{"id":557,"date":"2013-12-08T15:40:07","date_gmt":"2013-12-08T14:40:07","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=557"},"modified":"2015-04-23T10:43:26","modified_gmt":"2015-04-23T09:43:26","slug":"der-blumenberg-der-lewitscharoff-handreichung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=557","title":{"rendered":"Blumenberg nach Lewitscharoff"},"content":{"rendered":"<p>So geht das nicht weiter: Ich gerate ins Stottern, wenn ich etwas Sinnvolles \u00fcber Hans Blumenberg sagen will und soll. Vielleicht hilft mir der Umweg \u00fcber diese Handreichung zu Sibylle Lewitscharoffs <i>Blumenberg<\/i>.<\/p>\n<p>Wir treffen Blumenberg in der f\u00fcr ihn typischen Situation, mit Kassette und Diktierger\u00e4t, doch genau in dem Moment, wo sie entgleist. <!--more-->Dieses Entgleisen \u00f6ffnet sogleich den geistigen inneren Raum, der f\u00fcr andere Menschen eine Welt der Chim\u00e4ren, der Einbildungen, ja Trugbilder sein muss. \u00dcber <i>die thrakische Magd<\/i> hat WB eigens ein Buch geschrieben.<\/p>\n<p>SL hat sich listig eingeschlichen, wo eine TV-Dokumentation vor Jahren ratlos drau\u00dfen vor wuchtigen Kulissen stand. Wacher Beobachtung erschlie\u00dft sich, was auch im damals ersehnten Interview verborgen geblieben w\u00e4re. Denn als verbaler Schlagabtausch sind Interviews der Diskussion verwandt, k\u00f6nnte mir HB beigepflichtet haben.<\/p>\n<p>Ohne die Toten w\u00e4re der Roman <i>Blumenberg <\/i>eine Kom\u00f6die. Der ernste Hintergrund ist ohnehin vorhanden: Der R\u00fcckzug eines weltoffenen Menschen in eine wenn auch kultivierte H\u00f6hle.<\/p>\n<p>Eine ausgerissene Zeitungsseite aus \u201eBilder und Zeiten\u201c kommt mir zur rechten Zeit in die H\u00e4nde: <b>\u201e<\/b><i>Der Stoff, aus dem die Romanfiguren sind<\/i><b>\u201c<\/b>, allgemeine Betrachtungen von James Wood am 19.4.2008 in der FAZ. Der Autor schreibt darin:<\/p>\n<p><i>Die Schwierigkeit besteht darin, die.. Personen aus ihrer Erstarrung zu befreien und lebendig zu machen <\/i>(&#8230;.) \u00a0<i>sie \u00fcberzeugend einzuf\u00fchren.<\/i>Dann zitiert er eine Novelle von Maupassant: \u201a<i>Er war ein Herr mit rotem Schnurrbart, der stets als Erster den Raum betrat.\u2019 &#8211; <\/i>Henry James habe damit <i>gesagt, dass Mr.Cashmore wie ein glatzk\u00f6pfiger Rotschopf aussah und dass seine verdrie\u00dflichen Bemerkungen nicht zu seiner kr\u00e4ftigen jovialen Gestalt passten. Er hat diese Figur in einer Weise beschrieben, wie man gew\u00f6hnlich einen lebendigen Menschen beschreibt. (&#8230;.) <\/i>Der Roman<i> ist der gro\u00dfe Virtuose auf der Klaviatur der Einzigartigkeit. <\/i><\/p>\n<p><i>Stets entzieht er sich den ihm auferlegten Regeln. Und die Romanfigur ist der wahre Houdini <\/i>(Zauberk\u00fcnstler *1874) <i>dieser Einzigartigkeit. <\/i>Dann wendet er sich ins Allgemeine:<\/p>\n<p><i>Es gibt keine Romanfigur an sich. Es gibt nur Abertausende unterschiedliche Personen, die einen rund, die andern flach, manche vielschichtig, manche Karikaturen, manche kraftvoll realistisch, manche nur mit allerfeinstem Pinselstrich angedeutet. Einige Figuren sind immerhin so deutlich, dass wir \u00fcber ihre Motive spekulieren k\u00f6nnen. <\/i>(&#8230;) <i>Ich selber neige zu den eher unscharf gezeichneten Figuren, die den Leser herausfordern, sich genauer mit den Leerstellen, mit dem Ungesagten zu besch\u00e4ftigen.