{"id":61,"date":"2010-12-14T00:00:44","date_gmt":"2010-12-13T23:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=61"},"modified":"2019-04-27T23:55:55","modified_gmt":"2019-04-27T21:55:55","slug":"ich-bin-frankfurter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=61","title":{"rendered":"Ich bin Frankfurter."},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170481Bonbonniere.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-516\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170481Bonbonniere-225x300.jpg\" alt=\"P1170481Bonbonniere\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170481Bonbonniere-225x300.jpg 225w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170481Bonbonniere-768x1024.jpg 768w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170481Bonbonniere-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170481Bonbonniere.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ich bin Frankfurter.\u00a0Die angesengte Bonbonniere aus der ausgebombten elterlichen Wohnung (Leerbachstra\u00dfe) ist mein B\u00fcrgerschaftsdokument.<\/p>\n<p><!--more-->Ich habe Kindheit und\u00a0 Jugend an der Grenze zum Westend verbracht: 1950-66. Nach kurzen Aufenthalten in Wien und Bern und einem Jahr \u00dcbergang in Ffm.-Hausen wohne ich seit 1968 ununterbrochen im Nordend, seit 37 Jahren, 1973, an derselben Adresse. Seit 2006 bin ich bekennender Alt-Nordendler.<\/p>\n<p>Ich lebte hier als Weltb\u00fcrger und achtete wenig auf meine unmittelbare Umgebung. Auch Kronberg, wo ich 1976 bis 2006 unterrichtete, interessierte mich nicht. Dort wollte ich auch gar nicht genau wissen, welcher Eltern Kinder ich unterrichtete.<\/p>\n<p>Von Jugend an gewann Kommunalpolitik nie meine Sympathie. Vielleicht waren die Gespr\u00e4che am Tisch eines bescheidenen Allgemeinmediziners und die Lekt\u00fcre von FR und FAZ\u00a0 negativ pr\u00e4gende Einfl\u00fcsse. Die Geschichten \u00fcber den Filz unter den Sozialdemokraten und\u00a0 Gewerkschaften, die in Frankfurt unangefochten regierten, taten das ihre.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170490Altstadt1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/P1170490Altstadt1-300x225.jpg\" alt=\"P1170490Altstadt\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a><\/p>\n<p>Als Tr\u00fcmmerkind\u00a0 kannte ich zwar die alte Bausubstanz Frankfurts nicht, aber Berliner Stra\u00dfe und die Siedlungsbauten in der Altstadt gefielen mir nicht. Das Endlosprojekt \u201eWiederaufbau der Alten Oper\u201c fand ich absurd. Ich fand &#8211; wie viele andere auch \u2013 das neue Frankfurt schlicht h\u00e4sslich. Das \u00e4nderte sich erst mit der Hochhauskulisse. Die hat mich mit dem Stadtbild ausges\u00f6hnt. Der Palmengarten um die Ecke war langweilig und teuer, die Tram wurde immer abgeschlossener, damit unbequemer f\u00fcr junge Schwarzfahrer. Und Radfahren lie\u00df mich meine Mutter nicht.<\/p>\n<p>Und das Geistesleben? Meine Eltern waren sehr n\u00fcchterne Menschen und waren materiell orientiert.<\/p>\n<p>Von Morgens bis Abends ging es nur um Patienten, in der Freizeit floh man ins Wochenendhaus im Hintertaunus. Ich war ein eifriger Besucher der Stadtb\u00fccherei in der Gr. Seestra\u00dfe, aber B\u00fccher sind ja nicht wirklich an Orte gebunden. Kinderb\u00fccher und Margarinealben haben mein Interesse fr\u00fch auf die weite Welt gerichtet und speziell die V\u00f6lkerkunde.<\/p>\n<p>Das \u201eGoethe-Gymnasium\u201c legte zwar Wert auf seinen Namen und verlieh jedes Jahr eine M\u00fcnze, die bereits Goethe erhalten haben soll, tat aber nichts f\u00fcr eine angemessene lokalgeschichtliche Verwurzelung. Das Tabu des <i>Dritten Reichs<\/i> war wohl eine un\u00fcberwindliche Barriere. In diesen neun Jahren, in denen wir dreimal die ganze Chronologie abklapperten, war Geschichte eins der \u00f6desten F\u00e4cher. Ab 1933, wenn wir soweit kamen, fand sie in Berlin und weit weg in Polen statt.