{"id":660,"date":"2012-03-10T00:00:33","date_gmt":"2012-03-09T23:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=660"},"modified":"2020-05-21T11:38:22","modified_gmt":"2020-05-21T09:38:22","slug":"fuer-mich-sind-chinesische-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=660","title":{"rendered":"F\u00fcr mich sind &#8218;chinesische Dinge&#8216; &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Mein Beitrag zur Sammelaktion des MAK Frankfurt: htpp\/\/de-de.facebook.com\/pages\/WAS SIND F\u00dcR SIE CHINESISCHE DINGE\/<b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<\/b>I<\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160038Teetopf.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160038Teetopf-242x300.jpg\" alt=\"P1160038Teetopf\" width=\"242\" height=\"300\" \/><!--more--><\/a><\/b><\/p>\n<p><b><span style=\"text-decoration: underline;\">Teew\u00e4rmer (tea cosy) mit wei\u00dfer Porzellankanne<\/span><\/b><\/p>\n<p>Als ich den sechseckigen schwarz lackierten Quader vor rund vierzig Jahren zum ersten Mal \u00f6ffnete, war ich fasziniert: Er ist innen weich ausgekleidet und sch\u00fctzt eine schlichte Teekanne aus wei\u00dfem Porzellan. Auf den zweiten Blick erkannte ich auch eine quadratische Aussparung und die kleine wei\u00dfe T\u00fclle (spout). Die Kanne fasst einen guten halben Liter (0,6 l). Das Objekt ist etwa so hoch wie breit, es ist leicht und solide verarbeitet<\/p>\n<p><i>Chinesisch<\/i> war und ist f\u00fcr mich die Verbindung von Funktionalit\u00e4t und Design, und zwar mit strengem Ausdruck. Die formale Strenge hat den Sammler des Gegenstands, den Maler Fritz Wiegmann, 1936 in Peking so fasziniert, dass er ihn in ein sp\u00e4t-kubistisches Stilleben mit <i>chinesischen Dingen <\/i>integriert hat. Es ist im Katalog \u201eBilder vom Gl\u00fcck\u201c (Museum der Weltkulturen 2002) abgedruckt.<\/p>\n<p>In dem Buch \u201eTrue to Form\u201c<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>, das der verkannten Sch\u00f6nheit handwertklicher Alltagskunst in China gewidmet ist, findet sich ein achteckiger Teew\u00e4rmer. In beiden F\u00e4llen ist ein d\u00fcnner h\u00f6lzerner Rahmen mit Flechtwerk (wicker-ware) kombiniert. Darauf sind zwei bewegliche Metallgriffe und eine Verriegelung montiert. Mein Exemplar betont den schwarzen Lack\u00fcberzug. Das Flechtwerk \u2013 goldfarben angestrichen &#8211;\u00a0 wird nur in sechs schmalen Kassetten sichtbar. Das Innere ist straff wattiert und mit Futterstoff in n\u00fcchternem Karo \u00fcberzogen.<\/p>\n<p>Der Teew\u00e4rmer ist in Goldt\u00f6nen und Rot mit leichter Hand fein bemalt. Wir sehen die bekannten eingetopften Bl\u00fctenzweige. In den Bl\u00fctengestecken erahnen wir P\u00e4onien, Magnolien, Lotos, Chrysanthemen<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>, sowie auf zwei gegen\u00fcberliegenden Seiten stilisierte Flederm\u00e4use (\u201efu\u201c), also doppeltes<i> Gl\u00fcck <\/i>( lautgleich<i> \u201efu\u201c<\/i>). Ich meine auch noch einen Schatzbeh\u00e4lter zu erkennen. Der Metallbeschlag mit Riegel und T\u00fcllen\u00f6ffnung hat die Form einer Vase mit P\u00e4onien.<\/p>\n<p>Wir haben einen Vorl\u00e4ufer der Thermoskanne der Volksrepublik vor uns. Man hat darin wie heute hei\u00dfes Wasser f\u00fcr den Tee aufbewahrt und transportiert. Auch diese ist oft dekoriert &#8211;\u00a0 in zugleich volkst\u00fcmlicher und revolution\u00e4rer Farbigkeit &#8211;\u00a0 und manchmal mit Gl\u00fcck verhei\u00dfenden Bildmotiven geschm\u00fcckt.