<\/i><\/p>\n<p>Manche Autoren <i>postmoderner Romane<\/i> forderten uns auf, <i>\u00fcber die Fiktionalit\u00e4t ihrer Helden und Heldinnen nachzudenken. <\/i>(&#8230;.) <i>Muriel Spark hat sich intensiv mit der Frage besch\u00e4ftigt, wie viel wir \u00fcber andere Menschen wissen k\u00f6nnen und wie viel eine Schriftstellerin, die dieses Wissen f\u00fcr sich reklamiert, \u00fcber ihre Figuren wissen kann. <\/i>\u00dcbrigens <i>spickt sie <\/i>in <i>Miss Brodie<\/i><\/p>\n<p>ihre Geschichte <i>mit einer Reihe von \u2019Flashforwards\u2019, in denen wir erfahren, wie es mit den Figuren nach dem Kern der Handlung weitergeht. diese k\u00fchl prophetischen Passagen finden manche Leser brutal. Es sind ausgesprochen summarische Urteile. <\/i><\/p>\n<p>Ward res\u00fcmiert: <i>Mit einem Roman sind wir nicht dann unzufrieden, wenn die Figuren nicht gen\u00fcgend lebendig oder tief sind, sondern wenn <\/i>der Autor <i>uns nicht sagt, wie wir uns auf seine Konventionen einstellen sollen, wenn er kein Interesse an seinen Figuren, an seiner ganz eigenen Realit\u00e4t weckt. Dann wird unsere Neugier rasch entt\u00e4uscht. Wir stellen fest, dass uns nicht genug geboten wird<\/i> (&#8230;.). SL l\u00e4sst uns sp\u00e4testens ab der Mitte \u00fcber ihre Absichten nicht mehr im Unklaren. Ich selber will die Handlung nicht mehr als n\u00f6tig verraten und beschr\u00e4nke mich in der Handreichung auf den Beginn.<\/p>\n<p>Der Roman \u201e<i>Blumenberg<\/i>\u201c ist Bettina Blumenberg sicher nicht nur als Informantin gewidmet. Die bereits aush\u00e4usige Tochter <i>irgendwo in der Welt <\/i>(WB) ist das unsichtbare Gegenmodell zu den vier abst\u00fcrzenden studentischen Satelliten des Professors im Roman. Sie war gewiss eine ebenso k\u00fchle Beobachterin\u00a0 ihres Vaters, doch fr\u00fch ebenso au\u00dferhalb des Gravitationsfeldes <i>Blumenberg<\/i>, wie <i>der<\/i> <i>Erz\u00e4hler <\/i>\u00a0Sibylle Lewitscharoff.<\/p>\n<p>Hat sie SL vielleicht mehr gew\u00e4hrt als Insider-Information, n\u00e4mlich in ihre Haut zu schl\u00fcpfen? Wie intensiv haben sich die beiden Frauen \u00fcber diesen geheimnisvollen Mann ausgetauscht? Bettina Blumenberg zeigt sich in ihrem Vortrag \u00a0vom Erz\u00e4hler Henry James fasziniert,<i> <\/i>seiner <i>Verweigerungshaltung<\/i> gegen\u00fcber der \u00fcblichen Erwartung, <i>\u00fcberhaupt etwas zu erz\u00e4hlen, beschreiben, erinnern,<\/i> von James als <i>Gro\u00dfmeisters der Ironie<\/i>. In seinem Roman \u201e<i>Washington Square<\/i>\u201c sei <i>das Haus Protagonist<\/i>. Doch lasse er den Leser nie eintreten.<i> Die R\u00e4ume sind dem Leser nicht begehbar.<\/i> Und ein junger Mann sehe seine k\u00fcnftige Braut zum ersten Mal in einer Festgesellschaft durch einen Spiegel &#8211; <i>der unbeobachtete Beobachter, vom Autor dabei beobachtet.<\/i> (HB-Tagung Heidelberg, am 4.9.13)<\/p>\n<p>Wie viel muss man von Hans Blumenberg wissen, um sich f\u00fcr ihn zu interessieren? Er selber nannte im FAZ-Fragebogen <i>Sok<\/i>rates seine Lieblingsfigur, <i>weil man nichts von ihm wei\u00df und sich alles denken kann.<\/i><\/p>\n<p>Was erfahren wir, wenn wir die anfangs wie unabsichtlich gestreuten Schlaglichter versammeln? Ich zitiere ein paar:<\/p>\n<p><i>&#8230;. gerade eine neue Kassette zur Hand genommen, um sie in das Aufnahmeger\u00e4t zu stecken<\/i><\/p>\n<p><i>&#8230;. er auch beim Finden von S\u00e4tzen im Kopf eine eiserne Disziplin zu wahren pflegte und zwar fast so geordnet. wie er gemeinhin sprach, ob er nun ein empfangsbereites Aufnahmeger\u00e4t vor sich hatte oder die Ohren eines Kindes\u00a0 <\/i>(S.9)<i><\/i><\/p>\n<p><i>&#8230;. zum einen deckte Blumenberg der gro\u00dfe schwere Schreibtisch<\/i><\/p>\n<p><i>&#8230;. Blumenberg bekam Lust zu sagen: Ich bin katholisch, du kannst mich ruhig fressen.\u00a0<\/i>Der Ausdruck <i>katholisch<\/i> ist \u2013 f\u00fcr Blumenberg typisch \u2013 ambivalent. Es geht um keine aktuelle Konfession. Der Satz zeigt einen noch im Erschrecken geistvollen Menschen, der einen unerkl\u00e4rbar auf dem <i>Buchara-<\/i>Teppich liegenden (etwa halluzinierten?) L\u00f6wen in historischer Gestalt spontan mit einem traditionellen Sinnbild r\u00f6mischer Christenverfolgung verbindet. (S.109<\/p>\n<p><i>&#8230;. Mit seinem geliebten Axel zu sprechen, dem wei\u00dfhaarigen Collie zu sprechen, war Blumenberg immer leichtgefallen<\/i><\/p>\n<p><i>&#8230;. eine Herausforderung der Nacht, sp\u00e4t, um Viertel nach drei, wie ein Blick auf