{"id":4053,"date":"2016-03-20T20:34:24","date_gmt":"2016-03-20T19:34:24","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4053"},"modified":"2020-05-25T10:48:50","modified_gmt":"2020-05-25T08:48:50","slug":"gemeinplatz-qualitaetsverlust-afrikanischer-tradition","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4053","title":{"rendered":"Mit Frank Willett \u00fcber den Gemeinplatz &#8218;Qualit\u00e4tsverlust&#8216; nachdenken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein Gemeinplatz, dass j\u00fcngere handwerkliche Produkte aus Afrika \u2013 vor allem f\u00fcr Schmuck, Fest und Kult \u2013 mit fr\u00fcher entstandenen qualitativ nicht mithalten k\u00f6nnen, dass sie an handwerklicher Qualit\u00e4t wie an \u00e4sthetischer Kraft verloren haben. F\u00fcr die Lega im Osten des Kongo habe ich das bei Daniel <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3030\">Biebuyk<\/a> gelesen.<!--more-->Man meint sogar mit einiger Gewissheit aus der Qualit\u00e4t Angaben \u00fcber die Entstehungszeit begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen. Monografien auf der Basis gro\u00dfer Museumssammlungen best\u00e4tigen den Eindruck.\u00a0 Zwar werden seit einigen Jahren immer mehr traditionell arbeitende K\u00fcnstler Afrikas von Kunstethnologen namentlich bekannt gemacht. Werkst\u00e4tten werden in ihrer Generationenfolge zum Vergleich abgebildet. Oft wird auch der Herstellungsprozess ausf\u00fchrlich dokumentiert (seit Himmelheber). Doch in solchen Studien scheinen technische und \u00e4sthetische Wertungen tabu zu sein, als sei so etwas unwissenschaftlich oder illoyal gegen\u00fcber dem K\u00fcnstler. Ich lasse das einmal so stehen. Denn jeder ernsthafte Deutungsversuch muss auch unsere falschen Erwartungen und Vorurteile thematisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Sommer 2014 las ich <span style=\"color: #ff0000;\">Frank Willetts zum Klassiker gewordenes Taschenbuch \u201aAfrikanische Kunst\u2019 (1971, dt.1998).<\/span> Ich habe bei ihm gelernt, mich als Liebhaber und Sammler freier und mutiger zu bewegen. Ich begann auch gleich die folgenden Notizen, die das Thema in einem weiteren sozialen und historischen Kontext entfalten und auf Wirkungsfaktoren beziehen sollen. Ich stelle sie erst jetzt zur Diskussion. Zitate und Seitenverweise beziehen sich auf das Buch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da w\u00e4re erstens der offensichtlich geringe Stellenwert der Holzschnitzerei im kultischen, zeremoniellen oder therapeutischen Kontext. So berichtet Arnoldi von den Bamara-Marionetten, dass deren Performance allein \u00fcber den Erfolg eines Typs entscheide. Bei Masken st\u00fcnden das Kost\u00fcm und die Performance im Vordergrund. Von anderswoher kommen gegenteilige Nachrichten, so schrieb Willett \u00fcber die h\u00f6lzernen Yaka-Tanzmasken: \u201eT\u00e4nzer erhalten Preise, der Bildhauer wird f\u00fcr seine Originalit\u00e4t geehrt\u201c (W.,154)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fromme Teilnehmer sahen noch nie auf \u00c4u\u00dferlichkeiten, wenn ein Objekt erst einmal sakralisiert worden ist. W. registriert nicht als einziger gro\u00dfe Zur\u00fcckhaltung bei \u00e4sthetischer Kritik ritueller Objekte. Das kann man nachvollziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt und gab in Afrika wie \u00fcberall ganz unterschiedliche \u00e4sthetische Anspr\u00fcche und\u00a0\u00a0 vor allem Kriterien. Die sind erst in Ans\u00e4tzen erforscht, aber traditionell war immer Typisierung der Normalfall. Durch Stilisierung konnte man ein hohes Ausdrucksniveau mit reinen skulpturalen Formen (W.144) erreichen. Stilisierung zog meist die formale Reduktion dem Naturalismus vor (W.141,143). Das fasziniert vor einem Jahrhundert auch auch die jungen Wilden in Europa, heute bereits \u201adie Klassische Moderne\u2019 genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jedem Werkauftrag waren zwei Kr\u00e4fte am Werk: \u201eUmsetzung eines etablierten Kunststils, der f\u00fcr den entsprechenden Gegenstand als angemessen galt, und die individuelle Vision des Holzbildhauers\u201c (W.153) &#8211; Zu ersterem muss man