{"id":3989,"date":"2016-01-26T17:17:54","date_gmt":"2016-01-26T16:17:54","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3989"},"modified":"2016-12-27T16:10:43","modified_gmt":"2016-12-27T15:10:43","slug":"schrift-oder-technisches-bild-wer-wen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3989","title":{"rendered":"Schrift oder technisches Bild &#8211; Oder? Und."},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Anlass f\u00fcr diese bescheidene Bestandsaufnahme ist eine Examensarbeit in Philosophie, die ein Freund vor Jahren \u00fcber Jacques Derrida und Vil\u00e9m Flusser unter dem pr\u00e4tenti\u00f6sen Titel <em>Die Schrift im Zeitalter der technischen Bilder <\/em>verfasste. In meinen Augen haben die beteiligten Philosophen wieder einmal &#8211; nat\u00fcrlich mit Absicht &#8211; die Erwartungen entt\u00e4uscht, die schlichte Pragmatiker an so gro\u00dfe K\u00f6pfe zu richten pflegen.\u00a0 Schauen wir also einmal genauer hin! \u00a0\u00a0 <\/span><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Pers\u00f6nlich habe ich das Gef\u00fchl, dass ich vor allem durch lineares Schreiben die Grenzen meiner geringen Vorstellungskraft \u00fcberwinden kann, unterst\u00fctzt durch Ausdrucke, durch blo\u00dfes Aufstehen, Gehen und Radfahren. Doch deshalb muss ich dem technischen Hilfsmittel\u00a0 keine einzige unbegr\u00fcndete Wirkung zuschreiben! Was ist konkret zu fragen? Was passiert denn Neues, wenn dieses Schreiben sich vom Papier l\u00f6st und auch noch von der mechanischen Schreibmaschine? <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Entscheidend ist erstens eine \u00dcberschreibkompetenz, welche die \u00e4sthetische Qualit\u00e4t einer wei\u00dfen Seite Papier bietet, aber zugleich im Hintergrund alle bisherigen Korrekturen als Dienstleistung bereit h\u00e4lt, ohne dass sie den Fortgang st\u00f6ren k\u00f6nnen. Ersetzt werden handschriftliche Textkorrekturen und im Endeffekt die menschenunw\u00fcrdige Arbeit einer Text-Reinigungskraft mit dem Titel \u201aSekret\u00e4rin\u2019. Also Perfektionierung der Schreibkultur mit dem Schreibprogramm im PC!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"text-decoration: underline;\">Die<\/span> Handschrift, die nur Perfektionisten oder ein Gro\u00dfdenker (Heidegger) &#8211; dieser mit entsprechendem Pathos &#8211; idealisieren, was ihnen Gedankenlose nachplappern, ist eine Kultur, die gro\u00dfe Anstrengung erfordert und von kaum jemandem perfekt beherrscht wird. In der Notiz ist die Handschrift kaum zu ersetzen. <\/span><span style=\"color: #000000;\">Und f\u00fcr den Alltag\u00a0 von Wortprotokollen gab es bisher sogar standardisierte Kurzschriften. Die <\/span><span style=\"color: #000000;\">Handschrift war einmal ein notwendiges \u00dcbel &#8211; wenn man keinem Sekret\u00e4r diktieren konnte. Sie ist heute nicht mehr notwendig. Skandinavien schafft sie folgerichtig in der Schule ab, die Handschrift, nicht die Druckschrift.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Auch die Abl\u00f6sung vom Papier entlastet das Schreiben. Nicht nur macht es das Abschreiben (Kopien) \u00fcberfl\u00fcssig, sondern erleichtert auch das Archivieren und Versenden, am st\u00e4rksten, wenn es digital geschehen kann. Es wird deutlich: Es sind fr\u00fcher notwendige Hilfsarbeiten, von denen das Schreiben entlastet wird. Die ganze Aufmerksamkeit des Schreibenden kann sich auf das Schreiben, das Formulieren, die Reihenfolge, die Textgestaltung, die Gliederung richten. Auch