{"id":4251,"date":"2016-05-13T19:33:03","date_gmt":"2016-05-13T18:33:03","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4251"},"modified":"2024-02-12T12:23:28","modified_gmt":"2024-02-12T11:23:28","slug":"kommerz-abhaengige-und-despoten-der-untere-kongo-19-jh","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4251","title":{"rendered":"Sklaven, H\u00e4ndler und Despoten &#8211; Bas Congo im 19. Jh."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201a<em>Kongo Slavery Remembered by Themselves<\/em>\u2019 von Wyatt MacGaffey, <\/strong><strong> erschienen <\/strong><strong>2008 im The International Journal of African Historical Studies (vol. 41, no.1 2008, pp.55-76) an der Boston University.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Titel \u201a<em>Sklaverei unter den BaKongo von ihnen selbst erinnert\u2019<\/em> k\u00f6nnte historische Erlebnisberichte erwarten lassen, es geht jedoch um den Wandel gesellschaftlicher Strukturen und ihrer sozialen Mechanismen.<!--more--> Wir erfahren, wie die sozialen Beziehungen unter \u00e4u\u00dferem Einfluss sich kommerzialisierten, sodass das Leben der BaKongo sich bereits vor der kolonialen Eroberung schleichend aber radikal ver\u00e4nderte. Die Formulierung <em>Remembered by Themselves<\/em> bezieht sich auf die Quellen der Studie, in der MacGaffey ein weiteres Mal die Antworten afrikanischer Katecheten um 1915 auf den Fragenkatalog des Missionars und Ethnologen Karl Laman im Original (Kikongo) auswertet. Der Vorzug solcher zeitnaher Niederschriften m\u00fcndlicher \u00dcberlieferung liegen auf der Hand.<br \/>\nAlle Textausz\u00fcge aus der sehr kompakten Studie habe ich aus dem Englischen \u00fcbersetzt, wichtige im Original (rot) angef\u00fcgt. Weitere Facetten der Situation, etwa der Atlantikhandel, lasse ich au\u00dfen vor. So bald wie m\u00f6glich werden die verschiedenen Themenartikel untereinander verlinkt.<br \/>\nWenn man sich in die Kolonialliteratur vertieft, die gut verwahrt in akademischen Bibliotheken liegt &#8211; neuerdings aber im Netz \u00f6ffentlich gemacht wird &#8211; \u00fcberkommt einen das Grausen. Wohl nie war die fremde Welt f\u00fcr Europ\u00e4er h\u00e4sslicher, zugleich verschlossener und bedrohlicher als damals. Darin werden nicht nur tiefes Unverst\u00e4ndnis und interessengesteuerte Verblendung der \u00d6ffentlichkeit sichtbar. Doch ganz das war nicht alles. Die Welt des unteren Kongo war bereits zu Beginn der erzwungenen Kolonialisierung in einem erb\u00e4rmlichen Zustand. Der Handel mit den Fremden an den K\u00fcsten hatte bereits die Gesellschaften am Kongo tiefgreifend ver\u00e4ndert, hatte Verhaltensmuster ausgebildet, die sich noch heute in der politischen Kultur der R\u00e9publique Democratique Congo \u00fcbel auswirken.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Ausgangsthese des Autors<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>F\u00fcr die zweite H\u00e4lfte des neunzehnten Jahrhunderts beschreiben die Texte eine Gesellschaft, die durch einen erbarmungslos kommerziellen Geist und durch eine despotische Alleinherrschaft der \u00c4ltesten charakterisiert war. (&#8230;.) Die Intensit\u00e4t der gesch\u00e4ftlichen Aktivit\u00e4t in jener Zeit wurde m\u00f6glich durch die Rolle der BaKongo als Mittelsm\u00e4nner im Handel zwischen dem Inneren Afrikas und der Atlantikk\u00fcste. Im Endeffekt zahlten sie f\u00fcr alle Importg\u00fcter mit Elfenbein und vor allem Sklaven, sowohl ihren eigenen Leuten als auch solchen, die sie aus dem Hinterland vermittelten. Ohne den Atlantikhandel h\u00e4tte es nur die lokale Handelst\u00e4tigkeit gegeben, aber durch den Verkauf von Nahrungsmitteln und handwerklichen Erzeugnissen konnten Gemeinden nicht hoffen, reich zu werden.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">The texts describe, for the last half of the nineteenth century, a society characterized by a fiercely commercial spirit and by the autocratic power of elders. (&#8230;)<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\"> The intense commercial activity of the period was enabled by the role of the BaKongo as middlemen in the trade between the interior and the Atlantic coast. Ultimately, they paid for all the goods they imported by selling ivory and, above all, slaves, both their own people and those they conveyed from further inland. Without the Atlantic trade, there would have been local commerce, but communities could not hope to become wealty by selling foodstuffs and handicrafts. (&#8230;)<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\"> At the coast , and on the routes toward it, the buying and selling of slaves was entirely commercial; (&#8230;)(57)<\/span><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Wie wirkte sich der Atlantikhandel auf die sozialen Beziehungen aus?