{"id":4110,"date":"2016-04-12T10:32:24","date_gmt":"2016-04-12T09:32:24","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4110"},"modified":"2020-05-23T11:37:48","modified_gmt":"2020-05-23T09:37:48","slug":"picasso-entdeckt-afrika-im-trocadero-1907","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4110","title":{"rendered":"PICASSO ENTDECKT AFRIKA &#8218;BRUT&#8216; IM TROCAD\u00c9RO 1907"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: justify;\">Jean-Louis Paudrat schildert in seiner Rezeptionsgeschichte \u201aAus Afrika\u2019 (in: Primitivismus in der Kunst des 20.Jahrhunderts, William Rubin (Hrsg.), Prestel 1984, S.151f.) eine starke Anekdote mit den Themen Wahrnehmung und Begreifen afrikanischer Kunst:<!--more--><\/h4>\n<div id=\"attachment_8566\" style=\"width: 239px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Trocadero-1895-FonRubin-Ill.162.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8566\" class=\"size-medium wp-image-8566\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Trocadero-1895-FonRubin-Ill.162-229x360.jpg\" alt=\"Trocadero 1895 Fon,Rubin Ill.162\" width=\"229\" height=\"360\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Trocadero-1895-FonRubin-Ill.162-229x360.jpg 229w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Trocadero-1895-FonRubin-Ill.162-572x900.jpg 572w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Trocadero-1895-FonRubin-Ill.162-624x982.jpg 624w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Trocadero-1895-FonRubin-Ill.162.jpg 635w\" sizes=\"auto, (max-width: 229px) 100vw, 229px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8566\" class=\"wp-caption-text\">Trocadero 1895 Fon,Rubin Ill.162<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Welche Objekte Picasso vorher auch gesehen hat, man sollte die Bedeutung seines Besuchs im Trocad\u00e9ro im Fr\u00fchjahr 1907 nicht untersch\u00e4tzen. Ohne im Widerspruch zu fr\u00fcheren Erfahrungen zu stehen, offenbarte sich Picasso durch diese neue Erfahrung die primitive Kunst in einer Bedeutung und Dimension, die er bis dahin nicht wahrgenommen hatte. Den Bericht, den er drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter Andr\u00e9 Malraux dar\u00fcber gab, ist in dieser Hinsicht sehr erhellend. (A.M., La T\u00eate obs\u00e9dienne, p.17ff.) Als er allein die R\u00e4ume des Trocad\u00e9ro betrat, w\u00fcnschte er sogleich der absto\u00dfenden Atmosph\u00e4re des Ortes zu entfliehen, f\u00fchlte sich aber gleichzeitig unwiderstehlich angezogen: \u201a<em>Es war ekelhaft. Der Flohmarkt. Der Geruch&#8230; Ich wollte sofort wieder hinaus. Ich ging nicht. Ich blieb. Ich blieb<\/em>.\u2019 Er f\u00fchlte, da\u00df \u201a<em>sich in ihm etwas ereignete, &#8230; da\u00df es sehr wichtig war<\/em>.\u2019 Ihm wurde pl\u00f6tzlich \/ klar, \u201a<em>warum er Maler war<\/em>\u2019. Denn anders als Derain, Matisse und Braque, f\u00fcr die \u201a<em>Fetische<\/em>\u2019, \u201a<em>les n\u00e8gres<\/em>\u2019, nur einfach \u201a<em>gute Plastiken &#8230; wie andere auch<\/em>\u2019 waren, hatte er erkannt, da\u00df diese Masken vor allem \u201a<em>magische Dinge<\/em>\u2019, \u201a<em>Medien<\/em>\u2019, \u201a<em>Vermittler<\/em>\u2019 zwischen dem Menschen und den dunklen M\u00e4chten des B\u00f6sen waren, genau so m\u00e4chtig wie die <em>drohenden Geister<\/em> auf der ganzen Welt, <em>Werkzeuge <\/em>und <em>Waffen<\/em>, mit denen man sich von den Gefahren und \u00c4ngsten, die die Menschheit bedrohen, befreien konnte.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne die Empfindungen Picassos in diesem <em>schrecklichen Museum <\/em> schm\u00e4lern zu wollen, muss man einr\u00e4umen, da\u00df sie eine gewisse Berechtigung hatten. 