<\/p>\n<p>Gibt es etwas, das chinesischer w\u00e4re als ein mit guten W\u00fcnschen bepflasterter, \u00e4u\u00dfert funktionaler, zugleich dekorativer und formal strenger (gleichseitiges Hexagon) Gebrauchsgegenstand?<\/p>\n<p>ii<\/p>\n<p><i><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160027.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160027-300x275.jpg\" alt=\"P1160027\" width=\"300\" height=\"275\" \/><\/a><\/i><\/p>\n<p><b>Trittstein vom Pilgerberg Emei-shan (Sichuan)<\/b><\/p>\n<p>Ma\u00dfe: 7-9 x 4 cm, H\u00f6he 2 cm<\/p>\n<p>Ich habe ihn auf einer zweit\u00e4tigen Bergwanderung 1988 gesammelt, aus dem Abstand eines Aufsteigenden ersp\u00e4ht und aus dem Weg geklaubt. Weil ich aus aller Herren L\u00e4nder eigenwillige Steine mitbringe, als chinesisches Souvenir.<\/p>\n<p>Schon bei einem Delegationsbesuch des Musterdorfes <i>Shashiyu<\/i> 1973, hatte man jedem von uns einen \u2013 mit Zeichen beschriebenen \u2013 kleinen Stein geschenkt. Man kam im Dorfkomitee nicht auf den Gedanken, uns das Geschenk zu erkl\u00e4ren. 1973 sprach man ohnehin nur von revolution\u00e4ren<i> <\/i>Traditionen. Inzwischen habe ich aus zwei B\u00fcchern erfahren, dass die Wertsch\u00e4tzung ausdrucksstarker Steine &#8211; nicht nur der durchl\u00f6cherten &#8211; unter chinesischen Gelehrten seit zweitausend Jahren belegt ist. Und dass auch diese Kultur sich seit dem 6. Jahrhundert nach Korea und Japan ausbreitete. Das nur am Rande. Es gibt einen deutschen Verein f\u00fcr die japanische Variante. Man pflegt dort die ausgefeilten asiatischen Traditionen, mit allen Klassifizierungen und der Forderung: Der Stein wird mit einem Holzsockel versehen. Der soll ihn nicht blo\u00df in der gew\u00fcnschten Position\u00a0 stabilisieren \u2013 wozu notfalls auch eine Steins\u00e4ge erlaubt sein soll &#8211;\u00a0 sondern ihn auch <i>in<\/i> <i>meditativ ansprechender Weise pr\u00e4sentieren<\/i>. Ob bei meinem kleinen Trittstein eine Ausnahme gestattet w\u00e4re?<\/p>\n<p>Der Stein zeigt zwei Furchen und ist einst an einer dritten Furche vom Rand einer Platte abgebrochen. Die vordere Kante ist glatt und rund abgerieben. Gleich bei der ersten Begegnung sah ich darin die Miniatur einer der vielen Treppenstufen im Weg, und dies in perspektivischer Verk\u00fcrzung wie aus der Vogelperspektive.<\/p>\n<p>Er\u00a0 k\u00f6nnte auch eine Insel oder Felsstufe in einem Flussbett bedeuten. In den Furchen k\u00f6nnten sich sogar Wasserf\u00e4lle verbergen. Er steht auch f\u00fcr die Schluchten des m\u00e4chtigen Pilgerberges <i>Emei-shan<\/i>. Allerdings: Mechanischer Abrieb an einem Wegstein kommt in den klassischen Lehren \u00fcber den Gelehrtenstein nicht vor. Und ist weiches Sedimentgestein \u00fcberhaupt erlaubt?<\/p>\n<p>Tausende und Abertausende F\u00fc\u00dfe von Pilgern und S\u00e4nftentr\u00e4gern haben seine Kanten abgeschliffen! Wenn es doch wenigstens Lotosf\u00fc\u00dfe gewesen w\u00e4ren! Wie kann in gehobenen Kreisen daraus Meditation entstehen? Doch f\u00fcr einen westlich erzogenen und sozial engagierten Menschen entsteht dar\u00fcber gar kein Zweifel.