Maske tr\u00e4gt Wiegmann wohl auf diesem Foto von 1936 ? (Abb. 3) .\u00a0 So wie Thelen ist Wiegmann ein mittelloser, illusionsloser und\u00a0 damit das Treiben ironisch betrachtender Au\u00dfenseiter. Den deutschen \u201eAgenten Baron B\u00e4r\u201c habe ich mir als eine der doppelb\u00f6digen Gestalten gemerkt. Auch dem von Thelen karikierten Konsul Hitlerdeutschlands<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> muss Wiegmann begegnet sein. <span style=\"color: #000000;\">Genau zur rechten Zeit<\/span> l\u00e4dt <span style=\"color: #ff0000;\">ein Freund aus Paris<\/span>, der junge franz\u00f6sische Diplomaten J. P. Dubosc <span style=\"color: #ff0000;\">nach Peking ein<\/span> . Denn Francos Staatsstreich verwandelt die Insel bereits <span style=\"color: #ff0000;\">1936 <\/span>in seiner ersten Nacht in ein blutiges Krisengebiet, aus dem die Fremden in Panik zu fl\u00fcchten versuchen.\u00a0 Die Deutschen werden direkt\u00a0 zur\u00fcck ins Reich expediert.<\/p>\n<p>Dubosc ist seit\u00a0 1931 <span style=\"color: #999999;\">Kulturattach\u00e9<\/span> am franz\u00f6sischen Konsulat in Peking\u00a0 (damals: Peiping ) und offensichtlich &#8211; wie bereits Andr\u00e9 Malraux in Kambodscha &#8211; auf Einkaufstour<span style=\"color: #808080;\"> (&#8230;.)<\/span><\/p>\n<p>Wiegmann reist auf einem wei\u00dfen Ozeandampfer durch den Suezkanal und den Indischen Ozean nach China. Das Land ist in Unruhe; Japan hat l\u00e4ngst die Mandschurei als Marionetten-Reich unter Puyi abgespalten und bereitet den totalen Krieg gegen China vor.\u00a0Davon erz\u00e4hlt Wiegmann nichts. Peking ist nicht die Kolonialstadt Shanghai, deren Elend als erstes Ziel japanischer Angriffe Egon Erwin Kisch bereits 1932\u00a0 in \u201eChina geheim\u201c geschildert hat. Noch ein Jahr nach Wiegmanns Weggang ist Peking nicht\u00a0 wirklich vom Krieg ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Lin Yutang repr\u00e4sentiert mit \u201eMein Land und mein Volk\u201c (deutsch 1935 erschienen und sp\u00e4ter von Wiegmann sehr gesch\u00e4tzt ) \u00fcberzeugender Wiegmanns Erfahrungen im Lande. Im Kapitel \u00fcber den Humor steht beispielsweise, er finde sich nicht in der klassischen Literatur, eher schon in Romanen und Opern, auf jeden Fall aber \u201eals burleske Einstellung dem menschlichen Leben gegen\u00fcber\u201c:<\/p>\n<p>Dieses \u201eungew\u00f6hnlich realistische Volk\u201c zeige \u201eseit jeher die Neigung, dem B\u00f6sen mit Duldung zu begegnen\u201c , zu lachen, nicht zu verdammen. Man habe \u201eseinen ersten Auftritt\u201c oder\u00a0 gehe \u201evon der Szene\u201c, und wer mit einem hohen Programm hervortrete, von dem hei\u00dfe es: \u201eEr singt gro\u00dfe Oper\u201c. Wiegmann erlebt selber eine Szene dieser \u201egro\u00dfen Oper\u201c B\u00fcrgerkrieg, deren Unterhaltungswert mit Millionen Opfern seit 1911 zu teuer bezahlt ist:<\/p>\n<p>Im Dezember 1936\u00a0 nimmt \u201eder Junge Marshall\u201c Zhang Xueliang den Oberbefehlshaber Chiang Kaishek in einem Thermalbad bei Xian gefangen und erpresst das antijapanische B\u00fcndnis mit den Roten Truppen Mao Zedongs.