{"id":6404,"date":"2016-12-22T15:13:09","date_gmt":"2016-12-22T14:13:09","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6404"},"modified":"2020-05-23T11:47:46","modified_gmt":"2020-05-23T09:47:46","slug":"die-indianer-kommen-duerfen-aber-nichts-anfassen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6404","title":{"rendered":"Die Indianer d\u00fcrfen kommen, aber nichts anfassen (Kogi)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Vor einem Jahr (7.12.2015) machte eine Dokumentation auf 3-SAT die Anstrengungen Berliner Ethnolog(inn)en \u00f6ffentlich, das Kulturerbe ausgew\u00e4hlter s\u00fcdamerikanischer Indios &#8222;ab 2019&#8220; in jeder Hinsicht korrekt f\u00fcr das gro\u00dfartige neue <strong>Humboldtforum<\/strong> aufzubereiten. Das Filmteam durfte die Forscher(innen) zu den heiligen Strohh\u00fctten der <strong>Kogi<\/strong> am Strand von Kolumbien begleiten und ebenso am Gegenbesuch in Berlin teilhaben. Ich fand das Ergebnis so zeittypisch, dass ich gleich diese gallige Notiz verfasste. Inzwischen fand ich auch den <a href=\"https:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=55324\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a> wieder, und er funktioniert immer noch. Bilden Sie sich selbst ein Urteil.<br \/>\n<\/em><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Am 2.2.17 war der Beitrag schon 37x angeklickt worden. Ich hatte inzwischen auch einen passenden Artikel gelesen, am 4.1. in der FAZ (Seite N3). Der befeuerte schon mit seinem Titel &#8222;Asylrecht f\u00fcr die Dinge&#8220; weitere \u00dcberlegungen. Ich stelle sie nun auch in den Blog, da meine urspr\u00fcngliche Notiz noch immer nachgefragt wird, Ich nehme an, von Studenten f\u00fcr Hausarbeiten. (<strong><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=9194\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link<\/a><\/strong>)\u00a0\u00a0\u00a0 18.7.2018<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Der\u00a0 erfahrene Kulturredakteur der ZEIT Thomas W. Schmidt hatte bereits am 6. Juni 2015 in der Nr. 21 einen sehr informativen Artikel zum Thema publiziert.<\/span> (<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2015\/21\/kolonialismus-berliner-stadtschloss-humboldtforum\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">LINK<\/a>)\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 3.3.2019\u00a0 <!--more--><\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<p><span style=\"color: #333333;\"><strong>Die Indianer d\u00fcrfen kommen, ihre Geheimnisse abliefern, aber bitte nichts ausleihen<\/strong>&#8230;<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; wie eben Indianer aus dem Dorf auf einem (oder <em>in <\/em>einem) <strong>Humboldtforum<\/strong>! Warum haben die Kustoden sie nicht fr\u00fcher zur Deutung ihrer Objekte beigezogen, bereits auf dem H\u00fcgel in Berlin-Dahlem? Es ist doch der Geist, es sind die Erz\u00e4hlungen, die z\u00e4hlen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder doch nicht? &#8211; Bei der Begegnung werden die Kustoden zu Schatzh\u00fctern und zu Diplomaten ihrer Museumsfestung. Sie sind schwer zu unterscheiden von der Presse- oder Rechtsabteilung ihrer Organisation. Da klammert sich der Vizedirektor an zwei den Kogi\u00a0 heilige Masken, materiell sch\u00e4big, aber laut <em>Luminiszenz<\/em> oder so f\u00fcnfhundert Jahre alt. Die Ethnologin wird zur &#8218;Arch\u00e4ologin&#8216;, sobald sie begeistert die Farbreste beschreibt und irgendwer kommentiert: F\u00fcr die Forscher seien es (bereits?) \u201aarch\u00e4ologische Objekte\u2019. Ausleihen k\u00f6nnte man sie, sofern zum Beispiel die physische Integrit\u00e4t der St\u00fccke in S\u00fcdamerika garantiert w\u00fcrde.