{"id":4646,"date":"2016-06-05T20:20:23","date_gmt":"2016-06-05T19:20:23","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4646"},"modified":"2016-06-08T09:49:09","modified_gmt":"2016-06-08T08:49:09","slug":"eine-seite-zu-ozu-spaeter-fruehling-1949","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4646","title":{"rendered":"Eine Seite zu : Ozu &#8211; Sp\u00e4ter Fr\u00fchling (1949)"},"content":{"rendered":"<p>Den Film anthropologisch lesen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ozu_Yasujir%C5%8D\">Yasujir\u00f4 Ozu<\/a> verweigert uns jede Innensicht. \u00c4u\u00dferungen darf man kein Vertrauen schenken. Auch die Undurchdringlichkeit der komplexen Lage f\u00fcr den ausgeschlossenen Beobachter geh\u00f6rt dazu. Also Hinschauen, hinh\u00f6ren und kombinieren. Wir m\u00fcssen wir uns an das gegebene Informationsmaterial halten, wie KK wiederholt betont. Zeit hat der Zuschauer reichlich.<!--more--><\/p>\n<p>Ozu inszeniert doppelb\u00f6dig. Traditionelle Fassade wird gezeigt \u2013 konventionell, f\u00fcr mich eine ganz dicke Schutzschicht \u00fcber der frischen Wunde des traumatischen Krieges und \u00fcber der Nachkriegsszenerie. Nur Andeutungen scheinen n\u00f6tig und erlaubt. So wurde der Film ein Erfolg unter den Japanern. In der Introduktion k\u00f6nnen die Teezeremonie der Frauen und die m\u00e4nnliche Schreibarbeit in einer eines Samurai w\u00fcrdigen Haltung f\u00fcr Stagnation und kulturelle Schockstarre stehen. Auf die Szenen reagiere ich emp\u00f6rt angesichts der Informationen \u00fcber die Verbrechen und Leiden der Japaner. \u2013 Ozu selber war Soldat im chinesischen Kriegsgebiet, an Brutalit\u00e4t nur mit der deutschen Ostfront vergleichbar.<\/p>\n<p>Eine Story vor dem Hintergrund der geschlagenen und dezimierten M\u00e4nnergeneration. Einen der \u00dcberlebenden f\u00fcr die Tochter\u00a0 an Land zu ziehen, erscheint als Familienobsession. Uns \u00fcberrascht die Schroffheit, in der Verwandte und Freunde ihr moralisches und soziales Urteil \u00fcbermitteln. Ich erkl\u00e4re das mit der R\u00fcckenst\u00e4rkung durch sozialen Normen. Auf die Widerstrebende geht von mehreren Seiten ein Trommelfeuer nieder, wohin sie sich auch Hilfe suchend\u00a0 wendet. Die beste Freundin oder der geliebte Vater lassen gleich gerichtete Sprechblasen ab. Das \u201aGl\u00fcck\u2019 wird zum Spielball rhetorischer Figuren, als ob es nur dazu erfunden w\u00e4re. Der Vater spricht aus, dass man selbst \u2013 der Schmied seines eigenen Gl\u00fccks sei \u2013 unter den auferlegten Bedingungen. Onkel und Freundin sind Beispiele daf\u00fcr \u2013 ich muss dabei an meinen lebenslustigen Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits denken &#8211; aber Vater und Tochter bei Ozu erweisen sich als unf\u00e4hig dazu. \u201aL\u00fcgen\u2019 erlauben sie sich nicht. Am Ende kommt es allen nur noch auf die formelle Zustimmung des Opfers an, als ob man dem (zu gro\u00dfen Teilen importierten) Zivilgesetzbuch gehorchen wollte.<\/p>\n<p>Es gibt keine Erl\u00f6sung vom Taktieren und seinen Konsequenzen. Die Protagonistin, \u00fcber deren Leben in den siebenundzwanzig Jahren zuvor wir kaum etwas erfahren, wird zuerst Opfer des geliebten Mannes, der ein doppeltes Spiel treibt und sich f\u00fcr eine &#8211; sicher\u00a0 arrangierte &#8211; Heirat mit einer anderen jungen Frau entscheidet. Die fortdauernde N\u00e4he zum verwitweten Vater wird zur Sackgasse. Die &#8218;Freundin&#8216;, eine &#8218;moderne&#8216; geschiedene und arbeitende Frau, pers\u00f6nlich frei, macht sich am Ende an den mit 56 vielleicht doch nicht \u201azu alten\u2019 Vater heran. Eine vielleicht ins Auge gefasste Witwe zieht die k\u00fcrzere.<\/p>\n<p>Von vitalen Interessen eines traditionellen Familienverbandes kann nicht mehr die Rede sein. Wieso also eine \u201aarrangierte Ehe\u2019 durchpauken, die niemand braucht, mit Argumenten aus vergangenen Zeiten? Fragt uns das auch Ozu?<\/p>\n<p>Wir sahen gestern ein Feature \u00fcber die Rolle westlicher E-Musik, speziell der Geige, in Taiwan. Auch bei Ozu ist ein Violinkonzert f\u00fcr tiefe, versch\u00fcttete Emotion zust\u00e4ndig. Auch weite Strecken des Films sind von solchen Emotions-Emulgatoren getragen. Das passt f\u00fcr mich \u00fcbrigens eher zum Angeh\u00f6rigen der kommerziellen Shochiku-Filmgesellschaft als zum \u201aMeisterregisseur\u2019.<\/p>\n<p>\u201aDoppelb\u00f6digkeiten\u2019 in der Komposition machen f\u00fcr mich noch keinen gro\u00dfen Film. Mir ist der Film zu h\u00f6flich und voller R\u00fccksichtnahmen auf m\u00f6gliche Emfindlichkeiten im Lande. Die \u201aklassische\u2019 Positionierung der Kamera ist dann vielleicht sogar eine traditionalistische, ja nationalistische Pose. Die Kriegsverbrecher blieben in Japan noch krasser als im Nachkriegsdeutschland selbstverst\u00e4ndlicher Teil der \u201aVolksgemeinschaft\u2019\u201a ihre Verbrechen nach innen und au\u00dfen wurden geleugnet. Ein Film der den \u201aZusammenbruch\u2019 nicht nur darstellt, sondern in sich verk\u00f6rpert?\u00a0 &#8211;\u00a0 Doch was n\u00fctzt das Moralisieren. Wieviel haben &#8218;wir&#8216; mit Japan \u00fcberhaupt gemeinsam?\u00a0 Immerhin war Kon Ichikawa (*1915) zw\u00f6lf Jahre j\u00fcnger, der Regisseur, der in \u201aNobi\u2019 (1959) z.B. den erzwungenen Kannibalismus in der besiegten Armee thematisierte, was mich zu der Zeit sehr beeindruckte. Ob ich diesen Eindruck noch einmal \u00fcberpr\u00fcfen kann?<\/p>\n<p>P.S.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 So kann es einem mit Filmklassikern nach l\u00e4nger Zeit\u00a0 gehen.<\/p>\n<p>4.3.\/5.6.2016<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Film anthropologisch lesen. Yasujir\u00f4 Ozu verweigert uns jede Innensicht. \u00c4u\u00dferungen darf man kein Vertrauen schenken. Auch die Undurchdringlichkeit der komplexen Lage f\u00fcr den ausgeschlossenen Beobachter geh\u00f6rt dazu. Also Hinschauen, hinh\u00f6ren und kombinieren. Wir m\u00fcssen wir uns an das gegebene Informationsmaterial halten, wie KK wiederholt betont. 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