{"id":4584,"date":"2016-05-31T19:55:41","date_gmt":"2016-05-31T18:55:41","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4584"},"modified":"2020-05-22T20:36:27","modified_gmt":"2020-05-22T18:36:27","slug":"gnadenbrot-fuer-ein-himmlisches-huhn-yoruba","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4584","title":{"rendered":"Asyl f\u00fcr ein himmlisches Huhn (Yoruba)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Klarstellung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jeder Sammlung gibt es St\u00fccke, die seit Jahren auf der Abschussliste stehen oder solche, deren Historie und emotionale Bindung ihren materiell vorhandenen K\u00f6rper \u00fcberwuchern, <!--more-->ganz abgesehen von der Legion an Kandidaten, die in Magazinen, Garagen, auf M\u00e4rkten und Galerien lagern und h\u00f6chstens hoffen d\u00fcrfen, irgendwann doch bei jemandem unterzukommen. Da sie geeignet sind, das Image eines Sammlers bei seinesgleichen zu besch\u00e4digen, wird \u00fcber sie nichts ver\u00f6ffentlicht. Schlimm genug, wenn der Besucher sie aus ihrer Ecke hervorzieht und einen zu Erkl\u00e4rungen n\u00f6tigt. Die Deckelschale von den Yoruba ist ein solches St\u00fcck. H\u00e4tte ich nur nie die dazugeh\u00f6rige traditionelle Erz\u00e4hlung vernommen! Ein Nachbesitzer wird gewiss nur den mit einer Figur geschm\u00fcckten Deckel aufbewahren. Dann l\u00e4sst sich wenigstens von einem \u201apassenden\u2019 Unterteil tr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3536.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-4586 size-large\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3536-900x675.jpg\" alt=\"Yoruba Huhn IMG_3536\" width=\"625\" height=\"469\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3536-900x675.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3536-360x270.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3536-624x468.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3536.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Beschreibung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stumpfe, fleckige, undefinierbar braune Oberfl\u00e4che. Die Aufstellung und das Alter sind gar keine Frage: Es stand \u00fcber Jahre ungesch\u00fctzt auf dem Erdboden. Kleinere Fra\u00dfstellen und -l\u00f6cher vor allem innen und an der Bodenfl\u00e4che. Nichts Gro\u00dfartigess, keine pl\u00f6tzliche Ablage mit b\u00f6ser \u00dcberraschung. Sch\u00fcssel und Deckel sind innen wie au\u00dfen gleich \u201aschmutzig\u2019. Mit den Jahren sind alle R\u00e4nder und vorspringenden Ecken besto\u00dfen und sogar gerundet worden. Dort ist dann das helle Weichholz sichtbar. Nass geworden ist das St\u00fcck auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem entspricht die Bearbeitung. Der Bau der Schale ist ausnehmend stabil, an keiner Stelle misst die Wand weniger als zwei Zentimeter. Die Form ist stimmig, der Schmuck ist bescheiden, aber angemessen. Die Deckelform passt in keiner Stellung vollkommen auf die Schale, ihr Rand ist jedoch bemerkenswert d\u00fcnn, elegant. Das Flachrelief auf der Schale mit geometrischen Ritzungen \u2013 vier vollst\u00e4ndigen Rhomben, durch vier mit aufgesetzten Dreiecken verst\u00e4rkten B\u00e4ndern verbunden \u2013 passt formal zu der Szene auf dem Deckel, einer minimalistischen Vogelgestalt in einem Kreis mit zehn vorspringenden Zacken \u00fcber vierzehn Halbmonden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ma\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6he: Topf 12 cm\u00a0\u00a0 Gesamt- 22 cm Durchmesser: 28-29 cm<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erwerb<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Kauf im M\u00e4rz 1997 in der h\u00e4uslichen Galerie von K. sammelte ich noch den heraus fallenden \u201aauthentischen\u2019 Dreck in einer leeren Filmdose. Man wei\u00df ja nie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine erste Verortung war die K\u00fcche der Yoruba-Frau: \u201a<em>Ein solider Deckeltopf von 29 cm Durchmesser und 2-3 cm Wandst\u00e4rke. Der schwere und plastisch gearbeitete Holzdeckel ist gro\u00dfz\u00fcgig eingepasst f\u00fcr die h\u00e4ufige bequeme Bewegung. Die Symbolik des Deckels weist auf eine naheliegende Funktion: Eier sicher vor Bruch und diebischen Haustieren darin aufzubewahren.<\/em> (&#8230;) <em>K. hat das St\u00fcck von einem Yoruba-H\u00e4ndler und verweist auf deren H\u00fchner-Mythen. Hoffnung auf n\u00e4here Entschl\u00fcsselung der Herkunft macht er mir nicht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Erz\u00e4hlung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im schmalen <strong>Katalog \u201eOligue gue\u201c <\/strong><\/em><em>(S.20) <\/em><em>aus Freiburg steckt die L\u00f6sung:<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3534.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-4585\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3534-270x360.jpg\" alt=\"Yoruba Huhn Aufsicht IMG_3534\" width=\"270\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3534-270x360.jpg 270w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3534-675x900.jpg 675w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3534-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3534.