{"id":4019,"date":"2016-03-17T12:01:30","date_gmt":"2016-03-17T11:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4019"},"modified":"2020-05-24T10:53:53","modified_gmt":"2020-05-24T08:53:53","slug":"carl-einstein-negerplastik-1915","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4019","title":{"rendered":"&#8218;Negerplastik&#8216; &#8211; Was vermittelt Carl Einstein&#8217;s Essay?"},"content":{"rendered":"<p><!--more--><\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Warum vergreife ich mich an einem \u201aMeilenstein\u2019 und \u201aPionierwerk\u2019 in der Rezeption afrikanischer Kunst, das mittlerweile hundert Jahre alt ist?<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Ein Brieffreund fragte mich unl\u00e4ngst: \u201e<em>\u00c0 propos Ihrer (momentanen) Afrika-Sammelleidenschaft: Haben Sie eigentlich je Carl Einsteins \u201eNegerplastik\u201c gelesen? Es wu\u0308rde mich interessieren, was Sie von dem Buch halten, das ja offenbar zu einer ersten Afrika-\u201eMode\u201c im 20. Jahrhundert beigetragen hat<\/em>\u201c. Er fu\u0308gt hinzu: \u201e<em>Ich selbst verstehe zu wenig von Kunst, um mir ein wirkliches Urteil u\u0308ber derlei Dinge bilden zu k\u00f6nnen.<\/em>\u201c<\/h4>\n<p style=\"text-align: center;\">*<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Die Neuausgabe von 1992 bei Fannei &amp; Walz in Leipzig verstaubt schon Jahre im Regal. Bisher nahmen mir tru\u0308be Abbildungen und die totale Anonymit\u00e4t der abgebildeten Plastiken jedes weitere Interesse an Carl Einsteins Essay. Auch jetzt will ich vor allem wissen, was man Interessantes u\u0308ber die <em>Negerplastik <\/em>erfahren kann! Sie doch auch. Oder? Die <em>kursiv <\/em>gedruckten Textstellen sind\u00a0 Originalzitate.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><em>Methode<\/em><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Die positive \u00dcberraschung zu Anfang! Die erste Seite (7) formuliert drei Einsichten:<\/h4>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>\n<h4>den leeren Anspruch der Europ\u00e4er auf eine \u201ageradezu phantastische \u00dcberlegenheit\u2019 \u2013 Erl\u00e4uterung unn\u00f6tig<\/h4>\n<\/li>\n<li>\n<h4>Umst\u00e4nde und Grenzen der \u00e4sthetischen Neubewertung der \u201aNegerplastik\u2019 um 1915<\/h4>\n<\/li>\n<li>\n<h4>die damaligen Chancen fu\u0308r ein Verst\u00e4ndnis dieser Kunst.<\/h4>\n<\/li>\n<\/ol>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Zu 2. schrieb Carl Einstein:<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Das damals aktuelle Kunstgeschehen in Europa <em>bildete eine neue Geschichte <\/em>(im Sinne von Lesart, Paradigma, Diskurs &#8211; Gv). Was vorher <em>sinnlos <\/em>erschien \u2013 und einer Majorit\u00e4t auch sp\u00e4ter noch (9) &#8211; wurde als L\u00f6sung der aktuellen Probleme in der plastischen Kunst betrachtet und somit als \u201aKunst\u2019 (8) anerkannt. Begru\u0308ndung: \u201a<em>Wird eine formale Analyse m\u00f6glich, die sich auf bestimmte eigentu\u0308mliche Einheiten des Raumschaffens bezieht und sie umkreist, so ist implizite erwiesen, dass die gegebenen Gebilde Kunst sind<\/em>\u2019 (10). Die Objekte wurden in Westeuropa enthusiastisch gesammelt (8) und analysiert. Einschr\u00e4nkung: <em>Der heutige Ku\u0308nstler agiert nicht nur fu\u0308r die reine Form, er spu\u0308rt diese noch als Opposition seiner Vorgeschichte und verwebt seinem Streben das allzu Reaktive; seine n\u00f6tige Kritik verst\u00e4rkt das Analytische<\/em> (14). Er verkenne damit , was Carl Einstein als <em>im formalen Sinn als st\u00e4rkste(n) Realismus erweisen<\/em> will, ohne es hier n\u00e4her zu bezeichnen(14).