{"id":643,"date":"1997-01-28T22:27:11","date_gmt":"1997-01-28T21:27:11","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=643"},"modified":"2013-11-12T17:47:11","modified_gmt":"2013-11-12T16:47:11","slug":"auschwitz-gedenktag-an-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=643","title":{"rendered":"\u201eAuschwitz\u201c-Gedenktag an der Schule?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Paper &#8222;f\u00fcr die n\u00e4chste Fachkonferenz Gemeinschaftskunde&#8220; \u00a0 \u00a0Stand: 28.1.97<\/p>\n<p>Meine kontroverse Position inhaltlich vorstellen:\u00a0Ich bin gegen\u00a0eine Gedenk-Veranstaltung, weil sie Zw\u00e4ngen unterliegt, die dem Fachunterricht fremd\u00a0 sind, indem sie die Verarbeitungsformen einengen.<!--more--><\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>\u201eDie Politik\u201c reagiert mit Feiertagen, Jubil\u00e4en und\u00a0 Mahnmalen auf Vorw\u00fcrfe von au\u00dfen und vermeintliche Probleme. Die freie Gesellschaft zivilisierter Menschen braucht das nicht. Freie Menschen reagieren und verarbeiten unterschiedlich. Was dem einen Bed\u00fcrfnis sein mag,\u00a0 bringt\u00a0 der andere nicht \u00fcber sich.\u00a0Was Diplomatie und die Experten staatlicher Selbstdarstellung international f\u00fcr geboten halten, weil\u00a0 die \u201eSprache\u201c der Gedenktage und Gedenkst\u00e4tten und Rituale\u00a0 \u00fcberall in der Welt\u00a0 \u201everstanden\u201c wird, weil sie eineindeutig und gegen jedes\u00a0 \u201eMi\u00dfverst\u00e4ndnis\u201c, sollte\u00a0in die Schule\u00a0nur nach reiflicher Pr\u00fcfung \u00fcbernommen werden.<\/p>\n<p>Ich bin nicht \u00fcberhaupt dagegen,\u00a0 Doch in der Bundesrepublik und gerade noch in unserer Schule halte ich ein Zuviel f\u00fcr sch\u00e4dlich.\u00a0Schule solte nicht \u00fcberw\u00e4ltigen oder \u201eHelm ab zum Gebet\u201c befehlen.\u00a0Die Gefahren k\u00f6nnen wir in Israel sehen,\u00a0 wo allerdings bewu\u00dft\u00a0 Jugend\u00a0 \u00fcber den Holocaust in Richtung Feindbilder, Selbstgerechtigkeit und Bedrohungs\u00e4ngste\u00a0indoktriniert werden. Die aktive Beteiligung aller Sch\u00fcler an schulinternen\u00a0 Gedenkveranstaltungen ist im Lande selbst bisher ohne Erfolg kritisiert worden. Das oft fatale Deutschlandbild unserer\u00a0 jungen israelischen G\u00e4ste\u00a0 ist jedes Jahr wieder eine Herausforderung f\u00fcr unsere Gastfamilien und eine Chance f\u00fcr uns alle.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte auch in aller Vorsicht an die verblichene DDR und ihre\u00a0 moralisierende Erziehungsdoktrin erinnern, die gerade auch im politischen Bereich\u00a0 zur Verblendung und anschlie\u00dfend Ern\u00fcchterung der jungen Generation gef\u00fchrt hat. Lippenbekenntnisse und politische correctness einerseits,\u00a0 verstohlene Hakenkreuze und ein fehlgeleiteter\u00a0Oppositionsgeist\u00a0 andererseits waren zu beklagen. \u00a0Auschwitz als social event\u00a0 oder als Pflichtveranstaltung \u00a0 w\u00e4re unangemessen.<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>Auschwitz ist \u00fcberdimensional. Der israelische Philosoph Yeshua Leibowitz\u00a0 sagte in einem Film-Interview und\u00a0 sehr emotional, verzweifelt:\u00a0\u201eMan kann aus Auschwitz nichts lernen\u201c<\/p>\n<p>Ein Lernziel\u00a0 wie \u201eEs darf nie wieder geschehen\u201c\u00a0 erweist \u00a0seine Unzul\u00e4nglichkeit\u00a0 und sein Dilemma zwischen offenkundiger Banalit\u00e4t und der Tatsache seiner offensichtlichen allt\u00e4glichen Irrelevanz:\u00a0 Politik kann Kriege und Massaker nicht verhindern, wenn sie sie nicht gar ignoriert.