\u00a0 Das k\u00f6nnen die \u201aTempel\u2019 der\u00a0 &#8218;Kogi&#8216; in ihrer Strandh\u00fcttenbauweise sicher nicht leisten.Die besorgten Kuratoren sehen in dem fraglichen Holz Pr\u00e4parate, aus denen sp\u00e4ter einmal ganz andere Erkenntnisse gewonnen werden k\u00f6nnen (klar! Arch\u00e4ologie!). Ich schlie\u00dfe &#8218;mal kurz:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Und daf\u00fcr haben die Indios, diese&#8230;.. &#8218;Kogi&#8216;, doch gar keinen Sinn. Heute wollen sie damit irgendwelche Rituale begehen, die einem erst der Dolmetscher erkl\u00e4ren muss und deren tiefere Bedeutung einem trotzdem nichts sagt, nur das \u00dcbliche: das Gleichgewicht der Natur bewahren blablabla &#8230; Protokollieren wir halt &#8218;mal!\u00a0 Aber morgen sind die bereits in den Favelas Kolumbiens verschwunden. Man muss und kann als deutsche Institution diese kritische Phase \u00fcberstehen. Kooperation ist daf\u00fcr immer gut.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was beabsichtigen die Museumsleute eigentlich, wenn sie in ihrem Humboldt-Bunker politisch-korrekt nach drei Klassen inszenieren? \u2013 Erlaubtes, ein wenig Erlaubtes und auf keinen Fall zu Zeigendes?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollen wir \u2013 &#8218;das Publikum&#8216; &#8211; etwa erschauern? Sollen wir uns peinlich ber\u00fchrt f\u00fchlen (&#8218;fremdsch\u00e4men&#8216;) und lieber doch wegschauen? D\u00fcrfen wir uns mokieren \u00fcber die Einfallslosigkeit der &#8230;.. (wie hie\u00dfen sie nochmal?) &#8218;Kogi&#8216;? Schlie\u00dflich beglotzen wir auch andere erkl\u00e4rte Geheimnisse und k\u00f6nnen vergleichen. Haben die Museumsregisseure und\u00a0 Ausstellungsdesigner nicht\u00a0 begriffen, dass sie \u00dcberbleibsel tradititioneller Kulturen vor dem materiellen Untergang bewahrt haben, dass aber in den Magazinen und Vitrinen alles Leben aus ihnen gewichen ist? Und mit den Kulturen vor Ort ohnehin alles verloren ist? Mumien sind keine Maggiw\u00fcrfel. Daraus wird nie eine nahrhafte Suppe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf meine Dreistigkeit hat man auf dem Humboldtforum nur gewartet: Sein Sprecher st\u00fcrzt durch den Flachbildschirm auf mich zu, an der Hand ein halbes Dutzend <em>Indigene<\/em> (Sie wissen, hie\u00df altdeutsch und w\u00f6rtlich: <em>Eingeborene<\/em>): Ich h\u00e4tte doch die Rituale selbst gesehen, am Bildschirm. Wie ernst diese den Indigenen seien, beweise die Weigerung der Indigenen, f\u00fcr die Vorf\u00fchrung eine der Masken aufzusetzen, wie sie im Depot herumliegen. Sie k\u00e4mpften darum, von der Welt gesehen zu werden, zu beweisen, dass sie nicht ausgestorben seien &#8230;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bleibe gelassen. Wer will das heute nicht beweisen? Die Franzosen mit Marie Le Pen, die Polen, wir Pegida-Deutschen, die Spielh\u00f6llen betreibenden Indianer Oregons, die Kalifats-Muslime, alle m\u00f6glichen Trachtenvereine &#8230; Das ist keine Mode, das ist unsere Zukunft! Aber an Tradition glaubt keiner mehr: Der eine findet sie unappetitlich wie \u201adas Patriarchat\u2019, der andere l\u00e4stig, aber alle finden sie langweilig. Sind die ins Kraut sprie\u00dfenden Kulturwissenschaftler ein Gegenbeweis? Keineswegs, aber sie k\u00f6nnen froh sein, denn es gibt h\u00e4rtere Jobs: T\u00fcrsteher, Wachpersonal, Verk\u00e4ufer, Sachbearbeiter oder Entertainer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus politisch korrekt wird korrekt. Unser ererbter Rationalismus erlaubt uns keine nachweislich falsche Zuordnung. Die Relevanz kann gegen Null gehen, aber das tut nichts zu Sache. Also wird im Hochsicherheitsmuseum der n\u00e4chsten Zukunft fieberhaft an der Feineinstellung ethnologischer \u201aModule\u2019 gearbeitet, damit m\u00f6glichen b\u00f6swilligen Geistern &#8211; sie halten sich f\u00fcr &#8218;kritisch&#8216; &#8211; ein f\u00fcr alle Mal die Basis entzogen wird.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\">EIN BEISPIEL F\u00dcR SO RELEVANTE ERKENNTNISSE WIE : <em>ES W\u00dcRDE BEDEUTEN, DASS &#8230;.