<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Mit dem Hinweis auf ihre Blindstellen d\u00e4mpft Einstein Erwartungen an die Eignung europ\u00e4ischer Ku\u0308nstler als &#8218;F\u00fchrer&#8216; zur afrikanischen plastischen Kunst. In \u201aPrimitivismus\u2019, William Rubin\u2019s New Yorker Ausstellungskatalog von 1985, stehen dazu interessante Details, zum Beispiel im Kapitel u\u0308ber Brancusi. &#8211; Ich thematisiere es in meinem Blog unter: \u201a<a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3092\">Freie Figuren auf eigenen Fu\u0308ssen<\/a>\u2019.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Zu 3. Carl Einstein begru\u0308ndete seine <em>formale Methode <\/em>mit erstaunlich realistischen Argumenten:<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>Die V\u00f6lkerschaften wanderten und schoben sich in Afrika<\/em>. (8) <em>G\u00e4nzlich verschiedene Stile ru\u0308hren oft aus einer Gegend her; mehrere Erkl\u00e4rungsweisen k\u00f6nnen hier auftreten, ohne dass man entscheiden du\u0308rfte, welche berechtigt w\u00e4re; man kann in diesem Fall annehmen, es handele sich um fru\u0308here oder sp\u00e4tere Kunst, oder zwei Stile bestanden gleichzeitig nebeneinander, oder eine Kunstart sei importiert. In jedem Falle, weder die geschichtlichen noch geografischen Kenntnisse erlauben vorl\u00e4ufig auch nicht die bescheidenste Kunstbestimmung. <\/em>(9) Die beliebte Gleichsetzung, <em>Einfaches und Erstes seien m\u00f6glich identisch, <\/em>nennt er <em>Einbildung<\/em>. Also bleibe allein die <em>formale Methode, <\/em>sich auf reines <em>Beschreiben der Skulpturen als formaler Gebilde <\/em>(10) zu beschr\u00e4nken. Dann aber erscheint es folgerichtig, dass er im Abbildungsteil des Buches gleich ganz darauf verzichtete, die \u201aethnische Zuordnung\u2019 (Eisenhofer\/Guggeis, &#8218;Afrikanische Kunst&#8216;, 2002), Daten u\u0308ber den Erwerb, Gr\u00f6\u00dfenangaben und Verbleib anzugeben, so wertvoll das auch heute w\u00e4re.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Wieso dann ein Kapitel \u00fcber <em>Religion und afrikanische Kunst<\/em>? Carl Einstein warnte doch ausdru\u0308cklich davor, <em>die gegebenen Gebilde als Fu\u0308hrer zu irgendeiner Praxis umzubrauchen <\/em>(10)? Das galt wohl blo\u00df fu\u0308r die Anderen.<\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Religion und afrikanische Kunst<\/em><\/strong><strong>, <em>Kubische Raumanschauung \u2013 alles eins <\/em><\/strong><strong>?<\/strong><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>Religion <\/em>interessierte ihn offensichtlich nicht als menschliche P<em>raxis<\/em>, sondern lieferte als <em>eine despotische bedingungslos herrschende Religion <\/em>(27) das <em>metaphysische Korrelat <\/em>(18), aus dem sich <em>ein<\/em> <em>kanonischer Stil <\/em>(16) ableiten lie\u00df, und zwar exakt der <em>kubische Stil<\/em>, der zudem autonome Kunstwerke schaffen sollte \u2013 in Afrika, nicht in Paris, Berlin oder Moskau. Carl Einstein variierte die Formulierungen, zum Beispiel:<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Da war die angeblich unaufhebbare <em>Distanz des Verfertigers zum Werk<\/em>: (&#8230;) <em>Das Werk als Gottheit ist frei und losgel\u00f6st von jeglichem; Arbeiter und Adorant stehen zu ihm in unmessbarem Abstand. <\/em>(15)<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>Der Ku\u0308nstler erarbeitet ein Werk, das selbst\u00e4ndig und unverwoben bleibt. Dieser Transzendenz entspricht