{"id":520,"date":"2012-10-27T22:22:41","date_gmt":"2012-10-27T21:22:41","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=520"},"modified":"2015-04-23T21:34:56","modified_gmt":"2015-04-23T20:34:56","slug":"der-mensch-in-der-falle-der-digitalen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=520","title":{"rendered":"Der Mensch in der Falle der digitalen Revolution"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><b>zu: \u201eWelt ohne Menschen\u201c Dokumentarfilm von Philippe Borel, 97\u2019, F 2012 ausgestrahlt in ARTE<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die digitale Revolution ver\u00e4ndert uns zweifellos tiefgreifend, auch wenn ich es gern anders h\u00e4tte \u00a0 \u00a0. Es kommt dabei <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> auf Ideen oder Ideologien einzelner Initiatoren oder Strategen an. Sie handeln als intelligenter Schwarm entsprechend den M\u00f6glichkeiten, die sich ihnen bieten. Sie werden mit harten Realit\u00e4ten konfrontiert, jeweils auf ihr Sichtfenster begrenzt, aber bedrohlich. So wird die Menschheit weiter wurschteln. <!--more-->Nichts sei damit gegen Gesetze und andere Ma\u00dfnahmen und Vereinbarungen gesagt. Alle m\u00f6glichen uns aus der Politik und Wirtschaft vertrauten Faktoren \u2013 Gremien und Verfahren, aber auch Ressourcenknappheit &#8211;\u00a0 werden dar\u00fcber entscheiden, wer wozu Zugang haben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stanislaw Lem hat lange schon ironisch den zahlungsunf\u00e4higen <i>Cyborg<\/i>, als zivilrechtlichen Fall in einer Kurzgeschichte auftreten lassen. Der wird gefragt: \u201eWer sind sie, Mr. Johnson?\u201c Sich nicht von sogenannten Wertedebatten ablenken lassen! Was ist daran so interessant, ob jemandes Bein zur Identit\u00e4t gez\u00e4hlt wird, au\u00dfer f\u00fcr die entsprechenden Fachleute? Die globale Debatte \u2013 selber von Apparaten kanalisiert &#8211; geh\u00f6rt einfach zum Prozess, einschlie\u00dflich der Wortf\u00fchrer auf den Bildschirmen. Medienauftritte folgen ihren eigenen Regeln. Was hinter den Namen Roland Gori oder Pierre Dartot an Widerstandspotential steckt, l\u00e4sst sich nicht aus den Interview-Sequenzen ersehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich nicht \u00fcber die Ideologen aufregen \u2013 Utopien gab es immer! Vor allem nicht den \u00dcberbringer der schlechten Nachricht schlagen, Vil\u00e9m Flusser. Als er nach seinen Brasilien-Illusionen um 1970 die revolution\u00e4re k\u00fcnftige Rolle des Computers erkannte, reagierte er nach seinem pers\u00f6nlichen Erfahrungsmuster: Mit Gl\u00fcck war er 1940 der Vernichtung durch ein erdr\u00fcckend \u00fcberm\u00e4chtig erfahrenes Regime entkommen.<i> <\/i>Auschwitz war sein bleibendes Trauma, dessen Bearbeitung er in \u201eBodenlos\u201c andeutungsweise schildert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder f\u00fchlte er sich \u2013 diesmal mit der gesamten Menschheit \u2013 in einer Falle und suchte den Ausweg mit den philosophischen Mitteln seiner Generation, mit einer Neigung zur Apokalypse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man vergisst zu leicht, wie eng der Horizont f\u00fcr philosophischen Standpunkte ist \u2013 meist beschr\u00e4nkt aufs Allgemeine. Sch\u00f6nstes Beispiel ist Heidegger, der politisch und sozial geradezu als idiot savant bezeichnet werden k\u00f6nnte. Wie oft sind weltoffene Literaten kl\u00fcger, in diesem Fall etwa Aldous Huxley, der bereits 1932 der Sch\u00f6nen Neuen Welt\u00a0 das weite Niemandsland der Reservate beigab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Filmfeature deutet jemand an, dass vielleicht gerade nicht das Gros der Behinderten Zugang zu den tollen Prothesen haben wird. Und w\u00e4hrend von \u00dcberalterung der Bev\u00f6lkerung und fehlendem Betreuungspersonal die Rede ist, von Anspr\u00fcchen ans individuelle Leben und Anspr\u00fcchen des \u201eglobalen Konkurrenzkampfs\u201c, wird daneben zweifellos ein wachsender Anteil