{"id":629,"date":"2012-11-14T21:21:50","date_gmt":"2012-11-14T20:21:50","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=629"},"modified":"2017-01-07T15:10:06","modified_gmt":"2017-01-07T14:10:06","slug":"ueber-flussers-ethik-reden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=629","title":{"rendered":"\u00dcber Flussers Ethik reden?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><i>D.H. \u00a0 (<\/i><i style=\"font-style: italic;\">Mail vom 24.10.2012)<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u201e&#8230;. Mich w\u00fcrde jedoch interessieren, wo und wie die Ethik bei Flusser wirklich aufscheint. Was ist Flussers Ethik? H\u00e4tten Sie Lust mit mir dar\u00fcber ein paar Ideen auszutauschen? Meine Antworten werden zwar manchmal etwas dauern, aber es w\u00fcrde mich trotzdem freuen.\u201c \u00a0<!--more--><\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">dvg. \u00a0\u00a0<em>(Mail vom 14.11.2012)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(&#8230;) Sehr gern, aber ich vermute, es wird schwierig und vielleicht unergiebig wie im Bereich Kunst. Ich hatte schon in den Unterrichtszusammenh\u00e4ngen immer ein Auge darauf und bin zu dem Schluss gekommen: er hat keine Ethik formuliert, die den Namen verdient.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der einzige mir bekannte einschl\u00e4gige Titel ist \u201eEthik des Design\u201c. Der direkten Frage verweigert er sich da ironisch, reicht sie in Form eines banalen, l\u00e4ngst bekannten Dilemmas zur\u00fcck. Hartn\u00e4ckigkeit, Ernsthaftigkeit und Melancholie eines Hans Jonas (\u201eDas Prinzip Verantwortung\u201c)sind nicht sein Fall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun interessieren mich aufgrund Ihres Impulses die in seinen Texten erkennbaren moralischen Grunds\u00e4tze. Dabei sollte man vermeiden, an theoretischen Sandburgen zu bauen, die der Meister mit einem Federstrich, den er bisher unerkannt irgendwo gezogen hat, einrei\u00dft. Sie haben ihn mir selbst in Ihrem Brief als clowneskes Monster geschildert: \u201e<i>Flusser ist oft ein krasser Ideologe, der mit seinen tempor\u00e4ren Ideologien gegen die wahren, verbohrten Ideologen vorgeht. <\/i>\u00a0(Sind Sie dessen ganz sicher? Und was sind <i>tempor\u00e4re Ideologien <\/i>heute? Holzschwerter?) <i>Flusser denkt in Bildern, die uns immer wieder beleidigen, um unsere eigenen vorgefertigten und gefestigten Bilder zu zerst\u00f6ren und er ist daher, wie jeder grosse K\u00fcnstler, ein bilderproduzierender Ikonoklast.\u201c <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich beginne spontan mit Bollmanns Sammelb\u00e4ndchen von der \u201eFreiheit des Migranten\u201c, das schon meinem Aufsatz zugrunde liegt. Die Glossen sowie das Interview mit Patrick Tschudin sind kantig formuliert und wurden von ihm selbst in seinen letzten Lebensjahren publiziert. Sie stehen in interessanter Koexistenz mit den kommunikologischen Essays, worin er die Post-Geschichte der Menschheit in Form der ber\u00fchmten Szenarien fortschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hat so gut wie alle gro\u00dfen Begriffe ins Feld gef\u00fchrt, die unsere abendl\u00e4ndische humanistische Tradition so bereit h\u00e4lt, insbesondere Freiheit, Engagement, Rationalit\u00e4t, Kultur als solche, Dialog.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht k\u00f6nnen wir uns an denen als Bojen orientieren. Beginnen wir mit <span style=\"color: #888888;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Engagement<\/span><\/span><b><span style=\"color: #888888;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">.