<\/p>\n<p>Alle interessanten lokalgeschichtlichen Informationen erhielt ich emp\u00f6rend sp\u00e4t: vom umgewandelten Historischen Museum 1971 &#8211; und das wurde auch sofort massiv angefeindet &#8211; also bereits als Erwachsener, und dann &#8211; sch\u00e4tze ich &#8211; seit den 1990er Jahren. Das erneut verb\u00fcrgerlichte Historische Museum war dabei f\u00fcr mich nicht wichtig, eher J\u00fcdisches Museum und k\u00fcnstlerische Aktivit\u00e4ten oder \u00f6ffentliche Diskussionen anl\u00e4sslich von Bauvorhaben, etwa in der Konrad-Adenauer-Stra\u00dfe oder um die Gro\u00dfmarkthalle.<\/p>\n<p>Und so wie diese Stadt sich ignorant gegen\u00fcber ihrer Geschichte zeigte &#8211; nur unterbrochen von politisch opportunen abrupten Kurskorrekturen &#8211; so war es auch gegen\u00fcber der ber\u00fchmten V\u00f6lkerkundesammlung, meiner heimlichen Liebe. Soziale und politische Eliten sind hier egal mit welchem Parteibuch Kr\u00e4merseelen mit Anspruch auf\u00a0 h\u00f6here Weihen.<\/p>\n<p>Schon seit langem h\u00f6re ich die Zugezogenen \u00fcber das problemlose Eingew\u00f6hnen schw\u00e4rmen und frage mich:<\/p>\n<p>Hat <i>der Frankfurter<\/i> eigentlich positiv bestimmbare Charakteristika?<\/p>\n<p>Den Umgang mit der <i>autochthonen<\/i> Unterschicht Frankfurts hat mir meine Mutter, Frankfurterin, aber geboren in Offenbach, bereits 1950 verboten. Mein <i>Hochdeutsch<\/i> sollte rein bleiben. Und sie hatte Erfolg, auch dank der Strategie des Hessischen Rundfunks, der in meiner Kindheit dem Dialekt nur sonntags eine halbe Stunde mit \u201eHeiner und Babett\u201c g\u00f6nnte, sp\u00e4ter mit den salonhessischen <i>Hesselbach<\/i>s und mit dem <i>Blauen Bock<\/i> bundesweit Erfolge feierte.<\/p>\n<p><i>Frankforderisch<\/i> war und ist Folklore geblieben, wie die <i>\u00c4bbelwoi<\/i>-Kultur in Sachsenhausen und Bornheim. <i>W\u00e4ldchestag<\/i> und <i>Dippemess<\/i> sind fr\u00fch gro\u00dfkommerzielle Veranstaltungen geworden.<\/p>\n<p>Frankfurt l\u00e4sst keine Traditionen wachsen. So wird der <i>Flohmarkt <\/i>am Museumsufer schikaniert und herumgeschubst. Mit Fassaden und Rekonstruktionen verwandelt man Geschichte in teure Bauvorhaben, die denkmalpflegerisch und kommerziell durchkalkuliert werden.<\/p>\n<p>Seit Stra\u00dfencafes, Flaniermeilen, Stadtteilfeste und \u00fcberhaupt Feste und Kultur als Standortvorteile im vermeintlich <i>globalen Wettbewerb<\/i> entdeckt worden sind, kann man sich in Frankfurt gar nicht davor retten. Gerade das aber macht diese Stadt so verwechselbar, so austauschbar.<\/p>\n<p>Der Wahl-Frankfurter &#8211; und ich muss sagen: auch ich bin einer geworden &#8211; macht seine pers\u00f6nliche Rechnung auf &#8211; und bleibt.<\/p>\n<p>Frankfurt, am 14. Dezember 2010<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/IMG_3593loveFrankfurt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-911\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/IMG_3593loveFrankfurt-300x225.jpg\" alt=\"IMG_3593loveFrankfurt\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/IMG_3593loveFrankfurt-300x225.jpg 300w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/IMG_3593loveFrankfurt-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2010\/12\/IMG_3593loveFrankfurt.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u00a0\u00a019.11.2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin Frankfurter.\u00a0Die angesengte Bonbonniere aus der ausgebombten elterlichen Wohnung (Leerbachstra\u00dfe) ist mein B\u00fcrgerschaftsdokument.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[93,6],"tags":[],"class_list":["post-61","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1968er","category-frueher"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=61"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10202,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions\/10202"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=61"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=61"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=61"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}