<\/p>\n<p>Bis vor kurzem waren die Chinesen kein Volk von Bergtouristen und Wanderv\u00f6geln. Das Alltagsleben bot und bietet k\u00f6rperliche Anstrengungen mehr als genug. Der moderne Massentourismus in China hat bezeichnenderweise die Stufe des Wanderns \u00fcbersprungen. Der <i>Emei-shan<\/i> war 1988 bereits durch eine Bergstra\u00dfe erschlossen. Kurz darauf kamen eine Bergbahn und ein Hotel in Gipfellage dazu. Der Trittstein vom <i>Emei<\/i> steht also auch f\u00fcr die Vergangenheit der verbreiteten Pilgerwege. Er ist das Werk chinesischer Pilger.<\/p>\n<p>iii<\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160031TianAnM73.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160031TianAnM73-300x237.jpg\" alt=\"P1160031TianAnM73\" width=\"300\" height=\"237\" \/><\/a><\/b>\u00a0<b>6&#215;6-Kamera \u201e<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4726\">Seagull<\/a>\u201c<\/b><\/p>\n<p>Ich habe kein rechtes Verh\u00e4ltnis zu dieser schweren und klobigen Spiegelreflexkamera entwickelt.\u00a0Mein Schulfreund hatte mich 1973 dahingehend beschwatzt, eine so au\u00dfergew\u00f6hnliche Reise wie die in die Volksrepublik China lie\u00dfe sich fotografisch nicht allein mit dem Kleinbildformat bew\u00e4ltigen. Sp\u00e4ter verwandelte er auch ohne Murren hunderte kleiner Negative in veritable schwarzwei\u00dfe Diapositive. Ich hantierte also mit zwei Formaten. Ich beschr\u00e4nkte ihren Einsatz auf besondere Gelegenheiten. Sechzehn Bilder sind ja auch schnell verschossen, wem sage ich das heute!\u00a0Am liebsten setzte ich sie auf dem Boden auf oder auf einer Tischplatte. Das entsprach nicht meinem Naturell, aber hatte sehr anschaubare, sehr ruhige Ergebnisse mit der Stimmung des japanischen Filmregisseurs Ozu.<\/p>\n<p>Gekauft habe ich sie f\u00fcr unschlagbare \u201e99 DM\u201c bei Neckermann, oder war es Quelle?<\/p>\n<p>iv<\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1084170ChD-Spitzer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1084170ChD-Spitzer-300x218.jpg\" alt=\"P1084170ChD-Spitzer\" width=\"300\" height=\"218\" \/><\/a>\u00a0\u00a0<b>Bleistiftspitzer \u00a0<\/b> \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/b><b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0<\/b><\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span>Die beiden Bleistiftspitzer, 1973 auf einer Delegationsreise in einer chinesischen Stadt erworben,\u00a0suchte ich mir als \u201etypisch chinesisch\u201c aus einer gr\u00f6\u00dferen Auswahl aus.\u00a0Heute w\u00fcrde ich sagen, dass sie die Allgegenwart der Propaganda noch in den geringsten Dingen repr\u00e4sentieren, sowohl ideologisch, als auch \u00e4sthetisch.<\/p>\n<p>Hat China nicht die \u00dcbertragung von Ideen auf die unterschiedlichsten Materialien und Medien erfunden oder doch perfektioniert, z.B. von der Oper auf Schattenspiel, Holzdruck, Objekte des t\u00e4glichen Gebrauchs, selbst auf Totengeld, womit die Ideen selbst ins Jenseits dringen?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Die Armeepistole<\/span><\/p>\n<p>Die rote Farbe und die klobige Form weisen auf die Revolution\u00e4ren Pekingopern, Comic-Heftchen wie \u201eDas rote Frauenbataillon\u201c, antijapanische St\u00fccke und den Musterknaben \u201eLei Feng\u201c. In allen kunsthandwerklichen Medien \u2013 auch Specksteinfiguren &#8211; wurde die Botschaft verbreitet, dass \u201eVolksbefreiungsarmee\u201c und \u201eVolk\u201c seit Guerillazeiten eine Einheit bildeten. Schon die Kinder sollten stolz auf sie sein. Wir kennen das Muster aus der DDR, die es von der Sowjetarmee \u00fcbernommen hat.