eine r\u00e4umliche Anschauung, die jede Funktion des Beschauers ausschlie\u00dft<\/em>. (&#8230;) <em>Eine fast unbeschreibbare Erregung bem\u00e4chtigt sich des \u00dcberlegenden <\/em>angesichts seiner <em>schwierigen, sich zun\u00e4chst als fast unl\u00f6sbar darstellenden <\/em>gestalterischen Aufgabe, die <em>kubische Raumanschauung <\/em>rein zu verwirklichen. (19)<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>Um ein abgegrenztes Dasein des Kunstwerks herauszubilden, muss jede zeitliche Funktion ausgeschaltet werden; das hei\u00dft ein Umgehen des Kunstwerks, ein Betasten muss verhu\u0308tet werden. (&#8230;) Die Raumanschauung, die ein solches Kunstwerk aufweist, muss g\u00e4nzlich den kubischen Raum absorbieren und ihn vereinheitlicht ausdru\u0308cken; Perspektive oder die u\u0308bliche Frontalit\u00e4t sind hier verboten, sie w\u00e4ren unfromm.<\/em>(18).<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Nun ist klar, warum er am Ende des Kapitels <em>\u201aReligion und afrikanische Kunst<\/em>\u2019 zufrieden feststellte: <em>Wir k\u00f6nnen nun g\u00e4nzlich von dem metaphysischen Korrelat absehen, da wir es als selbstverst\u00e4ndlichen Mitfaktor auszeichneten und wissen, da\u00df gerade aus dem Religi\u00f6sen eine abgel\u00f6ste Form gefolgert werden mu\u00df. <\/em>(18\/19)<\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Sachkommentar<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<h4>Einstein wollte nicht einmal die bekannten Verh\u00e4ltnisse in Alteuropa seit <em>irgendeinem antiken Volke <\/em>(15) zur Kenntnis nehmen, wo Ku\u0308nstler als Handwerker in dienender Beziehung zu Priestern und anderen Auftraggebern standen, wo selbst religi\u00f6se Bildwerke vor ihrer Weihe als profan galten.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">In Afrika war und ist die Rolle der Anwender, Heiler, Hexer und Priester eher noch dominanter: Oft liefert der Handwerker, Schmied oder Zimmermann, dem Besteller nur ein Vorprodukt, das dann weiter ausgestattet und magisch \u201ageladen\u2019 wird. Bei den Lega im Osten des Kongo, wo die Geheimnistr\u00e4ger des <em>Bwami<\/em>-Bundes sich ihre Figuren\u00a0 traditionell selber schnitzten, bestand die Ausbildung selbstredend u\u0308berwiegend aus Techniken der magischen Aufladung. Die \u00e4sthetische L\u00f6sung und der Schnitzer interessierte kaum einen. Dagegen machte der Vorbesitzer &#8211; so wie heute die vornehme Provenienz bei vielen Sammlern &#8211; das Ansehen des Objekts aus. (Daniel Biebuyck, 1986) Es g\u00e4be so viel zu sagen, u\u0308ber die Scheu zu beru\u0308hren, die in Anspruch genommene Vermittlung durch \u2013 modern ausgedru\u0308ckt \u2013 \u00c4rzte, Therapeuten, Erzieher, Seelsorger, \u201aKartenleser\u2019, ja auch \u201aProfiler\u2019 und Sicherheitsdienste, u\u0308ber Wirkungen und ihre Steigerung, ob additiv durch magische Aufru\u0308stung oder durch gesteigerte \u00e4sthetische Wirkung. Viele Fragen sind offen. \u00dcber Entstehung und Erfolg \u201akubistischer\u2019 afrikanischer Skulpturen vor Ort zum Beispiel habe ich noch nichts Erhellendes gelesen. &#8211; Ist es in diesem Zusammenhang nicht ein schlechter Witz, dass ausgerechnet nackte, jeden kultischen und wirkm\u00e4chtigen Beiwerks beraubte, gereinigte und oft neu patinierte Holzk\u00f6rper zum Ziel seines Hymnus werden? (Siehe seinen Bildteil)<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: center;\">&#8230;. zu Religion und der Begriffswahl <em>Gott <\/em>(15):<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Man weiss seit langem, dass <em>Gott <\/em>im afrikanischen Denken oft u\u0308ber allem schwebte und schwebt, aber dass er deshalb noch keinen Kult bekam. Kulte wurden vielmehr organisiert, um dem Wohlergehen der eigenen Gruppe, der Abwehr von vermeintlich fremdverursachtem Unglu\u0308ck, der F\u00f6rderung des Lebensglu\u0308ck oder schlicht Ehrgeiz und Neid von Individuen zu dienen. Wo heute einheimische Kirchen Erfolg haben, verdanken sie ihn sehr irdischen Heilsversprechen und greifen in ihrer Praxis zu den alten \u201asymbolischen\u2019 (magischen) Herrschaftsmitteln. So spricht Wyatt MacGaffey auch fu\u0308r die vorkoloniale Epoche nu\u0308chtern von \u201apolitischer Kultur\u2019 (\u201aKongo Political Culture\u2019, 2000). Afrikaner gingen und gehen pragmatisch an die Dinge des Lebens heran. Zudem<em> ist afrikanische Religion<\/em>\u2019 vor allem seit dem 19. Jahrhundert zu st\u00e4ndiger Neuinterpretation gezwungen (\u201aRenewal and Reinterpretation\u2019, John M. Jantzen in \u201aKongo Across The Waters\u2019, 2013)<\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Kubische Raumanschauung <\/em><\/strong><strong>als <em>Abrechnung <\/em><\/strong><strong>mit <em>europ\u00e4ischen L\u00f6sungen<\/em><\/strong><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Das Wunschergebnis Carl Einsteins: <em>Die Negerplastik <\/em>soll als <em>eine klare Fixierung des unvermischten plastischen Sehens <\/em>(19) das unvers\u00f6hnliche Gegenteil zur europ\u00e4ischen Plastik sein und eine abgegrenzte Welt bilden. Er konstruiert dazu\u00a0 einen \u201aPrimitiven\u2019, der alle Avantgardisten an Radikalit\u00e4t u\u0308bertrifft, indem er in h\u00f6chster <em>Erregung <\/em>(19) an Gottesbildern werkt in einem <em>Stil<\/em>, <em>der keiner Willku\u0308r des einzelnen unterliegt, sondern kanonisch bestimmt ist und nur durch religi\u00f6se Umw\u00e4lzungen ver\u00e4ndert werden kann. <\/em>(16) Die g\u00f6nnerhafte Aufnahme des <em>Negers <\/em>in die europ\u00e4ische Kunstwelt ist an die Bedingung geknu\u0308pft, alles \u201aanders\u2019 und alles \u201arichtig\u2019 zu machen. Widerspruch und formale\u00a0 \u201aVerunreinigungen\u2019 durch <em>europ\u00e4ische L\u00f6sungen <\/em>(19) sind nicht gestattet. <em>Europ\u00e4ische L\u00f6sungen <\/em>(&#8230;) <em>sind den Augen gel\u00e4ufig, u\u0308berzeugen mechanisch und durch Gewohnheit. <\/em>(&#8230;) <em>Die Frontalit\u00e4t betru\u0308gt fast den Beschauer um das Kubische und steigert s\u00e4mtliche Kraft auf einer Seite<\/em>. (&#8230;) <em>Den Fehler, die Kunst der Neger an einem unbewu\u00dften Erinnern irgendwelcher europ\u00e4ischer Kunstform zu Schanden zu machen, werden wir vermeiden, da die afrikanische Kunst aus formalen Gru\u0308nden als umrissener Bezirk vor uns steht. <\/em>(19) Dagegen <em>wurde das europ\u00e4ische Kunstwerk geradezu die Metapher der Wirkung, die den Beschauer zu l\u00e4ssiger Freiheit herausfordert<\/em>. <em>Das religi\u00f6se Negerkunstwerk ist kategorisch und besitzt ein pr\u00e4gnantes Sein, das jede Einschr\u00e4nkung ausschlie\u00dft<\/em>. (17\/18)<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Es ist kein Zufall, dass dieses Buch zu Beginn des beispiellosen Weltkrieges 1914-18 erschien, von dem viele Intellektuelle ein reinigendes \u201aStahlgewitter\u2019 erwarteten. &#8211;\u00a0 In \u201aDas entfesselte Wort &#8211; Nietzsches Stil und seine Folgen\u2019 von Heinz Schlaffer, 2007, S. 218 Anm., werde ich f\u00fcndig: Carl Einstein erinnert sich an seinen Wechsel von der Zivilkleidung zur Uniform: <em>Wir spu\u0308rten, wir sollten Form