1907 war der afrikanische Saal (&#8230;) ein sehr kleines \u00fcberf\u00fclltes Depot, in dem einige der erstaunlichsten, vom menschlichen Geist ersonnenen Werke hastig und ohne jedes Konzept aufgestellt worden waren. (&#8230;) Man konnte sich kaum vom Rand zur Mitte bewegen, mu\u00dfte bei jedem Schritt aufpassen, nicht zu stolpern: hier gegen eine lebensgro\u00dfe menschliche Statue, dort gegen einen \u00fcberladenen Ausstellungsschrank. (&#8230;.) Man konnte schon erschrecken vor den Mischwesen dieses phantastischen Bestiariums (Abb.162), vor der Gewalt und dem Schmerz, die von diesen geritzten oder mit N\u00e4geln gespickten K\u00f6rpern ausgingen, von der Angst, die einem die wildblickenden, geisterhaften Erscheinungen einjagten, oder vor dem wie durch Zauberei belebten Material.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch bot dieses vom Sakralen gepr\u00e4gte Universum nicht die Bilder eines fernen, von rachs\u00fcchtigen Gottheiten und d\u00e4monischen Monstren bev\u00f6lkerten Pantheons dar. Selten von \u00fcberw\u00e4ltigender Monumentalit\u00e4t, verband es stattdessen chthonische Geister, lebendige Vorfahren, heilspendende Muttergottheiten und sch\u00fctzende Fetische. Damit wurde es m\u00f6glich, die Vermischung des Heiligen mit der menschlichen Erfahrung, das Ineinanderflie\u00dfen des kultischen und des allt\u00e4glichen Lebens zu betrachten. (&#8230;) Was Picasso im Trocad\u00e9ro entdeckte, was ihn durchdrang, hat sich vielleicht auf dieser Bewu\u00dftseinsebene abgespielt. (&#8230;)&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wissen nicht, was Picasso selber dazu sagen w\u00fcrde, aber Paudrat beschw\u00f6rt eine \u00e4sthetische Erfahrung, die wohl jeder einmal mit afrikanischen sakralen Objekten gemacht hat, erst recht Menschen, die sie \u201ainstinktiv\u2019 ablehnen, zum Beispiel meine Frau. An den Afrika-Tischen der Flohm\u00e4rkte und bei den dicht gedr\u00e4ngten Objekten auf dem nackten Boden steht die innere Abwehr immer dann bereit, wenn man ohne feste Erwartungen kommt. Und das fehlt uns gerade noch heutzutage: Disparate, dissonante Botschaften auf engstem Raum.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Jean-Luis Paudrat kannte sicher nicht <strong>James Clifford<\/strong>s erst 1988 erschienenen Essay \u201a<em>\u00dcber das Sammeln von Kunst und Kultur<\/em>\u2019, vor allem die Stelle, wo er fordert:<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201e<\/em>Auf einer etwas pers\u00f6nlicheren Ebene, die Objekte nicht nur als kulturelle Zeichen oder Kunstikonen begreift, k\u00f6nnen wir (&#8230;.) zu den Dingen und ihrem verloren gegangenen Fetischcharakter zur\u00fcckkehren. Allerdings nicht in Form eines devianten oder exotischen \u201aFetischismus\u2019, sondern indem die Dinge wieder zu unseren eigenen Fetischen werden. Diese Taktik \u2013 sie ist notwendigerweise pers\u00f6nlicher Art \u2013 w\u00fcrde den gesammelten Objekten die F\u00e4higkeit zusprechen, etwas zum Ausdruck zu bringen, den Betrachter zu fesseln, statt nur zu erbauen und zu informieren. Afrikanische und ozeanische Objekte k\u00f6nnten wieder zu objets sauvages werden; Quellen der Faszination mit der Kraft zu beunruhigen. In Bezug zu ihrer Widerst\u00e4ndigkeit gegen\u00fcber Klassifikationen betrachtet, k\u00f6nnten sie uns an unseren Mangel an Besessenheit und die vielen M\u00fchen erinnern, die wir an den Tag legen, um uns eine Welt durch Sammeln aufzubauen.&#8220; (S.304-305)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei er\u00f6ffnet das, was das reine Kunstwerk \u201averunreinigt\u2019: der Schmuck und andere Materialien oder eine unw\u00fcrdige Umgebung, eine einzigartige Chance auf &#8218;Authentizit\u00e4t&#8216;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4 style=\"text-align: center;\">Sensibilisiert von <strong>Alisa LaGamma: <em>Kongo \u2013 Power and Majesty<\/em>, N.Y. 2015<\/strong><\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Beitrag <em>\u201aMangaaka<\/em>\u2019, Abschnitt \u201a<em>Kongo Deconsecration<\/em>\u2019 p.264 &#8211; treffe ich auf immer neue Beispiele der Entweihung und\/oder gef\u00e4lligen Zurichtung von aus Afrika exportierten Objekten. Die in Europa fr\u00fch prominenten St\u00fccke wurden als Teil des klassischen \u201aKanons\u2019 afrikanischer Kunst zum \u00e4sthetischen Ma\u00dfstab, nicht anders als ein Jahrhundert fr\u00fcher die antiken Skulpturen in Wickelmann\u2019schem Marmorwei\u00df. Deshalb sind entsprechende Manipulationen heute kaum eine Randbemerkung wert. Zwei Beispiele:<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Das Handelsblatt berichtete 2010 (4.Aug.: \u2019Messer im Leib\u2019) \u00fcber einen Nagelfetisch.