<\/span><\/span><\/b> Der Begriff\u00a0 erscheint in \u201eVon der Freiheit des Migranten\u201c zentral, aber seine F\u00e4rbung changierend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schauen wir uns zuerst die weitere Umgebung der flusserschen philosophischen Begriffe an, um seine Engagements zu \u00fcberblicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flussers Urteil \u00fcber die Situation der Welt ist bemerkenswert stabil, er hat es mit einer gewissen Regelm\u00e4\u00dfigkeit bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholt und variiert. Ich fasse\u00a0 zusammen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Wir sind mitten in einer Revolution wie sie noch keine gab. Es geht ums Ganze. \u201eDer Feind hat zu siegen nicht aufgeh\u00f6rt\u201c (W.Benjamin). Sie bricht wie ein Atom-U-Boot durch das Polareis. Es herrscht Krieg, eine gigantische Verw\u00fcstung findet statt, Desertifikation. Epochenbruch. Verdacht auf \u201eBarbarei\u201c. <\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Blumenberg, ein ebenso gewitzter Kopf wie VF, aber zweifellos gebildeter und souver\u00e4ner, w\u00fcrde l\u00e4cheln \u00fcber den sp\u00e4ten S\u00e4nger eines \u201eletzten Gefechts\u201c auf dem Felde der Informations- und Kommunikationstechniken. Er w\u00fcrde christlich-j\u00fcdische Traditionsbest\u00e4nde identifizieren und in Flussers Endzeitstimmung einen f\u00fcr das 19.Jh. und 20.Jh. typischen \u201eSinnbedarf\u201c diagnostizieren. Dazu geh\u00f6rt ein Feindbild in zentraler Position.\u00a0 Blumenberg w\u00fcrde andererseits auf den Pluralismus unter den lebenstauglichen Ethiken hinweisen und auf glanzlose Verhaltensregeln, die sich den Verh\u00e4ltnissen pragmatisch und unspektakul\u00e4r anpassen lassen, wie die Juristen auf neuen Rechtsgebieten es uns vormachen, und was die Natur- und Informationswissenschaften ohnehin tun. Hier steht Paul Feyerabend an meiner Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: <i>Revolution! Umw\u00e4lzungen! Ausnahmezustand! <\/i>\u00a0Sozusagen ein Vorspiel gibt Flussers kurze Betrachtung \u00fcber die Franz\u00f6sische Revolution ab. An entlegener Stelle, im Kapitel \u201eRegen\u201c des aus dem Nachlass publizierten Essaybandes \u201eVogelfl\u00fcge\u201c, urteilt er: \u201e<i>Diejenigen, die sich f\u00fcr die Revolution engagiert haben und gestorben sind, sind aus Naivit\u00e4t gestorben.<\/i>\u201c (S.33)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sagt es aufgrund seiner scharfen Unterscheidung zwischen dem \u201e<i>historischen Ph\u00e4nomen laut der Erkl\u00e4rung der einen<\/i>\u201c<i> <\/i>\u2013 dort findet sich <i>Sinn<\/i> in der Geschichte &#8211; und dem \u201e<i>nat\u00fcrlichen Ph\u00e4nomen laut der anderen<\/i>\u201c. In Revolutionen,<i> <\/i>so verstehe ich hier VF, muss man zun\u00e4chst das eigene Leben sichern oder gar das nackte Leben retten. Naivit\u00e4t ist f\u00fcr ihn negativ, also ist es auch ein <i>naiv<\/i> eingegangenes oder beibehaltenes Engagement.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flusser sieht das Individuum vor unvereinbare Ziele gestellt: Engagement oder Selbsterhaltung. Daf\u00fcr sprechen historische Erfahrungen: F\u00fcr Revolutionen typisch sind Rechtlosigkeit und R\u00fccksichtslosigkeit. &#8211; Wir 68er haben in der westlichen Welt ja nur ein Puppenspiel aus dem Repertoire des Stalinismus und des damals zeitgen\u00f6ssischen kannibalischen Maoismus aufgef\u00fchrt, wir wussten nichts. Wir kannten nur Erz\u00e4hlungen davon. \u2013 Revolutionen wie Totalitarismen sind klassische Vertreiber, wenn sie nicht einsperren oder liquidieren. Die Frage des Engagements kann zur \u00dcberlebensfrage werden. Doch geht es wirklich nur um das \u00dcberleben? VF macht es sich viel zu einfach. Zu leicht verschwindet das Engagement, ein Schl\u00fcsselbegriff in \u201eVon der Freiheit&#8230;\u201c aus dem Blickfeld?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus seinen in \u201eBodenlos\u201c geschilderten Erfahrungen l\u00e4sst sich Flussers leidenschaftliche Parteinahme f\u00fcr den Migranten ableiten, nicht nur f\u00fcr sein Existenzrecht. Er gesteht dem Migranten das moralische Recht zu, alles um sich herum zu \u201eentwurzeln\u201c. Auf einer Argumentationsebene billigt er\u00a0 auch \u201eUreinwohnern\u201c, ja sogar \u201eden Vertreibern\u201c in ihrer Beschr\u00e4nktheit \u2013 beide sind in seiner Beschreibung nicht unterscheidbar \u2013 einen Opferstatus zu. Man k\u00f6nnte also an Schopenhauers Diktum von den <i>gequ\u00e4lten Qu\u00e4lern <\/i>denken, doch nicht wirklich: Dem \u201eUreinwohner\u201c der bestehenden Institutionen begegnet er durchg\u00e4ngig abwertend und sarkastisch. Gegen ihn macht er\u00a0 Stimmung. VF hat Heimat- und Familienbindung mit den intellektuellen Mitteln des 19.Jh. entwertet, als unzeitgem\u00e4\u00df, als Reaktionsbildung, reaktion\u00e4r, als sentimental. Das war in meiner Generation noch eine t\u00f6dliche Waffe. Manchem meiner sp\u00e4teren Sch\u00fcler ging das bereits zu weit.