{"id":5029,"date":"2016-07-19T23:36:48","date_gmt":"2016-07-19T22:36:48","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5029"},"modified":"2016-08-14T12:09:30","modified_gmt":"2016-08-14T11:09:30","slug":"kluger-mann-kluger-film-peter-brueckner-aus-dem-abseits","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5029","title":{"rendered":"Kluger Mann, kluger Film &#8211; Peter Br\u00fcckner &#8222;aus dem Abseits&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wer waren\u00a0 sie denn &#8211; ich nenne nur Marcuse, Dutschke, Krahl, Enzensberger &#8211; dieser ganze bunte Haufen selbsternannter F\u00fchrer, Berater, Kommentatoren, Vork\u00e4mpfer und\u00a0 neu zu entdeckender &#8218;V\u00e4ter&#8216;? Man sa\u00df ihnen and\u00e4chtig zu F\u00fc\u00dfen, so wie das noch \u00fcblich war. Erst sp\u00e4ter hat sich der Nebel gelichtet. Bei mir war die \u00dcberraschung gro\u00df, wer alles auch unter den Jungen in Amerika gelernt hatte oder im Gegenteil seine DDR-Erfahrungen bearbeitete.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie waren klingende Namen, Buchtitel, Theoretiker, Lieferanten von Parolen und Sprechblasen, Skandalfiguren, Stars, Galeonsfiguren, Abziehbilder und Pappkameraden, auf jeden Fall zweidimensional, h\u00f6chstens. F\u00fcr junge Studenten in den sechziger und siebziger Jahren kamen sie von irgendwoher. Man hatte keinen Sinn daf\u00fcr, jedenfalls wenn man nicht zum inneren Kreis\u00a0 geh\u00f6rte. Die Ereignisse und die bereits vorgedachten Ziele hielten einen in Atem, es gab zu viel zu entdecken, ganze Kapitel der Geschichte oder Bereiche der Wissenschaft u.s.w.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir hatten auch vorher nicht gefragt, nicht unsere Lehrer \u00fcber den Krieg und ihre Verwundung, ihre Vertreibung\u00a0 oder vielleicht das Exil, nicht Mitsch\u00fcler, die aus der &#8218;DDR&#8216; gekommen waren und die argw\u00f6hnisch beobachtet wurden, wenn sie Profil zeigten, selbst im liberalen Frankfurter &#8218;Goethe-Gymnasium&#8216;. Zu wenige Lehrer hatten uns von sich aus etwas zu dem, was von Deutschland aus geschehen war, angeboten: so wie <a href=\"http:\/\/www.f.shuttle.de\/f\/ag1\/history.html\">Hasso Pfeiler<\/a> in der neunten und zehnten Klasse Heinrich B\u00f6lls Kriegserz\u00e4hlungen oder Andersch, Borchert, die ganze &#8218;Gruppe 47&#8216; oder sogar Brecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war nicht die Zeit, Fragen zu stellen. Etwas zu hinterfragen war in der bundesdeutschen Nachkriegszeit verp\u00f6nt. Peter Br\u00fcckner kommentierte, dem Film zufolge:\u00a0 <em>Erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig sei, warum der Mensch <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht<\/span> protestiere<\/em>. Dem empirischen Sozialpsychologen, dem innovativen &#8218;Marktforscher&#8216; konnte aber das blo\u00df eine rhetorische Frage, also ein Forschungsprojekt sein. Die gesammelte Lebenserfahrung bot Br\u00fcckner doch\u00a0 Antworten genug an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pfarrer, der mich konfirmierte, war genervt: &#8222;Selig sind die nicht fragen und doch glauben&#8220;. Der Pfarrer im Schuldienst half diskret Kriegsdienstverweigerern und gab sich sonst eher bedeckt.\u00a0 Die Opfer der deutschen Verbrechen schwiegen noch. Die eigene Lage zu akzeptieren, das Beste f\u00fcr sich daraus zu machen, war angesagt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer damals studierte, war von der neuen Konsumwelt bereits ziemlich atomisiert und wurde, sofern er sich nicht sofort Disziplinen anvertraute, die lange Erfahrung im Zurichten ihres Nachwuchses besa\u00dfen &#8211; Jura, Medizin, WiSo, katholische Theologie &#8211; zur leichten Beute von ideologischen Windbeuteln und alter wie junger (politischer) Sekten. Es gab nat\u00fcrlich auch angeborene Anarchos und Skeptiker, die waren immun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dokumentarfilm &#8222;Aus dem Abseits &#8211; Professor Peter Br\u00fcckner&#8220; wurde am 5. Juli 2016 vom Kino in der Naxos-Halle, Frankfurt gezeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0Die Filmkritik &#8211;\u00a0 Na endlich!