<\/p>\n<p>Wiegmann wird Zhang auf der Terrasse eines Pekinger Hotels begegnen und vom Auftritt mit dem Gefolge an Haremsdamen begeistert sein. Wiegmann hat\u00a0 jedoch den unmittelbar folgenden Sturz des jungen Helden wohl vergessen, der diesem langj\u00e4hrige Gefangenschaft einbringt.7<\/p>\n<p>Wenn man aktuelle Berichte aus China liest unter \u00dcberschriften wie \u201eMan schaut was passiert, und meist passiert nichts\u201c, dann scheint Lin Yutang mit seiner Charakterisierung der Chinesen bis auf Zeiten nackten Terrors richtig zu liegen.<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Fotos<\/span><\/p>\n<p>W. arbeitet im Fotostudio der jungen Ex-Berlinerin Hedda Hammer mit, wo er f\u00fcr Dubosc vor allem Kunstreproduktionen herstellt. Er fotografiert auf Streifz\u00fcgen durch die Vorst\u00e4dte und in der Verbotenen Stadt, <span style=\"color: #ff0000;\">aber nicht <\/span>auf Ausfl\u00fcgen in die Westberge. Seine Themen sind in Fotografie und Malerei weitgehend\u00a0 begrenzt auf Stilleben, Architektur und die Natursymbolik der chinesischen Tradition, <span style=\"color: #ff0000;\">die ihm in Hedda Hammers Fotos u.a.aus<\/span> den Pekinger \u201eWestbergen\u201c <span style=\"color: #ff0000;\">wieder ganz intensiv begegneten<\/span>. Ein Chinese kreidet ihm <span style=\"color: #ff0000;\">die thematische Begrenzung seiner<\/span> Malerei ungew\u00f6hnlich offen im G\u00e4stebuch an:<\/p>\n<p>\u201e<em>Nur die Stoffwahl ist leider auf das Stilleben vor dem Fenster und auf die kleineren Landpartien beschr\u00e4nkt. Hoffentlich macht der K\u00fcnstler weitere Fortschritte, damit er mit einer au\u00dferge-w\u00f6hnlichen k\u00fcnstlerischen Anschauung die Eigent\u00fcmlichkeit Chinas kennen k\u00f6nnte.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Die Menschen, wie Wiegmann\u00a0 sie sieht und\u00a0 sich aneignen will, bringt Hedda Hammer konkurrenzlos stark ins Studio.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Opernfotografie<\/span><\/p>\n<p>Im Auftrag von Dubosc fotografiert Wiegmann Operndarsteller u.a. auf einem Hoteldach. Ein Foto davon begegnet mir\u00a0 noch 1981 in dessen B\u00fcro in Paris. Anr\u00fchrend sind die Portr\u00e4ts der Kinderdarsteller. Wir k\u00f6nnen inzwischen durch Filme wie \u201eLebewohl, meine Konkubine\u201c ( Chen Kaige 1993) das fr\u00fche Leid dieser Kinder ermessen. (Abb.)<\/p>\n<p>Eine Pekingoper ist besonders nah bei der Gro\u00dfen Politik angesiedelt, denn \u201eUnruhe im Himmelspalast\u201c herrscht schon seit 1910. Wer ist wohl 1936 in Peking gemeint mit dem\u00a0 \u201eAffenk\u00f6nig\u201c, der auf der B\u00fchne mit List und Zaubertricks den Himmel aufmischt und gen\u00fcsslich die \u201ePfirsiche der Unterblichkeit\u201c (Abb.) verspeist?\u00a0 Mao Zedong wird sich\u00a0 sp\u00e4ter zu dieser Figur bekennen und sie in den Jahren der Kulturrevolution propagieren lassen.