<\/p>\n<p>Ich habe das St\u00fcck 1973 bewusst gekauft als chinesischen Kontrast zum linken Pazifismus im Nachkriegsdeutschland. Skandal\u00f6s wurde das kleine Objekt als Kriegsspielzeug im weitesten Sinne. F\u00fcr mich selber waren die wenigen kriegerischen Spielzeuge etwas Besonderes, Anr\u00fcchiges gewesen, etwa der kleine Panzer aus amerikanischer Produktion, der Hindernisse mit Hilfe eines \u00dcberrollb\u00fcgels \u00fcberwand. Immerhin hat meine Mutter meine militaristischen Kinderzeichnungen nicht weggeworfen. Auch in China entsprach dieser Pistolenspitzer den Tr\u00e4umen von kleinen Jungen \u2013 ja sogar von M\u00e4dchen, die revolution\u00e4r sein wollten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Der Radioapparat\u00a0\u00a0 <\/span><\/p>\n<p>Er vereint in sich technischen Fortschritt mit durch flei\u00dfige Arbeit angespartem individuellem Status. Ich habe es sicher auch erworben, weil ich es in Wohnungen verdienter Arbeiter auf dem Ehrenplatz gesehen hatte, vor Ort oder auf Fotos.\u00a0Er repr\u00e4sentiert auch Komfort (dem Fahrrad zu vergleichen) und Entspannung. Man darf nicht vergessen, dass etwa D\u00f6rfer damals gew\u00f6hnlich von dr\u00f6hnenden Lautsprechern der Partei kollektiv beschallt wurden. Ob ein reales Radio diesen Typs \u00fcberhaupt mehrere Sender empfangen konnte, dar\u00fcber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Die N\u00e4he zur Partei ist eigentlich irrelevant, weil selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Man sieht: Es l\u00e4sst sich mit winzigen Modulen chinesischer Kultur trefflich philosophierren.<\/p>\n<p>v<\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160029ichScherenschn..jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160029ichScherenschn.-217x300.jpg\" alt=\"P1160029ichScherenschn.\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a>\u00a0\u00a0 \u00a0<\/b><b><span style=\"text-decoration: underline;\">Scherenschnittportr\u00e4t<\/span><\/b><\/p>\n<p>Im August 1973 sprach an der Kantoner Uferpromenade ein Mann mittleren Alters die Reisegruppe an, der anbot, Scherenschnittportr\u00e4ts zu machen. Ich lie\u00df mich entgegen meiner Gewohnheit darauf ein und in Windeseile hatte er ein Profil von mir geschnitten. Es faszinierte mich sofort als \u00e4u\u00dferst realistisch. Ob ich die eleganten fl\u00fcssigen Bewegungen der Schere tats\u00e4chlich erinnere, kann ich nicht sagen. Man hat ja so etwas in Filmen gesehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_7592\" style=\"width: 188px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Detlev-1974-c-Georg-Herrmann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-7592\" class=\"wp-image-7592\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Detlev-1974-c-Georg-Herrmann-257x360.jpg\" alt=\"1974 c Georg Herrmann\" width=\"178\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Detlev-1974-c-Georg-Herrmann-257x360.jpg 257w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/Detlev-1974-c-Georg-Herrmann.jpg 570w\" sizes=\"auto, (max-width: 178px) 100vw, 178px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-7592\" class=\"wp-caption-text\">1974 c Georg Herrmann<\/p><\/div>\n<p>Ich habe dies Profil in den folgenden Jahren bei mehreren Gelegenheiten als Abbildung verwendet. In Deutschland lie\u00df ich bei n\u00e4chster Gelegenheit wieder ein geschnittenes Profil von mir anfertigen. Es kam der typische romantische Kitsch heraus. Hoffentlich finde ich es noch rechtzeitig.