<\/strong><\/h2>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong>MacGaffey:<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Oberh\u00e4upter der Abstammungslinie und die H\u00e4uptlinge von niederem Rang waren durch die Notwendigkeit der Absprache mit Gleichgestellten eingeschr\u00e4nkt, durch die M\u00f6glichkeit, dass ihnen die Untergebenen wegliefen und zweifellos manchmal durch v\u00e4terliche Impulse und die notwendige Bewahrung des sozialen Friedens. Hochrangige H\u00e4uptlinge und reiche M\u00e4nner waren jedoch Tyrannen und wurden als solche gepriesen. Sie sammelten Sklaven und andere Abh\u00e4ngige; vor allem von Sklaven wurde au\u00dfergew\u00f6hnlich stark Gebrauch gemacht. Wirklich gro\u00dfe Chefs wurden durch das T\u00f6ten von Sklaven ber\u00fchmt, sei es in kultischen Zusammenh\u00e4ngen oder schlicht, weil sie das konnten. F\u00fcr eine feierliche Inthronisierung von H\u00e4uptlingen im Mayombe-Gebiet musste der Kandidat <\/strong>(seinen ihm \u00fcbergeordneten \u00c4ltesten<strong>) zwischen zehn und drei\u00dfig Sklaven aush\u00e4ndigen. Die meisten \u00c4ltesten waren M\u00e4nner, aber Frauen konnten auch Sklaven besitzen und geringere Positionen einnehmen. Niemand jedoch war \u201afrei\u2019 im Sinne von Locke und seiner Nachfolger (<\/strong>also Eigent\u00fcmer \u00fcber sich selbst<strong>); die Freien unterschieden sich von Sklaven durch die gr\u00f6\u00dfere Zahl von Personen, denen sie durch eine formelle Beziehung verbunden waren und folglich in dem gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df an politischen Ressourcen. (56\/57)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Lineage heads and lesser chiefs were restraint by the need to negotiate with their peers, by the possibility that their subordinates would run away, and no doubt sometimes by paternal impulses and the need to keep the peace. High-ranking chiefs and wealthy men, however, were tyrants, celebrated as such. They accumulated slaves and other dependents; slaves in particular were items of conspicuous consumption, for those who could afford it. Really great chiefs became famous by killing slaves in either ritual contexts or simply because they could. Initiation to chiefly titles in Mayombe required the candidate to hand over from ten to thirty people as slaves. Most elders were men but women could own slaves and acceed to minor titles. No one, however, was \u201afree\u2019 in the sense imagined by Locke and his philosophical descendants; the free differed from slaves in the greater number of persons to whom they were formally related and therefore in the greater extent of their political ressources.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Im Prinzip wurde der soziale Status durch Geburt oder einen Akt der \u00dcbergabe festgelegt. In der Praxis, in einer Gesellschaft ohne Dokumente, war die soziale Position die eine Frage des durch die \u00f6ffentlichen Meinung und durch Gewaltanwendung unterst\u00fctzten oder auch, bestrittenen Anspruchs. Die \u201aFreien\u2019 waren diejenigen, die Alliierte mobilisieren konnten, um ihre Anspr\u00fcche durchzusetzen. Sogar freie Abstammungslinien gerieten vielleicht durch Krieg (eher als mittelalterliche \u201aPrivatfehde\u2019 zu verstehen!) oder zu hohen Aufwand f\u00fcr Rituale oder auferlegten Geldbu\u00dfen, die mehr durch die Machtbalance als durch unparteiisches Urteil auferlegt wurden, zunehmend in einem Zustand der Verarmung und der Versklavung \u2013 oder wurden zumindest reduziert auf den Status von Klienten<\/strong> (unter einem \u201aPatron\u2019 wie im alten Rom Plebeier unter einem Patrizier).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">In principle, one\u2019s social status was fixed by by birth or by an act of transfer. In practice, in a society, in a society without documents, social position was a matter of assertion supported, or perhaps contested, by public opinion and the use of force. The \u201cfree\u201c were those who could mobilize allies to make the assertions stick. Even free lineages might find themseves progressively impoverished and eventually enslaved (or at least reduced to client status) by warfare or its close associates, ritual erxpenditures and judicial fines, themselves determined more by the balance of power than by an impartial judge. (57)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Berichterstatter aus Mukimbungu erz\u00e4hlt einen solchen Konflikt zwischen einem erfolgreichen Klan und einem schw\u00e4chelnden Klan, der ihn nach Generationen wieder an seine angebliche Abh\u00e4ngigkeit erinnerte (71). Das war gerichtlich zu kl\u00e4ren zumal an manchen Orten Bewerber auf hohe H\u00e4uptlingsw\u00fcrden auf Mutters wie auf Vaters Seite \u201afreie\u2019 Vorfahren vorweisen mussten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manche Aspekte erinnern an die st\u00e4ndige Konkurrenz mittelalterlicher Adelsfamilien in Europa, so angema\u00dfte Stammb\u00e4ume bis hinunter zu C\u00e4sar oder Adam und Eva oder die vor der Durchsetzung eines Ewigen Landfriedens im 14.Jahrhunderts grassierenden Privatfehden. Doch dass Dokumente auch jederzeit gef\u00e4lscht werden konnten, wusste nicht erst Louis XIV.