{"id":4001,"date":"2016-02-22T23:23:22","date_gmt":"2016-02-22T22:23:22","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4001"},"modified":"2020-05-21T11:33:42","modified_gmt":"2020-05-21T09:33:42","slug":"vr-china-das-regime-als-global-player","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=4001","title":{"rendered":"VR China \u2013 Ein Staat als Global Player"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Was war noch der Kern des maoistischen Programms? Die Auferstehung des Chinesischen Reichs durch innere Einigung,\u00a0 Spaltung unter den Feinden (Kriegskunst des Sunzu) und radikale Modernisierung (<em>\u00fcberholen ohne einzuholen<\/em>).<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Japan hatte sich ab 1867 die Modernisierung aus Europa geholt. Sun Yatsen scheiterte 1919 an den imperialistischen M\u00e4chten.\u00a0 Die VR China entschied sich 1949 &#8211; nach der Verweigerung der USA &#8211; f\u00fcr die Option der Sowjetunion. Die bot nur ein Modell der Stagnation. Man musste sich also rechtzeitig wieder davon l\u00f6sen! Und misstrauisch bleiben: Man sah, was der Westen Japan erst erlaubt hatte und wie er es sanktionierte, als Japan ernstzunehmender Konkurrent wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir Linken verkannten das offen verk\u00fcndete Ziel des Regimes in Peking hinter einer im Grunde durchsichtigen programmatischen Maskerade. Denn die utopische Seite der Ideenwelt der &#8218;Maoisten&#8216; entstammte dem westeurop\u00e4ischen 19. Jahrhundert. Wir lernten nichts aus der Selbstt\u00e4uschung der vorigen Generation Intellektueller \u00fcber den Kommunismus in Russland. Und in eine paternalistische \u00dcberheblichkeit gegen\u00fcber China im Zustand der Unterentwicklung waren wir ohnehin hineingewachsen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Regime in Peking hat die westliche Wertewelt nie \u00fcbernommen. \u201aMenschenrechte\u2019 ? Warum nicht, aber im Rahmen eines &#8218;Gemeinwohls&#8216;, dessen Definition selbstverst\u00e4ndlich Monopol der Reichsspitze, seit 1949 der KPCh war. Ob Konfuzianismus oder Legalismus, das \u201aWesen des Menschen\u2019 war immer zweitrangig. Staatsdoktrin seit \u00fcber zweitausend Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass die F\u00fcrsten Europas w\u00e4hrend des Jahrhunderts eines aufgekl\u00e4rten Absolutismus ihre jeweilige \u201aStaatsr\u00e4son\u2019 durchzusetzen versuchten, war nur eine Episode. Chinesische Verh\u00e4ltnisse blieben die Utopie der Regierenden, seitdem die Jesuiten begeistert berichteten. Wir nehmen gew\u00f6hnlich nur die \u00e4sthetischen Zeugnisse der damaligen China-Mode zur Kenntnis, &#8218;Chinoiserie&#8216; genannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In China gab es traditionell Freir\u00e4ume und R\u00fcckzugsgebiete. Doch seit Mao kontrollierte das Regime aggressiv die sozialen Eliten, die sich vorher je nach Aufstiegsehrgeiz mehr oder weniger angepasst hatten. In der Sowjetunion musste Lenin 1922 die &#8218;Neue \u00d6konomische Politik&#8216; (NEP) praktizieren, aber die Doktrin war zu primitiv. Unter Stalin griff man bald zu offenem Terror. Und der war kontraproduktiv. Das Organisationsmodell des russischen Bolschewismus und Stalinismus konnte Mao mit Hilfe der chinesischen politisch-strategischen Tradition verfeinern. Diese Strukturen wurden seither im Kern nie reformiert oder gar abgeschafft. Man pflegt im Westen herablassend zu urteilen, die Kommunistische Partei Chinas sei &#8218;zur H\u00fclle&#8216; geworden f\u00fcr den Machterhalt. Die Deutung n\u00e4hrt sich aus Illusionen und dem Wunschdenken, dass &#8218;B\u00fcrokratie&#8216; notwendigerweise unt\u00fcchtig sei. Seit 1989 erleben wir aber in China eine umfassende Modernisierung. Der chinesische Staat verf\u00fcgt \u00fcber eine reiche Erfahrung im Umgang mit erfinderischen K\u00f6pfen und t\u00fcchtigen Gesch\u00e4ftsleuten. Schon unter der vorindustriellen Despotie (Barrington Moore, 1966) konnte sich eine facettenreiche Zivilisation entfalten. Die B\u00fcrokratie war relativ klein. Die Anforderungen an ihr Personal war hoch (Pr\u00fcfungssystem). Warum sollte die Fortsetzung der Kontrolle \u00fcber die K\u00f6pfe bei steigender Qualifizierung der Bev\u00f6lkerung nicht gelingen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei\u00dfig Jahre lang waren Katastrophen, massenhafter Not und Armut\u00a0 vor den ausl\u00e4ndischen G\u00e4sten erfolgreich versteckt worden. Seit Antonioni&#8217;s Film anfang der Siebziger Jahre kehren die f\u00fcr China einmal notorischen Bilder in unseren Medien wieder. &#8218;Massenkonsum&#8216; ist aber nicht entscheidend f\u00fcr Qualit\u00e4t und Entwicklungspotential eines Systems.