<\/p>\n<p>Mir war der Mutterwitz der einfachen Chinesen, ihre unausrottbare Spottlust\u00a0 und die Direktheit im Umgang abseits der protokollarischen Ebenen bekannt. Mein Chinabild war von klassischen Romanen wie \u201eDie R\u00e4uber vom Liang Schan Moor\u201c und von krassen Reiseberichten aus der ersten Jahrhunderth\u00e4lfte gepr\u00e4gt, und nicht zuletzt von den Erz\u00e4hlungen meines Kunstlehrers Fritz Wiegmanns \u00fcber seine Zeit in Peking 1936. Auf unserer Delegationsreise 1973 hatte ich das Gef\u00fchl, routiniert gepflegte Fassaden zu betrachten. Da wirkte dieser unverstellte Blick auf eine <i>Langnase<\/i>, die offizieller Gast und <i>Freund <\/i>des Landes und der Revolution war, befreiend, ebenso wie der gelassene Realismus der Darstellung im Gegensatz zu Honig oder Gift der Propaganda.China \u2013 das andere, wenn man so will &#8211; in einer einzigen zeichnerischen Geste!\u00a0\u00dcbrigens zeigen noch heute viele bildende K\u00fcnstler in China diese Art von Widerst\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p>vi<\/p>\n<p><b><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160039Rotgardistin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1160039Rotgardistin-222x300.jpg\" alt=\"P1160039Rotgardistin\" width=\"222\" height=\"300\" \/><\/a><\/b>\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0<b>Kleine Rotgardistin<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b>R\u00fchrend in ihrer unf\u00f6rmigen, viel zu weiten Kluft, die Hose unter der Jacke wohl mit einem Strick gebunden, das Rote Buch an die Brust gedr\u00fcckt, einen Tornister auf dem R\u00fccken, die F\u00fc\u00dfe in Stiefeln zieht sie aus der Stadt ins entlegene Dorf. Oder stellt die Figur doch eine l\u00e4ndliche Barfu\u00df\u00e4rztin dar? Den breiten Strohhut der Bauern hat sie gerade abgenommen. Sie hat ein kindlich gerundetes Gesicht, tr\u00e4gt aber\u00a0 kurz geschnittene Haare, eigentlich den verheirateten Frauen vorbehalten, die auf einer Seite in einen kurzen Zopf gebunden sind. Doch war der Kurzhaarschnitt auch ein puritanisches Signal, wie es A. Schelochowzew 1968 aus Peking berichtet. Ledigen jungen Frauen wurden da manchmal ihre langen Z\u00f6pfe gewaltsam abgeschnitten.<\/p>\n<p>Ich habe die Figur in unserer lokalen Freundschaftsgesellschaft Mitte der Siebziger Jahre\u00a0 erworben, doch warum eigentlich? \u201eTypiquement typique\u201c, w\u00fcrde mein Bekannter aus Frankreich dazu sagen.\u00a0War es das Kindchenschema, das mir von chinesischen Neujahrsbildern her vertraut war, auf denen in der Volksrepublik ja auch h\u00e4ufig M\u00e4dchen den Kinderwunsch der Menschen repr\u00e4sentieren durften?<\/p>\n<p>War es die Erinnerung an einen f\u00fcnfw\u00f6chigen Aufenthalt im Land, wo ich gegen Ende gewisse Entzugserscheinungen versp\u00fcrte und weibliche Sch\u00f6nheit sogar in der maoistischen Verkleidung wahrnahm?<\/p>\n<p>Waren es \u2013 abstrakt betrachtet &#8211;\u00a0 die gro\u00dfz\u00fcgigen Rundungen und der Eindruck lebendiger Bewegtheit an der kleinen Skulptur? Bei Akzeptanz der athletischen K\u00f6rperlichkeit liegt immerhin Harmonie in der Massenverteilung. Es war sicher nicht das Werk eines Anf\u00e4ngers!