{"id":4445,"date":"2016-05-27T00:49:08","date_gmt":"2016-05-26T23:49:08","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4445"},"modified":"2024-02-12T12:32:55","modified_gmt":"2024-02-12T11:32:55","slug":"allan-macgaffey-und-die-fetische-im-exil","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4445","title":{"rendered":"Wyatt MacGaffey und die &#8218;Fetische&#8216; aus dem Mayombe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">\u00a0&#8218;Kunst&#8216; und &#8218;Fetisch&#8216; Alles eins? &#8211; Bedeutung und \u00c4sthetik in der Kongo-Kunst. <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8218;<em>Meaning and Aesthetics in Kongo Art<\/em>&#8218; &#8211; <\/strong>Auf acht Druckseiten\u00a0 in <strong>\u201a<em>Kongo \u2013 Across the Waters<\/em>\u2019, <\/strong>ed. S.Cooksey, Florida 2013 formuliert <strong>Wyatt MacGaffey <\/strong>seinen Standpunkt pr\u00e4gnant und detailreich. Er begr\u00fcndet seine Position auf \u00fcber hundertvierzig Jahren Rezeption auf zwei Kontinenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Paradigmenwechsel nach 1960, obwohl nach 1968 \u201abesonders in den USA\u2019\u00a0 stecken geblieben in der Idealisierung afrikanischer \u201aSpiritualit\u00e4t\u2019, habe eine \u201atheoretische Revision\u2019 erm\u00f6glicht, welche die Wahrnehmung neu organisiere und zwar so, dass wir sehen und f\u00fchlen, was \u201aUneingeweihte\u2019 eigentlich nicht wahrnehmen. (178)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MacGaffey sieht im Paradigmenwechsel nicht einfach einen Wandel des \u00e4sthetischen Geschmacks. Es geht f\u00fcr ihn um das Recht der Afrikaner, \u201aals normale menschliche Wesen wahrgenommen und verstanden zu werden\u2019, hier in der Beurteilung ihrer \u201aFetische\u2019. Die sollen als (sozial)technische Hilfsmittel verstanden werden, die zwar auf irrigen Annahmen \u00fcber ihre Wirkmechanismen beruhen,\u00a0 aber deshalb weder &#8218;irrational&#8216;, noch &#8218;religi\u00f6s&#8216; oder &#8217;spirituell&#8216; seien. \u201aIrrtum allein begr\u00fcndet noch nicht \u201aReligion\u2019. Vor allem brauche er\u00a0 &#8218;keine Entschuldigung in besch\u00f6nigenden Worten\u2019 (178).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber\u00a0 Jahrzehnte hat MacGaffey rund zwanzigtausend Seiten Texte in Kikongo studiert, in denen vor allem Katecheten des \u201a<em>Svenska Missionsf\u00f6rbundet, SMV,<\/em>\u2019 auf Veranlassung des Missionars und Ethnographen Karl Laman nach 1900 das &#8218;traditionelle&#8216; Leben ihrer Heimat beschrieben haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zitiert einige Anekdoten, die \u00c4sthetik und Bedeutung der \u201aFetische\u2019 verbinden. Dabei wird klar, dass vor allem\u00a0 strukturell Parallelen zwischen Fetisch und Kunstwerk bestehen. Dieser ist \u201aals Kunstwerk\u2019 in seiner urspr\u00fcnglichen Funktion zwar \u201atot\u2019 \u2013 man nennt das \u201adesakralisiert\u2019 \u2013 aber noch immer wirksam. MacGaffey&#8217;s Kollegin <strong>Alisa LaGamma<\/strong> hat die \u00e4sthetische Kraft (\u201a<em>power<\/em>\u2019) eines erstklassigen Nagelfetisch so auf den Punkt gebracht: \u201a<em>Its commanding presence assaults the viewer and demands a response<\/em>\u2019 (Zitat a.a.O. 176) auf Deutsch etwa: Seine beherrschende Gegenwart springt dich an und fordert eine Reaktion\u2019. Jeder Fetisch der Bakongo war ein Unikat, das sich bereits zu seiner Zeit auf dem Markt beim Kunden durchsetzen musste, genauer: als Schnitzwerk <span style=\"text-decoration: underline;\">vor<\/span> seiner magischen Aktivierung. LaGamma erz\u00e4hlt auch von einem \u00e4u\u00dferst wirksamen Fetisch, der auf einer Tournee zu Bruch ging. Der\u00a0<em>nganga <\/em>(Zauberer) lie\u00df eine Replik anfertigen, &#8218;weihte&#8216; sie und hatte auch mit ihr Erfolg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sammler sollte sich also nicht auf Typenmerkmale und Provenienz verlassen, sondern sich fragen, ob das St\u00fcck noch etwas davon hat, was einmal Respekt und vielleicht Angst einfl\u00f6\u00dfte (MacG: &#8218;awesome\u2019). Die Demontage des Fetisch kann zum Beispiel schon zu weit getrieben worden sein. Dann ist er