{"id":4098,"date":"2016-04-12T09:42:14","date_gmt":"2016-04-12T08:42:14","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4098"},"modified":"2024-02-12T00:16:51","modified_gmt":"2024-02-11T23:16:51","slug":"wieder-zu-negerplastik-diesmal-in-respektabler-begleitung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4098","title":{"rendered":"Wieder zu &#8218;Negerplastik&#8216; &#8211; nun in Z. S. Strother&#8217;s Begleitung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><u>Z.S. Strother, \u201a<span style=\"color: #0a0a91;\"><a style=\"color: #0a0a91;\" href=\"https:\/\/gradhiva.revues.org\/2130\">A la Recherche de l\u2019Afrique dans<em> Negerplastik <\/em><\/a><\/span><\/u><u><span style=\"color: #0a0a91;\">de Carl Einstein<\/span>\u2019<\/u>, Gradhiva 14-2011, 30-55, mis en ligne le 30 novembre 2014 URL: http:\/\/gradhiva.revues.org\/2130 &#8211; eine elektronische Publikation des Museums <span style=\"color: #000080;\"><em><u><a style=\"color: #000080;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=159\">Quai Branly<\/a><\/u><\/em><u>, Paris<\/u><\/span>. Auch die amerikanische Originalfassung steht im Netz unter dem Titel: <span style=\"color: #0a0a91;\"><em><a style=\"color: #0a0a91;\" href=\"http:\/\/www.mitpressjournals.org\/doi\/pdf\/10.1162\/AFAR_a_00104\">Looking for Africa in Carl Einstein\u2019s Negerplastik<\/a><\/em>.<\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h5 style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>11.4.16<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><em>Lieber M., ich habe einen Fachaufsatz in der Zeitschrift des Quai Branly gefunden, der meine Frage bereits 2011 aufgegriffen hat. Eine spannende Lekt\u00fcre, die mir meine abwehrende Haltung rechtfertigt und meinen Beobachtungen ein paar interessante Aspekte hinzuf\u00fcgt, auch Beurteilungsma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die Bildinformation<\/em>\u00a0<em> formuliert (3-5<\/em><\/strong><strong><em>)<\/em><\/strong><strong>. <span style=\"color: #333333;\"><em>Ich zitiere nach den in der franz\u00f6sischen Netzpublikation durchnumerierten Abs\u00e4tzen. Von mir (meist) \u00fcbersetzte Passagen im folgenden Text sind kursiv gedruckt.<\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Mein\u00a0 erster Beitrag steht <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4019\">HIER<\/a>!<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Strother zur &#8211; von mir selber ausgeblendeten &#8211; Bilddimension<\/strong>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Informationswert der Fotos ist begrenzt: Die Ausleuchtung ist unbefriedigend. Meist wird blo\u00df eine Ansicht gezeigt. Die f\u00fcr die Wirkung wichtigen Farben und vor allem die Ausstattung fehlen. Die Zusammenstellung des Korpus &#8211; ungeachtet aller konkreten Bestimmungen wie Herkunft, Gr\u00f6\u00dfe, Kontext, auch \u00f6ffentliches Auftreten oder Wirken im Verborgenen \u2013 schuf beim unvorbereiteten Betrachter den<em> zwingenden Eindruck stilistischer Einheit<\/em> (8), indem es <em>artifiziell Bez\u00fcge zwischen zwei ganz verschiedenen Werken <\/em>(6) herstellte. Wendy Grossman wird dazu mit dem Ausdruck <em>poetische Tr\u00e4umerei<\/em> (<em>R\u00eaverie po\u00e9tique<\/em>) zitiert (7). <em>Negerplastik<\/em> schuf <em>buchst\u00e4blich ein Korpus, das vorher nicht existiert<\/em> <em>hatte <\/em>(3) und <em>definierte den k\u00fcnstlerischen Kanon der afrikanischen Kunst ausgehend von Holzskulpturen, die in ihrer gro\u00dfen Mehrheit aus franz\u00f6sischen und belgischen Kolonien stammten<\/em> (10).