\u00a0Wiegmann liebt geradezu die Maske des verr\u00e4terischen Doppelgesichts &#8211; hier wei\u00df, da schwarz: Sie entbl\u00f6\u00dft das \u201eGesicht\u201c der politischen Klasse als ganzer. (Abb.)<\/p>\n<p>Dieser junge Mann ahnt oft mehr als er begreift, doch ist stolz darauf, sich dessen bewu\u00dfsst zu sein. Die deutschen China-Diplomaten hingegen seien mehr als einmal von ihren einheimischen Dolmetschern \u00fcbers Ohr gehauen worden. Ob Dubosc\u00a0 ihm das berichtet hat?\u00a0 Wiegmann. wird mir\u00a0 die Reportagen der Amerikaner White und Jacoby \u00fcber die Jahre 1941 bis 1945<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> schenken, worin dies finstere Schmierentheater noch einmal aufgef\u00fchrt wird, zur Verzweiflung amerikanischer Politiker. Sie wollen den Widerstand gegen\u00a0 Japan bezahle, doch r\u00fcsten sie in Wahrheit\u00a0 die B\u00fcrgerkriegsparteien auf (Kommt uns das nicht bekannt vor?).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><span class=\"Apple-style-span\" style=\"-webkit-text-decorations-in-effect: none;\">Die Arbeit mit Dubosc<\/span><\/span><\/p>\n<p>Wiegmann wohnt bei Dubosc in der Nan C\u00b4hang Chieh, Tung Ho Yen15\u00a0 (Abb.) und begleitet ihn\u00a0 zu den Ank\u00e4ufen an Ming- und fr\u00fcher Qin-Malerei. Sein scharfer Blick erg\u00e4nzt die sinolo-gische Expertise des Chefs. Aus den Erfahrungen mit den H\u00e4ndlern lie\u00dfe sich eine Ethik des Kunsthandels ableiten. Da werden in gro\u00dfer Geste Mengen von Rollbildern aufgefahren &#8211; \u201ePrinten\u201c wie Wiegmann zu sagen pflegt &#8211; und verschwinden so schnell wie sie gekommen sind. Ein\u00a0 paar sparsame Gesten der Beachtung seitens der Besucher werden diskret registriert und haben eine neue qualit\u00e4tvollere Serie an Angeboten zur Folge. Erst nach weiteren Pr\u00fcfungen r\u00fcckt der H\u00e4ndler mit seinen besten St\u00fccken heraus.<\/p>\n<p>Zwei Szenen werfen ein Licht auf die Konkurrenz in der Freundschaft der so unterschiedlich positionierten M\u00e4nner: Da bem\u00e4ngelt Dubosc an einer Bildrolle einen Schreibfehler in der Kalligrafie; Wiegmann beharrt auf der Echtheit des Rollbilds und wird ein paar Tage sp\u00e4ter durch eine \u00e4ltere Ausgabe der zitierten Dichtung best\u00e4tigt, die das zweifelhafte Zeichen enth\u00e4lt. Ein andermal schlie\u00dft er von der Komposition auf einen am unteren Ende fehlenden Bildteil. Der H\u00e4ndler wird schlie\u00dflich zugeben, dass er einen Brandschaden hat abschneiden lassen.\u00a0Wir wollen nicht \u00fcbertreiben:<\/p>\n<p>Wiegmann bilanziert die Schwierigkeit, <i>Echtheit<\/i> und <i>Qualit\u00e4t<\/i> auf diesem Gebiet zu erkennen, einmal folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>In der traditionellen Tuschmalerei ist das Nacharbeiten nach \u00e4lteren Meistern \u00fcblich, und zwar nicht als genaue Kopie, sondern als Kopie aus dem Ged\u00e4chtnis. Viele schlechte Bilder sind als Originale von Meistern im Umlauf. Man muss \u201enach dem Eindruck\u201c entscheiden. Es ist \u201emehr die Intensit\u00e4t der Verwirklichung als die Originalit\u00e4t der