\u00a0Ich m\u00f6chte nicht behaupten, da\u00df\u00a0 wir an Auschwitz nichts lernen k\u00f6nnten: Doch wo ist die Unterrichtseinheit \u00fcber\u00a0das systematische Zusammenwirken von fanatischen Sektierern mit den grauen M\u00e4usen in den Einwohnermelde\u00e4mtern und Gesundheits\u00e4mtern, mit der Wehrmacht, der Gro\u00dfindustrie, den Reichsbahnern (die DDR behielt den Namen, der auf den Z\u00fcgen nach Auschwitz gestanden hatte, noch f\u00fcnfzig Jahre), mit den Juristen, \u00c4rzten, Naturwissenschaftern &#8211; Dies nur auf \u201edeutscher\u201c Seite. International kommt \u00fcber die Jahre die vergebliche Information der alliierten F\u00fchrungen ans Licht und ihre offensichtlichen Entscheidungen gegen die Menschen, ihre Entscheidung, dem Morden und Sterben seinen Lauf zu lassen.<\/p>\n<p>Und gerade solche unheiligen Allianzen zwischen\u00a0 \u201eder Welt\u201c und\u00a0 bekannten Massenm\u00f6rdern sind doch bis heute Alltag, ebenso wie in zahlreichen\u00a0 menschenverachtenden Staaten der Gegenwart die geschilderte m\u00f6rderische Arbeitsteilung funktioniert,\u00a0heute im Zeitalter der Globalisierung mit noch \u00a0breiterer Beteiligung. Die Ausstatter und Dienstleister des Schrecken leben unter uns, wenn wirklich nicht in unserer Nachbarschaft, haben \u201ewir\u201c wieder einmal Gl\u00fcck gehabt und k\u00f6nnen mit dem Finger auf andere befreundete Nationen zeigen.<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Das alles sollte in einer\u00a0 Gedenkveranstaltung an der AKS Platz haben? Ich w\u00fcrde es selbst nicht darin haben wollen. Aber was bleibt dann? Der noch schlechtere Rest,\u00a0 der Spielberg\u2018sche Gute Mensch, dem ein\u00a0 j\u00fcdischer Nathan die Augen ge\u00f6ffnet hat, der von einem Saulus (oder einer Sau) zum Paulus oder &#8211; noch christlicher &#8211; zum Heiligen geworden ist, dem ebenso cleane, aber d\u00fcmmere B\u00f6sewichter gegen\u00fcberstehen&#8230;<\/p>\n<p>Welche Gef\u00fchle kann ein voll begriffenes Auschwitz ausl\u00f6sen? Wohl abgrundtiefe Verzweiflung \u00fcber die\u00a0 Million(en) der nicht Geretteten. So ist der Zusammenbruch des Filmhelden Oskar Schindler am Ende, bevor er in eine komfortable Gegenwart entschwebt, der beste Moment des Films. Und wozu soll das jetzt j\u00e4hrlich vor die Jugendlichen !? Damit sie sich in die Position des Retters fl\u00fcchten? Doch wohl eher, da\u00df\u00a0 es nicht so weit kommt. Und was gibt ihnen eine Gedenkfeier dazu in die Hand !? Nichts als den frommen Wunsch.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p><em>Anlass: Der Gedenktag war gerade bundesweit eingerichtet worden. Auch unsere Schule reagierte m.W. mit einer Veranstaltung in der Aula. <\/em><\/p>\n<p><em>Der erw\u00e4hnte Dokumentarfilm hei\u00dft &#8222;Izkor, Sklave der Erinnerung&#8220; und wurde von\u00a0Eyal Sivan\u00a01990 zum Teil an seiner ehemaligen Schule gedreht. Joshua Leibowitz war damals ein hoch angesehener, aber unbequemer Kritiker der Entwicklung seit dem Sechstagekrieg.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Paper &#8222;f\u00fcr die n\u00e4chste Fachkonferenz Gemeinschaftskunde&#8220; \u00a0 \u00a0Stand: 28.1.97 Meine kontroverse Position inhaltlich vorstellen:\u00a0Ich bin gegen\u00a0eine Gedenk-Veranstaltung, weil sie Zw\u00e4ngen unterliegt, die dem Fachunterricht fremd\u00a0 sind, indem sie die Verarbeitungsformen einengen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,5],"tags":[],"class_list":["post-643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frueher","category-lehrer_altkoenig"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=643"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":771,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/643\/revisions\/771"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}