{"id":5697,"date":"2016-10-11T19:41:08","date_gmt":"2016-10-11T18:41:08","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5697"},"modified":"2024-02-12T19:12:58","modified_gmt":"2024-02-12T18:12:58","slug":"helmut-rahn-altphilologe-und-mensch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5697","title":{"rendered":"Helmut Rahn, Altphilologe und Mensch"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Seinem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Helmut_Rahn_%28Philologe%29\">Portr\u00e4t in Wikipedia<\/a> ein wenig Leben hinzusetzen!<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #cc0000;\">Selbstkontrolle und hintergr\u00fcndige Verschwiegenheit waren Charakterz\u00fcge, die mich als vorwitzigen Kopf an Helmut Rahn nat\u00fcrlich am st\u00e4rksten beeindruckten. Der Kenner antiker Rhetorik war sich wohl zu schade, die breit ausgetretenen Pfade der Redekunst zu n\u00fctzen (es sei denn solche, die ich bis heute nicht durchschaue), um irgendwelche Wirkungen zu erzielen. Ich bedauerte auch damals schon, wie wenig er publizierte. <\/span><span style=\"color: #cc0000;\">Als K\u00f6rperbehinderter hatte er sicher auch einen eigenen Blick auf das <em>Dritte Reich<\/em>, worin er Altphilologie und orientalische Sprachen studierte und 1943 promovierte. Eine fr\u00fch durchgestandene Kinderl\u00e4hmung zwang ihn, einen Gehstock zu benutzen.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #cc0000;\">Doch \u00fcber seine Person sprach er nicht mit mir.<br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #cc0000;\">Die Rahns wohnten lange Jahre im Mietshaus nebenan. Er hatte das Alter meines Stiefvaters und war f\u00fcr mich eine weitere Vatergestalt, eine distanzierte, letztlich keine verbindliche, nur ein Vorbild und fordernder Diskussionspartner. Ich bin kein Altphilologe oder sonst seri\u00f6ser Geisteswissenschaftler geworden, betrieb ein aristokratisches <i>studium generale<\/i>. Rahn schlug mich sogar bei der Studienstiftung vor. Ungl\u00fccklicherweise weihte er mich nicht in sein Absicht ein. So habe ich ihn als launischer und bequemer Student gewiss blamiert. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #cc0000;\">Ich will diese Dinge nicht vertiefen, m\u00f6chte nur den sachlichen Wikipedia-Eintrag, der seit 2007 im Netz ist, durch ein paar Worte zur Person erg\u00e4nzen. Die Bemerkung mag \u00fcbertrieben erscheinen, aber sp\u00e4testens seit der WM 1953 wurde &#8218;Helmut Rahn&#8216; auch noch vom Ruhm des Fu\u00dfballers vereinnahmt. Das entbehrt nicht der Komik. Doch scheint es mir, dass seine Person auch auf seinem eigenen Arbeitsgebiet in einem gro\u00dfen Schatten\u00a0 verschwindet, dem des r\u00f6mischen Rhetors Quintillianus, den er selber 1972 in der WBG ediert hat. &#8211; M\u00f6gen andere vielleicht substanziellere Erinnerungen beisteuern. Mein Schreiben an seine Familie scheint mir ein paar Aspekte zu enthalten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frankfurt, den 6.8.2007<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Christiane, Cornelia, Felix und Claudia, liebe Enkelkinder unbekannterweise!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Nachricht erreicht mich erst jetzt, bei der R\u00fcckkehr von einem USA-Aufenthalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte Ihnen meine Anteilnahme \u00fcbermitteln. Ich hoffe, Ihr Vater hat nicht zuletzt noch gelitten, sondern ist so heiter aus dem Leben geschieden, wie er es mit Humor gelebt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte das in den letzten Jahren mit Vergn\u00fcgen feststellen, als ich ihn in gr\u00f6\u00dferen Abst\u00e4nden noch zu Gespr\u00e4chen und Reiseerz\u00e4hlungen besuchte. Gro\u00df war lange Zeit auch der Kontrast zwischen geistiger und k\u00f6rperlicher Beweglichkeit. Als (m\u00e4\u00dfigen) Raucherzeitgenossen habe ich ihn gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Besuche fanden f\u00fcr mich in einer einzigartigen Umgebung statt. Sie hatte sich seit meiner Jugend in den sechziger Jahren nicht wesentlich ver\u00e4ndert, als wir mit dem Gro\u00dfvater (ich liebte ihn innig) sonntags Klavierquartette von Brahms und Beethoven und wem sonst spielten. Die Mama sa\u00df auf der biedermeierlichen Couch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruchlos geht die Erinnerung zur Gr\u00e4fstra\u00dfe 69 \u00fcber, wobei ich mich spontan an eine Erziehungsbem\u00fchung erinnere. Ich kam zu sp\u00e4t zum vereinbarten Termin und wurde nicht mehr eingelassen. Dumm, dass ich damit auch um das anschlie\u00dfende Mittagessen kam. Die Ma\u00dfnahme hat f\u00fcr mein sp\u00e4teres Leben nat\u00fcrlich nicht wirklich gefruchtet. Trotz ernsten Bem\u00fchens habe ich meine Unp\u00fcnktlichkeit gerade so in den Griff bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In meinem aktiven Leben als Schulp\u00e4dagoge habe ich dann aus Selbsterkenntnis \u201eErziehung\u201c nur eingeschr\u00e4nkt betrieben, mit Beharrlichkeit aber die geistige \u201eErziehung\u201c, die Ihr Vater und Gro\u00dfvater ja auch sehr wichtig genommen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch f\u00fcr seinen Versuch, mir mutter- und vaterlosem Talent beim Weiterkommen zu helfen, bin ich ihm dankbar. Er musste darin erfolglos bleiben, weil ich f\u00fcr die akademische Karriere nicht geschaffen bin. Ich habe viel von Ihrem Vater gelernt, \u00fcber Lebensklugheit, Rhetorik und Antike; leider sprang der Funken vom Griechischen nicht oder zu sp\u00e4t \u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist Ihr Vater und Gro\u00dfvater mir ein freundlich zugewandter entfernter v\u00e4terlicher Freund in zwei unterschiedlichen Perioden meines Lebens gewesen. Er wird mir immer regsam und ein wenig spitzb\u00fcbisch l\u00e4chelnd in Erinnerung bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Seinem Portr\u00e4t in Wikipedia ein wenig Leben hinzusetzen!<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[93],"tags":[],"class_list":["post-5697","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1968er"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5697"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6679,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5697\/revisions\/6679"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}