{"id":668,"date":"2012-03-19T18:00:18","date_gmt":"2012-03-19T17:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=668"},"modified":"2020-05-21T11:37:31","modified_gmt":"2020-05-21T09:37:31","slug":"der-maulkorb-sho-pen-hao-er","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=668","title":{"rendered":"Der Maulkorb &#8217;sho-pen-hao-er&#8216;"},"content":{"rendered":"<p><i>\u201eDer Staat, dieses Meisterst\u00fcck des vern\u00fcnftigen\u00a0 (..) Egoismus alles, hat den Schutz der Rechte eines jeden in die H\u00e4nde einer Gewalt gegeben, welche (&#8230;) unendlich \u00fcberlegen, ihn zwingt, die Rechte aller andern zu achten. (&#8230;) Diese Tausende, die sich da vor unseren Augen im friedlichen Verkehr durcheinander dr\u00e4ngen, sind anzusehen als ebenso viele Tiger und W\u00f6lfe, deren Gebiss durch einen starken Maulkorb gesichert sind.\u201c\u00a0<\/i><i>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0Arthur Schopenhauer<\/i><\/p>\n<p>Der zivilisatorische <i>Maulkorb<\/i> funktioniert in den verschiedenen Weltgegenden ganz unterschiedlich. Vergleichende Studien sind unbedingt n\u00f6tig!<!--more--><\/p>\n<p>Der chinesische <i>Maulkorb<\/i> ist so nackt wie Hobbes\u2019 Doktrin, die hier durchscheint. Sie wird gew\u00f6hnlich mit dessen B\u00fcrgerkriegserfahrungen begr\u00fcndet. Chinas Geschichte l\u00e4sst sich als weitaus l\u00e4ngere Folge von meist regionalen Aufst\u00e4nden schildern. Die fr\u00fche und in ihrem Ausma\u00df unvergleichliche Ausbildung einer Zentralmacht hat ihre Grunds\u00e4tze in den Menschen unausl\u00f6schlich verankert: Ordnung ist nicht denkbar in China ohne hierarchische Kompetenzverteilung, effektive Kontrolle und strenge Sanktionen. Der im Ausland l\u00e4ngst mit Kopfsch\u00fctteln beobachtete F\u00fchrungsanspruch der KP setzt die Tradition nur fort. Von unten arbeitet der Zentralmacht seit zweitausend Jahren die traditionelle Familienethik zu. Der Konfuzianismus verbindet beide. Freiheit d\u00fcrfte es danach in China nur als Anarchie geben.<\/p>\n<p>Auch der Buddhismus wird im chinesischen Pand\u00e4monium zur Einsch\u00fcchterung des Individuums verwendet. Selbst <i>der daoistische Koch<\/i> bleibt Metzger und schont auf diese Weise vor allem seine Messerklinge, wenn er anderen das Leben nimmt. Mit diesem Gleichnis ist Zhuangzi auf unverkrampfte Weise dem Volk nah. Erst eine humanistische R\u00fcckbesinnung hat ihn und Laozi als Vorl\u00e4ufer und B\u00fcndnispartner entdeckt. Chinesische Gelehrte und Intellektuelle sind schon lange a-religi\u00f6s, daf\u00fcr sind im zwanzigsten Jahrhundert Marx und Engels zu niederen Geistern des Mao-Kultes geworden. Ich habe einmal gelesen, dass der Gro\u00dfe Taiping-Aufstand (zehn Jahre lang ab 1841) christlich inspiriert war. Benennt die Machtelite Chinas ihren Feind &#8211; <i>das Ausland<\/i> &#8211; etwa zutreffend?\u00a0Mit der Globalisierung und der zum ersten Mal nicht fiktiven Rolle Chinas als Weltmacht wird es spannend. Mit Lenin frage ich mich: <i>Wer wen<\/i>?