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Ausdruck\u201a<em>Kanon<\/em>\u2019 werde ich hellh\u00f6rig, weil mit derartigen Belegsammlungen (\u201aKorpus\u2019) seit einem Jahrhundert das internationale Kunstkartell seine Macht vehement gegen Au\u00dfenseiter ausspielt. So jedenfalls lautet der Hauptvorwurf des Ife-Nigerianers und Kunstethnologen <span style=\"color: #ff0000;\"><span style=\"color: #0a0a91;\"><u><a style=\"color: #0a0a91;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3319\">Sylvester Ogbechie in \u201a<\/a><\/u><\/span><em><u><span style=\"color: #0a0a91;\">Making History<\/span>\u2019<\/u><\/em><\/span>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was die unterschiedliche Herkunft anging, so ist die von Strother gew\u00e4hlte Paarung von <em>masque kuba ou lele <\/em> mit <em>masque d\u2019origine inconnue, nord-est du Congo<\/em> in fig. 8 (11) wohl kein gl\u00fcckliches Beispiel angesichts der un\u00fcberschaubar vielen Querverbindungen im Kongo-Becken. Oder bin ich auch bereits ein Opfer der Bildmanipulation? Freilich sind in die Reihen der <em>Negerkunst <\/em>sogar zehn Polynesier und Philippiner geraten (Anm.5). In einer zweiten Auflage 1921 wurde alles geordnet, aber Strother ist damit auch nicht zufrieden: <em>Die Gegen\u00fcberstellungen <\/em>dort seien von einer<em> banalit\u00e9 singuli\u00e8re <\/em>(Anm.12). \u2013 Wenn das so ist, wei\u00df ich nicht, welcher L\u00f6sung ich den Vorzug geben soll. Die erste Auflage jedenfalls hat als Pioniertat fasziniert und als Gr\u00fcndungsdokument der Afrika-Kunstgeschichte die Zeiten \u00fcberdauert, indem sie Bilder der Plastiken verbreitete, die anders nicht zu bekommen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz wird auch die parallele Unternehmung \u201aNegerkunst\u2019 des lettischen Malers <span style=\"color: #0a0a91;\"><u><a style=\"color: #0a0a91;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3554\">Voldem\u00e4rs Matvejs (Vladimir Markov)<\/a><\/u><\/span> gestreift, die erst in der Sowjetunion 1919 erscheinen konnte und dort unter anderen Malevich, Tatlin und Rodchenko beeindruckte. (1)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Informationen zur Entstehung des Buches<\/strong> sind f\u00fcr Carl-Einstein-Fans vielleicht delikat: Einstein war noch 1915 v\u00f6lliger Laie in afrikanischen Dingen und \u00fcberhaupt erst 1913 \u00fcber kubistische K\u00fcnstler mit dem Thema in Ber\u00fchrung gekommen. Wie er an die 119 Fotos aus Privatsammlungen kam, wei\u00df man nicht sicher. Doch wird als graue Eminenz hinter dem ganzen Projekt der ungarische Bildhauer, Kunsth\u00e4ndler und Afrika-Sammler Josef Brummer vermutet, der Paudrat zufolge die Mehrheit der abgebildeten Objekte lieferte (Anm.11) und ohne Beteiligung des Autors die Bildtafeln von einem Meister der damals <em>hoch entwickelten deutschen Buchkunst <\/em>(12) montieren lie\u00df. Der Kriegsfreiwillige Carl Einstein lag zu der Zeit mit einer Kopfverletzung in einem Lazarett (11). Seine Begeisterung f\u00fcr afrikanische Plastiken nahm nicht Schaden und der ihm 1916 angetragene milit\u00e4risch-dienstliche Auftrag am Br\u00fcsseler Kolonialmuseum Tervuren machte aus ihm einen (zumindest \u201agef\u00fchlten\u2019) Afrikaner: <em>Ici, je n\u00e9grifie compl\u00e8tement. Exc\u00e8s africain.<\/em>(14-27).