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich frage mich: Sind Manager der westlichen Konzerne, wenn sie seit Jahrzehnten wie Lemminge ins China-Gesch\u00e4ft dr\u00e4ngen, wirklich so dumm? Hat ihre Kurzsichtigkeit nicht Methode? Verzocken sie nicht auch sonst bei jeder Gelegenheit\u00a0 als echte &#8218;Spieler&#8216; um aktueller Profite und taktischer Vorteile willen eigene oder fremde Ressourcen und Zukunftsperspektiven? ! Ernten sie nicht andauernd und lassen andere s\u00e4en?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das chinesische Regime ist dem eigenen Reich verpflichtet und niemandem sonst! Es \u00fcberl\u00e4sst Weltbegl\u00fcckungsprogramme anderen. Wer sagt denn, dass ein Regime moralische Verantwortung f\u00fcr seine Gesch\u00e4fts- und\u00a0 Vertragspartner \u00fcbernehmen m\u00fcsse? Der Westen\u00a0 verstrickt sich mit seinem Verantwortungsgerede heillos in Widerspr\u00fcche, da &#8218;die Politik&#8216; ihre \u00f6konomischen Akteure nicht unter Kontrolle hat. Symbolpolitik und die Selbstzensur der \u00f6ffentlichen Sprache in moralisierendem Stil n\u00e4hren nur Illusionen \u00fcber Politik .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Traditionelle Zensurorgane haben hingegen in der ganzen Welt bekannte Aufgaben: Informationen unterdr\u00fccken, oppositionelle Minderheiten enttarnen, besch\u00e4ftigen und neutralisieren, erw\u00fcnschten Ansichten das Feld\u00a0 bereiten. Ebenso schlicht sind ihre Methoden: weitr\u00e4umig verbieten, pr\u00e4zise ausschneiden, die Phantasien in die gew\u00fcnschte Richtung lenken. F\u00fcr Chinesen war es bis auf kurze Momente ihrer Geschichte immer klar, dass sie keine &#8218;Meinungsfreiheit&#8216; besa\u00dfen, im\u00a0 Sinne einer Freiheit <u>von<\/u> der gerade offiziellen g\u00fcltigen &#8218;Meinung&#8216;. Alle chinesischen Regimes bevorzugten <u>positive<\/u> Vorschriften gegen\u00fcber der Alternative noch so kleiner, durch Verbote beschr\u00e4nkter Freir\u00e4ume. Da aber eine gewisse Kritikf\u00e4higkeit\u00a0 f\u00fcr Probleml\u00f6sungen in Gesellschaft, Politik und Verwaltung ben\u00f6tigt wird und Unzufriedenheit stets ein Herrschaftsproblem war, hat das Regime \u00dcbung darin, entsprechende Ventile pragmatisch zu regulieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Westen hoffte man auf \u201aSystemwandel\u2019, genauer: \u201aWandel durch Ann\u00e4herung\u2019, was immer das ist. \u201aZersetzungsarbeit\u2019 lautet der wiederholt offiziell ge\u00e4u\u00dferte chinesische Vorwurf!\u00a0China weigert sich konsequent, aus dem angeblich dunklen \u201aZeitalter der staatlichen Souver\u00e4nit\u00e4t\u2019 in die angebotene lichte Zukunft der internationalen Kooperation \u00fcberzutreten. Das hindert das Regime nicht, auf Teilgebieten blendend zu kooperieren. Eine erneute Abschottung Chinas w\u00e4re nicht im Interesse des Landes, aber man kann die &#8218;\u00d6ffnung&#8216; begleitend Exempel statuieren. Wer in diese Falle ger\u00e4t, hat Pech oder ist zu ungebildet, naiv oder zu verzweifelt. Ihm oder ihr ist nicht mehr zu helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Watzlawik formulierte in einem Interview vor Jahren: Politik soll uns nicht gl\u00fccklich machen. Das w\u00e4re vielleicht zu erweitern zu: Politik soll nicht &#8218;Menschen retten&#8216;, sondern das N\u00f6tige tun, dass zivilisierte Zust\u00e4nde erhalten bleiben: Sicherheit, Infrastruktur, funktionierendes Rechtssystem, Mobilit\u00e4t, b\u00fcrgerliche Freiheit im Rahmen der Gesetze, soll den Begehrlichkeiten, Empfindlichkeiten und der Gier wirksame Grenzen setzen, die am Gemeinwohl in technischem, funktionalen Sinn orientiert sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P.S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch eine \u00dcberarbeitung! Anfangs hatte ich die f\u00fcr mich wichtigsten Passagen rot gedruckt; vielleicht werde ich mich wieder damit behelfen. Doch noch hat niemand &#8218;gemeckert&#8216;. \u00a0 6.4.16<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war noch der Kern des maoistischen Programms? 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