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Jeder konnte seine \u201aFreiheit\u2019 verlieren<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Menschen konnten ohne eigene Verfehlungen zu Sklaven werden oder gar als Sklaven verkauft werden, \u201ewenn der Klan in gro\u00dfen Schwierigkeiten war und auferlegte Strafen nicht bezahlen konnte, verkauften sie jemanden an jeden der Geld hatte. Manchmal w\u00e4hlte man einen, mit dem Klanmitglieder im Streit gelegen hatten\u201c (Kingoyi).<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">People might be sold or otherwise enslaved for no fault of their own. \u201cThey would sell someone if the clan was in a lot of trouble and had insufficient money to pay fines, than they would sell someone to anyone who had money. Sometimes the slave would be a person with whom other members of the clan had quarelled\u201c (Kingoyi).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fr\u00fcher stellten bei einem Gerichtsfall die Parteien Geiseln, M\u00e4nner wie Frauen. Nach dem Urteil wurden sie dem Gewinner des Prozesses oder Richtern \u00fcbergeben, solange bis der Verlierer sie ausl\u00f6ste \u2013 wenn er das \u00fcberhaupt wollte.<\/strong> Geiseln wurden aber auch f\u00fcr das Giftorakel benutzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">In time past, when there was a court case, the parties would put up sureties, <em>zintela<\/em>, men or women. When judgment was rendered, the hostage was handed over to the winner or to wardens, until the loser redeemed him \u2013 if he wanted to; (64)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wer immer Familie besa\u00df, konnte bei finanziellen Problemen ein Familienmitglied verkaufen. (62)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Wenn ein \u00c4ltester Geld ben\u00f6tigte und (beispielsweise) seine verheiratete Schwester verpf\u00e4nden wollte, deren Ehemann sich aber nicht in der Lage sah, seinem Schwiegervater Geld zu leihen, w\u00fcrde er sagen: Gib mir meine Schwester zur\u00fcck, damit ich sie verkaufen kann. Ich bin wirklich in Geldnot. Ich hab dich um ein Darlehen gebeten, aber du hast kein Geld. Deshalb pflegten die \u00c4ltesten zu sagen: Wenn du heiratest, sei reich; wenn du kein Geld hast, sei ein guter Rechtsanwalt. Viele M\u00e4nner litten brennende Scham: ihre Frauen und Kinder wurden ihnen von den Schwiegerv\u00e4tern weggenommen und verkauft, weil sie (ihnen) kein Geld geben konnten. (Mukimbungu) <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Whoever has family members may sell one of them, if he has fallen into difficulties. &#8230;. (62)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">\u201cIf an elder were in financial difficulties, needed money and wanted to pawn his sister (als Pfand, hier dem Schwiegersohn) but the husband had no money to lend to his (father-)in-law, he would say \u201aGive me back my sister that I may sell her, I\u2019m really short. I have asked for a loan, but you have no money. Therefore the elders used to say, If you marry, be wealthy; if you have no money, be a good lawyer. Many men felt the shame of their wives and children taken away by the in-laws and then sold, because they had no money to give\u201c (Mukimbungu). (63)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das mag vage an Schulstoff erinnern, an Solons Reformen vor zweieinhalbtausend Jahren im vorklassischen Athen, der die Schuldknechtschaft abschaffte, die sich unter der Kommerzialisierung einer nun exportorientierten Landwirtschaft (Oliven und Wein) stark entwickelt hatte, da der Adel seine tradierte patriarchalische Gro\u00dfz\u00fcgigkeit aufgab. Von Rechten der Schwiegerv\u00e4ter und Abstammungslinien (Klans) wei\u00df ich in diesem Kontext allerdings nichts.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Rituelle und andere Fallen f\u00fcr Unvorsichtige und Schwache<\/strong><\/h2>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Rituale schufen endlos viele M\u00f6glichkeiten, Unvorsichtige und Schwache zu versklaven. \u201eWenn eine Henne \u00fcber das Leopardenfell l\u00e4uft, auf dem der Markth\u00e4uptling sitzt, muss ihr Besitzer einen oder zwei Sklaven liefern.\u201c (Laman I,118 \u2013 64)<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Rituals provided endless opportunities to enslave the unwary and the weak. \u201cIf a hen runs over the leopardskin on which the market chief is sitting, the owner of the bird must forfeit one or two slaves.