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Strothers kunstethnologischer <strong>Analyse der Textaussagen<\/strong> m\u00f6chte ich nur folgende Punkte ansprechen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Carl Einstein bediente sich aus einer Mischung dessen, was damals unter <em>mentalit\u00e9 primitive <\/em>kursierte (51). Akademisch korrekt diskutiert Strother anhand von Indizien ein paar m\u00f6gliche Inspirationsquellen Einsteins. So bringt sie dessen Satz \u00fcber die <em>Verehrung im Dunkeln<\/em> (XIV), welches <em>das Grauen vor dem Gott <\/em>ausl\u00f6se, mit der Vorstellung in Verbindung, die damals im Zentrum der Diskussionen um die neu entdeckten H\u00f6hlenmalereien stand. (16)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das letzte Kapitel zu Masken, Tattoos, T\u00e4nzen und Trance scheint Zo\u00e9 Strother mehr zu sagen. Sie beleuchtet es im Horizont zeitgen\u00f6ssischer Ethnologie zwischen australischen Aboriginals und Amazonas-Indianern. Die anderen Autoren h\u00e4tten sich mehr f\u00fcr das Publikum der Maskent\u00e4nze interessiert, Einstein aber f\u00fcr die <em>Psychologie des T\u00e4nzers<\/em>. Sie sieht ihn in der Frage einer <em>Verwandlung<\/em> des K\u00f6rpers des maskierten T\u00e4nzers die Position einer <em>fusion<\/em> einnehmen,<em> welche extinction<\/em> (<em>Ausl\u00f6schung<\/em>) de<em> la personnnalit\u00e9 humaine <\/em>bedeute, nicht die einer <em>Verwandlung <\/em>durch <em>participation mystique &#8230; qui rend ces individus participables &#8230; \u00e0 la fois du tigre et de l\u2019homme<\/em>. (16-19)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kapitel \u00fcber Kunst und Religion fu\u00dft nach Strother auf keiner seri\u00f6sen wissenschaftlichen Arbeit seiner Zeit. (31) Einstein hat vielmehr bewusst das Vorbild des afrikanischen <em>K\u00fcnstlers<\/em> konstruiert, der <em>einen Gott schaffe und dessen Werk unabh\u00e4ngig, transzendent und frei jeder Bindung<\/em> sei (31). Strother geht ganz am Ende auf die Schrift Einsteins von 1934 \u00fcber George Braque ein:<em> F\u00fcr Einstein ist Braque ein Vision\u00e4r, weil er das Unbewusste durch den Rausch oder die Halluzination erforscht und den Mut hat, diese Arbeit allein zu leisten, ohne die St\u00fctze der Religion oder die kollektive Solidarit\u00e4t der \u201aPrimitiven\u2019<\/em>. (53)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da liegt der Hase im Pfeffer! Man konstruiert, man spekuliert \u00fcber fremde Menschen in ganz unbekannten Kulturen und man beweihr\u00e4uchert am Ende den Heldenmut des Wei\u00dfen Mannes.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>&#8211; \u201aHerr Staatsanwalt, weitere Fragen?\u2019<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>&#8211; \u201aKeine weiteren Fragen, ich bin doch <\/strong><em><strong>\u00c0 la recherche de<span style=\"color: #000000;\"> l\u2019Afrique<\/span>.\u2019<\/strong> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Z.S. Strother, \u201aA la Recherche de l\u2019Afrique dans Negerplastik de Carl Einstein\u2019, Gradhiva 14-2011, 30-55, mis en ligne le 30 novembre 2014 URL: http:\/\/gradhiva.revues.org\/2130 &#8211; eine elektronische Publikation des Museums Quai Branly, Paris. Auch die amerikanische Originalfassung steht im Netz unter dem Titel: Looking for Africa in Carl Einstein\u2019s Negerplastik.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[216,268],"tags":[],"class_list":["post-4098","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrikanische-aesthetik","category-zoe-s-strother"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4098"}],"version-history":[{"count":32,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4098\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12081,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4098\/revisions\/12081"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}