bereits auf das bedeutungslose \u201aHalbprodukt\u2019 reduziert, das er in der Werkstatt oder auf dem Markt war. Es sei denn, die Skulptur war bereits zu diesem Zeitpunkt ein fesselndes Kunstwerk, das \u00fcberall auf der Welt seinen Weg machen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch katalogisierte Bedeutungen von magischen Zus\u00e4tzen k\u00f6nnen irref\u00fchren. Dieses Vermarktungskonzept entstammt unserer modernen Warenproduktion. Der tats\u00e4chlichen &#8218;Kraft &#8218; konnte man sich bei keinem Ensemble sicher sein. Sie musste sich beweisen. Jeder \u201aFetisch\u2019 war ein \u00e4sthetisch-soziales Experiment, &#8218;Fetische&#8216; im Allgemeinen ein Experimentierfeld. Was in der Wirkung entt\u00e4uschte, wurde au\u00dfer Dienst gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Region Mayumbe und vielleicht sogar die Werkstatt, in der das halbe Dutzend meiner im<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_1986-Ndubi.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-4867\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_1986-Ndubi-270x360.jpg\" alt=\"IMG_1986 Ndubi\" width=\"270\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_1986-Ndubi-270x360.jpg 270w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_1986-Ndubi-675x900.jpg 675w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_1986-Ndubi-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/IMG_1986-Ndubi.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a> letzten Jahr erworbenen Figuren entstanden ist, arbeitete mit ausdrucksvollen Gesichtern, die in den M\u00fcndern ihren dramatischen H\u00f6hepunkt erreichten. Meine Figuren sind heute ziemlich schmucklos. Und anstelle einer galerietypischen ansprechenden Patina stellen sie die Wunden aus, die ihnen Holzsch\u00e4dlinge und Klima geschlagen haben. W.L.: Sie wurden gebraucht und verbraucht, das waren keine Erbst\u00fccke, und das sieht man ihnen an. Genau das aber mag\u00a0 die Pl\u00fcnderung und Missachtung , die sie bei Au\u00dferdienststellung erlitten, f\u00fcr ihren zweiten Wirkungskreis als Kunstwerk \u00e4sthetisch kompensiert haben. Blick und wulstige Lippen springen uns mehr denn je an, sie schreien. Die \u201aflehende\u2019 Mutter und ihr Kind ziehen die Blicke der Passanten auf sich wie am ersten Tag. Der blinde Spiegel meines \u201aNdubi\u2019 l\u00e4sst sein zerst\u00f6rtes Innenleben ahnen. Die hechelnd grinsenden Nagelhunde sind ein eigenes Kapitel. Alle sind auch jetzt \u201azum F\u00fcrchten\u2019. Man h\u00e4lt besser Abstand.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 26.2.-27.5.2016<\/p>\n<div id=\"attachment_4454\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yombe-MaterniteIMG_2991.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4454\" class=\"size-large wp-image-4454\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yombe-MaterniteIMG_2991-675x900.jpg\" alt=\"24.10.2015 \" width=\"625\" height=\"833\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yombe-MaterniteIMG_2991-675x900.jpg 675w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yombe-MaterniteIMG_2991-270x360.jpg 270w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yombe-MaterniteIMG_2991-624x832.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Yombe-MaterniteIMG_2991.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4454\" class=\"wp-caption-text\">24.10.2015<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0&#8218;Kunst&#8216; und &#8218;Fetisch&#8216; Alles eins? &#8211; Bedeutung und \u00c4sthetik in der Kongo-Kunst.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[216,256,269],"tags":[],"class_list":["post-4445","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrikanische-aesthetik","category-minkisi-projekt-loango-mayombe","category-wyatt-macgaffey"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4445","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4445"}],"version-history":[{"count":15,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4445\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13440,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4445\/revisions\/13440"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}