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wenn es keine Tabus g\u00e4be, wie w\u00fcrde der Zauberer (<em>nganga<\/em>) an Geld kommen? Die Verbote der H\u00e4uptlinge erf\u00fcllen denselben Zweck, sind aber schlimmer. Denn der Sch\u00e4nder kann angeklagt und get\u00f6tet oder mit einer Verm\u00f6gensstrafe belegt werden. Wer aber die Regeln des Zauberers bricht, braucht nichts zu tun, solange er die Krankheit <\/strong>(die ihm angedroht wurde)<strong> nicht in sich sp\u00fcrt\u201c (Mukimbungu). (64)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">\u201eIf there were no taboo there would be no way to get money (for the magician, nganga). The prohibitions of the chiefs are the same, but worse, since the violator can be accused and killed or fined by force, whereas one who breaks the nganga\u2019s rules need do nothing unless he falls ill\u201c (Mukimbungugu).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Ahnungslose mag beschuldigt werden, einen erfundenen Fetisch zu entweiht oder Nahrungsmittel gestohlen zu haben, die man nur zu diesem Zweck ausgelegt hat.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #ff0000;\">The unsuspecting might be accused of profaning a fake magical charm, or of stealing food, both having been put out for this purpose. (63)<\/span> <\/em><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Abh\u00e4ngige \u2013 Arbeitskr\u00e4fte, Garantie f\u00fcr Nachwuchs, Bauernopfer und Investition<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em>Zun\u00e4chst Mac Gaffey\u2019s Formel<em>: <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sklaven waren die grundlegende \u201akonvertible W\u00e4hrung\u2019, in der sich sowohl der heimische als auch der Atlantischen Kreislauf darstellen lie\u00df: ein Sklave konnte Einheit f\u00fcr die soziale Reproduktion sein wie auch profitable Handelsware.\u00a0<\/strong><em>(75) <\/em><strong>\u00a0<\/strong> (freie \u00dcbersetzung)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">Slaves, in short, were the basic \u2019convertible currency\u2019, articulating domestic and Atlantic circulation: a slave could be both a unit for social reproduction and a commodity to be bought and sold for gain.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kapitel \u201e<em>Prices<\/em>\u201c stehen dazu weitere Details: Man konnte Sklaven als Zins bringende Geldanlage behandeln, neben Huhn, Ziege, Schwein sozusagen als oberste Kategorie von Haustieren (\u201aLivestock\u2019) (65), man konnte sogar Anteile an Sklaven erwerben und diese wieder verkaufen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da geraten wir als Leser leicht in die altbekannte fruchtlose Emp\u00f6rung aus der Schulzeit, als die Institution der \u201aSklaverei\u2019 als Schandfleck an der ansonsten gepriesenen griechischen und r\u00f6mischen Antike verabscheut wurde, und erst Recht ihre ideologischen Rechtfertigungen, etwa bei Aristoteles.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie \u00fcberall dominieren soziale und \u00f6konomische Regeln die Lebenswirklichkeit, aber sie sind nicht einunddasselbe. Bei jedem Thema wird in den Berichten auf das Verhalten \u2013 bescheiden oder unversch\u00e4mt, einsichtig oder trotzig \u2013 eingegangen (z.B.67), von der Beliebtheit und den pers\u00f6nlichen Qualit\u00e4ten sollte das individuelle Schicksal \u00fcberhaupt weitgehend abh\u00e4ngen, ob es nun um Notverk\u00e4ufe, Stellung von Geiseln etwa f\u00fcr das Giftorakel in einem Prozess (71) oder ein rituelles Menschenopfer aus dem Kreis der Familie eines wichtigen H\u00e4uptlings ging. (68f.) &#8211; \u201a<strong>Wer hat denn das Geld f\u00fcr dich aufgebracht, deine eigenen Leute oder ich?<\/strong>\u2019 sollte sich der Abh\u00e4ngige im Konflikt mit seinem Herrn vor Augen f\u00fchren (67). Auch vom \u00f6konomischen Geschick des einzelnen Abh\u00e4ngigen ist die Rede und von der damit verbundenen Karriere im Dienst des Herren. (64) Die folgende Schilderung erinnert stark an Sklavenkarrieren im R\u00f6mischen Reich, dort sogar im kaiserlichen Verwaltungsapparat:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201e &#8230; so als ob Herr und Sklave in allem eins w\u00e4ren &#8230; Er w\u00fcrde \u201amayala\u2019, der \u201aManager\u2019 genannt werden, der Sohn seines Herrn, wenn er nur bescheiden, in \u00f6ffentlichen Angelegenheiten redegewandt und in seiner Pers\u00f6nlichkeit bewundernswert w\u00e4re. &#8230; Wenn der Besitzer stirbt, k\u00f6nnte er die Leitung der ganzen Gemeinde von ihm erben, er w\u00fcrde die Leute und das Verm\u00f6gen regieren, an dem Ort, wo er Sklave war. &#8230;\u201c (Diadia, 68)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">The slave becomes as if it were one with him in everything &#8230; He would be called Mayaala, \u201athe manager\u2019, the son of his master, if he were humble, eloquent in public affairs, and admirable in his personality. &#8230; If