{"id":5605,"date":"2016-09-13T20:06:08","date_gmt":"2016-09-13T19:06:08","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5605"},"modified":"2022-10-15T21:00:50","modified_gmt":"2022-10-15T19:00:50","slug":"ein-zweiter-blick-auf-kongo-power-and-majesty-entwurf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5605","title":{"rendered":"Zweiter Blick auf \u201eKongo \u2013 Power and Majesty\u201c"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #ff0000;\">ALISA LAGAMMA\u00a0 vs. WYATT MACGAFFEY &amp; KAJSA EKHOLM FRIEDMANN<\/span><\/h5>\n<h2><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Der erste Blick liest sich in einer Email vom 15.12.2015 so:<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; &#8222;Kongo &#8211; Power and Majesty&#8220; ist eine gro\u00dfartig ausgestattete Neuerscheinung des Metropolitan Musum in NY von 2015, herausgegeben von Alisa Lagamma, \u00fcber die Kulturgeschichte der K\u00f6nigreiche von Loango und Kongo und ihre Fortwirkung bis heute. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darin gibt es ein ausf\u00fchrliches Kapitel \u00fcber &#8222;<em>Kongo Female Power<\/em>&#8222;, welches die zahllosen Mutterschafts-Darstellungen in einem historischen und sozialen Kontext er\u00f6rtert. &#8211; Ich kopiere meine Lesenotiz:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Alle drei Ebenen sind relevant:<\/em><\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li><em> die Verluste des Bas Kongo an jungen M\u00e4nnern und Frauen (2 : 1) durch den transatlantischen Sklavenhandel, der das Leben aus dem Gleichgewicht brachte. &#8211; <\/em><em>Als Reaktion Fruchtbarkeitskulte: a) minkisi als Mittel gegen social ills und b) Lemba als Initiationsritual und Vorbereitungspraxis in der Vorbereitungsh\u00fctte, nicht anders als das Ukule der Ovimbundo und deren Nachbarn, das Marie-Luise Bastin beschrieben hat. Diese V\u00f6lker geh\u00f6ren auch in den im Buch \u201eKongo\u201c beschriebenen Kreis! (165)<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\n<li><em> die Figuren waren Abbild der k\u00f6rperlichen Verbindung zu den Ahnen &#8211; spielten deshalb auch eine Rolle in den Schreinen der H\u00e4uptlinge, die mit dem Ableben in die Welt der Ahnen eintraten und helfen konnten. Frauen gewannen damit aber keine politische und soziale Macht. Wie bei den Ovimbundu herrschte Matrilinearit\u00e4t mit der politischen Rolle des Mutterbruders. Frauen waren die Durchgangsstation f\u00fcr das Leben (165 l.) &#8211; <\/em><em>Die \u201atoten&#8216; Kinder von Maternit\u00e9s k\u00f6nnen als \u201aGeistkinder&#8216; interpretiert werden.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\n<li style=\"text-align: justify;\"><em> Lagammas Ablehnung der Muttergottes-Interpretation unter Hinweis auf \u00e4ltere Belege am Niger und in Kamerun. Doch der europ\u00e4ische Einfluss seit dem 15.Jh. bleibt f\u00fcr mich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, wenn \u00fcberhaupt fremde Vorbilder bei dem Motiv relevant sind.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Der zweite Blick nach eigenem Literaturstudium<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Formulierung zu Beginn kann ich so nicht mehr akzeptieren: <em>die Verluste des Bas Kongo an jungen M\u00e4nnern und Frauen ( 2:1 ) durch den transatlantischen Sklavenhandel, der das Leben aus dem Gleichgewicht brachte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alisa Lagamma schreibt: (in dt. \u00dcbersetzung):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der transatlantische Sklavenhandel zielte auf Mitglieder der Bev\u00f6lkerung zwischen Achtzehn und F\u00fcnfunddrei\u00dfig, auf der H\u00f6he ihrer Produktivit\u00e4t. Entlang der K\u00fcste wurden M\u00e4nner f\u00fcr die Arbeit in den Pflanzungen der Neuen Welt nachgefragt, w\u00e4hrend Frauen als eine Quelle des wichtigen \u00dcberlebens und der Erneuerung verlangt wurden. Das Verh\u00e4ltnis der verschleppten M\u00e4nner und Frauen war zwei zu eins. In der Folge dieses Verlustes und dieser Verw\u00fcstung ohnegleichen begannen Frauen eine zunehmend lebenswichtige Rolle bei der Behebung der folgenden chronischen sozialen Instabilit\u00e4t zu spielen. <\/em>Dann zitiert sie die vermehrte Verwendung von <em>Minkisi<\/em>, den Kult <em>Lemba<\/em> und die Vermehrung der Mutter-und-Kind-Figuren als <em>integralen Teil einer konzertierten Beschw\u00f6rung zur Infusion neuen kostbaren Lebens in die Gesellschaften der Bakongo<\/em>. Lagamma bringt eine erdr\u00fcckende <em>Arbeitsbelastung erwachsener Frauen<\/em> mit dem allgemeinen Verlust an M\u00e4nnern in einen Kontext und folgert: <em>Die \u00fcbrig gebliebenen M\u00e4nner zeugten Kinder mit vielen Frauen. <\/em>(163)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Story fand und finde ich