\u00a0Jedenfalls \u00fcberwand es auch meine Abneigung gegen Speckstein, das Material der Dilettanten,\u00a0 dessen Glanz so schnell dahin ist, weil es nicht den geringsten Stupfer aush\u00e4lt, und meinen Widerwillen gegen angeklebte dunkle Specksteinsockel, die entfernt traditionelle Formen nachnahmen.<\/p>\n<p>Ich habe sie dann sorgsam verpackt weggelegt f\u00fcr bessere Zeiten, wo sie mit Hilfe von nostalgischen Anwandlungen und der Neugier junger Leute zu Ausstellungsehren kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>vii<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1150983ChD-HellDollars.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-665\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1150983ChD-HellDollars-300x225.jpg\" alt=\"P1150983ChD-HellDollars\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1150983ChD-HellDollars-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1150983ChD-HellDollars-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1150983ChD-HellDollars.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u00a0<b>HELL BANK DOLLARS<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><i>Marke: Joss Paper der Firma On Tai Lung, made in Shen Zhen.\u00a0<\/i><i>Amerikanisches $-Format, doppelseitig bedruckt, vorderseitig Dreifarbendruck mit traditionellem W\u00fcrdentr\u00e4gerportr\u00e4t, R\u00fcckseite schwarzwei\u00df mit Bankhaus in chinesischem Stil; zweisprachig, mit chinesischen Zeichen.<\/i><\/p>\n<p><i><\/i><i>H\u00f6llenbanknote <\/i>ist f\u00fcr mich eine unglaublich starke Metapher. Und sie entsteht mitten aus der chinesischen Tradition, die in ihren Konfuzianismus urspr\u00fcnglich buddhistische Lehren bis zu deren Unkenntlichkeit eingeschmolzen hat. Danach wird der Mensch nicht einfach wiedergeboren \u2013 was eigentlich Strafe genug ist, denn ist das Leben nicht die H\u00f6lle nach Schopenhauer &amp; Co?\u00a0 Nein, der Mensch muss vorher durch ein chinesisches H\u00f6llengericht mit allen Instanzen, B\u00fctteln und ausgiebiger Folter. Vielleicht l\u00e4sst sich dem Bedauernswerten mit Geld helfen.\u00a0Zeugt die chinesische Tradition, <i>Geld<\/i>, das sich bestimmungsgem\u00e4\u00df in Rauch aufl\u00f6sen soll,\u00a0 kosteng\u00fcnstig mechanisch zu vermehren, nicht von Realismus, von Intelligenz, meinetwegen Bauernschl\u00e4ue? So tragen die traditionell gestalteten Geistergeldnoten 48 Kupferm\u00fcnzen mit quadratischem Loch aufgedruckt. Ist das nicht \u00f6konomisch, also \u00e4u\u00dferst chinesisch?<\/p>\n<p>China ist ber\u00fchmt f\u00fcr sein eingefleischt materialistisches und pragmatisch handelndes Volk, das Ideologien schlicht unterl\u00e4uft, freilich dabei lieber auf Nummer sicher geht. Die Kommunisten redeten fr\u00fcher zwar immer von <i>falschem Bewusstsein<\/i> und schienen auf <i>Klassenbewusstsein<\/i> und <i>Idealismus <\/i>zu bauen. Mao Zedong machte sich aber nichts vor und nahm sich den radikalsten chinesischen Despoten zum Vorbild: Qin Shihuangdi, den mit der Tonarmee.<\/p>\n<p>Ich habe dieses Papiergeld 2002 in Amsterdam erworben. Die Banknoten in Geistergeldw\u00e4hrung der Firma <i>On Tai Lung<\/i><b> <\/b>werden noch immer f\u00fcr rituelle Anl\u00e4sse der Ahnenverehrung in die ganze Welt exportiert. Der Druckort \u201eShen Zhen\u201c steht f\u00fcr die erste Sonderwirtschaftszone in der VRC!\u00a0 Heute wird aus Hongkong geliefert.