{"id":6161,"date":"2016-11-22T18:56:35","date_gmt":"2016-11-22T17:56:35","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6161"},"modified":"2021-10-20T16:22:20","modified_gmt":"2021-10-20T14:22:20","slug":"kriemhild-vom-lomami-eine-nkishi-der-songye","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=6161","title":{"rendered":"&#8218;Kriemhild&#8216; vom Lomami &#8211; Eine Nkishi der Songye"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_6163\" style=\"width: 278px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kriemhild-IMG_7007.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6163\" class=\"size-medium wp-image-6163\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kriemhild-IMG_7007-268x360.jpg\" alt=\"Im prallen Leben am 15.11.2016\" width=\"268\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kriemhild-IMG_7007-268x360.jpg 268w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kriemhild-IMG_7007-669x900.jpg 669w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kriemhild-IMG_7007-624x840.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Kriemhild-IMG_7007.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 268px) 100vw, 268px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-6163\" class=\"wp-caption-text\">Im prallen Leben am 15.11.2016<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der exotischen Figur scherzhaft einen Namen geben? Geht das? Ich verweise auf das Vorbild eines Sammlers nepalesischer W\u00e4chterfiguren und &#8211; der theoretischen Absicherung wegen &#8211; auf James Clifford, dessen Ermutigung im Aufsatz &#8222;\u00dcber das Sammeln von Kunst und Kultur&#8220; (dt. in &#8222;Neger im Louvre &#8211; Texte zur Kunstethnographie &#8230;&#8220;, Hrsg. M.Prussat und w.Till, Fundus-B\u00fccher 149) ich noch immer nicht vorgestellt habe. Es geht dort um &#8222;Aneignungen pers\u00f6nlicher Art&#8220;, damit solche Objekte &#8222;wieder zu <em>objets sauvages<\/em> werden, Quellen der Faszination mit der Kraft zu beunruhigen&#8220;.(S.305)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><b>Die gepanzerte &#8218;Kriemhild&#8216; <\/b>(die ich gegen den zahmen Kusu-Ahnen tauschte)<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Fotos und aus der N\u00e4he \u00fcberzeugt sie, die Fernwirkung war zun\u00e4chst durch ihre Detailreichtum auf kleinen Fl\u00e4chen beeintr\u00e4chtigt, und sicher auch den auf wenige Stellen verteilten Glanz, haupts\u00e4chlich am Kopf. Die Figur scheint getr\u00e4nkt von dichtem rotbraunem Staub. Sie riecht ganz leicht nach konservierendem\u00a0 &#8218;Weihrauch&#8216;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie steht auf einem recht hohen Sockel, einer Baumscheibe von geringem Durchmesser. Das bedeutet eine enge Begrenzung der Figur. Sie bietet einen gedrungenen plastisch gegliederten K\u00f6rper in gem\u00e4\u00dfigtem Blockstil. Sie ist mit 1620g bei nur 42 cm H\u00f6he schwer,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich finde <b>cat.191<\/b> &#8211; Sentery und Osten IX &#8211; 61 cm &#8211; m\u00e4nnlich (Neyt: Songye, 2004)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songye-pl.163_IMG_7154.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6174\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songye-pl.163_IMG_7154-246x360.jpg\" alt=\"neyt-songye-pl-163_img_7154\" width=\"246\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songye-pl.163_IMG_7154-246x360.jpg 246w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songye-pl.163_IMG_7154.jpg 278w\" sizes=\"auto, (max-width: 246px) 100vw, 246px\" \/><\/a>Die Verwandtschaft beginnt mit den Sockeln. Die Arme beider sind angelegt, die breiten Oberarme der m\u00e4nnlichen Figur lassen keinen Platz f\u00fcr einen magischen Brustring, nur ein Lederhalsband mit Metallschelle und ein hohles, nun leeres Nabelloch. Die Figur hat m\u00e4chtige kurze Beine, kr\u00e4ftige Arme und verj\u00fcngt sich nach