{"id":371,"date":"2011-10-31T23:57:40","date_gmt":"2011-10-31T22:57:40","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=371"},"modified":"2017-01-07T15:14:15","modified_gmt":"2017-01-07T14:14:15","slug":"nachschulung-in-sachen-anselm-kiefer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=371","title":{"rendered":"Nachschulung in Sachen Anselm Kiefer"},"content":{"rendered":"<p><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">Mit dem Montagsticket im <i>Mal Seh\u2019n<\/i>\u00a0&#8222;\u00dcber unseren St\u00e4dten wird Gras wachsen&#8220;. Neunzig Minuten lang\u00a0<\/span><\/b><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">eine filmische Hommage<\/span><\/b><b><span class=\"Apple-style-span\" style=\"font-weight: normal;\">\u00a0an Anselm Kiefer geseh\u2019n. Frage:\u00a0<\/span><\/b>Ist er eine <i>Coverband<\/i> der gro\u00dfen Katastrophen? Etwa der Chefdekorateur eines Todes, der sich in der Langeweile am \u00fcberzeugendsten verk\u00f6rpert?<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/IMG_3468.Kiefer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-578\" src=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/IMG_3468.Kiefer-213x300.jpg\" alt=\"IMG_3468.Kiefer\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/IMG_3468.Kiefer-213x300.jpg 213w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/IMG_3468.Kiefer-730x1024.jpg 730w, http:\/\/detlev.von.graeve.org\/wp-content\/uploads\/2011\/10\/IMG_3468.Kiefer.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><!--more--><\/a><\/p>\n<p>Er zeigt nicht einmal das Talent eines B\u00fchnenbildners, denn der h\u00e4tte das Ganze mit Sperrholz und Pappmaschee bewirkt. Er ist zwischen Materialit\u00e4t und Illusion eingezw\u00e4ngt, erzeugt aber <span style=\"text-decoration: underline;\">auch nur<\/span> Illusion (\u201edas ist ja die Ard\u00e8che!\u201c), freilich (soweit konservatorisch vertretbar) begehbar oder wie im Film mit Kran zu \u00fcberschweben.<\/p>\n<p>Ein tr\u00fcgerischer Freund der Tradition, die er recht wahllos zitiert, denn er will geschichtliche Zeugnisse\u00a0 wie Ruinenfelder durch Inszenierung ersetzen. Nur das Gras ist unverf\u00e4lscht. Und wenn eine echte Gedenkst\u00e4tte wie Auschwitz den Verfall aufhalten muss, so ist das nicht seine Intention. Oder doch? Da ist eine verd\u00e4chtig ordentliche Glas-und-Stahlhalle \u00fcber einer Tr\u00fcmmerst\u00e4tte und ein hydrauliches Riesentor vor einem <span style=\"text-decoration: line-through;\">Gem\u00e4lde <\/span>(AK:) nein: <i>Bild<\/i>! Nicht der m\u00fcrbe Marmor der verlassenen hellenischen Gro\u00dfbaustelle auf Sizilien oder Angkor Vat oder die abgwitterten Pyramiden, auch nicht die Bunker am Atlantikwall brauchen uns zu ersch\u00fcttern, nur seine <span style=\"text-decoration: underline;\">Inszenierung<\/span>, <i>clean<\/i> und t\u00e4uschend \u00e4hnlich nachempfunden. Ich dachte noch: <i>Die Tr\u00fcmmergrundst\u00fccke seiner Kindheit<\/i>. Doch kommt er nicht aus dem Dorf?<\/p>\n<p>Die <i>Aura<\/i> w\u00e4re gef\u00e4lscht, wenn es sein Publikum es nicht besser w\u00fcsste. Steril. Deutsch.<\/p>\n<p>Menschenleer ist seine Kunstwelt, wieso eigentlich? Eine Katze und zwei Enkel sind neben den Assistenten und einem Engerling von Interviewer die einzigen lebenden Wesen in dem zweist\u00fcndigen Film. Ich empfinde schon Mitleid mit dem Interviewten, aber dies Setting gibt ihm immerhin als einzigem unter den Anwesenden Profil.<\/p>\n<p>Hat er sich mit der Wirkung von \u201eB\u00fcchern\u201c als Bedeutungstr\u00e4gern nicht doch versch\u00e4tzt oder im Register vergriffen? Wen interessieren heute wirklich noch Bibliotheksbr\u00e4nde wie in Weimar? Das ist doch blo\u00df ein <i>Tr\u00e4germedium.