{"id":3649,"date":"2015-09-02T23:34:32","date_gmt":"2015-09-02T22:34:32","guid":{"rendered":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3649"},"modified":"2021-08-04T02:34:32","modified_gmt":"2021-08-04T00:34:32","slug":"fand-hans-blumenberg-seine-thrakerin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/?p=3649","title":{"rendered":"Fand Hans Blumenberg seine Thrakerin ?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Eine ganz unerhebliche pers\u00f6nliche Frage zu Beginn: War mein <em>Philosophen suchen<\/em> ein neu aufgelegter Jugendtraum oder immer schon ein Missverst\u00e4ndnis? <!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Zwanzigj\u00e4hriger war ich auf der Suche nach dem Negativen, von dem Theodor W. Adorno (\u201eDer Theodor, der Theodor der steht bei uns im Fu\u00dfballtor &#8230;\u201c) nur geistreich geschwafelt hatte. Kein Denksystem!\u00a0 Das war Ruinenromantik. Ich hatte lange genug darin gespielt. Sondern Neuanfang \u00fcberhaupt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere Leute kriegen ja nicht genug von wunderbaren Systemen oder faszinierenden theoretischen Fragmenten. Meine beste Zeit war auf dem Marktplatz der Schule. Freilich mit abh\u00e4ngigen Minderj\u00e4hrigen. Zu mehr hat\u2019s nicht gereicht. Dieser Tatsache muss ich als alter Herr ins Auge sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf das Buch \u201eDas Lachen der Thrakerin\u201c habe ich mich gefreut, auch noch, als ich den skandal\u00f6sen Suhrkamp-Kleindruck vor mir hatte. Blumenbergs Klappentext und Einf\u00fchrung <em>Theorie als exotisches Verhalten <\/em>hatten den Glanz des Beginnens, der ersten S\u00e4tze, des gro\u00dfen Themas \u201aTheorie\u2019. Doch dann geriet er bald in die wie f\u00fcr ihn gelegten Fallstricke der \u00dcberlieferung und Umdeutung: Wer wie was beurteilt hatte, missverstand oder erg\u00e4nzte und warum das nicht erheblich war. Und so sollte es bis zu den Untoten Nietzsche und Heidegger weiter gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir kam die auf Marcel Griaule gem\u00fcnzte Formel <em>Verzerrungen der kulturalistischen Perspektive<\/em> in den Sinn: (Till F\u00f6rster in: <em>Wegmarken<\/em> no.2, trickster 1998, S.198). Es geht konkret um die Deutung der Totengedenkfeiern der Dogon, die mit Saufereien einhergehen,<em> die \u00fcber Monate die wirtschaftliche Kraft der Haushalte eines Dorfes beanspruchen. <\/em>F\u00f6rster fragt: <em>Warum tut eine Gesellschaft so etwas, wenn der Sinn des Ganzen nur einigen wenigen alten M\u00e4nnern bekannt ist<\/em>? (199) Ein Teilnehmer eines entsprechenden Gelages bei den Senufo entgegegnete ihm mit einer Gegenfrage<em>: Warum saufen die Leute?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum stehen bei Blumenberg S\u00e4tze wie geschliffene Diamanten \u2013 oder sind es hochkar\u00e4tige Rohlinge? \u2013 und dann verlieren sie sich in geistesgeschichtlichen Ger\u00f6llhalden? Er erkl\u00e4rte doch, Sokrates sei sein Liebling unter den Philosophen &#8211; weil kaum etwas von ihm \u00fcberliefert sei! Dieses Ideal hat er wohl f\u00fcr sich selber aufgegeben oder nicht anzustreben gewagt, trotz des R\u00fcckzugs in die n\u00e4chtliche philosophische H\u00f6hle. Wurde nicht aus dem Spott in \u201aDie Vollz\u00e4hligkeit der Sterne\u2019 und ph\u00e4nomenologischer Aufmerksamkeit Geschw\u00e4tzigkeit, basierend auf Wortgl\u00e4ubigkeit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im philosophischen Beruf steckt unausrottbar der Platoniker: Philosophen wollen zwar keine K\u00f6nige sein \u2013 nicht einmal altgriechische, von den Musen gek\u00fcsste, auch nicht deren Berater, wenigstens, wenn sie aus Schaden kl\u00fcger geworden sind &#8211; doch sie beanspruchen unverdrossen die Deutungshoheit \u00fcber <u>den<\/u> Menschen. Blumenberg tut das explizit ironisch, trotzdem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Philosophen, aber nicht nur sie, k\u00f6nnen T\u00fcren \u00f6ffnen, neue Ausblicke zeigen, Impulse geben, Gedanken ansto\u00dfen, Einsichten zusammenf\u00fchren, und das mit gl\u00fccklichen Formulierungen, S\u00e4tzen, Kapiteln und Aufs\u00e4tzen, aber man \u00fcberlasse sich besser\u00a0 nicht den von ihnen vorbereiteten Konstruktionen und Panoramen, begegne ihren Ableitungen von p\u00e4pstlicher Unfehlbarkeit mit Misstrauen, aber auch ihren Einschr\u00e4nkungen und Widerrufen! Sie reden gar nicht mit dir, der <strong><em>thrakischen Magd<\/em><\/strong>. Vergiss den Stift und den Marker nicht, wenn du dir die Zeit daf\u00fcr nehmen willst, notiere die Seitenzahlen, wenn du mit ihnen gehst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum kostet es so viel Mut, wie bei Romanautoren offen und frech von gelungenen wie misslungenen B\u00fcchern zu sprechen? Muss man nicht generell dem Philosophen seine Weisheit entlocken, wie der chinesische Z\u00f6llner in Bert Brechts Gedicht dem Laozi ? Der bescheidene Kerl h\u00e4tte Hans Blumenberg allerdings nicht zur Raison bringen k\u00f6nnen. Er gab blo\u00df Kost und Logis, Pinsel und Papier. Das genau scheint \u2013 allerdings posthum &#8211; den Blumenberg-Kennern Angus Nicholls und Felix Heidenreich in ihrem mit 60-Seiten gewichtigen Nachwort zu zwei schmalen Originalmanuskripten zur \u201ePr\u00e4figuration\u201c zu gelingen. Was sie aus diesen Texten als Essenz herausfiltern, hat das Zeug zum Klassiker \u2013 geistesgeschichtlich und politisch zugleich. Beim Lesen konnte ich es eigentlich nicht glauben, dass Blumenberg dieses Substrat unterschrieben h\u00e4tte. Aber warum eigentlich nicht? Ich k\u00f6nnte sie ja bei Gelegenheit ja fragen, aber erst, wenn ich mich selber besser vorbereitet habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den zwei Herausgebern findet sich aber auch eine <em>Verzerrung <\/em>durch<em> kulturalistische Perspektive<\/em>, und zwar in ihrem un\u00fcbersehbaren Respekt vor der philosophischen Ahnengalerie. Wer in diese Eingang gefunden hat, kann wohl nicht mehr ausgeschlossen werden. Niemand verzichtet darauf, sich mit ihm \u00f6ffentlich zeigen zu k\u00f6nnen, sich mit ihm \u201aauseinanderzusetzen\u2019! Ob Blumenberg so etwas Martin Heidegger gegen\u00fcber heute noch t\u00e4te nach dessen weiteren durch letztwillige Verf\u00fcgungen gez\u00fcndeten Knallfr\u00f6schen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich sind deutsche Philosophen ein geschlossener Club meist unleserlich schreibender Leute, die wunderbare Themen zergliedern und zerreden. Und wenn sie verst\u00e4ndlich werden, blamieren sie sich wie normale Menschen. Auch dar\u00fcber lacht die moderne <strong><em>thrakische Magd<\/em><\/strong>. Ungl\u00fccklicherweise wuchert das Geh\u00e4use der \u201aTheorie\u2019 zur undurchdringlichen Dornenhecke. Man mag ihnen zugute halten, dass sie noch versuchen, wenigstens einander zu verstehen &#8211; manche wenigstens, wenn sie sich nicht blo\u00df vereinnahmen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hans Blumenberg hat \u2013 den Anschein erweckt er \u2013 soweit menschenm\u00f6glich ALLES gelesen und durchdacht. Das r\u00fcckt ihn mit seinem Zettelkasten ein St\u00fcck weit aus der allgemeinmenschlichen Sph\u00e4re der <em><strong>Thrakerin<\/strong><\/em> hinaus. Ich verdanke ihm immer wieder \u00fcberraschende Einsichten. Und mehr als das: Blumenberg improvisiert immer wieder ein St\u00fcck begehbaren Zwischenbodens, auf dem sinnhafte Fragen noch gestellt und weiter getragen werden k\u00f6nnen in einer g\u00f6tterlosen und jenseits von darwinistischen Modellen sinnlosen Welt, in der alles m\u00f6glich ist und wohl irgendwann Wirklichkeit wird. Wir wissen, dass wir nichts wissen, aber man hat sich wenigstens Jahrtausende die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche gegeben. Und dar\u00fcber kann man mit Hans Blumenberg sinnvoll und \u201aergebnisoffen\u2019 reden. Und mit <em>der <strong>Thrakerin<\/strong>\u00a0<\/em>lachen, wenn einem danach zumute ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">P.S.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das darf nicht das letzte Wort zu <em>Hans Blumenberg Pr\u00e4figuration<\/em> <em>\u2013 Arbeit am politischen Mythos<\/em> (Suhrkamp, Berlin 2014) sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Blaupause am 11.04. 2015, aber das Ganze musste sich setzen und brauchte noch eins,\u00a0 zwei Redaktionen! (2.9.,5.10.2015)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ganz unerhebliche pers\u00f6nliche Frage zu Beginn: War mein Philosophen suchen ein neu aufgelegter Jugendtraum oder immer schon ein Missverst\u00e4ndnis?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-3649","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophen-suchen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3649","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3649"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3649\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13103,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3649\/revisions\/13103"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3649"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3649"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/detlev.von.graeve.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3649"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}