the one who bought him died, he might inherit leadership of the whole community, governing the people and the property in that place where he was a slave. &#8230; (Diadia,68)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Protestformen (69) und von der Flucht zu besseren Herren ist die Rede, vom Einsatz des Fetisch, um den zur R\u00fcckkehr zu zwingen, \u201e<strong>der sich selbst gestohlen\u201c<\/strong> hatte, und von den Regeln zur Begleichung des \u00f6konomischen Schadens durch den oder die neuen Eigent\u00fcmer&#8230; (69)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit fortschreitender Lekt\u00fcre werden mir die Verh\u00e4ltnisse immer un\u00fcbersichtlicher. Die Situation war auch nur von weitsichtigen Oberh\u00e4uptern zu \u00fcberblicken. Ob weitsichtig oder kurzsichtig, Klanchefs kontrollierten die ihrer Herrschaft Unterstellten absolut. Da wurden Br\u00e4ute durch eine zus\u00e4tzliche Geb\u00fchr als Sklavin gekauft, damit k\u00fcnftige Kinder nicht Mitglied ihres m\u00fctterlichen Klans wurden, sondern \u201aSklaven\u2019 des Vaters und seines Klans. Mancher Klan hielt sich einen ganzen \u201aillegitimen\u2019 Familienzweig, aus dem er \u201a<strong>endogame Ehepartner bezieht\u2019 \u2013 <em>\u201arichesses en \u00e9pouses gratuites<\/em><\/strong><strong>\u2019<\/strong>. Damit verpflichtete er sich nicht mit der Heirat einem fremden Klan, was die Norm der Exogamie forderte und was vor allem strategisch Sinn machte in einem <strong><em>\u2019deadly game of Monopoly<\/em><\/strong><em>\u2019 (72), <\/em>in welchem man st\u00e4ndig strategische Familienallianzen schmieden musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8230; Das st\u00e4ndige und einfach unvermeidliche Powerplay im konkurrierenden Personentransfer von einer Gruppe zur anderen duch Heirat, Kauf, zur Schuldenbegleichung, in Gerichtsprozessen und mit allerlei ritueller Fallenstellerei war in ganz Zentralafrika ziemlich gleich.<\/strong> (72)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MacGaffey stellt ein interessantes <strong>Zitat von Mary Douglas zu den <em>The Lele of Kasai<\/em><\/strong> in diesen Zusammenhang:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wenn so ein Spiel gespielt wird, kann keiner sich leisten, abseits zu bleiben. Jeder muss schnell sein, Beleidigungen wahrzunehmen und Verletzung eigener Rechte zu behaupten. Kein Sterbefall darf vor\u00fcbergehen, ohne jemandem die Verantwortung daf\u00fcr anzuh\u00e4ngen, der daf\u00fcr ein entsprechendes Bauernopfer(<\/strong>pawn)<strong> bringen kann. So ist immer einer da, der ein pers\u00f6nliches Interesse daran hat, auf eine definitive Verurteilung aufgrund einer Hexerei-Beschuldigung zu dr\u00e4ngen<\/strong> (1964,303 &#8211; zitiert 72). &#8211; Wer will da noch behaupten: Alle Afrikaner seien abergl\u00e4ubisch? Dem ist an anderer Stelle weiter nachzugehen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mac Gaffey f\u00e4hrt fort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sicherheit in diesem Wettbewerb hie\u00df, dass man Verb\u00fcndete zur Unterst\u00fctzung rufen konnte, die Blutverwandte waren oder verwandt durch Heirat oder Heirat von Vorfahren. Ein Mann sollte den Klan seiner Mutter, seines Vaters, des Vaters der Mutter und des Vaters seines Vaters identifizieren k\u00f6nnen. Von denen konnte er Schutz und Gastfreundschaft auf einer Reise erwarten. Gekaufte Sklaven waren nur mit ihrem Besitzer verbunden und allein von seiner Gnade abh\u00e4ngig. &#8230; Mit der formellen Einsetzung eines neuen Oberhaupt war die Heirat mit Frauen eines oder mehrerer freier und verb\u00fcndeter Klans verbunden. (72)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><strong>Frauen und Kinder<\/strong><\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rolle der Frauen (und Kinder) in einem solchen System haben nichts mit dem zu tun, was man gew\u00f6hnlich mit &#8218;mutterrechtlichen&#8216; Ordnungen verbindet (vgl.75). Sie erscheinen allein unter dem Aspekt zahlreicher Fortpflanzung. Klar, dass eine kinderlose Frau zur\u00fcckgegeben werden konnte, und eine Zahl von zwei Kindern zur Teilerstattung des Brautpreises berechtigte. ( ) Dass auf dem Sklavenmarkt \u201a<em>a new girl<\/em>\u2019 (65) einen h\u00f6heren Preis erzielte, ist da kein Gegenargument.