<\/em><\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/SPIEGEL-URAHN.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-6461\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/SPIEGEL-URAHN.jpg\" alt=\"spiegel-urahn\" width=\"767\" height=\"508\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/SPIEGEL-URAHN.jpg 767w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/SPIEGEL-URAHN-360x238.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/SPIEGEL-URAHN-624x413.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 100vw, 767px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">ERINNERUNG: NEUES MUSEUM BERLIN &#8211; SCHNELLDURCHGANG AM 2.3.2015<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von oben begonnen, nach dem spr\u00f6den Treppenhaus, mit den ausstellungshistorischen Ankl\u00e4ngen und mit menschheitsgeschichtlichem Tenor: Die Menschentypen wandern, breiten sich aus, wie die Kulturtechniken und Kulturg\u00fcter, die Eismassen fluten vor und zur\u00fcck, die globale Uhr rast und unten w\u00e4chst die Zahl der Menschen schlie\u00dflich sprunghaft an auf dem digitalen Z\u00e4hler. Und die Objekte sind auf robuste Art \u00e4sthetisch, eben: gediegen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">FAZ, 4. Januar 2017,\u00a0\u00a0 <strong>&#8222;Asylrecht f\u00fcr die Dinge&#8220;<\/strong><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong> &#8222;Berlin: Ans\u00e4tze einer Museumsphilosophie vor dem Hintergrund des Humboldtforums&#8220; von Stefan Laube\u00a0 (<\/strong>Nr.3 Seite N 3 Geisteswissenschaften)<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Drittletzter Absatz:) &#8222;Tenor der Tagung blieb ein abendl\u00e4ndisches Verst\u00e4ndnis von Museum. Der Blick in andere Kulturen, die nicht in diesem Ma\u00dfe vom technologischen Fortschrittsparadigma gepr\u00e4gt sind, fehlte. <strong><em>Gewisse mit Wirkmacht aufgeladene Dinge, wie die Masken der Kogi-Indianer aus Kolumbien, empfinden ihr Dasein in den Best\u00e4nden der Staatlichen Museen Berlin keineswegs als befreiend, sondern als Kerker, so die \u00dcberzeugung von heute lebenden Angeh\u00f6rigen dieser Ethnie.<\/em><\/strong> Die R\u00fcckgabe der Masken verweigert die Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz auf Grundlage eines allenfalls formal korrekten Kaufvertrags. Gl\u00fccklich die Besitzenden, die &#8217;shared heritage&#8216; nennen k\u00f6nnen, was sie behalten.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Asylrecht f\u00fcr die Dinge&#8220; &#8211; so einleuchtend das f\u00fcr unsere europ\u00e4ischen Ohren heute klingen mag, erscheint durch den Widerspruch der Kogi\u00a0 mit einem Mal als Euphemismus, als Verschleierung eines Interessenstandpunkts. Es geht darum, unsere spezifische &#8222;Gestaltungspraxis des Sammelns&#8220;, deren Zugriff mit dem europ\u00e4ischen Imperialismus vor \u00fcberhundert Jahren auf den Globus erweitert wurde, guten Gewissens beibehalten zu d\u00fcrfen. &#8211;\u00a0 Das Thema \u00fcbersteigt die M\u00f6glichkeiten eines Nachtrags. Sobald der neue Beitrag fertig ist, erscheint hier auch der Link dazu.<br \/>\nMomentan kann ich nur den Originalartikel \u00fcber einen kostenpflichtigen (4.38 \u20ac) <a href=\"http:\/\/www.genios.de\/presse-archiv\/artikel\/FAZ\/20170104\/asylrecht-fuer-die-dinge-berlin-ans\/FNUWD1201701045032254.html\">Link<\/a> anbieten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einem Jahr (7.12.2015) machte eine Dokumentation auf 3-SAT die Anstrengungen Berliner Ethnolog(inn)en \u00f6ffentlich, das Kulturerbe ausgew\u00e4hlter s\u00fcdamerikanischer Indios &#8222;ab 2019&#8220; in jeder Hinsicht korrekt f\u00fcr das gro\u00dfartige neue Humboldtforum aufzubereiten. Das Filmteam durfte die Forscher(innen) zu den heiligen Strohh\u00fctten der Kogi am Strand von Kolumbien begleiten und ebenso am Gegenbesuch in Berlin teilhaben. 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