der\u00a0 Weltbev\u00f6lkerung seinen d\u00fcrftigen Anteil daran genie\u00dfen &#8211; etwa \u00fcber Medien in riesigen Slums &#8211; Megacities &#8211; \u00a0oder ganz aus den Systemen herausfallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was den angeblichen Verlust \u201eder menschlichen Werte\u201c angeht \u2013 auch \u201edie Solidarit\u00e4t\u201c wird aufgef\u00fchrt &#8211;\u00a0 wird sich selbstverst\u00e4ndlich die Erosion solcher Werte fortsetzen, die sich unter anderen Verh\u00e4ltnissen entwickelt haben. Die Digitalisierung des Alltags beeinflusst die Richtung der \u00c4nderungen, aber sie ist in eine Konsumgesellschaft eingebettet, die vor hundert Jahren von den USA ausging und sich nach 1945 global verbreitete. So haben im Hollywood-Film von Fleischer \u201e2022\u201c die Einheitsfutterbohnen angeblich aus Soja verschiedene Farben. Auch das w\u00fcrde Flusser nicht bestreiten. Die Revolutionen 1989 \u2013 und in China ab 1978 &#8211; haben nur historische Sonderwege beendet. Als Flusser sie schlichtweg ignorierte, wie schon die sozialistischen Illusionen westeurop\u00e4ischer Studenten und Intellektuellen, zeigte er Weitblick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem sollten wir beim philosophischen Nachdenken in einem gewissen Sinne zur Tagesordnung \u00fcbergehen und die Menschlichkeit nicht wie eine bedrohte Tierart behandeln. Schlie\u00dflich verlassen nicht einmal die Visionen des Transhumanismus das Universum des menschlichen Gehirns. Dass kleine Teile unserer chaotischen Weltgesellschaft eine \u00fcberaus befremdliche Kultur des Apparatismus und des Prothesenkults entwickeln, ist zwar <span style=\"text-decoration: underline;\">so<\/span> noch nie da gewesen, aber die menschliche Geschichte enth\u00e4lt schon einiges Bizarre. Die in ihrer ausgebildeten Form gerade mal ein halbes Jahrhundert alten Menschenrechte k\u00f6nnten demn\u00e4chst in existentielle N\u00f6te kommen, aber w\u00e4re das etwas Neues? Selbst die Totalitarismen sind uralt \u2013 etwa der in China. Ob Individuen darin eine lebenswerte Existenz f\u00fchren, braucht uns nicht zu interessieren. Die heute Lebenden k\u00f6nnen dar\u00fcber nicht kompetent urteilen, brauchen es auch nicht. Sie sollten sich um ihre Freiheit heute k\u00fcmmern. Stanislaw Lem und in seiner Nachfolge Kubricks \u201e2001\u201c haben uns \u00fcberdies eine L\u00f6sung vorgef\u00fchrt, die schon von Hackern, Cyberterroristen und anderen Kriegern asymmetrischer Kriege ausprobiert wird: den Hammer schwingen, den Stecker ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist Transhumanismus ein Problem in der Flusser community?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach reiflicher \u00dcberlegung meine ich, dass wir gar nicht die M\u00f6glichkeit haben,\u00a0 eine transhumanistische Traditionsbildung um Vil\u00e9m Flusser zu verhindern. Wenn es uns aber um seine Person geht, sollten wir seine \u00c4ngste, Bedenken und Zweifel im allgemeinen Bewusstsein wachhalten. Dabei sollten sie nicht zum etwas abseitigen\u00a0 Spezialgebiet von Traditionalisten (\u201eSie kicken tote Pferde.\u201c VF) werden. Gedankenlose Optimisten m\u00fcssen regelm\u00e4\u00dfig zur Diskussion aufgefordert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andernfalls w\u00e4re VF eben f\u00fcr den Humanismus verloren. Ich w\u00fcrde mich auch nicht mehr f\u00fcr ihn engagieren. Er sich w\u00fcrde es\u00fcbrigens auch nicht. Nur als intellektuelle Klammer, als Prophet auf dem Berge, von dem aus er den Leser in beide Richtungen blicken l\u00e4sst, ist er von Wert.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 27.10.2012<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zu: \u201eWelt ohne Menschen\u201c Dokumentarfilm von Philippe Borel, 97\u2019, F 2012 ausgestrahlt in ARTE Die digitale Revolution ver\u00e4ndert uns zweifellos tiefgreifend, auch wenn ich es gern anders h\u00e4tte \u00a0 \u00a0. 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