<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der j\u00fcngste Sohn Simon war gerade vier Jahre, als der &#8218;Professor<strong><em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Br%C3%BCckner\" target=\"_blank\"> Peter<\/a><\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Br%C3%BCckner\" target=\"_blank\"> Br\u00fcckner<\/a><\/strong>&#8218; starb, und sein \u00e4lterer Halbbruder, Scheidungskind,\u00a0 kannte ihn nur als verst\u00f6rende &#8218;\u00f6ffentliche Person&#8216;. Man begibt sich gemeinsam mit Peter Br\u00fcckners\u00a0 Freunden und Weggef\u00e4hrten auf die Suche in eine heute weit entfernte Zeit &#8211; was sage ich &#8211; in drei Epochen: Drittes Reich (Kindheit und Jugend), Nachkriegszeit (Student im Osten und Westen,\u00a0 als &#8218;Sozialpychologe&#8216; erst Hungerk\u00fcnstler und dann erfolgreicher &#8218;Marktforscher&#8216;) &#8211;\u00a0 und schlie\u00dflich &#8218;1968&#8216;: Da wurde er\u00a0 in einer pers\u00f6nlichen Kehrtwende Professor in Hannover f\u00fcr Sozialpsychologie, theoretisierender &#8218;Kommunarde&#8216; und schlie\u00dflich verfemter &#8218;RAF-Sympathisant&#8216; (&#8218;Mescalero&#8216;, U.Meinhof) in einem &#8218;Deutschen Herbst&#8216;, der in den Achtziger Jahren immer noch nicht aufh\u00f6ren sollte. Die B\u00fcrokratie versteht nicht und vergisst nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die filmische Recherche dehnt sich \u00fcber zwei Stunden. Die Redundanzen deuten sich bereits mit der ersten Szene an, mit der Zelebrierung der sorgsam aufbewahrten Tabakpfeife, die &#8211; welche \u00dcberraschung &#8211;\u00a0 ihren Geruch bewahrt habe. Ein Freund kommentierte treffend : als Film nichts Besonderes. Doch die Betulichkeit hat auch ihren Charme. Interessante individuelle Lebenswege in seiner Generation sind zu betrachten. Familienmitglieder und Freunde haben Zeit genug, neben Unwichtigem manches Wichtige zu sagen. Der Film ist ein Zeitzeugnis und zugleich sehr intim. <strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fErkfSg4mvU\" target=\"_blank\">(Trailer youtube)<\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieviel Nutzen junge Menschen daraus ziehen k\u00f6nnen, mag ich nicht beurteilen, aber ich h\u00e4tte es im Unterricht ausprobiert, auszugsweise und mit kl\u00e4renden Gespr\u00e4chen in den zahlreichen Unterbrechungen (&#8218;Innehalten&#8216;), bei denen auch die theoretischen Fragen und gesellschaftskritischen Thesen Peter Br\u00fcckners h\u00e4tten sich vertiefen lassen. Daf\u00fcr bietet der f\u00fcr zwei Stunden abgedunkelte Kinosaal schlechte Voraussetzungen. (Die DVD soll in Herbst erscheinen. Sie erst erm\u00f6glicht erst dem Betrachter, zu springen und zu wiederholen). Dem \u00fcberwiegend ergrauten Publikum in der Vorstellung m\u00f6gen aber wie mir eine Menge Assoziationen und eigene Erinnerungen aufgestiegen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch komische Bilder werden evoziert, etwa die kleine &#8218;Kommune&#8216; in der vom Professor angemieteten Wohnung\u00a0 &#8218;Zentrapo&#8216;, worin viel Papier produziert und neben &#8218;freier Liebe&#8216;\u00a0 &#8218;Kritik-Selbstkritik&#8216; ge\u00fcbt wurde, vor-feministisch. Selbstverst\u00e4ndlich war das alles Mist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Biografie des &#8218;verlorenen Kindes&#8216; und vom Leben geformten egozentrischen Erwachsenen Peter Br\u00fcckner hat mich st\u00e4rker ber\u00fchrt, auch seine Suche nach einer Frau, &#8218;die sich meiner annimmt&#8216;. &#8218;Die Tr\u00e4ume von der gro\u00dfen politischen Familie&#8216; zerplatzten ja schnell. Bereits ihre sogenannte &#8218;Organisationsphase&#8216; war eine Zeit erbittert ausgefochtener Spaltungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00f6ffentliche Seite des Peter Br\u00fcckner war von einer geradezu lebensbedrohlichen Dramatik. Vor allem die letzte Phase liefert eine Spannung, die niemand gut aush\u00e4lt: abwechselnd und gleichzeitig &#8218;Deutscher Universit\u00e4tsprofessor&#8216; und &#8218;anarchistische&#8216; Unperson zu sein, die (mit einem modernen Ausdruck) bereits als &#8218;Gef\u00e4hrder&#8216; behandelt wird. Die Undenkfigur der &#8218;Kontaktschuld&#8216; (&#8218;Schuld&#8216; durch Kontakt) entstand auch damals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei machte Peter Br\u00fcckner die Erfahrung vieler Individuen, die durch\u00a0 &#8218;1968&#8216; sozialisiert &#8211; oder ein weiteres Mal sozialisiert &#8211; wurden: &#8218;Die Erfahrung, dass man verlieren kann!