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Formulierung im Titel: <span style=\"color: #ff0000;\"><em>Remembered by Themselve<\/em><em>s<\/em> <\/span>fordert den Leser auf, seine spontanen Reaktionen zur\u00fcckzustellen und die Tatsachen des Lebens zu respektieren, wie Berichterstatter der BaKongo sie 1915 wahrnehmen. Das mag \u00e4lteren Jahrg\u00e4ngen, insbesondere Achtundsechzigern, gr\u00f6\u00dfere Probleme als jungen Leuten. Denn gerade in der heutigen Zeit beruft man sich immer st\u00e4rker und selbstverst\u00e4ndlicher auf geltende Vorschriften und Vorgaben, so sehr man auch beteuern mag, die Gr\u00fcnde des Gegen\u00fcber \u201apers\u00f6nlich\u2019 voll zu verstehen. Aus einem auf der Stra\u00dfe gestern aufgeschnappten Gespr\u00e4ch (smartphone): &#8230;. <em>ich finde, wir sollten die Vorgaben von vorneherein \u00fcbernehmen! <\/em><\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Sklavenhandel in Boma und Cabinda<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kapitel \u201a<em>Slave Trade<\/em>\u2019 (72-75 oben) stellt die Handelspartner pr\u00e4gnant gegen\u00fcber. Von den Chiefs, die wochenlang mit ihren Karawanen aus dem Mayumbe nach Boma oder Cabinda marschiert waren, sagt McGaffey: keiner im Landesinnern, Sklave oder Verk\u00e4ufer, und wahrscheinlich nicht einmal die (Afrikaner) an der K\u00fcste, hatte irgendein Verst\u00e4ndnis von dem, was wir heute \u201aden Atlantik Sklavenhandel\u2019 bezeichnen. (73) Man kann sich lebhaft die Gestalten in den Kontoren vorstellen, die um einen Teil des versprochenen Preises betrogen wurden und eine Menge Zeugs einkauften, mit dem sie jedoch zu Hause gro\u00df herauskamen: Steatit-Figuren und Terracotta-\u201aUrnen\u2019 von der K\u00fcste f\u00fcr Grabm\u00e4ler, Alkohol, Geschirr und Emailware, alle m\u00f6glichen \u201aTroph\u00e4en der Zivilisation\u2019. Auf den Gr\u00e4bern wichtiger M\u00e4nner konnte man um 1970 davon noch welche sehen. Der erfahrene Kongoh\u00e4ndler Harry H.Johnson riet 1884 jedoch zur Vorsicht: Jeder Distrikt pflege seine speziellen Vorlieben. Da k\u00f6nne man mit seiner Produktauswahl leicht durchfallen. (zitiert 74)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hear hier an der K\u00fcste ist auch einmal von \u201aMitgef\u00fchl\u2019 (<em>compassion<\/em>) die Rede, nachdem uns bisher stockn\u00fcchtern die Tatsachen pr\u00e4sentiert worden sind:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kiananwa ist der einzige Autor, der Mitgef\u00fchl f\u00fcr die Sklaven, die an die K\u00fcste verkauft worden sind, ausdr\u00fcckt, von Laman abgesehen, der sagt dass sich nach Abschluss einer Transaktion oft qu\u00e4lende Szenen abspielen. So versuchten M\u00fctter, ihre Kinder zu verst\u00fcmmeln, ihnen etwa ein Auge auszukratzen, um den Verkauf zu verhindern.<\/strong> (74)<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\">Schlussphase<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Warenumschlag boomte an der K\u00fcste bis 1878, als D\u00fcrre und eine verheerende Hungersnot sch\u00e4tzungsweise ein Viertel der Bev\u00f6lkerung dahinrafften und die Wohlhabenden verarmen lie\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In ihrer Verzweiflung besteuerten die K\u00f6nige von Boma den Handel so hoch, dass er v\u00f6llig verschwand. &#8230; In den neunziger Jahren geh\u00f6rten die Nachfrage nach Plantagenarbeitern im Mayombe und \u2013 auf einer niedrigeren Skala &#8211; die Bereitschaft von Missionaren, Sklaven zu kaufen (das hei\u00dft, sie zu \u201abefreien\u2019) wowie die <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5059\">Gewaltt\u00e4tigkeit des Freistaats Kongo<\/a> zu den Faktoren, welche die Neuverteilung von Personen in und zwischen Communities im Kongo beeinflussten. Sp\u00e4ter reduzierten Schlafkrankeit und Influenza die Bev\u00f6lkerung mindestens um die H\u00e4lfte. Die Sklaverei wurde vom Belgischen Kongo \u201aabgeschafft\u2019, aber die entsprechende Politik der Versklavung (\u201apolitics of slavery\u2019) blieb mindestens noch bis 1970 aktiv.<\/strong> (76, Schlussabsatz)<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<h2 style=\"text-align: center;\"><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center;\">\u00a0Was ist nun &#8218;traditionell&#8216;?<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">&#8218;&#8230; many of the societies that anthropology used to think were traditional (meaning original) were in fact late phenomena, created through transformative contact with an expanding Europe &#8230;. In Kongo\u2019s case this perspective implies a necessary rethinking of the so-called \u201atraditional\u2019 phenomena of fetishism, of witchcraft, cannibalism (real and imaginary) and even the clan\/tribe-system&#8216;.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>&#8222;Viele der Gesellschaften, von denen die Anthropologie dachte, sie w\u00e4ren traditionell (im Sinne von urspr\u00fcnglich) waren tats\u00e4chlich Sp\u00e4tph\u00e4nomene,\u00a0 durch einen verwandelnden Kontakt mit einem expandierenden Europa <\/strong><strong>geschaffen &#8230; Im Fall der (Ba)Kongo bedeutet (diese Einsicht), die sogenannten &#8218;traditionellen&#8216; Ph\u00e4nomene\u00a0 Fetischismus, Hexerei und Kannibalismus\u00a0 (realen und imagin\u00e4ren) und sogar das Klan\/Stamm-System neu zu denken&#8220;. <\/strong><strong>(p.1)<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese S\u00e4tze sind nicht von Wyatt MacGaffey, aber sie fassen seine Darstellung wie auf einer Nadelspitze zusammen. Sie bilden den Ausgangspunkt einer beeindruckenden Studie \u00fcber die Geschichte der V\u00f6lker um die Kongom\u00fcndung, vom Niedergang durch den Untergang bis zur Neuerfindung ihrer Kultur.