<\/i> Aber auch seine B\u00fccher sind clean, steril, soweit ich am <i>Set<\/i> feststellen konnte: lauter Klone franz\u00f6sischer\u00a0 Billigausgaben, immer derselbe Titel. &#8222;Leer\u201c meint der einheimische Helfer einmal zu einer aufgeschlagenen Seite. Das will Kiefer aber nicht akzeptieren: Da muss eben noch mehr &#8222;S\u00e4ure&#8220; her!\u00a0Es geht um den Fetisch <i>Buch<\/i>, das Buchobjekt, das Buch-Als-Ob-Jekt.\u00a0<i style=\"font-style: italic;\">Geklaut<\/i>\u00a0von Bradburys <em>Fahrenheit<\/em>?<\/p>\n<p>Ist Kiefer ein hilfloser Retter?\u00a0 Ach was, er will blo\u00df den Trauerzug ausstatten oder schon einmal eine abstrakte Gedenkst\u00e4tte als Prototypen entwickeln.\u00a0Der Film und die Musik lassen k\u00fcnftige Inszenierungen ahnen, wenn Kiefers Konzept aufgeht, aber das ist noch nicht gesagt, weil f\u00fcr solchen Kunstgenuss ein gewisser Abstand zur existentiellen Abrisskante n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>Bunsenbrenner und Farbeimer sind sein \u00e4rmliches Handwerkszeug, aber ich l\u00fcge: auch Kran und Caterpillar.\u00a0Er ist ein Gro\u00dfk\u00fcnstler: Viel Material will bewegt oder vernichtet werden. Ich verfolge vor der Leinwand jeden seiner eigenen Handgriffe. H\u00e4ufiger ist schon sein hysterisches Geschrei, noch mehr seine lauen Best\u00e4tigungen, die in M\u00e4kelei enden. <span style=\"text-decoration: underline;\">Sein<\/span> Geschmack entscheidet. Das ist schon alles.<\/p>\n<p>Er verdient Ruhm als Repr\u00e4sentant der heraufkommenden Zukunft, welche alle gewachsenen Strukturen destruiert, ohne sich anzustrengen. Wie Flussers Beispiel des Unterseeboots Eisschollen zertr\u00fcmmert, so er mit Vorliebe Glasscheiben, die noch heil sind. Denn er hat sie nicht in Manchester oder in den Vorst\u00e4dten von Paris eingesammelt. Auf zynische Weise treibt er bestens bekannte Abenteuerspiele und Bubenstreiche und pfeift dabei, aber nun in allerh\u00f6chstem Auftrag.<\/p>\n<p>Vieles ist bei Kiefer selber bereits verloren gegangen:<\/p>\n<p>Die anarchische Geste und der Witz von Beuys. Kiefer\u00a0<i>zelebriert<\/i> \u2013 oder er baut <i>H\u00fctten mit Freunden<\/i>.<\/p>\n<p>Das Engagement des kleinen Brieftr\u00e4gers aus Mittelfrankreich oder des Barcelonesen Gaud\u00ed f\u00fcr seine\u00a0<i>Sagrada Famiglia<\/i>.<\/p>\n<p>Das menschliche Ma\u00df von Yu-Ichi mit den wuchtigen Pinseln und dem Sake.<\/p>\n<p>Die F\u00fclle des ikonografischen und literarischen Repertoires der Menschheit, die uns gerade erst voll zur Verf\u00fcgung steht.<\/p>\n<p>Verloren gegangen ist auch die Sprache. Ein d\u00fcnner Sud von Wissenschaftsmeldungen aus dem Feuilleton, sowie \u00a0Bibelreferenzen\u00a0\u2013 m\u00fcssen durch Vorsagen vervollst\u00e4ndigt werden \u2013 bleiben ihm f\u00fcr geistreichelnde Zeilen, die er in ordentlicher Schrift als dekoratives Band auf W\u00e4nde bringt, nicht einmal abgefahrene Graffitti. Verstummen als <i>deutsche <\/i>Tiefe? Er hat nichts zu sagen, nur zu inszenieren. Die \u201eFrauen der Revolution\u201c sind querbeet in Schildchen <i>memoriert<\/i>. Er wei\u00df, dass er nichts wei\u00df, aber soll man das wirklich merken?<\/p>\n<p>\u201eOver your cities grass will grow\u201c \u2013 auch ein Zitat von werwei\u00dfwem? \u2013 wird typischerweise im Titel des Films so ins Deutsche gebracht: &#8222;\u00dcber unseren St\u00e4dten wird Gras wachsen&#8220;. Gut, <i>wir <\/i>zieh\u2019n uns wirklich jeden Schuh an!<i><br \/>\n<\/i><\/p>\n<p>Aber warum bitte \u201eGras\u201c?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Montagsticket im Mal Seh\u2019n\u00a0&#8222;\u00dcber unseren St\u00e4dten wird Gras wachsen&#8220;. Neunzig Minuten lang\u00a0eine filmische Hommage\u00a0an Anselm Kiefer geseh\u2019n. Frage:\u00a0Ist er eine Coverband der gro\u00dfen Katastrophen? 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