Konzeption, die ein Werk wertvoll\u00a0<\/em><em>macht<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Ein Aufsatz von Dubosc von 1952<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> stellt kompositorische Entsprechungen zwischen Ming-Malern und westlichen Modernen wie Cezanne, Dufy oder Masson heraus. Der Sonderdruck enth\u00e4lt die &#8211; handschriftliche &#8211; Widmung: \u201eF\u00fcr Fritz, der die chinesische Malerei mit mir entdeckt hat\u201c. Durfte der Assistent mehr erwarten? Jedenfalls h\u00e4lt die Freundschaft bis zu Wiegmanns Tod.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Die eigene Ausstellung im Dezember 1936 <\/span>\u00a0<span style=\"text-decoration: underline;\">in der Nationalbibliothek<\/span><\/p>\n<p>Als K\u00fcnstler hat Wiegmann bereits seinen \u201eStil\u201c, seinen Weg gefunden. Auf der Staffelei in Peking zeigen Fotos die Stilleben und den kubistischen Stil der Berliner Zeit; f\u00fcr diese Arbeiten bekommt er bei einer Einzelausstellung von den Besuchern Ermutigung und Lob. Das belegt sein kalligrafisch interessantes G\u00e4stebuch, in dem wir z.B. lesen: \u201e<em>It may be an interesting experiment or might be an exciting wonderful adventure to combine French cubism and chinese cal(l)igrapy into\u00a0something new. S.F.<\/em>\u201c\u00a0Wiegmann schw\u00e4rmt den Rest seines Lebens von den \u00fcberw\u00e4ltigenden Landschaftsrollen\u00a0 des 14. bis 18.Jahrhunderts und setzt sich k\u00fcnstlerisch damit auseinander: \u201eWanderung durch die Natur &#8230; Kein Blick aus dem Fenster &#8230; Kein fester Standpunkt oder Blickpunkt &#8230; Keine Skizzen vor der Natur &#8230; Der Maler steht nicht drau\u00dfen, sondern in seinem Bilde &#8230; Sicherheit des Striches. Keine Retouchen m\u00f6glich! Jeder Fehler sichtbar! direkteste Malart\u201c (Vortrags-Notizen in Hof \/Saale).<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u201eNeujahrsbilder.\u201c <\/span><\/p>\n<p>Zusammen mit Dubosc und \u00fcber das Erlebnis des Neujahrsfestes entdeckt er auch die Welt der volkst\u00fcmlichen Drucke. Deren \u00e4sthetische Qualit\u00e4ten werden an anderer Stelle angesprochen werden. Wenigstens eine Verbindung m\u00f6chte ich hier ziehen, und zwar zum farbenpr\u00e4chtigen Bild im Eingangsbereich der Ausstellung in der Galerie 37, das Wiegmann stets mit \u201eRaoul Dufy !\u201c begr\u00fc\u00dft. (Abb.) Ich lerne die Sammlung 1968 in seinem Wohnzimmer kennen. Er bl\u00e4ttert sie mir vor. die Bilder sind fremd, farbig und so empfindlich \u2013 stets gibt es einen kleinen Schaden am d\u00fcnnen Papier.<\/p>\n<p>W. liebt als Gro\u00dfst\u00e4dter die Antiquare und M\u00e4rkte Pekings. <span style=\"color: #808080;\"><em>Ob er\u00a0 die Sammlung selber erworben hat?