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><strong>Kejsa Ekholm Friedman : Catastrophe and Creation &#8211; The Transformation of an African culture, Harwood Academic Publishers 1991 ISBN 3-7186-5186-6<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedman promovierte als junge Frau \u00fcber <em>witchcraft in the Lower Congo, <\/em>auf der Basis des von Missionaren des Svenska Missionsf\u00f6rbundet um 1900 gesammelten Materials.<em> &#8218;It made a strong impression on me because of the violent destructiveness that I discovered. <\/em>(XI) Das gewonnene Bild war vorwiegend finster und negativ:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\">People were poor, sick and superstitious. They devoted their energies to magic and witch hunting and their social life seemed dangerously brittle (br\u00fcchig)\u00a0 &#8230;. The Europeans even pitied the natives for having such an inadequate culture&#8230; (2) <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #ff0000;\">This picture had been conceived as &#8218;the traditional society&#8216;, the way it looked before being influenced and modified by Western civilization. <span style=\"color: #000000;\"> &#8211; Ein Trugbild.<\/span><br \/>\n<\/span><\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><\/h3>\n<h3 style=\"text-align: center;\">&#8218;Europa&#8216; 1500 &#8211; 1880<\/h3>\n<p>Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sollten wir den Blick\u00a0 auf Europa richten. Das hatte sich seit der Epoche der portugiesischen Seefahrer um 1500 bis zur Unkenntlichkeit ver\u00e4ndert, als die Reiche von Kongo und Loango noch mit Lissabon auf Augenh\u00f6he verkehrten. Handelskapitalismus und beginnender Industriekapitalismus pr\u00e4gten und &#8218;modernisierten&#8216; Westeuropa tiefgreifend. Und gerade, als ganz neue\u00a0 Schalmeien der Menschheitsbegl\u00fcckung aus Nordamerika und Frankreich am s\u00fc\u00dfesten \u00fcber den Globus schallten, um die Wende zum 19. Jahrhundert, war Europas Hunger nach importierten Zwangsarbeitern in der Kolonialwirtschaft am gr\u00f6\u00dften, und der wurde auch illegal noch ein halbes Jahrhundert mit Macht fortgesetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Ein\u00a0 &#8218;kontaminierender Kontakt&#8216; anderswo<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Fall der Kafiren im Hindukush<em><br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Friedman verweist mehrfach auf parallele Erfahrungen in anderen au\u00dfereurop\u00e4ische Regionen. Und Beispiele dazu stellen sich spontan ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich will kurz einen scheinbar ganz anders gelagerten Fall aus dem Hindukush vorstellen. Bei Max Klimburg, einem gro\u00dfen alten Mann der Afghanistan-Forschung (The Kafirs of the Hindu Kush, 2 Bde. 1999) und dem legend\u00e4ren Hindukush-Reisenden\u00a0 G.S.Robertson (1896) habe ich \u00fcber das Bergvolk der Kafiren an der Grenze zu Pakistan gelesen, auch da \u00fcber die letzte Phase ihrer \u00e4u\u00dferen Freiheit. Sie entwickelten eine weithin gef\u00fcrchtete Aggressivit\u00e4t nach au\u00dfen und das Leitbild des gewaltt\u00e4tigen \u201aBig Man\u2019. In den armen Bergd\u00f6rfern entstanden schroffe soziale Br\u00fcche zwischen Kriegeradel (mit dem Recht auf Repr\u00e4sentation) und \u201aSklaven\u2019 auf der anderen Seite des Dorfes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da war zwar der &#8218;transformierende Kontakt&#8216; eine drohende milit\u00e4rische Eroberung, nicht ein Feuerwerk an Verf\u00fchrungen von cleveren H\u00e4ndlern f\u00fcr zahlungskr\u00e4ftige Eliten. Doch kann man\u00a0 das milit\u00e4rische Engagement des afghanischen &#8218;Staats&#8216; im islamischen Djihad am Ende des 19. Jahrhunderts nicht auch als Fernwirkung des europ\u00e4ischen Drucks auf marginalisierte L\u00e4nder wie Afghanistan sehen?<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\"><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 style=\"text-align: center;\">Vorschau<\/h3>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Zur Fortsetzung der Entwicklungen auf die <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=5059\">Chronik zu Leopolds Kongostaat<\/a> wechseln!