<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war seit 1931 im <em>Mus\u00e9e de l\u2019Homme<\/em> deponiert und wurde \u201a<em>vermutlich zwischen 1945 und 1955<\/em>\u2019 gestohlen. Jetzt wurde er unerkannt in einer \u00f6ffentlichen Auktion versteigert. \u201a<em>Keiner pr\u00fcft die Verlustlisten<\/em>\u2019. Dazu kommt die \u201a<em>Vertuschung im Ministerium<\/em>\u2019 macht den Skandal perfekt. Erst der neue Eigent\u00fcmer ermittelt die Identit\u00e4t:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Anhand der Angaben des Auktionskatalogs stellte Claes bei seinen Nachforschungen fest, dass es sich um die aus dem Mus\u00e9e de l\u2019Homme entwendete Statue handelte, die allerdings maskiert und mit zus\u00e4tzlichen Federn versehen und bemalt war<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klar, wenn das Ding fr\u00fcher\u201avermummt\u2019 aufgetreten ist! &#8211; Niemand hat die Journalistin dar\u00fcber aufgekl\u00e4rt, was die Befreiung von \u201aZus\u00e4tzen\u2019 f\u00fcr das Objekt hei\u00dft. Am Presse-Foto f\u00e4llt mir blo\u00df ein braunes poliertes Gesicht auf.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">In einem Wikipedia-Artikel wird aus <em>Negerplastik <\/em>eine <em>M\u00e4nnliche Kultfigur der Baule \u201ablolo bian\u2019\/\u2019asie usu\u2019<\/em> (dort Abb. 57) vorgestellt.<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie befindet sich heute im Folkwang-Museum Essen . Wir erfahren bei der Gelegenheit etwas mehr \u00fcber Joseph Brummer, den Sammler und\u00a0 <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4098\">Mentor Carl Einsteins<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Beschreibung lesen wir: <em>Urspr\u00fcnglich befand sich auf der Skulptur eine Opferkruste, da das Blutopfer direkt auf sie aufgebracht wurde. Diese wurde jedoch entfernt. Deshalb weist die Figur nur noch eine braune Grundierung auf.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0Grundierung<\/em>? Es w\u00e4re interessant, ob in der Quelle <em>Die Afrika-Sammlungen der Essener Museen, Essen 1985, S.26 <\/em>Genaueres dar\u00fcber steht. Wahrscheinlich nicht, obwohl das in diesem Fall f\u00fcr die Interpretation wichtig w\u00e4re, die sich unentschieden zwischen zwei Optionen einrichtet. Der Kompilator in Wikipedia scheint auch nicht willens, einen freien Schritt zu tun. Eindeutig: <em>Mangel an Besessenheit<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Ich gebe ihm zum Dreck am Fu\u00df noch einen weiteren Tip: die Gr\u00f6\u00dfe! Ein Geistergatte von bald sechzig Zentimetern!? Gegen einen Ehemann, den die verheiratete Frau gegen ihre Konkurrentinnen an sich binden m\u00f6chte!?)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean-Louis Paudrat schildert in seiner Rezeptionsgeschichte \u201aAus Afrika\u2019 (in: Primitivismus in der Kunst des 20.Jahrhunderts, William Rubin (Hrsg.), Prestel 1984, S.151f.) eine starke Anekdote mit den Themen Wahrnehmung und Begreifen afrikanischer Kunst:<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[216,233],"tags":[],"class_list":["post-4110","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrikanische-aesthetik","category-quai-branly-paris"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4110"}],"version-history":[{"count":14,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4110\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11689,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4110\/revisions\/11689"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}