\u00a0<\/em><\/span> Mir gegen\u00fcber bleibt er in dieser Frage unklar, spricht aber auch von \u201eKonsularbeamten\u201c, die Material in der Provinz erwarben. Daf\u00fcr spricht auch, dass\u00a0 Dubosc 1942 in Peking die erste Ausstellung chinesischer Neujahrsbilder organisiert. ( Dubosc hat wohl 1\/4 seiner Neujahrsbildsammlung Wiegmann bei seinem Weggang geschenkt, oder erst sp\u00e4ter? &#8211; Nov. 2016, Gv)<\/p>\n<p>Wiegmann stellt 1971 gegen\u00fcber seinem Freund Zgainsky eindeutig fest, seine Bl\u00e4tter seien alle vor 1935 in verschiedenen Provinzen gesammelt und stammten aus der Sammlung Dubosc.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Heim ins Reich 1937 &#8211; eine Fehlkalkulation ?<\/span><\/p>\n<p>Auch in China werden nationalsozialis-tische deutsche Konsuln ungem\u00fctlich, wenn die Passverl\u00e4ngerung n\u00f6tig wird. Wiegmann f\u00fcgt sich. Er will nicht zum staatenlosen Fl\u00fcchtling auf einem asiatischen Kriegsschauplatz werden. Europas Lage erscheint vergleichsweise stabil. Das \u201ePass-foto\u201c (Abb.) mit Hut und Mantel, 1942 aufgenommen, steht\u00a0 symbolisch f\u00fcr den heraufziehenden europ\u00e4ischen \u201eWinter\u201c.\u00a0Die 1933 in Berlin zur\u00fcckgelassenen\u00a0 Bilder\u00a0 &#8211; allesamt Kategorie \u201eentartet\u201c &#8211; sind verloren.\u00a0 Mir gegen\u00fcber \u00e4u\u00dfert Wiegmann wiederholt, \u201edie Familie\u201c habe sie \u201eaus Angst\u201c zerst\u00f6rt. Ich finde die Geschichte gut, selbst wenn die banalere Version einer sp\u00e4teren Zerst\u00f6rung in Berlin auch einiges f\u00fcr sich hat. Ein Atelier ist schnell gefunden. Zu Pfingsten 1939 schreibt die Mutter aus Minden: \u201e&#8230;Sieht zu, da\u00df du hinaus ins Gr\u00fcne kommst!\u201c<\/p>\n<p>Den Krieg \u00fcbersteht Wiegmann trotz einer Ausbildung zum Sanit\u00e4ter unbeschadet in der Betreuung ausgelagerter Berliner Sch\u00fcler \u201ebis zur Obertertia\u201c in Karlsbad. Von dort aus erreicht er 1945 die Stadt Hof in der Amerikanische Zone.\u00a0Sein politisches Interesse ist wacher denn je. Gespr\u00e4che mit Graf Stauffenbergs Witwe vermitteln ihm die \u00dcberzeugung, dass England an der Selbstbefreiung der Deutschen nicht interessiert gewesen ist. Rolf Hochhuth wird ein wichtiger Autor f\u00fcr ihn werden. 1948 bis 1950 unterrichtet er als Zeichenlehrer an der Granitbildhauer-schule im fr\u00e4nkischen Wunsiedel. Willi Schmidt wird sein Sch\u00fcler, der dann selber an der St\u00e4delschule in Frankfurt unterrichtet und f\u00fcr seine warmherzige fig\u00fcrliche Kunst bekannt ist. Er verwahrt seit 1973 Wiegmanns malerischen Nachlass in Schwalbach am Taunus.<\/p>\n<p>1950 nimmt Wiegmann eine Stelle als Kunsterzieher in Frankfurt an. Am Goethe-Gymnasium habe ich ihn f\u00fcnf Jahre lang als fairen, den Charakter seiner Sch\u00fcler achtenden Lehrer erlebt.<\/p>\n<p>\u201e<em>Mehr als sechs Grundfarben im Malkasten sind weder n\u00f6tig noch gut<\/em>\u201c. Schon damals k\u00f6nnen sich Lehrer gegen\u00fcber den Verlockungen der Konsumgesellschaft nicht mehr durchsetzen.\u00a0In einem stummen Kollegium von Kriegsverlierern und Kriegsversehrten geh\u00f6rt er zu einer kleinen Gruppe von Au\u00dfenseitern. Sie brechen das Schweigen \u00fcber den Krieg, stellen B\u00f6ll, Andersch und \u201edie Gruppe 47\u201c an die Stelle von \u201eSchimmelreiter\u201c und\u00a0 Droste-H\u00fclshoff,\u00a0 verweigern sich dem Antikommunismus der Adenauer-Republik.