<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\"><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\">\u00a0Noch einmal Kejsa E. Friedman: Hoffnungsschimmer nach der Katastrophe<\/h4>\n<p>Nach der Katastrophe f\u00fcr die V\u00f6lker des Kongo, die Friedman im Kapitel II eindr\u00fccklich schildert, stehen im letzten Drittel &#8211; &#8218;A Modern Clan Society&#8216; &#8211; wieder S\u00e4tze, die auch mit der Floskel\u00a0 &#8218;Ein Gutes hatte &#8230;&#8216; h\u00e4tten eingeleitet werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<p><strong>&#8222;Mit dem Verschwinden der Gro\u00dfen Chiefs verschwanden auch die kulturellen Ausdrucksformen der traditionellen Macht: Menschenopfer, T\u00f6tung von Sklaven beim Abschluss von Vertr\u00e4gen und viele der grausamen Bestrafungen. Das letzte Menschenopfer unter den Yombe in Verbindung mit einem Begr\u00e4bnis\u00a0 wurde 1887 vollzogen, als neun Frauen zusammen mit ihrem toten Ehegatten (lebendig) begraben wurden. Diese Praxis verschwand teils durch Intervention der Kolonialmacht, dem unbestrittenen Machtzentrum, teils durch den Niedergang der traditionellen Machtstruktur. Kriege und Kopfjagden h\u00f6rten auf und der Kongo wurde merklich friedvoller und unaggressiver, mindestens was ihr sichtbares Verhalten anging. Der (angeblich) friedfertige Charakter der Bakongo wurde f\u00fcr Beobachter wieder sichtbar. Die Yombe h\u00f6rten auf, ihre D\u00f6rfer einzuz\u00e4unen. Die Belgier wollten darin einen Schritt in die Zivilisation sehen. (&#8230;)\u00a0 In der neuen Kultur wurden Gleichheit und Solidarit\u00e4t betont.&#8220;<\/strong> (Friedman 82)<\/p>\n<p>Decken die einschmeichelnden Worte \u00fcberdecken nicht v\u00f6llig die eben beendete Darstellung des Untergangs, die Katastrophe der kongolesischen V\u00f6lker? Darauf kann man doch nicht zur Tageordnung \u00fcbergehen!? Bevor uns tiefe Verwirrung \u00fcberkommt, f\u00e4hrt die Verfasserin fort:<\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><strong>&#8222;Der Gebrauch von Fetischen und Beschuldigungen der Hexerei waren zwei Ph\u00e4nomene, in die am meisten Energie investiert wurde. Und der &#8218;witch-doctor&#8216;, &#8218;Nganga&#8216; stieg\u00a0 mit dem wei\u00dfen Missionar zusammen zu den einflussreichsten Figuren in der sozialen Arena auf.&#8220; <\/strong><\/span>(ebd.)<\/p>\n<p>Was kann der Leser daf\u00fcr tun, dass er die Lektion der Finsternis nicht gleich wieder \u00fcber den Details von Verwandtschaftssystemen und akademischem Streit unter Anthropologen vergisst? Denn wenn wir die ganze Geschichte am Ende nicht \u00fcberblicken, war die ganze M\u00fche umsonst.\u00a0 Auch dagegen biete ich Ihnen an vielen Stellen nach dem Vorbild von &#8218;wikipedia&#8216; Links zum raschen Wechsel der Perspektive an.<\/p>\n<p>Eigentlich \u00fcbernimmt Friedman ja die Sichtweise der \u00dcberlebenden, etwa der M\u00fctter in den Ruinen: die Scherben zusammenkehren und ihre Verwendbarkeit\u00a0 pr\u00fcfen. So betrachtet sie die &#8217;neue Gesellschaft&#8216; unter dem Gesetz der Eroberer. Tr\u00e4ume durfte man ja noch haben, und die Volksgruppen um die Kongom\u00fcndung tr\u00e4umten heftig. Wer sich unter &#8218;Neusch\u00f6pfung&#8216;\u00a0 &#8211; &#8218;Creation&#8216; im Titel\u00a0 der Studie &#8211; etwas anderes, so etwas wie &#8218;Erl\u00f6sung&#8216; vorstellte, wurde nur vertr\u00f6stet und wird entt\u00e4uscht, wie Fall von <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4922\">Simon Kibangu<\/a> und der anderen <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4608\">&#8218;Propheten&#8216;<\/a>. Es begann also nach dem Kongostaat ein langwieriger und m\u00fchseliger &#8218;Wiederaufbau&#8216; mit Profiteuren und Verlierern, mit harten Verteilungsk\u00e4mpfen. Der Mensch kann damit leben. Davon handelt das Kapitel: <em>Die neue Klanordnung. <\/em><\/p>\n<p>Unter einer zur Vernunft gekommenen Kolonialverwaltung war es f\u00fcr eine gewisse Zeit sogar ein Vorteil, dass nach dem gro\u00dfen Aderlass Knappheit an Arbeitskr\u00e4ften herrschte. Schon im mittelalterlichen Europa ging es dem Volk nach der Gro\u00dfen Pest am besten. (13.7.16)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201aKongo Slavery Remembered by Themselves\u2019 von Wyatt MacGaffey, erschienen 2008 im The International Journal of African Historical Studies (vol. 41, no.1 2008, pp.55-76) an der Boston University. Der Titel \u201aSklaverei unter den BaKongo von ihnen selbst erinnert\u2019 k\u00f6nnte historische Erlebnisberichte erwarten lassen, es geht jedoch um den Wandel gesellschaftlicher Strukturen und ihrer sozialen Mechanismen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[251,256],"tags":[],"class_list":["post-4251","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kongo-ins-herz-der-finsternis","category-minkisi-projekt-loango-mayombe"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4251"}],"version-history":[{"count":36,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13462,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4251\/revisions\/13462"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}