<\/p>\n<p>viii<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1084174Ch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2013\/11\/P1084174Ch-300x218.jpg\" alt=\"P1084174Ch\" width=\"300\" height=\"218\" \/><\/a>\u00a0\u00a0TINPO UND TERPO<\/p>\n<p>Den ber\u00fchmten <i>Tempo-Taschent\u00fcchern<\/i> sind sie nachempfunden, nat\u00fcrlich in der Luxusausf\u00fchrung mit Menthol, sowie <i>soft.4ply\/soidenweich.4Lagen<\/i>! \u00dcber die Qualit\u00e4t kann ich nichts sagen, denn ich habe sie \u2013 anders als die Originale \u2013 seit 1988 unge\u00f6ffnet aufbewahrt. Ich erkannte noch am Ort, dass <i>Produktpiraterie<\/i> in der Luft der chinesischen Kleinstadt <i>Shaoguan<\/i> (Provinz <i>Guangdong<\/i>) lag, zumal vor dem Eingang des einfachen Ladens rote Plastiktaschen hingen, die mit <i>Sholl<\/i> und dem Logo dieser gro\u00dfen Benzinmarke bedruckt waren.<\/p>\n<p>Volker Fischer hat in <i>Sit in China<\/i>, dem MAK-Katalog von 2010, <i>nachempfundene<\/i> Sitzm\u00f6bel von Le Corbusier kritisch beschrieben und kein gutes Haar an ihnen gelassen. Ihnen stellt er <i>seri\u00f6se Reeditionen in Europa<\/i> gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Bei Papiertaschent\u00fcchern w\u00e4re so etwas\u00a0 einfach l\u00e4cherlich. Deren Konsumenten waren Menschen, die sich nicht einmal so etwas wie <i>Originale<\/i>, nat\u00fcrlich in Devisen, h\u00e4tten leisten k\u00f6nnen.<i> <\/i>Wir haben damals in der Mode junger Leute, im Musikgeschmack, etwa auf dem Jangtsedampfer (die GEMA m\u00f6ge ausnahmsweise wegh\u00f6ren), in Illustrierten, Postern, Filmen und selbst bei Postkarten den unb\u00e4ndigen Wunsch gesp\u00fcrt, an einer Welt teilzuhaben, die f\u00fcr den normalen Menschen in der Volksrepublik noch unerreichbar war. Mit ein wenig <i>Shanzhai<\/i>\u00a0 &#8211; Bauernschl\u00e4ue, Chuzpe, Gerissenheit &#8211; konnte der <i>Duft der gro\u00dfen weiten Welt<\/i> \u2013 hier war es Menthol \u2013 \u00fcber die Chinesische Mauer dringen.<\/p>\n<p>Den Ideenklau im Gro\u00dfen aber haben oberschlaue Manager im Westen fahrl\u00e4ssig selber bef\u00f6rdert, schon weil sie die eigene Industriegeschichte nicht interessiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich sind <i>Tinpo<\/i> und <i>Terpo <\/i>so etwas wie <i>Plisch und Plumm<\/i> und <i>Dick und Doof<\/i>.<\/p>\n<p>F\u00fcr die <i>Popcorn Idea Factory <\/i>k\u00f6nnten sie allerdings den Anfang vom Ende des <i>Chinese Stuff <\/i>\u00a0verk\u00f6rpern. Wo werden eigentlich heute die <i>Tempo-Taschent\u00fccher <\/i>hergestellt?<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Lynn Pan, Hongkong 1995, S.11 \u00a0 \u00a0<a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> nach Wolfgang Eberhards \u201eLexikon chinesischer Symbole\u201c (1985) sind das die \u201eBlumen der vier Jahreszeiten\u201c<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Beitrag zur Sammelaktion des MAK Frankfurt: htpp\/\/de-de.facebook.com\/pages\/WAS SIND F\u00dcR SIE CHINESISCHE DINGE\/\u00a0\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0I<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[220,222],"tags":[],"class_list":["post-660","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochkultur-volkskultur","category-china-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=660"}],"version-history":[{"count":16,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7594,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/660\/revisions\/7594"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}