Ikonografie, Funktionalit\u00e4t, Handhabung, \u00d6konomie und Material hinzuz\u00e4hlen, bei einer Maske etwa. Ich habe spontan bei meiner Lwalwa-Maske die stilistischen Erfordernisse durchgez\u00e4hlt, weil sie auf so sparsame Weise erf\u00fcllt worden sind. Willett betont bei aller Frontalit\u00e4t afrikanischer Skulpturen die Wichtigkeit der Profilansicht. (W. 143). und darin gl\u00e4nzt meine Lwalwa. (Inzwischen abgegeben 5\/20 <a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3061\" rel=\"noopener noreferrer\" target=\"_blank\">LINK<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W.: \u201eHerausragende Individuen waren in der Lage, kreative Probleme effektiver zu l\u00f6sen als ihre Zeitgenossen.\u201c (W.152) Diese Perspektive ausprobieren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">5<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Handwerkliche Tradition geht von Hand zu Hand, vom Meister zum Lehrling. Bei einer Figur oder Maske wird zun\u00e4chst die Rohform als Block geschlagen. Die Reihenfolge der Arbeitsschritte hat sich nach individueller Erfahrung eingeschliffen. Der Lehrling kopiert und schneidet dabei auch einmal irrt\u00fcmlich ein St\u00fcck Holz weg (W.156). Die Meister legen freih\u00e4ndig die Proportionen fest, \u201edirekt, ohne Entwurfsskizzen und Planzeichnungen, doch haben sie vom ersten Augenblick an eine bemerkenswert klare Vorstellung vom Endresultat. &#8230; Am Ende seiner Lehrzeit verf\u00fcgt ein afrikanischer K\u00fcnstler \u00fcber die motorischen F\u00e4higkeiten, seine Vision perfekt umzusetzen.\u201c (W.156) Etwa in die raffiniert durchkonstruierte Linienf\u00fchrung einer d\u00fcnnen und leichten Gesichtsmaske. Bei den Lwalwa soll eine gewisse Portr\u00e4t\u00e4hnlichkeit mit dem Besteller der Maske erzielt werden, nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur eine selbstbewusste d\u00f6rfliche \u00d6ffentlichkeit ist kritikf\u00e4hig und kann Anerkennung zollen. Hexerei und M\u00e4nnergeheimb\u00fcnde stellen keine besonderen \u00e4sthetischen Anforderungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soweit die Hochebene. Wie aber setzte die Abw\u00e4rtsspirale ein und wodurch gewann sie an Tempo? \u2013 Ich will an dieser Stelle zuerst dem tief eingegrabenen Weg des Desasters folgen, etwa im Bereich des Kongo, wo seit mindestens hundertf\u00fcnfzig Jahren Gewalt und Unruhe herrschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Bild des fertigen St\u00fccks ist im Kopf, hei\u00dft es, nur was f\u00fcr eins in wessen Kopf??<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Unterbrechung der \u00f6rtlichen Handwerkstradition &#8211; wom\u00f6glich verbunden mit dem Verlust alter St\u00fccke und der Vergleichsm\u00f6glichkeiten &#8211; leidet die Vorstellungskraft. Mein Generalverdacht gegen die kongolesischen H\u00e4ndler, billige Kopistenware zu vertreiben, hat sich aufgel\u00f6st: Ihre Waren k\u00f6nnten authentische Beispiele der neuen Produktion sein. Fatal ist zwar, wenn keine guten St\u00fccke mehr im Dorf vorhanden sind und sich Gleichg\u00fcltigkeit ausbreitet, aber auch, wenn die Leute zu stark am Alten festhalten und kreative K\u00fcnstler entmutigen oder in die Wanderschaft treiben. Wenn die traditionelle Nachfrage ausbleibt und der Schnitzer zu lange kein entsprechendes St\u00fcck fertigt, sondern nur Werkzeuge f\u00fcr das \u00dcberleben. Oder wenn Lehrlinge fehlen. Denn stirbt ein Meister ohne Lehrling, geht sein Wissen verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zwanzigste Jahrhundert mit der milit\u00e4rischen \u201aBefriedung\u2019, mit dem Vordringen der Kolonialwirtschaft, der Zwangsarbeit, Missionierung und Beschulung, Landflucht und Wanderarbeit der jungen Leute, mit einer Militarisierung, die durch die zwei Weltkriege angefacht wurde, Verarmung der D\u00f6rfer, steigendem Bev\u00f6lkerungsdruck dank der Kolonialmedizin&#8230;. Es gab Gr\u00fcnde genug, um fast \u00fcberall h\u00f6here k\u00fcnstlerische Produktion zumindest zeitweise zum Erliegen zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kunstlosesten Regionen wurden am meisten ausged\u00fcnnt. In