<\/p>\n<p>Wiegmann erneuert Vorkriegsfreundschaften in Richtung Ost-Berlin, so zum Opernregisseur Walter Felsenstein. Er bleibt unbeirrbarer\u00a0 Freund auch der Volksrepublik China, so wie die\u00a0Autorin Simone de Beauvoir oder die Verleger Ernst Rowohlt und Johannes Fladung. Sicher teilt er mit ihnen auch die\u00a0 Faszination durch die jungen Revolution\u00e4re, deren idealisiertes Bild amerikanische Journalisten wie Edgar Snow verbreitet haben, und er hat nicht vergessen, dass Chinas \u201eHumor\u201c bzw. Praxis immer grausam war. Franz Kuhns \u00dcbersetzungen vermitteln die popul\u00e4ren Romane der Ming-Epoche\u00a0 so unverkrampft, dass mir z.B. Jahre lang nicht auffiel, dass es darin auch um Kannibalismus und andere politisch unkorrekte Dinge geht.\u00a0Wiegmann lacht mit den aufgekl\u00e4rten Mandarinen der Romane\u00a0 \u00fcber Priestertrug\u00a0 und Despotie, aber er idealisiert sie nicht. Er sch\u00e4tzt die Literaten mit Karriereknick und die im Ruhestand, und er achtet den gew\u00f6hnlichen Sterblichen, der mit Witz und Humor sein Gl\u00fcck jagt. Daher kommt Wiegmanns beharrliche Bem\u00fchung, die chinesischen \u201eNeujahrsbilder\u201c in Deutschland zu zeigen.<\/p>\n<p>In den sechziger Jahren wird der politische Horizont in Westdeutschland weiter, aber nicht klarer. Wie w\u00e4re das zu ertragen ohne \u201eDie Zeit\u201c, <span style=\"color: #999999;\">Saul Steinbergs<\/span> Zeichnungen sowie eine geh\u00f6rige Portion Sarkasmus? Als die USA 1970 das vietnamesische Schlachtfeld auf Kambodscha aus-weiten, schreibt mir Wiegmann in einem Brief:<\/p>\n<p>\u201e<em>Kambodscha kann einen zur Verzweiflung bringen. Ich las in der \u201eZeit\u201c, dass es in U.S.A. eine neue black power Frauen Bewegung gibt; die Parole ist: \u201eTod den M\u00e4nnern.\u201c Falls sie im Pentagon anfangen, haben sie meinen Segen<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Waldklause im Berner Oberland<\/span><\/p>\n<p>Das Hessische Ferienhotel in\u00a0 Beatenberg \u00fcber dem Thuner See wird f\u00fcr Wiegmann nach der krankheitsbedingten Pensionierung 1962 das halbe Jahr \u00fcber zur Waldklause, wo er den \u201eExzentrikern von Yangzhou\u201c und\u00a0 den einsamen Poeten auf den gro\u00dfen Landschaftsrollbildern nahe sein kann. Das Relief um den Thunersee ist atemberaubend. Besucher bringen Wein und Gespr\u00e4che.<\/p>\n<p>In Wiegmanns Malereien k\u00f6nnte man mit Recht den zweiten Pol &#8211; die Leere &#8211; vermissen; denn er hat die Leinw\u00e4nde und Pappen bis an den Rand gef\u00fcllt. Ich finde heute die Leere zwischen den Bildern, in den m\u00fc\u00dfigen Momenten seines Lebens. Den Kunstmarkt hat er nach halbherzigen Anl\u00e4ufen ignoriert, unter Verachtung aller \u201eGalerieknechte\u201c, die vertragsgem\u00e4\u00df ihre Menge an \u201eKopff\u00fc\u00dflern\u201c &#8211; sein Paradebeispiel &#8211; abliefern. \u00dcber Mei Ching, einem der von Wiegmann verehrten Meister der Ming-Zeit, ist von gelehrter Seite geschrieben worden<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a>: \u201c&#8230;a scholar-poets painting, the work of a sensitive and gifted amateur with a fanciful turn of mind.