oben. Der Kopf auf dem geringelten Hals erscheint kleiner, wirkt aber durch seine Haltung und die perspektivisch fallenden Augenschlitze stolz. Er l\u00e4chelt anders. Der eckig gestutzte Bart ist l\u00e4nger als das noch ausladende und sch\u00e4rfer geschnittene breite Kinn der weiblichen Figur. &#8211; An ein androgynes Detail glaube ich nicht, es w\u00e4re auch das einzige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm ist der Schurz verlorengegangen, ein beschnittenes Glied wird sichtbar. Meine &#8218;Kriemhild&#8216; hat unter ihrem knielangen Schurz eine ausgebildete Spalte. Die F\u00fc\u00dfe sind beim Mann rudiment\u00e4r auf der Oberfl\u00e4che des kr\u00e4ftigen Sockels angedeutet, bei der Frau plastisch herausgearbeitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie tr\u00e4gt ein grinsendes K\u00fcrbislaternengesicht oder Kasperlgesicht. Mit ihrer geflochtenen Haube, mit den \u00fcber die Stirn, Nase und Brust verteilten knappen Dutzend Rei\u00dfzwecken, mit Schurz und \u00fcberdimensioniertem Ring wirkt sie ger\u00fcstet und geg\u00fcrtet. Hinten h\u00e4ngt ihr etwas Affenpelz \u00fcber den R\u00fccken. Apropos Schmuck. Ich habe das M\u00e4dchen nicht von vorneherein als solches erkannt. Nun deutet sich manches Detail auf zweierlei Weise, als Kraftladung ebenso wie als Schmuck: Das beginnt mit dem geflochteten Ring um und \u00fcber dem unsichtbaren Pfropfen auf dem Scheitel, geht \u00fcber den breiten l\u00e4chelnden Mund, \u00fcber die Rei\u00dfzwecken auf Br\u00fcsten und Gesicht bis zu weiteren Details der Ausstattung. Selbst die F\u00fc\u00dfe sind f\u00fcr dieses Genre plastisch herausgehauen. Langweilig ist daran gar nichts. Eine richtige kleine wehrhafte Frau: &#8218;Kriemhild&#8216;. Kann man sie ernst nehmen? Nun ja, sie sieht aus, wie sie soll. Stilistisch auch?<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Auf S.328 schreibt Neyt \u00fcber den Stil IX im Nordosten:<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Pfostenstil (style poteau)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; l\u00e4ngliches Gesicht und langer manchmal geringelter Hals<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Sockel dominiert die F\u00fc\u00dfe<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Auch zwei weitere Vergleichsst\u00fccke geh\u00f6ren in die Stilregion IX:<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>cat. 163<\/b> 125cm (das metallbeschlagene Er\u00f6ffnungsexemplar der Region IX)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songyecat.163-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6171\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songyecat.163-1-125x360.jpg\" alt=\"neyt-songyecat-163\" width=\"125\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songyecat.163-1-125x360.jpg 125w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/Neyt-Songyecat.163-1.jpg 278w\" sizes=\"auto, (max-width: 125px) 100vw, 125px\" \/><\/a>&#8211; die gegen die Stirn abgesetzte runde Kappe, hier geschnitzt, Bei &#8218;Kriemhild&#8216; in Rattan aufgesetzt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; flacheNase (Dreieck) , eckiger Bart, hier weniger ausgepr\u00e4gt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Augen ebenso zugekniffen, hier Kauris<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; viel mehr Ringe am Hals (aber das ist doch &#8218;androgyn&#8216;! Na und!)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; der Nabel steht aus einem glatten Pfahltorso hervor, H\u00fcfte und Geschlecht sind extrem pfahlm\u00e4\u00dfig pauschalisiert, bei meiner sind sie, wie die F\u00fc\u00dfe auch, &#8217;normalisiert&#8216; und verschwinden unter dem Schurz , was ohnehin &#8217;normal&#8216; bei den Nkishi sein soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Stand hatte ich auch zwei Vertreter des &#8218;reinen&#8216;, also vielleicht altert\u00fcmelnden (?)