die Uhr ihm bewies\u00a0 <\/i>(S.11)<i><\/i><\/p>\n<p><i>&#8230;. es war, als w\u00e4ren alle Laden seines Panzerschranks aufgefahren und die darin verwahrten sechsunddrei\u00dfigtausendsechshundertsechzig maschinengeschriebenen Karteikarten fl\u00f6gen daraus wie spr\u00fchend hervor<\/i><\/p>\n<p><i>&#8230;. Besonnenheit. An den Nerv eines Bildes, an den Nerv eines Problems kommt man nur heran, wenn man das einzelne Bild, das einzelne Problem geruhsam sich vorlegt und pr\u00fcft. <\/i>(S.12)<i><\/i><\/p>\n<p>&#8230;. <i>sein Ged\u00e4chtnis, das normalerweise tadellos funktionierte, besser als bei jedem ihm bekannten Menschen, ausgerechnet jetzt zu einer gr\u00fcndlichen Sichtung des L\u00f6wenproblems nicht in der Lage war.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 13<\/i><\/p>\n<p>In diesem au\u00dferordentlichen Moment werden Informationen \u00fcber Umgebung, Gewohnheiten, Sprache und Haltung des Protagonisten unauff\u00e4llig gestreut. Unauff\u00e4llig? Genau solche Elemente hoffte ich im Roman zu finden. Sie gaben dann auch der zwar emotional aufgeladenen, aber gleichwohl statischen und mit der Zeit erm\u00fcdenden Eingangssituation Spannung. Wie zuf\u00e4llig nach den Bed\u00fcrfnissen der Erz\u00e4hlung schienen sie ausgew\u00e4hlt und an Tragweite h\u00f6chst unterschiedlich.<\/p>\n<p>Ein historischer Roman? Ein schl\u00fcpfriges Wort. Anachronismen, was die achtziger Jahre angeht, habe ich nicht gefunden. Doch vielleicht wissen Sie es besser.<\/p>\n<p>Den Schluss der Handreichung reiche ich Anfang Dezember nach, f\u00fcr den Fall, dass Sie nur noch nicht dazu gekommen sind, das Buch zu lesen.\u00a0&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8211; STOP &#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Am Ende verlassen wir HB in der letzten H\u00f6hle vor dem Nirwana. Mir ist klar: Die anderen Protagonisten mussten grellbunte Tode sterben, damit sie ihm hier in dieser surrealen oder hyperrealen Atmosph\u00e4re begegnen.<\/p>\n<p>Vorher sah ich diese Passagen eher als erz\u00e4hlerischen Kniff, um die philosophischen Passagen vor allem in der Mitte der Erz\u00e4hlung auszutarieren. Ich dachte an meine Lekt\u00fcre von Robert M.Pirsig\u2019s \u201cZen and the Art of Motorcycle Maintenance \u2013 An Inquiry into Values\u201c (1974)\u00a0vor vielen Jahren.\u00a0Dort treibt eine dramatische Vater-Sohn-Geschichte in Fortsetzungen den Leser an.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt, \u201ader Erz\u00e4hler\u2019! Der Autorin gelingen wunderbare Reiseschilderungen aus \u00c4gypten und vom Amazonas, die die Farbigkeit unbedingt eigenen Erlebens haben, versetzt mit einem historischen Faktor. Lewitscharoff muss einfach in diesen L\u00e4ndern gereist sein und zwar so wie ein gro\u00dfer Fotograf, der auf den richtigen Moment f\u00fcr die Aufnahme warten kann. Die \u00e4gyptischen Miniaturen haben etwas von der Dichte sp\u00e4tromantischer Orientalia, auch von einem Spielfilm.<\/p>\n<p>Das Sterben Blumenbergs hat mich in dieser Schilderung unmittelbar ber\u00fchrt. Das mag auch mit meinem Alter zu tun haben, aber sicher mit der mutigen und subtilen Art, in der Lewitscharoff den Tod vor uns hintreten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sicher h\u00f6chst interessant und h\u00f6chst spannend, ein Making-off\u00a0 dieses dokumentarischen und poetischen Romans zu lesen, aber das gibt es (fast) nur f\u00fcr Filme. Abgebr\u00fchte Leser wie ich verlangen aber gerade danach. Hat schon jemand mit der Autorin ein Interview dar\u00fcber gemacht?<\/p>\n<p>13. Oktober \/ 8.Dezember 2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So geht das nicht weiter: Ich gerate ins Stottern, wenn ich etwas Sinnvolles \u00fcber Hans Blumenberg sagen will und soll. Vielleicht hilft mir der Umweg \u00fcber diese Handreichung zu Sibylle Lewitscharoffs Blumenberg. 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