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBei den Yoruba spielt das Huhn als Erscheinungsform der G\u00f6ttin <strong>Oduduwa<\/strong> eine besondere Rolle im Sch\u00f6pfungsmythos:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Oduduwa kam vom Himmel herab. Wasser bedeckte die Erde. Es gab keinen Platz zum Stehen. Sie leerte einen Beh\u00e4lter mit Erde auf das Wasser und setzte ein Huhn darauf aus, das als besonders gro\u00df und mit \u00fcbernat\u00fcrlichen Kr\u00e4ften ausgestattet beschrieben wird. Es begann zu scharren, verteilte die Erde und vergr\u00f6\u00dferte so die Fl\u00e4che trockenen Landes\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0(&#8230;)\u00a0 Und der offensichtliche Alltagsgebrauch des Topfes? \u2013 Dem gesch\u00e4tzten Haus- und Opfertier wird blo\u00df die ihm geb\u00fchrende Ehre erwiesen. <\/em>Schrieb ich 1997.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bewertungen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yoruba-Topf-Opon-Igede-AA-8-11974.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4588 size-large\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yoruba-Topf-Opon-Igede-AA-8-11974-900x410.jpg\" alt=\"Opon Igede, AA t.8-1,1974,23\" width=\"625\" height=\"285\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yoruba-Topf-Opon-Igede-AA-8-11974-900x410.jpg 900w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yoruba-Topf-Opon-Igede-AA-8-11974-360x164.jpg 360w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yoruba-Topf-Opon-Igede-AA-8-11974-624x284.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yoruba-Topf-Opon-Igede-AA-8-11974.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Opon Igede, AA t.8-1,1974,23<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann traf ich auf eine \u00e4hnliche Darstellung in gleicher Qualit\u00e4t in der Funktion als \u201eOPON IGEDE WITH BIRD HANDLE mit 45 cm (18\u2019\u2019) Durchmesser in <strong>African Arts, t.8-1<\/strong>, 1974, p.23, \u201aArt of the Ifa\u2019 zur Aufbewahrung von Palmn\u00fcssen f\u00fcr das Orakel \u2013 mit dem st\u00f6renden Unterschied einer Inneneinteilung. Die Verfasserin merkte aber die ungew\u00f6hnliche Gr\u00f6\u00dfe und die Einteilung f\u00fcr weitere zeremonielle <em>tools<\/em> eigens an, die in demselben <em>consecrated space<\/em> aufbewahrt werden k\u00f6nnten. Ich las auch, die N\u00fcsse sollten blo\u00df sauber bleiben. Und ein Set enthalte 16+1 Palmn\u00fcsse, bis zu 81 d\u00fcrfe der Wahrsager besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich traf auf komfortable, von einer Frauenfigur getragene Beh\u00e4lter, die hie\u00dfen <em>Agere<\/em> oder \u00e4hnlich. Sie konnten reich beschnitzt sein und von einem prominenten Handwerker stammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch ich sah auch \u2013 in\u00a0 &#8222;<strong>Secrecy in Africa Art<\/strong>\u201c (ed. Mary Nooter, Prestel 1994) \u2013 einen schlichten runden K\u00fcrbis, den man waagrecht in der Mitte durchschnitten hatte, und auf einem weiteren Feldfoto eine chinesische Emaillesch\u00fcssel, die von einem Teller bedeckt wurde. Der Begriff \u201aYoruba\u2019 hie\u00df f\u00fcr mich aber damals so uneingestanden wie selbstverst\u00e4ndlich: hohe handwerkliche Qualit\u00e4t. Das war mir nun zu komplex und ich lie\u00df die weitere Kl\u00e4rung f\u00fcr ein paar lange Jahre ruhen. Inzwischen habe ich so viele \u201ad\u00f6rfliche\u2019 Objekte gesehen! \u00c4sthetische Qualit\u00e4t ist relativ. Und die Verwendung: Ob Eiertopf oder Palmnussbeh\u00e4lter f\u00fcr den Wahrsager \u2013 ist nicht beides Alltag im Yorubaland?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei l\u00e4ngerer Betrachtung des schlichten h\u00f6lzernen Topfes treten die \u00e4sthetischen Qualit\u00e4ten<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3531.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-4587\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3531-270x360.jpg\" alt=\"Yoruba Huhn IMG_3531\" width=\"270\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3531-270x360.jpg 270w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3531-675x900.jpg 675w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3531-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_3531.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a> hervor, etwa die unauff\u00e4llige Plastizit\u00e4t. Auch die \u201arealistische\u2019 Gestaltung kommt zur Geltung. Das Huhn scheint schon deshalb im Untergrund zu versinken, weil es scharrt und dabei die Fl\u00fcgel etwas abgespreizt h\u00e4lt. Die F\u00fc\u00dfe sind hinten sichtbar. Um es herum erhebt sich Staub in Form dreier eingeritzter Kreise. Die Erde spritzt zur Seite : Zacken. Das Huhn arbeitet bereits auf einem H\u00fcgel, der durch viele kleine Halbmonde vom Wasser &#8211; zwei \u00e4u\u00dfere Kreislinien \u2013 geschieden ist. Ganz zum Schluss f\u00e4llt mir auf, dass ein etwas kleinerer runder Sockel die Deckelschale optisch vom Boden abhebt. Bewertung? Unverk\u00e4uflich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klarstellung In jeder Sammlung gibt es St\u00fccke, die seit Jahren auf der Abschussliste stehen oder solche, deren Historie und emotionale Bindung ihren materiell vorhandenen K\u00f6rper \u00fcberwuchern,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[189],"tags":[],"class_list":["post-4584","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-westafrika"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4584","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4584"}],"version-history":[{"count":9,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4584\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4607,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4584\/revisions\/4607"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4584"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4584"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4584"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}