erhalten &#8230;\/ Es ging um eine Verwandlung \u2013 die alle Kr\u00e4fte durchdringen wird. <\/em>(aus: <em>Einige der schwierigen Aufgaben des Milit\u00e4rs<\/em>, Werke Bd.4 Berlin 1992, S.78). Oder darf man an eine andere ebenso gru\u0308ndliche \u201aKulturrevolution\u2019 denken? Die russischen Bolschewiken haben wenige Jahre sp\u00e4ter in industriellem Ma\u00dfstab einen <em>kanonischen <\/em>Stil organisiert, <em>der keine Willku\u0308r des einzelnen <\/em>duldete. Und unter Stalin galt ohnehin: <em>Eine fast unbeschreibbare Erregung bem\u00e4chtigt sich des \u00dcberlegenden&#8230; <\/em>(19)<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Doch darf ich Carl Einstein an den Pranger stellen?\u00a0 Wenn er Schriften deutscher Ethnologen seiner Zeit aufschlug, fand er sich &#8218;in guter Gesellschaft&#8216;. Da schwor man sp\u00e4tromantisch\u00a0 auf &#8218;Einf\u00fchlung in fremde Kulturen&#8216;. Und man musste schon deshalb &#8218;die psychische Einheit der Kulturen&#8216; unterstellen, weil &#8218;ohne sie (&#8230;) ja der Versuch des einf\u00fchlenden Verstehens zum Scheitern verurteilt gewesen&#8216; w\u00e4re. Das\u00a0 &#8218;m\u00fcndete in Sentimentalit\u00e4t oder extremen Subjektivismus&#8216;. (Fritz Kramer: &#8218;Einf\u00fchlung. \u00dcberlegungen zur Ethnologie im pr\u00e4faschistischen Deutschland&#8216;, in: &#8218;Lebenslust und Fremdenfurcht &#8211; Ethnologie im Dritten Reich,&#8216; stw 1189, 1995, S.85-102, zit. 88)<\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong><em>Maske und Verwandtes<\/em><\/strong><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck zum Text. Ich wollte nicht jede Beobachtung Carl Einsteins an afrikanischen Plastiken &#8211; aus erster oder aus zweiter Hand &#8211; herausklauben, reinigen und kommentieren, denn mit afrikanischer Kunst und deren Kontexten hatte dieses &#8218;avantgardistische&#8216; Manifest nichts im Sinn. Das unpr\u00e4tenti\u00f6s betitelte letzte Kapitel richtet wenigstens den Fokus auf ein paar weitere Aspekte.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>T\u00e4towieren<\/em>: (&#8230;) <em>Der Neger opfert seinen K\u00f6rper und steigert ihn<\/em>; s<em>ein Leib ist dem Allgemeinen sichtbar hingegeben (&#8230;). Es bezeichnet eine despotische bedingungslos herrschende Religion und Menschlichkeit, (&#8230;) allerdings auch eine gesteigerte Kraft der Erotik. Welch Bewu\u00dftsein hei\u00dft es, den eigenen K\u00f6rper als unvollendetes Werk zu begreifen, den unmittelbar man ver\u00e4ndert. <\/em>(27) &#8211; Nur ein Spezialist k\u00f6nnte dieses Amalgam interessant gedeuteter Ph\u00e4nomene mit Einsteins \u201aTheorie\u2019 aufl\u00f6sen.<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>Tanz, Frisur<\/em>: (&#8230;) <em>den gesamten K\u00f6rper zu beeinflussen, ihn bewu\u00dft zu produzieren, und dies nicht allein im unmittelbaren Bewegungsausdruck, z.B. dem Tanz oder dem fixierten wie der Frisur. <\/em>(28)<\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\"><em>Masken: An der Maske versteht der psychologisierende und zugleich theatralische Europ\u00e4er dies Gefu\u0308hl am ehesten. <\/em>(28) \u2013 Das scheint fu\u0308r Einstein selber zu gelten. Zu Themen wie <em>der Verwandlung, <\/em>sei es durch <em>die Extase <\/em>oder <em>die Maske <\/em>als <em>die fixierte Extase <\/em>(28), zeigte er Ans\u00e4tze zu morphologischer Betrachtung; aber auch hier dekretierte er eine bestimmte Form: <em>die Maske hat nur Sinn, wenn sie unmenschlich, unpers\u00f6nlich ist; das hei\u00dft konstruktiv, frei von der Erfahrung