<\/p>\n<p><b>Ausgangspunkt dieser Gedanken<\/b> ist eine Pekinger Ausstellung im Museum f\u00fcr angewandte Kunst, Frankfurt, deren subversiver Gehalt sich mir erst allm\u00e4hlich erschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Da ist zum einen die Kr\u00e4nkung des offiziellen Selbstbilds. Man muss nicht den Generalkonsul vor Wei\u00dfkohl, Spucknapf und Mopedrikscha gesehen haben, um das zu verstehen. Da ist zum andern die unglaublich schlechte Qualit\u00e4t vieler der gezeigten Konsumg\u00fcter. Meine Frau hat sie mir erst wirklich vor Augen gef\u00fchrt. Ein krasses Beispiel ist die Mopedrikscha: Sie stinkt nicht nur, selbst durch die geschlossenen T\u00fcren, sie bildet auch sonst f\u00fcr jeden \u2013 den Fahrer, den Passagier und andere Verkehrsteilnehmer \u2013 eine Gefahr. Sie soll eine wirtschaftliche Existenz zum niedrigsten Preis erm\u00f6glichen? Das kann nicht gut gehen. Nur Beh\u00f6rden k\u00f6nnen dem einen Riegel vorschieben: Das Produkt wurde bereits in einzelnen St\u00e4dten verboten.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1170130ChDTransporter.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-669\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1170130ChDTransporter-300x225.jpg\" alt=\"P1170130ChDTransporter\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1170130ChDTransporter-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1170130ChDTransporter-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1170130ChDTransporter.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Ausstellungsmacher geben vor, eine \u2013 ein wenig &#8211; nostalgische <i>Identit\u00e4tssuche<\/i> zu betreiben. Die gezeigten Produkte waren aber vor zwanzig Jahren von soliderer Qualit\u00e4t. Sie zeigen meist einen derart verelendeten Konsum, dass ich lieber glauben m\u00f6chte, es handele sich um die\u00a0 Realsatire der \u201ePopcorn Factory\u201c. Man sollte das jedenfalls einkalkulieren.<\/p>\n<p>Zu den verzweifelten Bem\u00fchungen der Menschen, ihre vitalen Energien auf alle Arten zu st\u00e4rken \u2013 die traditionelle chinesische Obsession &#8211;\u00a0 stehen die Angebote der Konsumg\u00fcterindustrie in obsz\u00f6nem Gegensatz. Denken wir nur an die Alarmmeldungen westlicher Gesundheitsbeh\u00f6rden!<\/p>\n<p>Und eben diese gnadenlose R\u00fccksichtslosigkeit chinesischer Unternehmer gegen\u00fcber den legitimen Qualit\u00e4tsanspr\u00fcchen ihrer Mitmenschen &#8211;\u00a0 ob Kunden oder Mitarbeiter \u2013 steht in einer langen Tradition. Der Schriftsteller Lu Xun schrieb in den Zwanziger Jahren gegen den traditionellen \u201eKannibalismus\u201c in der Gesellschaft an und rief <i>Rettet die Kinder<\/i>. Er wurde nicht geh\u00f6rt. Mit dem globalen Erfolg des Konzepts sinkt seine Chance noch weiter, zumal sich darin <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> etwa eine speziell chinesische<i> Wolfsnatur<\/i> zeigt, sondern vor allem das, was die <i>Maulk\u00f6rbe<\/i> in China\u00a0 nicht verhindern. Und daf\u00fcr gilt eben: Was kommerziellen Erfolg hat, setzt sich durch.<\/p>\n<p>Die Joint-Venture-Architektur der Ausstellung in Frankfurt sorgt daf\u00fcr, dass solche Lektionen aus der clean\u2019en Pr\u00e4sentation nicht zu h\u00e4ufig gezogen werden.\u00a0Dass die Ausstellungsmacher aus Peking immer nur l\u00e4cheln, sollte uns aber nicht t\u00e4uschen.<\/p>\n<p><i>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Staat, dieses Meisterst\u00fcck des vern\u00fcnftigen\u00a0 (..) Egoismus alles, hat den Schutz der Rechte eines jeden in die H\u00e4nde einer Gewalt gegeben, welche (&#8230;) unendlich \u00fcberlegen, ihn zwingt, die Rechte aller andern zu achten. 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