\u201c<\/p>\n<p>In solcher \u201eVerr\u00fccktheit\u201c arbeitet Wiegmann in seinen letzten Jahren an ungew\u00f6hnlichen Themen wie Tannenw\u00e4ldern und Alpenlandschaften. Willi Schmidt hat das einmal drastisch so formuliert : \u201eDas haben nach Segantini und Corinth nur noch Heimatmaler gemalt.\u201c<i><\/i><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Welchen Schluss finden?<\/span><\/p>\n<p>Wiegmann zitiert in seinem Manuskript 1950 eine chinesische Legende:<\/p>\n<p>\u201e<i>Wu Tao Tzu malte eine grosse Landschaft auf eine Wand des Palastes; und der Kaiser, der sie zu sehen kam,\u00a0 war hingerissen vor Begeisterung. Wu Ta Tsu klatschte in die H\u00e4nde. Eine H\u00f6hle im Bilde \u00f6ffnete sich, der Maler trat in sein Bild und war auf Erden nicht mehr gesehen<\/i>.\u201c<\/p>\n<p>Im Gitterwerk seiner sp\u00e4ten \u201eW\u00e4lder\u201c zu verschwinden, war vielleicht sein Traum, oder irgendwo aus dem Bild zu gehen. (Abb.) Im Leben sah das so aus: Ende 1973 nimmt er &#8211; von schwerer Krankheit gezeichnet &#8211; von seinen Freunden im Westen Abschied und \u00fcberquert die Berliner Sektorengrenze in Richtung \u201eCharit\u00e9\u201c. Am 9. November verl\u00e4sst er diese Welt.<\/p>\n<p>In diesem Fr\u00fchjahr w\u00e4re er \u00fcbrigens hundert Jahre alt geworden. (2002)<\/p>\n<div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> handschr.Vortragsnotiz Hof\/Saale undatiert \u00a0 \u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> (Kunstamt Wedding , Berlin(W) 1974 \u00a0 \u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des Zweiten Gesichts , Neuausgabe D\u00fcsseldorf: Claassen Verlag 1981, S.880ff., S.902ff. \u00a0 \u00a0\u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Am17.10.2001\u00a0 berichtet die FAZ vomTod Zhangs im Alter von 101 Jahren in Hawaii \u00a0 \u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Th. White, A. Jacoby: Donner aus China.\u00a0 Reinbek: Rowohlt 1947 \u00a0 \u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> J.P. Dubosc ( Verst\u00e4ndnis und Missverst\u00e4ndnis der chinesischen Malerei). In: Critique No.60. Mai 1952. \u00a0 \u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> James Francis Cahill: Fantastics and Eccentrics. New York 1963. S.53<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ann\u00e4herung an den K\u00fcnstler und Sammler Fritz Wiegmann, der mir China zwischen 1969 und 1973 nahegebracht hat. F\u00fcr das\u00a0Katalogbuch der Ausstellung:\u00a0 \u201eBilder vom Gl\u00fcck \u2013 Chinesische popul\u00e4re Grafik aus dem 20. Jahrhundert\u201c, Museum der Weltkulturen Galerie 37, Frankfurt am Main 2002 habe ich eine biografische Skizze unter dem Titel &#8218;Gl\u00fcck in zwei Welten. 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