des Individuums <\/em>(28). Grunds\u00e4tzlich akzeptierte er wohl die Vielfalt: <em>Ich gab eine Folge von Masken<\/em> \/ in den Bildteil des Buches \/,<em> die vom Tektonischen zu einem ungemein Menschlichen niedersteigen, damit die verschiedenartige Reihe der seelischen F\u00e4higkeit (<\/em>!!) <em>dieses Volkes <\/em>(!!) <em>belichtet werde<\/em>. (29) Da scheint etwas von der Zuru\u0308ckhaltung vom Beginn durch: <em>Hie und da erscheint es fast unl\u00f6sbar, welchen Ausdruckstypus das Negerkunstwerk darstelle, ob den Erschrockenen oder Erschreckenden. <\/em>(&#8230;) <em>Die Tiermasken erschu\u0308ttern mich, wenn der Neger das Gesicht des Tiers annimmt, das er sonst t\u00f6tet <\/em>(!!) (29)<\/h4>\n<h3 style=\"text-align: center;\"><strong>Heute steht mir der Sinn nicht auf Nachrufe und W\u00fcrdigungen<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Hannes B\u00f6hringer (<em>Einfach werden<\/em>) und Rolf-Peter Baake (<em>Rezeptionsgeschichtliche Anmerkungen zur \u201aNegerplastik\u2019<\/em>) fassen die Leistungen Carl Einsteins und die Wu\u0308rdigungen durch Andere sachlich und u\u0308bersichtlich zusammen. Und erst die Suchanfrage bei Google! Da muss ich mich ja sch\u00e4men, so borniert zu sein! Wenigstens ein paar Links zu Seiten auf Deutsch f\u00fcge ich an:\u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.carleinstein.org\/\">Kurzbiografie<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0 Hans-J\u00fcrgen Heinrichs in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1980\/42\/wo-bin-ich-der-ich-mir-immer-entfliehe\/komplettansicht\">ZEIT<\/a>\u00a0\u00a0 Carl-Einstein-<a href=\"http:\/\/www.aica.de\/von-unseren-mitgliedern\/carl-einstein-re-visited.html\">Kongress 2016<\/a><\/h4>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">Die historischen Verdienste Carl Einsteins, der Mut, sich in jener Zeit zur afrikanischen Kunst zu bekennen und sie zur Kunst zu erkl\u00e4ren, und noch mehr die intellektuelle Biografie des Mannes jenseits dieses Buches sind f\u00fcr mich nicht Thema. Ich frage nur: Bringt uns dieses Buch heute im Verst\u00e4ndnis traditioneller afrikanischer Skulpturen und Kulturen weiter?\u00a0 Meines Erachtens tut es das nicht, sondern wirft den Leser um hundert Jahre zur\u00fcck, vor allem l\u00e4dt es seinem Bem\u00fchen um die Dinge nutzlosen Ballast auf. Die ideologischen Bastionen, gegen die Carl Einstein theoretisch anst\u00fcrmte, sind geschliffen. Wir m\u00fcssen auf andere Fragen Antworten suchen.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>FORTSETZUNG<\/strong> DES THEMAS MIT DER AFRIKA-KUNSTHISTORIKERIN ZO\u00c9 S. STROTHER, N.Y. \u00a0\u00a0 \u00a0 <span style=\"color: #000000;\"><strong><a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4098\">LINK<\/a><\/strong><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[216,215],"tags":[],"class_list":["post-4019","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afrikanische-aesthetik","category-museen-und-fremdes-kulturerbe"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4019","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4019"}],"version-history":[{"count":31,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4019\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11356,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4019\/revisions\/11356"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4019"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4019"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4019"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}