das Lesen kann komfortabel an die Bed\u00fcrfnisse des Lesenden angepasst werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Weitere Entlastung des Schreibens durch <em>Voice Over<\/em> und Bildtelefon. Die auch im Ergebnis primitive Technik der SMS wird \u00fcberfl\u00fcssig. Doch hat die etwas mit den Qualit\u00e4ten des Schreibens zu tun? Wenn man fr\u00fcher in Briefen quatschte, kann man das heute direkt dank <em>Flatrate<\/em>. Wo es ernst wird in Beziehungen, im Guten wie im Schlechten, ist das \u00fcberlegte Wort, zu sich selbst gesprochen oder anderen \u00fcbermittelt, wirkungsm\u00e4chtig, vielleicht unersetzlich, bei Abwesenheit auch im Alltag. Das kann dabei in Poesie \u00fcbergehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Professionelle Protokollanten \u2013 bei Polizei, in Gerichten und in Parlamenten k\u00f6nnen einem leid tun, wenn sie nicht \u2013 nach Art der Schriftkultur &#8211; komprimieren d\u00fcrfen. Komprimieren, ausw\u00e4hlen, hervorheben \u2013 wie elend ist doch das digitale Archivierungsformat des PDF, das Textseiten in Pseudo-Bilder verwandelt! Im Namen des Copyrights wird die Aneignung hintertrieben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Ist es ein Verlust f\u00fcr das Schreiben (und Lesen), wenn \u201aGroschenromane\u2019, auf Amerikanisch: <em>junk books<\/em> der Dom\u00e4ne der Schrift verloren gehen? Vielleicht unter dem volksp\u00e4dagogischem Aspekt, den R\u00fcckfall in einen oft m\u00fchsam \u00fcberwundenen Analphabetismus zu verhindern? Doch das leisten auch einfache Sachtexte wie etwa technische Anleitungen. Das Schreiben wird im Kern auch unterst\u00fctzt, wenn ihm technische Bilder zur Hilfe kommen. Es muss nicht mehr leisten, wozu es suboptimal geeignet ist. Wie oft besteht das Ziel des Schreibenden denn im Evozieren innerer Bilder \u2013 wie in der Literatur und besonders Dichtung? Bei vielen Gelegenheiten w\u00fcnschen wir vielmehr, informative Bilder zu erhalten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">Bisher kann ich keine ernsthafte Bedrohung der Schriftkultur durch die digitale (Bild)technik erkennen! Wohl aber durch eine Verbl\u00f6dung der Mehrheit der Menschen, die (noch) eine verantwortliche Rolle in der westlichen Gesellschaft einnehmen sollen. Das ist eine politische Bedrohung des Sozialsystems durch schriftferne Medien, aber betrifft die Schrift nur indirekt. Deren Einflussbereich mag tendenziell abnehmen, das betrifft aber nicht ihr Fortbestehen. Mit dem Einflussbereich mag auch der Kreis derer, die Teil der Schriftkultur sind, kleiner werden, viel kleiner werden, aber die ber\u00fcchtigte \u201asoziale Schere\u2019, die \u00fcberwiegender Auffassung \u201asich \u00f6ffnet\u2019, ist ein anderes Thema. Eine komplexe Form der Auseinandersetzung mit der Welt kann im bisher vorstellbaren technologischen Horizont auf \u201adie Schrift\u2019 nicht verzichten. Geh\u00f6ren mathematische und naturwissenschaftliche Formeln nicht auch zur \u201aSchrift\u2019? Hier k\u00f6nnen dann weit k\u00fchnere Szenarien ansetzen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">26.1.2016<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlass f\u00fcr diese bescheidene Bestandsaufnahme ist eine Examensarbeit in Philosophie, die ein Freund vor Jahren \u00fcber Jacques Derrida und Vil\u00e9m Flusser unter dem pr\u00e4tenti\u00f6sen Titel Die Schrift im Zeitalter der technischen Bilder verfasste. 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