{"id":6318,"date":"2016-12-15T01:53:20","date_gmt":"2016-12-15T00:53:20","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6318"},"modified":"2016-12-24T16:58:25","modified_gmt":"2016-12-24T15:58:25","slug":"roman-karfreitag-18-4-03","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6318","title":{"rendered":"ROMAN  Karfreitag, 18.4.03"},"content":{"rendered":"<p>Franz hatte noch nie einen Roman gelesen. Jedenfalls wollte er sich an keinen erinnern. &#8230;<\/p>\n<p>So oder \u00e4hnlich sollte das Buch anfangen, das lauter leichtfertige Ausfl\u00fcge in die <em>Theorie <\/em>aufn\u00e4hme, denen anderswo eine solche Aufnahme verweigert w\u00fcrde. Vermutete er jedenfalls. Man wei\u00df ja nie.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei dachte er an Marx, Robert Musil und andere ungl\u00fcckliche Schriftsteller. <em>Schriftsteller &#8211; <\/em> war diese Kennzeichnung seiner W\u00fcnsche \u00fcberhaupt klug, die ihn zugleich der L\u00e4cherlichkeit preisg\u00e4be und mit Legionen ambitionierter Eintagsfliegen in eine Reihe stellte? Wohl nicht.<\/p>\n<p>Heute wollte er mit seinem Plastikschwert \u00fcber eine verschmockte Supervisorin mit linksanalytischem Gehabe herfallen, \u00fcbrigens \u00fcber einen seiner wenigen sozialen Kontakte au\u00dferhalb der Berufst\u00e4tigkeit. Denn ohne eine solche kam unser Held vorl\u00e4ufig noch nicht aus.<\/p>\n<p>Er hatte ihr ein Buch empfehlen wollen, ihr der eindeutig fortschrittlicheren Frau fortgeschritteneren Alters, und dies von einem sattsam bekannten Standpunkt eines antianalytischen Quertreibertums aus: Er versprach ihr also mit Gabriel Kolko <u>den<\/u> \u00dcberblick auf \u201eDas Jahrhundert der Kriege\u201c, frei von Parteilichkeit gegen\u00fcber oder verstrickender N\u00e4he zu den handelnden Personen und Mannschaften. Alles zu dem erkl\u00e4rten Zweck, die vielf\u00e4ltigen eigenen Ged\u00e4chtnisinhalte und Emotionen anhand diverser Kapitel in eine sachliche Ordnung zu bringen und dabei neu zu sichten.<\/p>\n<p>Sie interessiere allein ein bestimmter Zugang zu der ganzen Geschichte, beschied sie ihn.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter fiel ihm auf, wie missverst\u00e4ndlich und auch wieder verf\u00e4nglich sein Angebot gewesen war. Und doch: Er hatte ihr ja nicht eine Weltanschauung, sondern Daten im Sinne von Gr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnissen vermakeln wollen. Aber war nicht gerade das der Anfang jeder Aufrechnung: Opfer gegen Opfer, Kalorie gegen Kalorie, BIP gegen BIP?<\/p>\n<p>An dieser Stelle ging es ihm freilich allein um eine einzige Einsicht, f\u00fcr die eine Seite weitschweifigen Textes im Nachhinein unangemessen erscheint: \u00dcber der Verdr\u00e4ngung, m\u00f6glichst kollektiven Verdr\u00e4ngung sollte die Zensur als gesellschaftliches Machtmittel nicht \u00fcbersehen werden. Es lassen sich auch (politisch) Verantwortliche ausmachen und Profiteure der vermeintlichen Traumatisierung. Berechtigt oder nicht, er mochte liebend gern &#8211; zudem aus ihrem Lager &#8211; Mario Erdheims Begriff der gewollten Herstellung kollektiver Unbewu\u00dftheit ins Feld f\u00fchren oder ihr auch eintrichtern, schon damit ihr der \u00fcberfeinerte Appetit auf naturnahe Delikatessen verginge, den sie mit jener unseligen Marie-Antoinette von Frankreich teilte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Der Roman ist leider Gottes Fragment geblieben)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Franz hatte noch nie einen Roman gelesen. Jedenfalls wollte er sich an keinen erinnern. &#8230; So oder \u00e4hnlich sollte das Buch anfangen, das lauter leichtfertige Ausfl\u00fcge in die Theorie aufn\u00e4hme, denen anderswo eine solche Aufnahme verweigert w\u00fcrde. Vermutete er jedenfalls. 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