\u00a0<b>&#8211;\u00a0<\/b><b>I<\/b>ch breche hier ab, dahinter ist die Baustelle noch zu unaufger\u00e4umt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>D<\/b>er Rest des Gedankengangs, nur ein wenig aufger\u00e4umt, 30.12.12<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Ausnahmezust\u00e4nde treffen f\u00fcr Flusser zusammen: der<span style=\"text-decoration: underline;\"> individuelle<\/span> des Vertriebenen, der zum Revolution\u00e4r wird und der einer <span style=\"text-decoration: underline;\">globalen<\/span> Entwurzelung der Menschheit<i> nach Auschwitz<\/i>, in deren Rahmen\u00a0 sich der manifest Vertriebene vom <i>Abschaum<\/i> zur <i>Avantgarde<\/i> entwickelt. Sein Schicksal ist das Menetekel an der Wand f\u00fcr alle. Flusser legt es aus, will die Menschheit warnen, verzweifelt wie Benjamins <i>Engel der Geschichte<\/i>. Das w\u00e4re die pathetische Variante seiner Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich vermag nicht eindeutig zu entscheiden, ob Flusser sich nicht doch mit der revolution\u00e4ren Sache \u2013 <i>der digitalen Revolution<\/i> &#8211; gemein macht, das hei\u00dft, sie unterst\u00fctzt. In diesem Fall sind wir bei den bekannten funktionalen Kriterien der Ethik: Was n\u00fctzt dem Projekt, was ist zielf\u00fchrend, verspricht Erfolg?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er redet den Opfern der Revolution ein, sie sollten ihre bereits durchl\u00f6cherten H\u00e4user ganz niederrei\u00dfen. Die Zumutung, als blo\u00dfer Knoten im digitalen Netz zu leben, sei alternativlos, ohne menschcnw\u00fcrdige Alternative. Flusser ist bekanntlich ein Begriffs-Vernichter. Seine <i>echte Treue<\/i> hat etwas von \u201akreativer\u2019 Zerst\u00f6rung oder treulosem Verlassen. <i>Engagemen<\/i>t und\u00a0 <i>N\u00e4chstenliebe<\/i> werden schl\u00fcpfrig, in der Theorie um der <i>Freiheit<\/i> willen. VF kann heute als Ahnenfigur des \u201eTranshumanismus\u201c figurieren, wie mir ein wenig googeln zeigt. Ein Teil der Flusser <i>community<\/i> tut alles daf\u00fcr, dass er so wahrgenommen wird. Sein Menschenbild ist der bindungslos nomadisierende Egozentriker, was seine lebenslange existenzielle Unruhe spiegeln mag, aber Ethik?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Flusser bietet auch das Bild eines Untergrundk\u00e4mpfers, Partisanen, der Laus im Pelz des <i>Apparats<\/i>. Muss man ihn als Doppelagenten ansehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand kann ihm wirklich trauen? Wozu auch, aber so unsichere Kantonisten sind auch bei Revolution\u00e4ren oder ihren Funktion\u00e4ren nicht beliebt, man entledigt sich ihrer bei der n\u00e4chsten Gelegenheit. Zwischen den St\u00fchlen! Aber wozu sonst sollte sich den Vil\u00e9m Flusser irgendwann setzen, als um wieder \u201eentsetzt zu werden\u201c!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Moralische Grunds\u00e4tze finden sich bei ihm wie bei jedem Menschen. Er l\u00e4sst seine obersten Prinzipien allenthalben durchblicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u201e<i>m\u00f6rderische Dialog<\/i>\u201c zwischen dem Vertriebenen und den Bewohnern des Asyllandes kann immerhin auch als Element deskriptiver Ethik gelten: Wenn, dann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch eine solche Ethik des Ausnahmezustands?\u00a0 Die hat er wohl lieber nicht geschrieben. F\u00fcr eine\u00a0 Ethik als wissenschaftliche Beschreibung und Analyse, nicht von Emotionen und Interessen\u00a0gesteuert, fehlte ihm die Geduld, die innere Ruhe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D.H. \u00a0 (Mail vom 24.10.2012) \u201e&#8230;. Mich w\u00fcrde jedoch interessieren, wo und wie die Ethik bei Flusser wirklich aufscheint. Was ist Flussers Ethik? H\u00e4tten Sie Lust mit mir dar\u00fcber ein paar Ideen auszutauschen? 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