herzzerrei\u00dfend sch\u00f6n. Darin sind Gut und B\u00f6se in klassischer Schlichtheit auf zwei Seiten verteilt: auf die \u201a<em>transatlantische<\/em>\u2019 und die Seite der Opfer im \u201a<em>Innern<\/em>\u2019, das Ganze \u00fcberh\u00f6ht durch eine idealisierte \u201aMutterschaft\u2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwar nennt Lagamma in den Anmerkungen die einschl\u00e4gigen Publikationen \u2013 z.B. MacGaffeys <em>Congo Political Culture<\/em> oder Ekholm <em><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5307\">Catastrophy and Creation <\/a><\/em><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5307\">s<\/a>ogar mit Seitenzahlen \u2013 aber ich finde bei ihr nicht wieder, was ich bei denen gelernt habe. Der erste Satz zitiert MacGaffeys nur in seinen h\u00f6chst allgemein gehaltenen <em>Extensions and Reflections<\/em>. Ekholm-Friedmans Analysen erkenne ich nicht wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon die vagen geographischen Bezeichnungen f\u00fchren in die Irre. <em>An der K\u00fcste <\/em>wurden zwar junge Menschen verschifft, aber sie kamen meist von weit her aus dem Kongobecken. Die K\u00fcstenregion verdiente gut am Transithandel, welchen lokale Chefs der Kongo und Vili bis 1878, also kurz vor der \u201a<em>catastrophe<\/em>\u2019 (Ekholm-Friedman) total kontrollierten. Die <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5059\">bekannten dramatischen Bev\u00f6lkerungsverluste<\/a> ereigneten sich erst in Leopolds &#8218;Kongostaat&#8216; nach 1885. Ist das nicht Konsens?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4251\">MacGaffey<\/a> hat die grausame innergesellschaftliche Dynamik in den durch den internationalen Handel reich gewordenen Gesellschaften veranschaulicht. Junge Frauen waren als <em>Durchgangsstationen des Lebens <\/em>nichts anderes \u201aGeb\u00e4rmaschinen\u2019 und sie waren mit ihren Kindern und ihrer Arbeitskraft \u201aHumankapital\u2019, so wie \u00fcbrigens die meisten der \u201a<em>\u00fcbrig gebliebenen M\u00e4nner<\/em>\u2019, Kapital, das die Chefs in Statusk\u00e4mpfen riskierten und bei Bedarf opferten. Die weibliche Fruchtbarkeit wurde mit Hilfe des Zauberers nat\u00fcrlich auch gegen weibliche Individuen gerichtet. F\u00fcr die weibliche Arbeitsbelastung hatte (bis heute?) sowieso niemand Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lagamma r\u00e4umt immerhin ein: <em>Frauen gewannen damit aber keine politische und soziale Macht<\/em>. Begn\u00fcgt sich also die moderne feministische Kunsthistorikerin bereits mit der symbolischen Macht? Vielleicht, weil das ihr Fachgebiet ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da f\u00e4llt dann auch gar nicht mehr auf, dass die gezeigten und besprochenen Figuren hoher handwerklicher Qualit\u00e4t von den herrschenden Kreisen zur Demonstration und Exekution ihrer Macht verwendet wurden und hier &#8211; unter merkantilem Aspekt &#8211; perfekt ausgeleuchtet im gemeinsamen Schaufenster von Weltkunsthandel und institutionellen Leihgebern liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe jetzt nur meinen Eindruck von der Exposition eines einzelnen Kapitels revidiert, auf das ich aber sehr gewartet hatte. Es w\u00e4re schade, wenn dies Kunstbuch zu Afrika, eines der neuen Generation mit weitem geschichtlichem Horizont, seine kunsthistorischen Analysen auch sonst auf Geschichtsklitterung aufbauen w\u00fcrde. Halten sich doch Klischees mit einer Portion Sentimentalit\u00e4t beim Publikum am z\u00e4hesten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr eine systematische Rezension bin ich nicht kompetent. Ich rate nur: Aufpassen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ALISA LAGAMMA\u00a0 vs. WYATT MACGAFFEY &amp; KAJSA EKHOLM FRIEDMANN Der erste Blick liest sich in einer Email vom 15.12.2015 so: &#8230; &#8222;Kongo &#8211; Power and Majesty&#8220; ist eine gro\u00dfartig ausgestattete Neuerscheinung des Metropolitan Musum in NY von 2015, herausgegeben von Alisa Lagamma, \u00fcber die Kulturgeschichte der K\u00f6nigreiche von Loango und Kongo und ihre Fortwirkung bis [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[251],"tags":[],"class_list":["post-5605","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kongo-ins-herz-der-finsternis"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5605","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5605"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5605\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14160,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5605\/revisions\/14160"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5605"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5605"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5605"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}