&#8216; Das geh\u00f6rte eben nicht zum optimistischen Programm, auch wenn ein Blick in die Welt schon damals\u00a0 immer mehr Verlierer zeigte: in Brasilien, Argentinien, Chile, Portugal, China, Nicaragua &#8230;. Und danach erst! Und erst heute!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">+<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Einladung des\u00a0 <a href=\"http:\/\/naxos-kino.org\/\" target=\"_blank\">NAXOS.KINO<\/a>, Frankfurt\/Main<\/strong><\/p>\n<p><em>Liebe Freundinnen und Freunde\u00a0 vom Naxos.Kino,<\/em><\/p>\n<p><em>am n\u00e4chsten Dienstag wird es spannend f\u00fcr die &#8217;68er Generation, aber auch f\u00fcr die junge Generation: mit Hilfe des Filmes von Simon Br\u00fcckner lernen Sie die Beweggr\u00fcnde Ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern. Peter Br\u00fcckner war eines der Idole von 1968. Sein Sohn Simon, der noch ein Kind war, als sein Vater starb, hat sich mit dem zeitlichen Abstand von rund 45 Jahren darangemacht, das Leben seines Vaters zu ergr\u00fcnden und zu verstehen. Dieses Werk ist gut gelungen!<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><strong><em>Dienstag, 5. Juli 2016 um 19.30 Uhr:<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Aus dem Abseits &#8211; Dokumentarfilm \u00fcber Professor Peter Br\u00fcckner<\/em><\/strong><em>\u00a0 <\/em><strong><em>von Simon Br\u00fcckner\u00a0 <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0Heute erinnert sich kaum noch jemand an Peter Br\u00fcckner<\/em>.<em> Dabei war er einmal der aufregendste Professor der Republik. Der Staat warf ihn aus der Uni, weil er Ulrike Meinhof bei sich n\u00e4chtigen lie\u00df, die RAF \u201everbot\u201c sein Buch, weil er den bewaffneten Kampf gegen das System falsch fand. Als er 1982 starb, war sein j\u00fcngster Sohn Simon, der Macher dieses Films, gerade vier und hatte bei Beginn seines Doku-Projektes kaum eigene Erinnerungen an seinen Vater.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><em>Der st\u00e4ndig gebrochene Umgang mit der Chronologie macht die Suche nach Peter Br\u00fcckner zum Abenteuer. Erst sehen wir ihn als \u00a0\u201eVater der Apo\u201c, dann als vaterloses Kind auf einem Nazi-Internat. Dort wird er als \u201eHalbjude\u201c relegiert, wird Wehrmachtssoldat und hilft in \u00d6sterreich Kommunisten. Dann sehen wir ihn als b\u00fcrgerlichen Marktforscher in der BRD und weit reisenden Familienmenschen. Gleich danach taucht der Linkstheoretiker auf, der die Idee der Kommune miterfindet, das gute Leben sch\u00e4tzt und seine Frauen \u00fcberfordert..<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Das Lebensbild, das Br\u00fcckners j\u00fcngster Sohn Simon in seinem Film \u201eAus dem Abseits\u201c vom Vater zeichnet, spiegelt in hervorragender Weise auch die Zerst\u00f6rungen und Aufbr\u00fcche dieses Jahrhunderts wieder \u2013 getreu der Devise Peter Br\u00fcckners, dass es f\u00fcr den einzelnen darauf ankomme, Geschichte und Lebensgeschichte in Einklang zu bringen. Simon Br\u00fcckner zeigt die Stationen des zuweilen absch\u00fcssigen Weges, den sein Vater gegangen ist: als privater und als politischer Mensch. Und er \u00f6ffnet durch seinen pers\u00f6nlichen Zugang zugleich den Blick auf ein St\u00fcck \u201eabseitiger\u201c, verschwiegener Geschichte Deutschlands. Eines Menschen, der trotz seiner Sehnsucht nach Geborgenheit auf der Suche nach Freiheit war. Einer Freiheit, die stets ihren Preis hatte.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Zum Filmgespr\u00e4ch erwarten wir den<strong> Regisseur Simon Br\u00fcckner<\/strong><\/em><em>,<strong> Heike Weiss<\/strong><\/em><em> (ehemals \u201ePflasterstein\u201c) und<strong> Bruno Piberhofer<\/strong><\/em><em> (Ex-Herausgeber \u201eLISTEN\u201c).\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Moderation:<strong> Wolf Lindner<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer waren\u00a0 sie denn &#8211; ich nenne nur Marcuse, Dutschke, Krahl, Enzensberger &#8211; dieser ganze bunte Haufen selbsternannter F\u00fchrer, Berater, Kommentatoren, Vork\u00e4mpfer und\u00a0 neu zu entdeckender &#8218;V\u00e4ter&#8216;? Man sa\u00df ihnen and\u00e4chtig zu F\u00fc\u00dfen, so wie das noch \u00fcblich war. Erst sp\u00e4ter hat sich der Nebel gelichtet. 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