handwerklich entwickelten Regionen dagegen &#8211; mit handwerklicher Arbeitsteilung, \u00fcberregionalem Austausch, \u00e4sthetisch anspruchsvollen Kunden &#8211; konnte es zu der g\u00fcnstigsten L\u00f6sung kommen, der Kombination d\u00f6rflicher und kommerzieller Produktion des ausgebildeten Handwerkers. Er konnte und kann Rohlinge in den Handel geben, die dort \u201agealtert\u2019 werden. Doch selbst das hat zerst\u00f6rerische, zum Beispiel \u201arestaurative\u2019 Effekte. Die steigende Nachfrage in Europa und Amerika kurbelt vor allem die Kopistent\u00e4tigkeit an. In den F\u00e4lscherwerkst\u00e4tten in den Ballungszentren stehen auch Abbildungen markanter stammestypischer Objekte zur Verf\u00fcgung. Auch das Dorf k\u00f6nnen sie erreichen, in dem Kulte und Br\u00e4uche \u00fcberlebt haben oder wiederbelebt werden, beispielsweise mit dem Verfahren einer Initiation <em>light<\/em>. Ebenso kann die Lehrzeit unter \u00e4sthetischem Aspekt nicht mehr so streng sein. Die Schmiede beschaffen sich ohnehin seit einem Jahrhundert Stahlschrott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dazu kommt der zu zahlende Preis. Niemand hat wirklich \u00fcberfl\u00fcssiges Geld. Das Konsumg\u00fcterangebot mit seinen modernen Statusobjekten fordert seinen Tribut, auf Kosten von Objekten, die ohnehin nur f\u00fcr einen eingeschr\u00e4nkten Personenkreis sichtbar sein sollen. Oder nachts auftreten. F\u00fcr die Hilfsmittel und Fetische der mehr den je konsultierten Heiler gibt es noch einen Markt, aber der ist nicht stilbildend oder f\u00f6rderlich f\u00fcr k\u00fcnstlerische Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hei\u00dft Qualit\u00e4t? Wo ist Kennerschaft au\u00dferhalb der Werkstatt? Nicht in den staatlichen Schulen, nicht bei einem verst\u00e4dterten Publikum. D\u00f6rfliche Handwerker sind aber gering geachtet und marginalisiert wie die Alten in den D\u00f6rfern. In abgelegenen und vernachl\u00e4ssigten Regionen \u2013 davon gibt es einige im Kongo \u2013 halten sich Traditionen am hartn\u00e4ckigsten. Das sind aber auch die R\u00fcckzugsgebiete von bewaffneten Milizen, also immer wieder Kriegsgebiete mit Vertreibungen, entwurzelten Binnenfl\u00fcchtlingen u.s.w. Entlang der Verkehrswege dringen religi\u00f6ser Synchretismus oder Pfingstkirchen vor. Auch der Islam. Das bedeutet auch k\u00fcnstlerisch <em>M\u00e9tissage<\/em>, Nivellierung. \u00d6konomische Umw\u00e4lzungen nicht zu vergessen: Bei den Salampasu im Kasai repr\u00e4sentierten mit Kupferblech belegte Masken die h\u00f6chste einem erfolgreichen Mann erreichbare Stufe, und dann wurde um 1900 Kupfer schlagartig spottbillig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P.S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Nachbarschaft als Einflussfaktor seit jeher m\u00f6chte ich mich heute nicht ausbreiten: Man \u00fcbernimmt gestalterische L\u00f6sungen, attraktive Gestaltungen, man \u201azitiert\u2019 die Fremden oder man grenzt sich gegen sie ab. (W.158) Entspannen wir uns. Alles ist halb so wild.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Gemeinplatz, dass j\u00fcngere handwerkliche Produkte aus Afrika \u2013 vor allem f\u00fcr Schmuck, Fest und Kult \u2013 mit fr\u00fcher entstandenen qualitativ nicht mithalten k\u00f6nnen, dass sie an handwerklicher Qualit\u00e4t wie an \u00e4sthetischer Kraft verloren haben. F\u00fcr die Lega im Osten des Kongo habe ich das bei Daniel Biebuyk gelesen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[216],"tags":[],"class_list":["post-4053","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrikanische-aesthetik"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4053","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4053"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4053\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11711,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4053\/revisions\/11711"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4053"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4053"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4053"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}