\u00a0 &#8218;Stils&#8216; zur Auswahl , sie waren mir zu langweilig: nur Tr\u00e4ger von Merkmalen.<span style=\"color: #000000;\"> &#8218;Kriemhild&#8216; ist jedenfalls vitaler. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Sie scheint eine <\/span>Mischung mit dem IX <i>Kalebwe Central Ya Ngongo-Stil<\/i> <u>westlich<\/u> des Lomami zu sein &#8211; Das war Dunja Hersaks Forschungsgebiet!<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><strong>Der Versuch ihrer systematisierenden Beschreibung:<\/strong><\/h4>\n<p>Drei unterschiedliche Stilebenen wechseln sich vertikal \u00fcbereinander ab im Verh\u00e4ltnis 17 zu 8,5 zu 10 und 7,5 (Sockel)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">oben ein kugelgeometrischer Kopf auf einem langen, wenn auch kr\u00e4ftigen Hals mit drei anmutigen W\u00fclsten, nur drei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">darunter ein extrem blockartig gehauener Oberk\u00f6rper; der oben in einem rundum laufenden Absatz auf Schulterh\u00f6he abschlie\u00dft. In die nach rechts und links vorspringenden Arme sind zwei runde L\u00f6cher gebohrt, um die Befestigung des Brustg\u00fcrtels aufzunehmen. F\u00fcr Abst\u00e4nde w\u00e4re genug Platz gewesen. Die Blockarchitektur ist blo\u00df durch ein Halbrund (R\u00fccken) und ein paar Schr\u00e4gen (H\u00e4nde, Br\u00fcste) gemildert. Die Br\u00fcste bilden Kegel, der Nabel ist eine runde Scheibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darunter der &#8218;realistisch&#8216; vereinfachende, aber &#8218;organisch&#8216; anmutende Unterleib mit kurzen Beinen, kr\u00e4ftigen Waden und gro\u00dfen F\u00fc\u00dfen, die aber nirgends \u00fcber den Sockel ausgreifen, der fast so hoch ist wie der Abstand zum Nabel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die verschiedenen Stile werden \u00fcberblendet: am Hals durch ein gedrehtes Tuch, das den Nackenschmuck aus Fell in Position h\u00e4lt, unten durch den breiten Ring (2,5 Durchmesser) und den doppelt so langen Schurz.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Bilanz<\/strong><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die sechs an den vergangenen drei Terminen erworbenen Figuren (und die zwei vorher erworbenen ohnehin) erweisen sich als nach Eigenart und Qualit\u00e4t abwechslungsreiches und zugleich stilistisch ziemlich geschlossenes Ensemble. Vielleicht f\u00e4llt die eine Figur gegen\u00fcber den \u00fcbrigen ab, aber das wird sich noch zeigen. Ich profitierte sehr von Neyts Handbuch &#8218;Songye&#8216;, mit dem ich immer neue Entdeckungen machte auf einem anspruchsvollen Feld. Leicht verwandelt sich so eine Zusammenstellung wieder in die \u00fcbliche &#8218;Freakshow&#8216;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe erfahren, dass es nicht <u>einen<\/u> guten Typ Nkishi gibt, aber auch nicht blo\u00df &#8218;Vertreter&#8216; von &#8218;Lokalstilen&#8216;, was unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts ohnehin abwegig w\u00e4re. Manche Charakterz\u00fcge sind \u00e4sthetisch auch f\u00fcr mein &#8218;europ\u00e4isches&#8216; Empfiinden &#8218;St\u00e4rken&#8216;, die ich gerne in &#8218;Regionalstilen&#8216; wiederfinde. Nach langem &#8218;blindem&#8216; Stochern kam jetzt ein ganzer Schwarm in meine Reichweite; und ich kann mich endlich besser orientieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch Dunja Hersak sehe ich wieder anders. Ebenso den Lomami, an dessen Ufern ich nach \u00fcber zwei Jahren wieder Phantasiereisen unternehme. In dem Prozess bin ich auch die allzu bescheidene Kifwebe-Maske, das &#8218;h\u00e4ssliche Entlein&#8216; wieder losgeworden. Vielleicht \u00fcberzeugt mich ja noch eine irgendwann, aber das scheint ein noch anspruchsvolleres Gebiet zu sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">18.\/22.11.2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der exotischen Figur scherzhaft einen Namen geben? Geht das? 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