{"id":4129,"date":"2016-04-13T15:59:49","date_gmt":"2016-04-13T14:59:49","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4129"},"modified":"2020-05-22T11:30:45","modified_gmt":"2020-05-22T09:30:45","slug":"naive-begeisterung-oder-aufgeklaerte-indifferenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4129","title":{"rendered":"Naive Begeisterung oder aufgekl\u00e4rte Indifferenz?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wer will eigentlich den K\u00fcnstlern zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts ihre Begeisterung f\u00fcr exotische Kunst ver\u00fcbeln? Ich bin drauf und dran, es zu tun. Gerade rechtzeitig erinnere ich mich an die eigene, vom <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=697\">Maler Wiegmann<\/a> in den Sechziger und Siebziger Jahren vermittelte Begeisterung f\u00fcr <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=2207\">die farbigen Holzschnitte Chinas<\/a> \u2013 mit breitem Pinsel bemalt oder von mehreren Platten gedruckt .<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wussten so gut wie NICHTS \u00fcber deren Hintergr\u00fcnde, wir konnten nicht einmal die Titel lesen. Der chinesische Emigrant aus Taiwan auch nicht, den wir anstellten. Denn er war auf Politik fixiert und Maoist reinsten Wassers. Die Handvoll B\u00fccher und Brosch\u00fcren aus der Tschechoslowakei (Artia, Prag; deutsch: Dausien, Hanau) oder der DDR \u00fcber Volkskunst vermischten alt und neu zu einer folkloristisch leeren, typisch volksfrontm\u00e4\u00dfigen Exotik, \u00fcbrigens ohne erkennbare Qualit\u00e4tskriterien. Alles war gleich sch\u00f6n und gut. Die unkritische Haltung entsprach \u00fcbrigens der offiziellen chinesischen Linie gegen\u00fcber volkst\u00fcmlichen Traditionalisten vor 1958. Und es war schon viel, dass die Autoren die freundliche Stimmung trotz des sowjetisch-chinesischen Zerw\u00fcrfnisses 1961 beibehielten. Nur auf meine Briefe erhielt ich keine Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00c4sthet Wiegmann begeisterte sich in China f\u00fcr die schlichte volkst\u00fcmliche Gebrauchs\u00e4sthetik \u2013 klar in der Linie, bunt, aber streng konventionell &#8211; als er f\u00fcr den\u00a0 franz\u00f6sischen Kulturattach\u00e9 Dubosc 1936 in Peiping (Peking) arbeitete. Dubosc lebte traditionell ebenerdig mitten in der Altstadt, besa\u00df bereits eine gr\u00f6\u00dfere Sammlung, sprach Chinesisch und hatte einen ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr die Exzentriker unter den Malern in der Wendezeit zwischen Ming und Qing. Wiegmann streifte durch die zerfallende Stadt, \u00fcber die M\u00e4rkte und arbeitete mit der Fotografin Hedda Hammer, nachmalig &#8230;., in einem Atelier zusammen, das die europ\u00e4ische Nachfrage nach Postkarten mit Volksszenen belieferte. Wiegmann erlebte alles um ihn her intensiv, nahm es mit scharfem Blick auf. H\u00e4tte er ebenso fl\u00fcssig schreiben k\u00f6nnen wie lebendig erz\u00e4hlen und w\u00e4re er lange genug in China geblieben, er h\u00e4tte dem europ\u00e4ischen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Chinas \u00c4sthetik einen gro\u00dfen Dienst erweisen k\u00f6nnen. Oder er h\u00e4tte wenigstens k\u00fcnstlerisch einen Neuanfang wagen k\u00f6nnen; aber er war damals wohl zu sehr seinen in Europa 1936 zur\u00fcckgelassenen Bildern verhaftet, die zwischen Gegenst\u00e4ndlichkeit und Kubismus angesiedelt waren, und nat\u00fcrlich den damit verkn\u00fcpften Doktrinen. Er war kein Revolution\u00e4r, er sprang nicht \u00fcber seinen Schatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ins G\u00e4stebuch seiner einzigen Pekinger Ausstellung hat ihm ein chinesischer Besucher geschrieben: \u201e<em>Nur die Stoffwahl ist leider auf das Stilleben vor dem Fenster und auf die kleineren Landpartien beschr\u00e4nkt. Hoffentlich macht der K\u00fcnstler weitere Fortschritte, damit er mit einer au\u00dferge-w\u00f6hnlichen k\u00fcnstlerischen Anschauung die Eigent\u00fcmlichkeit Chinas kennen k\u00f6nnte.<\/em>\u201c (dt. Gv)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wiegmann analysierte elit\u00e4re Tuschmalerei und Volkskunst gleicherma\u00dfen luzide, liebte sie, und blieb doch beim Alten. Ging ihm deren strenge formale Reglementierung gegen den Strich? Konnte er mit der dominierenden symbolischen Ebene der gro\u00dfen Landschaften nichts anfangen? Als er Jahrzehnte sp\u00e4ter in den Berner Voralpen seine eigene Landschaftsmalerei entwickelte, gelang ihm kaum einmal eine zwingende Darstellung. Die Pyramidenform des Niesen \u00fcber dem Thuner See reichte nun wirklich nicht aus. In Peiping h\u00e4tte es entsprechende Geburtshelfer gegeben. Von einem, Li Pai-Shi, bewahrte er ein Foto mit Autogramm. H\u00e4tte! W\u00e4re, wenn!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mit seiner Begeisterung begonnen. Ich fand so etwas sp\u00e4ter wieder \u2013 oder war es nicht vielmehr aufopferungsvolle Liebe \u2013 bei einem chinesischen Sammler,\u00a0der<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzen-IMG_2829.jpg\" rel=\"attachment wp-att-4130\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4130 alignleft\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzen-IMG_2829-230x300.jpg\" alt=\"Papiergo\u0308tzen-IMG_2829\" width=\"230\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzen-IMG_2829-230x300.jpg 230w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzen-IMG_2829-768x1000.jpg 768w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzen-IMG_2829-787x1024.jpg 787w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzen-IMG_2829-624x812.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzen-IMG_2829.jpg 845w\" sizes=\"auto, (max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a> <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzenIMG_2828.jpg\" rel=\"attachment wp-att-4131\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4131\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzenIMG_2828-262x300.jpg\" alt=\"Papiergo\u0308tzenIMG_2828\" width=\"262\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzenIMG_2828-262x300.jpg 262w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzenIMG_2828-768x879.jpg 768w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzenIMG_2828-895x1024.jpg 895w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzenIMG_2828-624x714.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Papiergo\u0308tzenIMG_2828.jpg 961w\" sizes=\"auto, (max-width: 262px) 100vw, 262px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0zahlreiche Bl\u00e4tter in Verstecken \u00fcber das Jahrzehnt der Kulturrevolution hinweg rettete, wie durch ein Wunder sp\u00e4ter in Peking ein Forschungsinstitut f\u00fcr Volkskunst gr\u00fcnden konnte und ein wundersch\u00f6nes sehr informatives Werk publizierte: Wang Shucun. Den Titel \u201aPapierg\u00f6tzen\u2019 der deutschsprachigen Ausgabe (Verlag Neue Welt, Beijing 1991) muss ihm ein frustrierter Zensor aufgedr\u00fcckt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: \u201aNaive Begeisterung <strong>oder<\/strong> &#8230;\u2019 ist Quatsch.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 8.4.16<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer will eigentlich den K\u00fcnstlern zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts ihre Begeisterung f\u00fcr exotische Kunst ver\u00fcbeln? Ich bin drauf und dran, es zu tun. 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